Die Iljuschin Il-18 (, NATO-Codename: Coot) ist ein viermotoriges Passagierflugzeug des sowjetischen Herstellers Iljuschin. Der Typ ist mit einem einziehbaren Fahrwerk, Turbopropantrieb und einer Druckkabine ausgerüstet. Der Erstflug fand am 4. Juli 1957 unter Testpilot Wladimir Kokkinaki statt.

Geschichte mini|Il-18 der Interflug auf dem Flughafen Erfurt, 1979 Die Aeroflot forderte Mitte der 1950er Jahre ein neues Flugzeug für 75 bis 100 Passagiere. Aufbauend auf dem nie zur Serienreife gelangten Typ Il-18 von 1946 verstand es Iljuschin, schon 1957 ein den Anforderungen entsprechendes Muster vorzuweisen. Die Grundversion, von der 20 Maschinen hergestellt wurden, hatte Platz für 75 bis 100 Passagiere. Sie wurde ab 1959 an die Aeroflot geliefert. Danach wurde die Il-18B für 84 Passagiere hergestellt. Es existieren weitere Versionen, die sich in Bestuhlung und Reichweite unterscheiden. Größte Variante ist die Il-18D für 122 Passagiere. Die Produktion erfolgte im staatlichen Flugzeugwerk Nr. 30 in Moskau.Ulf Gerber: Das große Buch der sowjetischen Luftfahrt 1920–1990. Rockstuhl, Bad Langensalza 2019, ISBN 978-3-95966-403-5, S. 610.

Die Aeroflot und die sowjetischen Luftstreitkräfte setzten etwa 600 Maschinen dieses Typs ein, 100 weitere wurden exportiert. Nach dem Ende des Einsatzes bei der Aeroflot als Passagiermaschine wurde in der Sowjetunion bzw. in Russland eine Anzahl zu Aufklärern Iljuschin Il-20M, als fliegende Kontrollstation Iljuschin Il-22M und zu U-Boot-Bekämpfungs-Flugzeugen Iljuschin Il-38 umgebaut.

Im Dezember 2008 galten noch 84 Maschinen als im Dienst befindlich (in Ländern der ehemaligen Sowjetunion, auf Kuba sowie in Nordkorea).

Konstruktion mini|Ausgestellte Iljuschin Il-18 am Moskauer Flughafen Scheremetjewo mini|Cockpit Die Il-18 hat einen Rumpf vom 3,5 m Durchmesser mit einer Druckkabine von 28 m Länge und etwa 2 m Höhe. Aufgrund der Unfälle mit der Comet wurde die Außenhaut an über 150 Stellen verstärkt. Die Kabine war ursprünglich für eine Cockpitbesatzung von 5 Mann (Kommandant, Erster Offizier, Funker, Navigator, Bordingenieur), 75 Passagiere mit 1020 mm Sitzabstand oder 100 Passagiere mit 990 mm Sitzabstand ausgelegt. Im Bug hinter der Besatzungskabine und am Ende der Passagierkabine sind Toiletten- und Waschräume untergebracht. Zwei 28 m³ fassende Frachträume befinden sich unter der Kabine, ein Gepäckraum mit 7 m³ im Heck ist nicht druckbelüftet.H.–K. Lepitré: Propellerturbinen-Verkehrsflugzeug Iljuschin „Moskwa“. In: Deutsche Flugtechnik, Nr. 4/1958. 2. Jahrgang, Verlag Technik, Berlin, S. 50–54.

Die Tragfläche ist als Trapezfläche mit zweiteiligen Doppelspaltklappen an den Hinterkanten und manuell betätigten Querrudern ausgelegt. Sie besteht aus dem dreiholmigen, 22 m langen Mittelstück in Schalenbauweise und den beiden Außenflächen. In den inneren Tragflächen sind Falttanks zwischen den Tragflächenholmen eingebaut. In den Außenflügeln sind Integraltanks verwendet worden. Der Kraftstoffvorrat beträgt insgesamt 18.000 kg. An der Flügelwurzel beträgt die Profildicke 15,4 % der Profiltiefe und an der Flügelspitze 12,3 %. Das Leitwerk mit ebenfalls manuell betätigten Seiten- und Höhenruder ist konventionell ausgeführt. Es besteht aus dem trapezförmigen, zweiholmigen Seitenleitwerk mit einem Seitenruder von etwa 35 % Tiefe und dem ebenfalls trapezförmigen, aber ungepfeilten Höhenleitwerk mit 35–40 % Rudertiefe. Sämtliche Ruder des Leitwerks sowie das rechte Querruder verfügen über Federtrimmklappen.

