mini|Das Reichlin-von-Meldegg-Haus in Überlingen (im Vordergrund die Luzienkapelle) Das Reichlin-von-Meldegg-Haus in Überlingen ist ein mit Elementen der Spätgotik und florentinischer Frührenaissance ausgestattetes ehemaliges Patrizierhaus oberhalb der Überlinger Altstadt. Es gilt als eines der ältesten Renaissancegebäude Deutschlands und zählt zu den wichtigsten Kulturdenkmalen und Sehenswürdigkeiten der Stadt. Seit 1913 beherbergt das stadtbildprägende Gebäude das städtische Museum, das eines der ältesten und größten kulturhistorischen Museen der Bodenseeregion ist.Museumsinformationen auf tourismus-bw.de
Geschichte mini|hochkant|Familienwappen der Reichlin von Meldegg Nachdem der Arzt und Apotheker Andreas Reichlin von MeldeggMike Durlacher: Adventskalender der Überlinger Persönlichkeiten: Andreas Reichlin von Meldegg In: Südkurier vom 1. Dezember 2017 im Jahr 1456 das Bürgerrecht in der Reichsstadt Überlingen erhielt und in eine bedeutende Patrizierfamilie einheiratete, erwarb er im Dezember 1459 drei „hofstatt“ (etwa 1100 m²) auf dem „Lütschenberg“ (Luzienberg), dort ließ er sich unter der wahrscheinlichen Einbeziehung eines älteren Gebäudes, in direkter Nachbarschaft zum Pfleghof des Klosters Wald und der Johanniterkommende, einen repräsentativen, dreiteiligen Herrschaftssitz mit hängendem Garten errichten. Die unter der Dachtraufe des Hauptgebäudes angebrachte Jahreszahl 1462 spricht für eine Fertigstellung zumindest des Rohbaus, denn laut dendrochronologischen Untersuchungen wurde das Bauholz für das Dachwerk in den Jahren 1461 bis 1463 geschlagen. Verschiedene Steinmetzzeichen am Haus deuten auf ortsansässige Handwerker hin, die das Gebäude errichteten. Der Erbauer starb im Jahr 1477 und vermachte das imposante Haus seinem Sohn Klemens Reichlin von Meldegg.
Wie einflussreich die Patrizierfamilie Reichlin von Meldegg im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts in Überlingen war, zeigt sich neben einigen Gebäuden in der Stadt die das Familienwappen tragen und dem Aufenthalt Kaiser Friedrichs III. im Patrizierhaus (sein Wahlspruch A.E.I.O.U., F 1485 an einer Säule weist darauf hin, außerdem war Andreas Reichlin von Meldegg sein Leibarzt), vor allem an der Fassade des Erweiterungsbaues des Überlinger Rathauses. Er entstand in den Jahren 1485–93 als Klemens Reichlin von Meldegg, Bürgermeister der Reichsstadt war.Übersicht der Familie Reichlin von Meldegg auf privat.genealogy.net – Klemens Reichlin von Meldegg war (mit Unterbrechungen) von 1484 bis 1500 Bürgermeister Die Gestaltung mit Rustikaquaderung des Rathauses orientiert sich deutlich an der des Reichlin-von-Meldegg-Hauses. Noch im 16. Jahrhundert hatten Mitglieder der Familie hohe städtische Ämter inne.
Das Gebäude auf dem Luzienberg blieb bis 1684 in Familienbesitz der Reichlin von Meldegg, ehe es Franz Wolf Reichlin Freiherr von Meldegg aus Verarmung zusammen mit der Herrschaft Billafingen an das Adelsgeschlecht Roth von Schreckenstein zu Immendingen veräußerte, er behielt sich jedoch das Patronatsrecht der Luzienkapelle vor, die bis heute im Besitz der Reichlin von Meldegg ist. Nach acht Jahren Eigentum der Roth von Schreckenstein erwarben der Fürstenbergische Landschreiber und Obervogt zu Trochtelfingen, Andreas von Buol und seine Ehefrau Maria von Echbegg im Jahr 1692 den einstigen Patrizierpalast in Überlingen. In den folgenden Jahren ließen sie es im barocken Stil umbauen. Ab 1711 war es im Besitz der Erben von Buols bis mehrere Besitzerwechsel seit dem Ende des 18. Jahrhunderts folgten. Von 1819 bis 1908 wurde das Gebäude als Brauerei und Gaststätte genutzt und in diesem knappen Jahrhundert ziemlich heruntergewirtschaftet. Mit dem Ziel, ein geeignetes Heim für die städtischen Sammlungen zu schaffen, erwarb die Stadt im November 1908 das nun sehr baufällige Reichlin-von-Meldegg-Haus am Krummen Berg für 85.000 Mark.
