Tarpa ist eine Großgemeinde () im Nordosten von Ungarn im Kreis Vásárosnamény, der zum Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg gehört. Der Ende des 13. Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnte Ort in einer fruchtbaren Ebene in der Nähe der Theiß ist durch eine der wenigen in Ungarn erhaltenen Pferdemühlen aus dem 19. Jahrhundert und für die Verarbeitung von Zwetschgen bekannt.
Lage und Verkehr mini|links|Zwetschgenplantage am Ortsrand Tarpa liegt in der Nördlichen Großen Tiefebene auf einer Höhe von etwa 110 Metern zwischen der Theiß (Tisza), dem größten Fluss in der Region, der vier Kilometer südlich in vielen Kurven vorbeifließt, und der ebenso weit entfernten Grenze zur Ukraine im Osten. Die 49,73 Quadratkilometer umfassende Großgemeinde gehört zur historischen Region Bereg, die sich bis in die Ukraine hinein erstreckt. Die 1920 gezogene Staatsgrenze trennt die frühere Gebietshauptstadt Berehowe (ungarisch Beregszász) mit einer vorwiegend Ungarisch sprechenden Bevölkerung ab. Das ebene Land wird von mehreren Zuflüssen der Theiß und kleineren Wasserläufen durchzogen, zu denen der Szipa rund zwei Kilometer nördlich des Ortes zählt.
Das Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg beinhaltet mehrere unverbundene Gebiete, die seit 1982 zusammen als Szatmár-Bereg-Landschaftsschutzgebiet (Szatmár-beregi Tájvédelmi Körzet) ausgewiesen sind. Davon liegt eines im Norden und eines im Süden von Tarpa. Bis zu den ersten Ansiedlungen im 12./13. Jahrhundert bestand die gesamte Region aus Wald, Sümpfen und Torfmooren. Durch die landwirtschaftliche Nutzung und die Anlage von Entwässerungskanälen im 19. Jahrhundert sind heute die meisten Sümpfe trockengelegt.
Im Frühjahr 2001 kam es zu großflächigen Überschwemmungen in Szabolcs-Szatmár-Bereg. Durch starke Regenfälle traten die Theiß und ihre Zuflüsse über die Ufer, wodurch neun Siedlungen teilweise oder vollständig überflutet wurden. Die Gegend am rechten Ufer der Theiß von Tarpa im Süden bis nach Norden über die ukrainische Grenze wurde überschwemmt. Zwischen Tarpa und Tivadar brach ein Damm. Einige überflutete Siedlungen waren völlig zerstört und mussten neu aufgebaut werden. In dieser unterentwickelten Region in Ungarn traten als eine Folge vor allem bei den unteren Bevölkerungsgruppen, die häufig in schlecht gebauten Einraumhäusern leben, Gesundheitsprobleme auf. In Tarpa waren im Jahr 2001 nur 21 Prozent der Häuser an ein Abwasserleitungssystem angeschlossen, selbst in der Stadt Vásárosnamény waren es nur 63 Prozent der Häuser, sodass Fäkalien aus den Gruben ausgespült wurden. In anderen Dörfern besaßen überhaupt keine Häuser einen Abwasseranschluss.Lajos Boros, Gyula Nagy: The Long-term Socioeconomic Consequences of the Tisza Flood of 2001 in Szabolcs-Szatmár-Bereg County, Hungary. In: Belvedere Meridionale, Band 16, Nr. 4, Winter 2014, S. 122–130, hier S. 124–126
Zu den Überschwemmungszonen am rechten nördlichen Ufer der Theiß gehören drei tote Nebenarme des Flusses in der Umgebung von Tarpa. Sie haben die meiste Zeit keinen Wasserzufluss und erhalten nur Frischwasser bei hohem Wasserstand der Theiß. Der nördlichste der drei ist der Helmecszeg-Nebenarm mit maximal 2 Metern Wassertiefe, der in einem 12 Hektar großen Feuchtgebiet liegt. Südlich davon erreicht der Vargaszeg in einem 6 Hektar großen Feuchtgebiet eine Wassertiefe bis zu 6 Metern. Weiter südlich folgt der Nebenarm Kiss Jánosné mit 4 Metern Tiefe in einem 8 Hektar großen Gebiet. Alle drei Nebenarme haben eine ökologisch wertvolle Pflanzenwelt,Gy. Lakatos, B. Kovács, M. K. Kiss, P. Keresztúri: The Ecological, Hydrobiological and Nature Conservational State of the Eustatic Dead-Arms around the Village of Tarpa (NE-Hungary). In: Tiscia monograph series, Band 5, 2000, S. 99–105 die stehenden Gewässer an der Theiß werden für den Fischfang und als Erholungsgebiete genutzt.Structure of the Tisza catchment area. Terra Foundation for Nature Conservation and Education
Die erhaltenen Waldinseln liegen zwischen kleinparzellierten Feldern verstreut. Auf diesen gedeihen vor allem Getreide (Mais, Roggen und Weizen) und Sonnenblumen. In Plantagen werden Zwetschgen und Äpfel angebaut. Wiesen dienen der Viehzucht. Alte Wälder sind mit Ulmen und Eichen bestanden. Die höchste Erhebung in der Nähe ist der 154 Meter hohe, aus Andesit bestehende Hügel Naphegy („Sonnenberg“) gut 2 Kilometer nördlich des Ortes. Südlich des Hügels erstreckt sich bis zur ukrainischen Grenze ein Waldgebiet mit über hundertjährigen Eichen.
