Kriminologische Lerntheorien gehen von der Annahme aus, dass von der Norm abweichende Verhaltensmuster ebenso erlernt werden wie konformes Verhalten. Alle Einstellungen, Wertvorstellungen, Motive und Verhaltenstechniken würden im Prozess der Kommunikation von anderen Gesellschaftsmitgliedern übernommen und dann eingeübt. Ausschlaggebend seien die Personen, deren Verhalten nachgeahmt wird, und das soziale Umfeld, in dem diese Lernprozesse stattfinden. Kriminologische Lerntheorien stehen damit im Gegensatz zu älteren, biologistischen Annahmen, nach denen Kriminalität genetisch bedingt sei.

Von den frühen Publikationen des französischen Soziologen Gabriel Tarde abgesehen, wurden alle kriminologischen Lerntheorien von Forschern aus den Vereinigten Staaten entworfen. Die Grundlage schuf 1947 Edwin H. Sutherland mit seiner Theorie der differentiellen Assoziation. Alle später konzipierten Ansätze sind Ergänzungen und Modifikationen dieser Theorie. Sutherland erklärte das Entstehen von Kriminalität, ähnlich wie bereits Tarde, mit den Lernprozessen, die sich aus den Wahlmöglichkeiten zwischenmenschlicher Kontakte bieten. Daniel Glaser ergänzte die Theorie um den Aspekt der Identifikation. Gresham M. Sykes und David Matza gingen mit ihrer Neutralisierungstheorie der Frage nach, was denn zu erlernen sei, damit Personen Straftaten begehen können. Ronald L. Akers schließlich verknüpfte Sutherlands Theorie mit der sozialkognitiven Lerntheorie und machte damit die kriminologische Lerntheorie empirisch überprüfbar.

Gabriel Tarde – der Vorläufer mini|Gabriel Tarde Die ab Mitte des 20. Jahrhunderts publizierten kriminologischen Lerntheorien setzen fort, was der französische Soziologe und Kriminologe Gabriel Tarde bereits am Ende des 19. Jahrhunderts postuliert hatte. Tardes Theorie vom kriminellen Berufstyp und von der kriminellen Nachahmung besagt: Das Verbrechen ist Handwerk und Beruf. Der Berufskriminelle ist nach langer Lehrzeit in speziellen Techniken geschult. Er verfügt über eine Fachsprache und verhält sich gegenüber seinen Mitkriminellen einem bestimmten Kodex entsprechend. Die mächtige, unbewusste und geheimnisvolle Triebkraft, die alle Phänomene der Gesellschaft inklusive des Verbrechens erkläre, sei die Nachahmung, kraft derer sich der Gedanke von einem Gehirn zum anderen übertrage. Je engeren Kontakt Menschen hätten, desto wirksamer sei die Nachahmung.Hans Joachim Schneider: Kriminologie, De Gruyter, Berlin / Boston 2014, S. 317. Aus der Feststellung, dass ein Straftäter nur das wiederhole, was andere ihm vorgemacht hätten, zog Tarde den Schluss, jedermann sei schuldig, nur der Kriminelle nicht.Bernd-Dieter Meier: Kriminologie. 5. Auflage, C.H. Beck, München 2016, S. 18 und 61.

Theorie der differentiellen Assoziation (Sutherland) Die Theorie der differentiellen Assoziation wurde 1939 von Edwin H. Sutherland unter Einfluss seiner eigenen Arbeit über den professionellen DiebEdwin H. Sutherland: The Professional Thief. University of Chicago Press, Chicago 1937. formuliert. Gemeinsam mit seinem Schüler Donald R. Cressey entwickelte er sie weiter,Karl-Ludwig Kunz, Tobias Singelnstein: Kriminologie. Eine Grundlegung. 7., grundlegend überarbeitete Auflage, Haupt, Bern 2016, S. 119. ihre endgültige Fassung erhielt sie 1947 in der 4. Auflage seines Kriminologie-Lehrbuchs.Edwin H. Sutherland: Principles of criminology. 4. Auflage, J.B. Lippincott Co., Chicago 1947, S. 5–9. Eine deutsche Übersetzung wurde 1968 von Fritz Sack und René König publiziert,Edwin H. Sutherland: Die Theorie der differentiellen Kontakte. In: Fritz Sack, René König (Hrsg.): Kriminalsoziologie. Akademische Verlagsgesellschaft, Frankfurt am Main 1968, S. 395–399 (Übersetzer Karl-Dieter Opp). wobei der Begriff Assoziation durch Kontakte ersetzt wurde.