Luzienkapelle Zur Bauzeit des Hauptgebäudes, erhielt das Reichlin-von-Meldegg-Haus einen östlichen Anbau, in dem die quadratische Hauskapelle untergebracht wurde, deren gotisches Gewölbe von einer einzigen Säule getragen wird. Sie wurde 1468 dem heiligen Luzius von Chur geweiht. Einige Jahre lang besaß die Kapelle wohl ein Flachdach, denn die Fichtenhölzer des Dachwerks wurden erst im Winter 1470/71 geschlagen und daraufhin zu einem zweifach liegenden Dachstuhl verbaut. Die Reichlin von Meldegg stifteten gegen Ende der 1480er Jahre noch eine ewige Messe sowie eine Kaplanei für die Luzienkapelle, deren Pfrundhaus in einem Haus gegenüber dem Patrizierhaus untergebracht wurde (Krummebergstraße 29). Im Jahr 1602 schenkte Johann V., Bischof von Chur, einen Teil der Reliquien des heiligen Luzius der Kapelle. Nach einer Stiftung erhielt sie 1626 einen neuen Hochaltar, der Luzius, der Jungfrau Maria sowie den Aposteln Andreas und Matthäus geweiht ist. Die heute erhaltene barocke Ausstattung erhielt sie im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts.
Architektur mini|Der auffällige Ostgiebel Der dreiteilige Gebäudekomplex des Reichlin-von-Meldegg-Hauses steht auf einer markanten Anhöhe oberhalb der Überlinger Altstadt und überragt mit seinen weithin sichtbaren Zinnen- und Staffelgiebeln die gesamte Umgebung.
Das Haupthaus ist ein großer Kastenbau, der sich auf einem leicht trapezförmigen Grundriss über drei Stockwerke erstreckt. Darüber erhebt sich ein großes Satteldach mit Kehlbalkendachstuhl, dessen beide Giebelseiten mit weithin sichtbaren, abgeschrägten Zinnen versehen sind. An der freiliegenden Ostfassade zeigen sich über die Dachgeschosse hinweg, mehrere Rundbogennischen mit doppelten Blendbögen, von denen sechs mit unterschiedlich großen Fenstern geöffnet sind. Sie dienen zusammen mit den Zinnen als eine rein repräsentative Gestaltung.
An den Hauptbau rechtwinklig angefügt, befindet sich ein nach Süden und Westen gerichteter Gebäudeflügel. Der Südteil des Flügels breitet sich unter einem Pultdach entlang des Hofes bis zum Garten aus und wird am Dachfirst der West- und Nordseite durch eine auffällige Zinnengestaltung bekrönt, die ihm ein wehrhaftes Erscheinungsbild geben, wobei der Südgiebel Staffelgiebel zeigt. An der Straßenseite springt der Westflügel etwa zwei Meter aus der Flucht des Haupthauses zurück und besteht dort aus einem etwas langgezogenem, zweigeschossigen Torbau, dessen östliche Toröffnung bis um 1695 als Hauptportal genutzt wurde. Östlich des Haupthauses schließt der zweigeschossige Bau der Luzienkapelle an, deren Fassade nahtlos in die des Haupthauses übergeht. Nur durch die abweichende Fenstergestaltung (zwei unterschiedlich große Spitzbogenfenster sowie drei kleine Rechteckfenster) setzt sich die Straßenfassade der Hauskapelle optisch von der des Hauptbaus ab.
Rustizierte Fassade mini|hochkant|Rustizierte Straßenfassade des Reichlin-von-Meldegg-Hausmini|hochkant|Rustizierte Nordfassade der LuzienkapelleDie Straßenfassade des Reichlin-von-Meldegg-Hauses ist vollständig in rustiziertem Mauerwerk ausgeführt, die aus einzeln behauenen Quadersteinen besteht und als eine Weiterentwicklung des mittelalterlichen Bossenwerks gilt. Durch die Versetzung der Steinquader im Läufer-Binderverbund erfolgt eine Rhythmisierung, die nur durch die Wandöffnungen der Fenster und Türen unterbrochen wird. In der Vergangenheit sind vielfach Ausbesserungsarbeiten notwendig geworden (zuletzt von 1982 bis 1992), da der weiche Naturstein, aus dem lokal verfügbaren Molassesandstein, stark witterungsanfällig ist. Die für die damalige Zeit sehr aufwändige und teure Ausführung des Quadermauerwerks spricht für einen bedeutenden Reichtum der Reichlin von Meldegg.