Tarpa liegt etwa 12 Kilometer östlich der Stadt Vásárosnamény auf einer Nebenstraße, die durch die Nachbargemeinde Gulács (4 Kilometer) führt. Von Süden ist Tarpa von Fehérgyarmat über die Theiß-Brücke zwischen den Nachbardörfern Kisar am Südufer und Tivadar (4 Kilometer) am Nordufer zu erreichen; die Straße führt nach Norden 7 Kilometer weiter am Naphegy vorbei bis Beregsurány an der ukrainischen Grenze. Weitere Nachbarorte sind Szatmárcseke im Südosten, Nagyar im Süden, Hetefejércse im Westen und Csaroda im Nordwesten.
Der nächste Bahnhof befindet sich in Vásárosnamény. Von dort und von Fehérgyarmat fahren an Werktagen mehrere Busse nach Tarpa. Zwischen den Dörfern verkehren nur selten Busse.
Geschichte mini|Calvinistische Kirche im Ortszentrum Am Rand des Hügels Naphegy liegt eine bei Archäologen als Tarpa-Márki tanya („Tarpa-Márki-Gehöft“) bekannte Fundstätte, bei der Gebrauchsgegenstände aus dem Mesolithikum ausgegraben wurde. Zusammen mit den Funden von Jászberény und anderen Orten in der Tiefebene (Szekszárd-Palánk, Sződliget und Kaposhomok)Inna Mateiciucová: The Early Neolithic settlement of Moravia and Lower Austria against the central European background. In: Zdeněk Měřínský, Jan Klápště (Hrsg.): Talking stones: the chipped stone industry in lower Austria and Moravia and the beginnings of the Neolithic in Central Europe (LBK), 5700–4900 BC. Masarykova univerzita, Brno 2008, S. 37–43, hier S. 43 wurden deren typologische Merkmale zur Gruppe der „ungarischen Nordtiefebenen-Mesolithindustrie“ zusammengefasst. In Tarpa-Márki tanya wurden außerdem mittelpaläolithische Steingeräte und neolithische Topfscherben freigelegt. Die Forschungsergebnisse wurden zunächst 1969 und 1983 publiziert. Eine sichere Zuordnung der Funde zu archäologischen Perioden ist jedoch nicht möglich.Róbert Kertész u. a.: Mesolithikum im nördlichen Teil der Grossen Ungarischen Tiefebene. In: A Nyíregyházi Jósa András Múzeum Évkönyve, Band 36, 1994, S. 15–61, hier S. 16, 29f Aus dem Mesolithikum stammen unter anderem trapezförmige Mikrolithe.Róbert Kertész: Preliminary report on the research of Early Holocene period in the NW part of Great Hungarian Plain. In: Folia historico-naturalia Musei Matraensis, Band 16, 1991, S. 16–44, hier S. 41
Tarpa wird in den Urkunden erstmals 1299 erwähnt, als es bereits eine dem heiligen Andreas geweihte (romanische) Kirche besaß. Um diese Zeit tauchen auch die anderen Orte der Region in schriftlichen Quellen auf. Aus westlichen Ländern wurden damals Bauern, genannt hospes („Gäste“), zur Neuansiedlung in Ungarn angelockt. Im 14. Jahrhundert gehörte der Ort zum Besitz der Burg von Munkács (heute in der westukrainischen Stadt Mukatschewo), die der ungarische König Béla IV. (reg. 1235–1270) erbauen ließ. König Sigismund, seit 1387 König von Ungarn und Kroatien, schenkte eine Hälfte des Dorfes dem kroatischen Ban Albert Nagymihályi (1380–1433). Das übrige Dorfland gelangte durch Vererbung in den Besitz der ungarischen Adelsfamilie Báthory, die in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts anstelle der romanischen Kirche ein Gotteshaus im gotischen Stil errichten ließ. Zu jener Zeit lebten etwa 480 Einwohner in dem Ort, der zu den größten in der Umgebung gehörte.
