Merlin ist eine Romantische Oper in drei Akten von Carl Goldmark nach einem Libretto von Siegfried Lipiner. Inspiriert von der Sage des Magiers Merlin, schuf Lipiner eine Handlung zum tragischen Ende Merlins. Die Uraufführung fand am 19. November 1886 in der Wiener Hofoper statt. page=5|mini Hintergründe zur Entstehung Der Sagenkreis um König Artus und seine ritterliche Tafelrunde war besonders für das vom Mittelalter begeisterte 19. Jahrhundert von großem Interesse. Heute vergessene Komponisten schrieben im Umfeld von Richard Wagner „Mittelalteropern“ wie Lancelot und Elaine (Theodor Hentschel), Iwein (August Klughardt), Merlin (Philipp Bartholomé Rüfer), Lancelot (Reinhold Ludwig Herman), König Artur (Max Vogrich). Bekanntere Komponistenpersönlichkeiten wie Ernest Chausson (Le roi Arthus), Isaac Albéniz (Merlin) oder Felix Draeseke (Merlin) waren fasziniert von der Sagenwelt und den mythischen Inhalten längst vergangener Epochen. Je weiter die Industrialisierung und Technisierung der Welt im 19. Jahrhundert voranschritt, umso größer wurde die Suche nach einer anderen Welt, einer Gegenwelt. Neben dem Hang zum Orientalismus und zur Exotik fremder Länder wurden ferne Zeiten in den mittelalterlichen Sagen, Märchen und Mythen zu einem großen Thema. Carl Goldmarks Oper Merlin reiht sich damit in den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts ein.
Der Komponist Carl Goldmark hatte sich seine Stellung als Tondichter hart erkämpft. Über 10 Jahre schrieb er an seiner Oper Die Königin von Saba (1875). Er traf den Nerv der Zeit und wurde mit einem Male weltberühmt. Nach dem durchschlagenden Erfolg seiner ersten Oper, die auch musikalisch in die Welt des Orients eintaucht, ließ er sich mit der Komposition seiner zweiten Oper viel Zeit. Diese lange Zeitspanne zeigt sein Streben nach detaillierter Feinarbeit in Komposition und Instrumentation sowie seine rigorose Selbstkritik.
Hintergründe zur Musik Wie viele andere Komponisten des 19. Jahrhunderts konnte sich auch Carl Goldmark dem Bannkreis Richard Wagners nicht entziehen. Schon zu Lebzeiten musste er sich den Vorwurf des Epigonentums gefallen lassen. Und tatsächlich ist gerade im Merlin der Einfluss Wagners unverkennbar wie beispielsweise in den großen Monologen von Merlin und Viviane. Das Duett der beiden Protagonisten im zweiten Akt besitzt Wagnersche Dimensionen – die Nähe zu Tristan und Isolde ist unverkennbar. In der Auftrittsmusik des Artus klingen Die Meistersinger von Nürnberg an. Aber auch der verschwenderische Einsatz der Chromatik weist auf den Bayreuther Meister. Nicht zu Unrecht titulierte daher der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick Goldmark als „Dissonanzenkönig“.
Ohne die Grundstruktur der Nummernoper aufzugeben, dominiert bei Goldmark das durchkomponierte Deklamationsmelos im Sinne Wagners. Im Unterschied zu Wagner verwendet er die Leitmotive jedoch eher als Leitmelodie. Elemente der französischen Grand Opéra sind im Merlin ebenso zu finden wie Anklänge an das italienische Belcanto.
Bereits im Vorspiel gelingt Goldmark durch die aufgefächerten Streicher eine atmosphärische Stimmung. Anklänge an Lohengrin oder Parsifal werden deutlich. Zugleich werden markante Themenschwerpunkte der Oper im Sinne einer Erinnerungsmotivik gesetzt. Die ausgedehnten Vorspiele zum ersten und dritten Akt dienen zugleich der Psychologisierung. Impressionistische Züge atmet der Geisterchor. Eine Meyerbeersche Auftrittsmusik mit folkloristischen Anklängen bildet die Vorstellung des Hofes von König Artus.
Trotz zahlreicher Anklänge an Wagners Kompositionsweise ist es Goldmark dennoch gelungen, sich von seinem Vorbild zu befreien und einen eigenständigen musikalischen Stil und eine individuelle Tonsprache zu entwickeln. Immer wieder überraschen ungewohnte Klangverbindungen und eigenwillige harmonische Rückungen. Die Instrumentation ist von höchster Raffinesse. Der Einsatz des Orchesters erfolgt häufig eher klassisch konturierend als romantisch überbordend. Das Klangideal Beethovens beziehungsweise Mendelssohn-Bartholdys bildet die Grundlage. Dies zeigt sich auch in der Orchestergröße, die mit dreifachem Holz (mit Ausnahme der Fagotte), vier Hörnern, drei Trompeten, drei Posaunen und Tuba kein Riesenorchester fordert. Die bisweilen mehrfach geteilten Streicher bilden die orchestrale Säule. Auffallend ist der kammermusikalische Einsatz der Holzbläser, während die Blechbläser sowohl als kompakte Gruppe als auch als Farbelement verwendet werden.
Inhalt Die Handlung spielt in Wales, nahe der Hauptstadt Karleon.