Im Gegensatz zur Straßenfassade sind die übrigen Fassaden der Gebäudetrakte verputzt, nur die Südostecken des Haupt- und Kapellenbaus zeigen Eckquaderungen. Diese Eckgestaltung ist im ausgehenden 15. Jahrhundert in Überlingen mehrfach rezipiert worden, so am Franziskanertor (1494), am Wohnhaus Clemens Reichlin von Meldegg (1495) und am Gasthaus Krone (um 1500). Auch die 1493 errichtete spätgotische Ölbergkapelle am Münster St. Nikolaus zeigt am Sockel eine Rustizierung.
Mit seiner zur Erbauungszeit außergewöhnlich gestalteten Hauptfassade, dem Richtung See angelegten, terrassierten Garten sowie der damals ebenfalls ungewöhnlichen freistehenden Bauweise (andere Patrizierhäuser in Überlingen und der Region wurden eher in unscheinbare Straßenzüge gebaut) eines Bürgerhauses gilt das Reichlin-von-Meldegg-Haus in Deutschland als eines der frühesten architektonischen Zeugnisse der florentinischen Frührenaissance-Profanbaukunst im ausgehenden 15. Jahrhundert, noch bevor die bedeutenden Bauten der Fugger in Augsburg oder die Stadtresidenz in Landshut entstanden.
Vorbilder Ein direktes Vorbild für die Gestaltung des Reichlin-von-Meldegg-Hauses mit rustiziertem Mauerwerk war wohl das bereits 1424–29 entstandene, jedoch noch mit einer mittelalterlich wirkenden, unregelmäßigeren Rustika ausgestattete Haus der Patriziergesellschaft Zur Katz (Katzgasse 3) in Konstanz. Andreas Reichlin von Meldegg war bis zu seiner Einbürgerung nach Überlingen dort Mitglied. mini|links|Der Palazzo Piccolomini in Pienza gilt als ein Vorbild des Reichlin-von-Meldegg-Hauses Ebenfalls wurden Erscheinungsbild und Anlage des Hauses vermutlich beeinflusst vom Palazzo Piccolomini im toskanischen Pienza,Eva-Maria Bast: Haus von historischem Format In: Südkurier vom 26. August 2005 der durch Papst Pius II. entstand und seinerseits durch den Palazzo Rucellai in Florenz inspiriert wurde. Andreas Reichlin von Meldegg hielt sich als Student sowie in seiner Funktion als Leibarzt Pius II. mehrere Jahre in Ober- und Mittelitalien auf, wobei er die Architektur der dortigen Palazzi, die humanistische Gesinnung sowie die Ideen und Pläne von Papst Pius II. zur „idealen Stadt“ Pienza kennenlernte.Marion Harder-Merkelbach: Ein Welterneuerer in Überlingen In Südkurier vom 19. Oktober 2006
Zwar haben der Papstpalast Piccolomini und das bürgerliche Reichlin-von-Meldegg-Haus einige Gemeinsamkeiten (rustizierte Fassade, Erbauungszeit um 1460, Ausrichtung der jeweiligen Piano nobile im östlichen Hausbereich mit gleicher Zimmeranzahl, Privatornatorium, Garten und freistehende Lage). Doch die Unterschiede der beiden Gebäude sind ebenfalls deutlich, denn das Reichlin-von-Meldegg-Haus enthält einige für die spätgotische Zeit typische Elemente (darunter die Spitzbogenfenster der Hauskapelle, ein Erker sowie die Zinnen- und Staffelgiebel) und das für die Region klassische Satteldach mit dem für das spätmittelalterliche Überlingen üblichen Kehlbalkendachstuhl. Des Weiteren unterscheiden sich die Stockwerksgliederung, die Grundrisse der Gebäude und das Fehlen von Rundbogenfenstern sowie Pilastern am Überlinger Haus.
Einem Leitsatz des für die Zeit der Frührenaissance bedeutenden Architekten Leon Battista Alberti folgte Reichlin von Meldegg offensichtlich: Der Besitz und das Anwesen eines Fürsten wird auf einer besonders würdigen Stelle erbaut werden. Würde wird die Lage auf einer Anhöhe verleihen, von welcher aus man unter den Augen das Meer, die Hügel und die weite Gegend erblicken kann.Leon Battista Alberti: Zehn Bücher über die Baukunst. Darmstadt 1975, ISBN 3-534-07171-9, S. 226. Bis auf die Aussicht auf das Meer, wo hier der Bodensee als Ersatz dient, trifft diese Aussage deutlich auch auf das Reichlin-von-Meldegg-Haus zu. mini|hochkant|Das barocke Hauptportal
Barockisierung