Von den Zerstörungen während der osmanischen Herrschaft im 16. und 17. Jahrhundert blieb das Dorf wegen seiner Abgeschiedenheit weit im Nordosten verschont. Im Jahr 1626 erhielten die neben den leibeigenen Bauern im Dorf lebenden Händler Zollfreiheit und 1665 gewährte König Leopold I. (reg. als König von Ungarn 1655–1705) Tarpa das Marktrecht. Die Kirche von Tarpa war wie im ganzen Land zunächst römisch-katholisch, bevor sich im 16. Jahrhundert der Calvinismus ausbreitete. Die Gutsbesitzerin Sophia Báthory (1629–1680) versuchte während der Gegenreformation im 17. Jahrhundert den Einwohnern von Tarpa die Rückkehr zum katholischen Glauben aufzuzwingen. An dem von Franz II. Rákóczi geleiteten ungarischen Nationalaufstand gegen die Habsburger von 1703 bis 1711 war auch der in Tarpa geborene Tamás Esze (1666–1708) mit seinen Kämpfern maßgeblich beteiligt. Zum Dank für ihren Einsatz wurde Tarpa zunächst zu einer Heiduckensiedlung erklärt. Dies bedeutete, die Bewohner mussten nur Militärdienst, aber keinen Frondienst leisten und konnten die jährlichen Abgaben mit Geldzahlungen begleichen. Das Privileg wurde zwar nicht vom König bestätigt, aber von der Grundbesitzerfamilie Károlyi, die auf das Adelsgeschlecht Báthory gefolgt war, bis zum Jahr 1850 akzeptiert.
mini|Franz-Rákóczi-Kulturhaus und Bibliothek Ein statistisches Werk von 1833 gibt für Tarpa 2197 Einwohner in 296 Häusern an.J. C. von Thiele: Das Königreich Ungarn. Ein topographisch-historisch-statistisches Rundgemälde, das Ganze dieses Landes in mehr denn 12,400 Artikeln umfassend. Band 3, Košice 1833, S. 60 In den 1840er Jahren war Tarpa ein Marktort mit 2490 Einwohnern, die in 430 Häusern lebten. Als nächster Bezugspunkt wird das zwei Stunden entfernte Dorf Tiszaújlak, heute Wylok in der Ukraine, angegeben.Franz Raffelsperger (Hrsg.): Allgemeines geographisch-statistisches Lexikon aller Österreichischen Staaten: nach amtlichen Quellen, den besten vaterländischen Hilfswerken und Original-Manuscripten, von einer Gesellschaft Geographen, Postmännern und Staatsbeamten. Band 6 (Sz–Ende), 2. Auflage, Verlag der K. k. a. p. Typo-geographische Kunstanstalt, Wien 1854, S. 34
Einen wesentlichen Einschnitt, besonders für den Handel mit landwirtschaftlichen Produkten, brachte der im Anschluss des Ersten Weltkrieges im Juni 1920 geschlossene Vertrag von Trianon, mit dem die Grenze zur Ukraine unmittelbar im Osten des Dorfes festgelegt wurde. Tarpa wurde dadurch von seinen hauptsächlichen Handelspartnern, den Städten Beregszász (Berehowe) und Munkács (Mukatschewo) isoliert. Im Mittelalter gehörte Tarpa zum Komitat Bereg, ab dem 16. Jahrhundert zum Komitat Szatmár und ab 1836 wiederum zu Bereg. Nach der Grenzziehung war das 4000 Einwohner zählende Tarpa der größte Ort des geteilten Komitats Bereg auf ungarischer Seite und wurde deshalb von 1920 bis 1924 zum Verwaltungssitz von Bereg.
Auf dem calvinistischen Friedhof von Tarpa ist der Politiker und Widerstandskämpfer in der Zeit des Nationalsozialismus, Endre Bajcsy-Zsilinszky (1886–1944) beigesetzt. In den 1930er Jahren war er Abgeordneter für den Wahlkreis Bereg im ungarischen Parlament. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges ereignete sich im Oktober 1944 im Nordosten Ungarns eine Operation Debrecen genannte Panzerschlacht mit hohen Verlusten auf Seiten der Roten Armee und der Wehrmacht einschließlich ihrer Verbündeten. In der Folge besetzte die Rote Armee die Gebiete zwischen Theiß und Donau im Nordosten Ungarns. Im November 1944 begann der Abtransport männlicher Zivilisten aus Debrecen und anderen Städten mit der Bahn in die Sowjetunion. Ab Dezember wurden auch aus den Dörfern männliche erwachsene Ungarn, darunter alle Ungarn mit deutschen Familiennamen, zur Zwangsarbeit (málenkij robot) in die Sowjetunion deportiert. Aus Tarpa waren 498 Personen darunter,Beáta Márkus: Deportation deutschstämmiger Zivilisten aus Ungarn in die Sowjetunion 1944/1945. (Dissertation) Andrássy Gyula Deutschsprachige Universität Budapest, 2019, S. 90f von denen weniger als 100 lebend zurückkehrten.Tarpa Zusammenfassung. Arcanum
Ortsbild mini|Calvinistische Kirche. Blickrichtung zur Orgel und zum Eingang im Westen