Das Hauptfahrwerk mit etwa 9 m Spurweite ist vierrädrig und zieht nach dem Vorklappen der Radgondel um 90° nach vorne in die inneren Triebwerksgondeln hydraulisch ein. Das Ausfahren geschieht durch das Eigengewicht und den Staudruck. Das Bugrad ist doppelt bereift, hydraulisch lenkbar und wird ebenfalls nach vorn eingezogen. Dies soll ein kontrolliertes Herausfallen des Fahrwerks bei Störungen der Hydraulik ermöglichen. Die großen Fahrwerksklappen sind nur beim Ein- bzw. Ausfahrvorgang geöffnet. Kleine Fahrwerksklappen bleiben im ausgefahrenen Zustand geöffnet.

Der Antrieb der Il-18 besteht aus vier PTL-Triebwerken, welche in Gondeln über den Tragflächen angeordnet sind. Die ersten Serienflugzeuge hatten NK-4-Triebwerke mit je 4000 WPS und 245 g/PSh Verbrauch, die später durch leicht geänderte, in AI-20 umbenannte Triebwerke der Il-18A ersetzt wurden. Die Vierblatt-Propeller sind hydraulisch verstellbar, können bei Ausfall des Hydrauliksystems aber auch elektrisch oder mechanisch verstellt werden. Das Flugzeug ist so konstruiert, dass auch beim Ausfall von zwei Triebwerken gestartet oder geflogen werden kann.

Flugerprobung und Rekorde Am 4. April 1957 erfolgte der Erstflug des als Moskwa (Moskau) betitelten Prototyps mit Testpilot Wladimir Kokkinaki und dem vorläufigen (kyrillischen) Luftfahrzeugkennzeichen СССР-Л5811. Die Werks- und staatliche Zulassungserprobung lief bis zum 27. August 1958. Fast parallel lief eine Einsatzerprobung durch die Aeroflot von Januar 1958 bis April 1959 an.

Mit der Il-18 wurden mehrere Flugrekorde erflogen und der FAI gemeldet. Dazu gehören unter anderem zwei Steigflugrekorde am 14. und 15. November 1958 mit 15 t Nutzlast auf 12.471 m und 10 t Nutzlast auf 13.154 m. Auch zwei Rundflugrekorde wurden gemeldet; am 19. August 1959 wurde mit 719,4 km/h eine Strecke von 2000 km und 15 t Nutzlast zurückgelegt. Am 2. Februar 1960 gelang der Transport von 10 t Nutzlast auf einer Strecke von 5000 km mit einer Geschwindigkeit von 693 km/h.

Varianten mini|Dreiseitenriss der Il-18W mini|Iljuschin Il-18 im Technik-Museum Sinsheim mini|Il-22M-11 'RF-95681'

Il-18A Basisversion, welche ab dem November 1958 im Flugzeugwerk Nr. 30 Moskau-Chodynka in 20 Exemplaren produziert wurde. Nach mehreren Zwischenfällen wurde entschieden, dass statt des Triebwerkes NK-4 zukünftig das AI-20 als Antrieb zum Einsatz kommen sollte.

Il-18B Ab dem 21. Serienexemplar wurde das stärkere Triebwerk AI-20K mit dem Vierblattpropeller AW-681 in die Il-18 eingebaut. Diese Version besaß nun eine erhöhte Startmasse und Nutzlast und war zur Druckbetankung eingerichtet. Die Kabine wurde auf 84 Passagiere vergrößert.

Il-18W Die von Frühjahr 1961 bis 1965 meistgebaute Variante hatte eine Kabine für 100 Passagiere. Weitere Änderungen an der Kabine betrafen eine Neuordnung der Türen und Fenster zur Reduzierung der Lärmbelastung durch die Triebwerke. Über den Sitzen wurden Leseleuchten und Frischluftdüsen angebracht.

Il-18D Die ursprünglich als Il-18I bezeichnete Version wurde ab 1964 produziert. Diese Version erhielt AI-20M-Triebwerke mit , was zu einer maximalen Startmasse von 64.000 kg bei einer Startstrecke von 1370 m führte. Zusätzliche Tanks wurde im Tragflächenmittelstück installiert. Die Reichweite erhöhte sich dadurch auf 6500 km. Durch eine Verlagerung des hinteren Druckspantes in Richtung Heck vergrößerte sich die Kabine und es fanden in enger Sitzanordnung bis zu 122 Passagiere Platz.

Il-18E Diese Version ist bis auf die Zusatztanks identisch mit der Il-18D und wurde zeitgleich produziert.

Il-18M Eine Il-18W wurde zu einer Kurzstreckenversion für Flüge von 1600 km umgebaut. Die Passagierkapazität sollte auf bis zu 126 erhöht werden. Weitere konstruktive Änderungen betrafen die Steuerungssysteme.

Il-18TS Eine Version der Il-18 als Sanitätsflugzeug.

Il-18T Frachterversion, welche durch die Umrüstung ausgemusterter Passagierversionen entstand. Das Flugzeug wurde mit einem 3,5 m breiten kraftbetätigten Frachttor am Heck versehen. Außerdem wurde der Kabinenboden mit Aluminium- und Titanplatten verstärkt und mit einem Rollensystem ausgestattet. Es wurden etwa 200 Flugzeuge umgerüstet.