Theoretische Aussagen Sutherland formuliert die zentralen Aussagen seiner Theorie in neun sich teilweise überschneidenden Thesen.Die Darstellung der Theorie folgt Edwin H. Sutherland: Die Theorie der differentiellen Kontakte. In: Fritz Sack, René König (Hrsg.): Kriminalsoziologie. 3. Auflage, Akademische Verlagsgesellschaft, Wiesbaden 1979, S. 395–399; die Kernaussagen der neun Thesen werden direkt zitiert.

„Kriminelles Verhalten ist erlerntes Verhalten.“ Negativ formuliert bedeute dies, dass kriminelles Verhalten nicht vererbt wird. Ebenso wenig könne eine Person, die nicht schon kriminelles Training habe, kriminelles Verhalten erfinden. „Kriminelles Verhalten wird in Interaktion mit anderen Personen in einem Kommunikationsprozeß gelernt.“ Solche Kommunikation sei meist verbal, schließe aber auch Kommunikation durch Gestik ein. „Kriminelles Verhalten wird hauptsächlich in intimen persönlichen Gruppen erlernt.“ Das bedeute, dass unpersönliche Kommunikationsmittel wie Filme und Zeitungen eine untergeordnete Rolle bei der Entstehung kriminellen Verhaltens spielen. „Das Erlernen kriminellen Verhaltens schließt das Lernen a) der Techniken zur Ausführung des Verbrechens, die manchmal sehr kompliziert, manchmal sehr einfach sind, b) die spezifische Richtung von Motiven, Trieben, Rationalisierungen und Attitüden ein.“ „Die spezifische Richtung von Trieben und Motiven wird gelernt, indem Gesetze positiv oder negativ definiert werden.“ In einigen Gesellschaften lebe ein Individuum nur mit Personen zusammen, die gesetzliche Regelungen befolgen. In anderen Gesellschaften lebe es mit Personen zusammen, deren Einstellungen eine Gesetzesverletzung begünstige. In der amerikanischen Kultur kämen fast immer positive und negative Interpretationen gesetzlicher Regelungen zusammen vor. Folglich komme es zu kulturellen Konflikten. „Eine Person wird delinquent infolge eines Überwiegens der die Verletzung begünstigender Einstellungen über jene, die die Gesetzesverletzungen negativ beurteilen.“ Das sei das Prinzip der differentiellen Kontakte. Es beziehe sich auf kriminelle wie auf antikriminelle Kontakte und betreffe das Aufeinandertreffen entgegengerichteter Kräfte. „Differentielle Kontakte variieren nach Häufigkeit, Dauer, Priorität und Intensität.“ Häufigkeit und Dauer als Eigenschaften von Kontakten bedürften keiner Erklärung. Priorität sei deshalb wichtig, weil gesetzestreues ebenso wie delinquentes Verhalten, das sich in der frühen Kindheit entwickelte, das ganze Leben hindurch fortdauern könne. „Der Prozess, in dem kriminelles Verhalten durch Kontakte mit kriminellen und antikriminellen Verhaltensmustern gelernt wird, umfasst alle Mechanismen, die bei jedem anderen Lernprozeß auch beteiligt sind.“ Das bedeutet, dass die Mechanismen des Erlernens kriminellen Verhaltens nicht auf Imitation beschränkt sei. „Obwohl kriminelles Verhalten ein Ausdruck genereller Bedürfnisse und Werte ist, wird es nicht durch diese generellen Bedürfnisse und Werte erklärt, da nichtkriminelles Verhalten Ausdruck eben derselben Bedürfnisse und Werte ist.“ Diebe würden im Allgemeinen stehlen, um sich Geld zu verschaffen, dasselbe Ziel hätten ehrenwerte Arbeiter aber auch.

Für Sutherland war es im Rahmen seiner Theorie nicht erforderlich zu erklären, warum eine Person die Kontakte hat, die sie hat. Eine solche Erklärung enthielte viele komplexe Tatbestände. Beispielhaft nennt er: In einem Gebiet mit hoher Delinquenzrate würde ein ungezwungener, geselliger, aktiver und kräftiger Junge sehr wahrscheinlich mit den anderen Jungen aus der Nachbarschaft in Kontakt kommen, delinquentes Verhalten von ihnen lernen und Gangster werden. In derselben Nachbarschaft würde ein psychopathischer Junge, der isoliert, in sich gekehrt und träge ist, zu Hause bleiben, nicht mit den anderen Jungen aus der Nachbarschaft in Kontakt kommen und nicht delinquent werden. In einer anderen Situation würde der gesellige, kräftige und aggressive Junge Mitglied einer Pfadfindergruppe und nicht in delinquentes Verhalten verwickelt werden. Die Kontakte einer Person und damit ihre Neigung zur Delinquenz seien durch den allgemeinen sozialen Zusammenhang determiniert.