Il-18Gr Frachterversion aus umgerüsteten Passagierflugzeugen wie Il-18T, ohne Frachttor.

Il-18GrM Frachterversion aus umgerüsteten Passagierflugzeugen, mit Frachttor.

Il-18DORR Version zur Aufspürung von Fischschwärmen

Il-18ZAO „Zyklon“ Version eines meteorologischen Forschungsflugzeuges.

Il-18GGO Geophysikalisches Forschungsflugzeug

Il-18LL Forschungsflugzeug für die Luftfahrtindustrie

Il-18N Version zur Eisaufklärung

Il-18USch Ausbildungsflugzeug für Navigatoren

Il-22M Fliegender Gefechtsstand (Wosduschny komandny punkt) der russischen Streitkräfte mit ELINT. (Inkohärente Bezeichnung: Wie alle Il-18 mit Turbopropantrieb. Baulich kein Zusammenhang mit dem Bomber Il-22, der Jetantrieb aufweist.) Russland hatte mit Stand Mai 2023 bis zu 12 Exemplare, verlor davon 1, abgeschossen beim Aufstand der Gruppe Wagner in Russland im Juni 2023.

Einsatz und Export mini|Sowjetische Sonderganzsache (Postkarte) anlässlich des Langstreckenfluges der Il-18D Moskau–Antarktis–Moskau 1981 Ursprünglich wurde die Il-18 geplant, um die Li-2 und die Il-12 auf dem Streckennetz der Aeroflot zu unterstützen bzw. abzulösen. Am 20. April 1959 begann der Liniendienst bei der Aeroflot. Dazu starteten an diesem Tag zwei Il-18 vom Flughafen Moskau-Wnukowo zu den Zielen Alma-Ata bzw. Sotschi-Adler. Im Jahr 1960 wurden bereits 72 Linien mit Il-18 bedient. Im Jahr 1962 waren es 210, 1964 334 und 1966 über 500 Ziele, die mit Il-18 angeflogen wurden. In den 1960er und 1970er Jahren wurde etwa ein Drittel des jährlichen Transportvolumens der Aeroflot mit Il-18 abgewickelt.

Im Dezember 1961 landete eine Il-18W erstmals in der Antarktis, wozu der Kraftstoffvorrat auf 31.000 Liter erhöht worden war. Im Dezember 1963 landeten zwei Maschinen dieses Typs in der Antarktis. Seit 1980 wurde diese Strecke mehrmals im Jahr mit Il-18D beflogen. Ende März 1977 landete erstmals eine Il-18 bei der Forschungsstation SP-22 auf driftendem Eis im Arktischen Ozean.

Mit der Il-18 gelang Iljuschin auch ein großer Erfolg auf dem Exportmarkt. So wurden über 120 Il-18 vorrangig an Staaten des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe geliefert. Zu den Kunden zählten Bulgarien, China, Kuba, Nordkorea, Polen, Rumänien, die Tschechoslowakei, Ungarn und Vietnam. Weitere Nutzer waren Afghanistan, Ägypten, Algerien, Ghana, Guinea, Jemen, Jugoslawien, Mali und Mauretanien. Ab 1960 wurden 16 Exemplare an die DDR geliefert und von der Deutschen Lufthansa und später der Interflug eingesetzt. Sie waren bis zur Einführung der Tu-134 und Il-62 die einzigen auf den Mittel- bzw. Langstrecken dieser Fluggesellschaften eingesetzten Flugzeuge. Die Regierungsflieger der NVA nutzten sechs Il-18 in der Salonvariante beispielsweise für Staatsbesuche.

Zwischenfälle

Von 1958 bis Oktober 2018 kam es beim Betrieb der IL-18 zu 100 Totalverlusten. Dabei gab es 2501 Tote.Unfallstatistik Ilyushin Il-18, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 5. November 2018. Beispiele:

Am 28. März 1961 brach auf dem Flug von Prag nach Zürich eine Iljuschin Il-18W der tschechoslowakischen CSA (Luftfahrzeugkennzeichen OK-OAD) während des Reiseflugs auseinander und stürzte auf ein Feld bei Oberrüsselbach (Landkreis Forchheim), ca. 20 km nordöstlich von Nürnberg. Alle 52 Insassen (44 Passagiere und acht Crewmitglieder) kamen dabei ums Leben (siehe auch ČSA-Flug 511 (28. März 1961)).Unfallbericht IL-18 OK-OAD, Aviation Safety Network (englisch), abgerufen am 29. August 2019.

Am 17. Dezember 1961 berührte auf einem Flug einer Iljuschin Il-18 der sowjetischen Aeroflot (CCCP-75654) von Moskau nach Sotschi der Flugingenieur versehentlich in Reiseflughöhe den Hebel zur Aktivierung der Landeklappen. Die Klappen wurden daraufhin auf 40 Grad voll ausgefahren, wodurch es zum Kontrollverlust und Absturz kam. Alle 59 Insassen der Maschine starben.