Kriminologische Rezeption und kriminalpolitische Implikationen Fritz Sack betont als Vertreter des sogenannten Labeling approach die „ungeheuerliche“ Botschaft der Theorie für die damalige Kriminologie: Ein Krimineller sei man nicht, sondern man werde zu ihm. Kriminalität müsse man ebenso erlernen wie einen ehrenwerten Beruf auch. Damit habe Sutherland das Tor zu einer Kriminologie aufgestoßen, die nicht mehr auf Attribute der Täterpersönlichkeit fixiert ist.Fritz Sack: Kriminalitätstheorien, soziologische. In: Ders., Güther Kaiser, Hans-Jürgen Kerner, Hartmut Schellhoss: Kleines kriminologisches Wörterbuch. 3. Auflage, C. F. Müller, Heidelberg 1993, S. 267–280, hier S. 277.

Weil Sutherland keine genauen Angaben darüber macht, wie kriminalitätsbegünstigende Kontakte beschaffen sein müssen, damit sie sich gegen konformes Verhalten begünstigende Kontakte durchsetzen, ist seine Theorie empirisch kaum zu überprüfen.Karl-Dieter Opp: Abweichendes Verhalten und Gesellschaftsstruktur. Luchterhand, Neuwied 1974, S. 170. Laut Karl-Ludwig Kunz und Tobias Singelnstein bietet die Theorie keine umfassende Kriminalitätserklärung. Sie erkläre nicht, warum Personen bestimmte Kontakte haben und Personen mit kriminellen Kontakten mitunter nicht kriminell würden. Sie sei zudem nicht auf alle Kriminalitätsformen (etwa Affekt- und Triebtaten) anwendbar und vernachlässige den Einfluss von Medien.Karl-Ludwig Kunz, Tobias Singelnstein: Kriminologie. Eine Grundlegung. 7., grundlegend überarbeitete Auflage, Haupt, Bern 2016, S. 119 f. Für Bernd-Dieter Meier ist der wichtigste Einwand, der sich heutzutage gegen die Theorie erheben lässt, dass ihr jeder Bezug zu den Prinzipien der allgemeinen Lerntheorie fehle.Bernd-Dieter Meier: Kriminologie. 5. Auflage, C.H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69580-3, S. 62

Die kriminalpolitischen ImplikationenChristian Wickert: Theorie der differentiellen Kontakte (Sutherland), SozTheo. sind eindeutig: Die Theorie der differentiellen Assoziationen steht für ein resozialisierendes Strafrecht, denn wenn kriminelle Einstellungen und Aktivitäten erlernt werden, können sie auch wieder verlernt werden. Dazu müsse es Ziel sein, Kriminelle mit Nicht-Kriminellen zu umgeben, also soziale Räume aufzulösen, in denen überwiegend deviante Menschen leben.

Theorie der differentiellen Identifikation (Glaser) Mit seiner Theorie der differentiellen IdentifikationDaniel Glaser: Criminality Theories and Behavioral Images. In: American Journal of Sociology, 61. Jahrgang, 5/1956, S. 433–444, , . ergänzte Daniel Glaser 1956 Sutherlands Theorie der differentiellen Assoziation, die nach seiner Auffassung nicht komplex genug ist, um alle Arten von Delinquenz zu erklären. Allein der Kontakt zu kriminellen Personen sei nicht hinreichend, sonst müssten beispielsweise Polizisten und Justizvollzugsbeamte, die tagtäglich mit Straftätern und deren Verhalten konfrontiert seien, zu Kriminellen werden.Rebecca Ziegler: Soziale Schicht und Kriminalität. Lit, Berlin / Münster 2009, S. 142. Zum Kontakt müsse die Identifikation hinzukommen.

Unter Identifikation wird die freiwillige Wahl einer anderen Person verstanden, von deren Perspektive her das eigene Verhalten beobachtet wird. Glasers theoretische Aussage lautet kurzgefasst: Wenn es Personen gibt, die abweichende Verhaltensweisen billigen oder gar fordern und wenn eine Identifikation mit solchen Personen, seien die real oder nur vorgestellt, erfolgt, dann verhalten sich die sich Identifizierenden kriminell.Angaben in diesem Abschnitt beruhen, wenn nicht anders belegt, auf: Siegfried Lamnek: Theorien abweichenden Verhaltens I – „Klassische Ansätze“. 10. Auflage, Wilhelm Fink (UTB), Paderborn 2019, S. 213 f.