Erster Akt mini|Felsengegend, Bühnenbildentwurf von Hermann Burghart zur Uraufführung am 19. November 1886 Originale Bühnenanweisungen sind immer kursiv: Links schräg im Hintergrunde Artus’ Burg. Hohes Mitteltor, kleine Nebentore. Vor dem Haupttore eine Terrasse. Unterhalb derselben, von blühenden Gebüschen umgeben, ein geschmücktes Zelt. Rechts, gegen den Hintergrund zu, Felsen. In der Perspektive Ausblick auf die Stadt Karleon. Pfingstzeit. Anfangs Morgendämmerung, dann heller Tag.
Erste Szene Lancelot und Glendower tauschen sich aus über den Verlauf der Schlacht. Lancelot ans Tor klopfend: „Heda, Glendower! Aufgemacht!“, „Lancelot – wie steht die Schlacht?“, „Unseliger Tag!“ und Lancelot berichtet vom schon gewähnten Sieg, stand die Schlacht schlecht aufgrund von Verrat. „Wir sind umgangen, Wir sind verloren, sind gefangen, Rettet uns nichts vor Schmach und Tod. Der Eine, der Retter in jeglicher Not – Wo ist Merlin?“ ruft Lancelot nach Merlin um Hilfe. Dieser erscheint und nimmt sich des Problems an. „Sei ruhig, alles weiß ich schon. Geh’ – und den König sollst Du melden: Fest halt’ er Stand mit seinen Helden. Der hehrste Sieg wird Euch zum Lohn!“ Lancelot dankt und geht.
Zweite Szene Merlin handelt und holt sich Hilfe beim Mächtigen: „Dämon!“ ruft er ihn herrisch herbei, der sofort erscheint: „Hier bin ich!“ „Fort in die Schlacht! Hülle die Sachsen in Wolken und Nacht! Mit Blindheit schlag’ das heidnische Meer! Hell siege das Kreuz!“ weist Merlin den Dämon an, der zähnekrischend gegen seinen Willen folgen muss. „Nein, nimmermehr! Verhaßtes Kreuz! Verwünschtes Joch!“ Doch alles hilft nichts: „Und dienst Du ihm knirschend, so dienst Du doch. Im Namen des Vaters.“ spricht Merlin ruhig. Alles Fluchen hilfts nichts, der Dämon schreitet zur Tat und ruft die Geister, ihm zu Diensten zu sein. Die Geister vollenden ihr Werk.
Der Dämon flucht weiter vor sich hin und sinnt nach Rache. Da ruft er die allwissende Fee Morgana: „Bei dem Quell der Finsternis, der der Erde Schoß zerriß, bei dem siedend heißen Quell, d’raus Du aufstiegst leuchtend hell. Bei der Flut die Dich geboren: Sei beschworen, sei beschworen!“
Dritte Szene Eine heiße, von wallenden Dämpfen umwogte Springquelle scheint aus der Erde hervorzubrechen. Ein feuerroter Glanz ergießt sich von ihr über die Bühne. Aus der Quelle erhebt sich Morgana, ein Diadem auf dem Haupte, in feurig-rotem Gewand, vom grünem Schleier umflattert.
Morgana: „Wer ruft mir?“ „Hör’ mich, Morgana, Königin!“, „Bist Du der Sklave des Merlin?“ fragt Morgana. „Nicht zu höhnen, beschwor ich Dich her!“ beschwert sich der Dämon und bittet nun Morgana, ihm eine Schwäche Merlins zu verraten, damit er ihn besiegen kann. Leider ist Morgana geschwätzig und verrät dem Dämon, dass das Seherauge Merlins geblendet werden kann, jedoch ahnend des kommenden Unheils: „Weh’ Dir, wehe, Held Merlin! […] All Dein Schauen ist dahin, und Dein Seherlicht versinkt.“. Der Schein wird matter und Morgana versinkt langsam. Bezüglich der Schwäche Merlins sagt sie: „Bist Du zum heil’gen Dienst gesendet, hast zu Wonnen Dich gewendet: Denn ein Weib hat Dich geblendet. Weh Dir, wehe, Held Merlin!“ Morgana verschwindet. Triumphierend jauchzt der Dämon: „Ein Weib! Ein Weib! Nun hab’ ich Waff’ und Wehr! Das schönste Weib, – ich sah’s – ich lock es her!“
Vierte Szene Glendower, Mädchen, Frauen, Volk von allen Seiten kommend, gleich darauf Lancelot. Die Rückkehr des Königs wird angekündigt. Er kehrt von der Schlacht zurück und wird vom Volk begrüßt: „Sie nahen, sie kommen: mit blinkender Wehr, mit fliegenden Fahnen, mit hellen Trompeten!“
Fünfte Szene Artus, Gawein, Bedwyr, Modred mit vielen Rittern und Kriegern kommen während des folgenden Chores von der Rechten. Artus Haupt ist mit grünem Eichenkranz geschmückt. Ginevra kommt mit ihren Frauen aus der Burg, von Lancelot geführt. Glendower folgt.
Artus wird vom Volk begrüßt: „Heil dem König! Heil dem Heer! Heil des Tages Glanz und Ehr!“ Artus entgegnet: „Gruß Euch, ihr Guten und frohen Dank! Dank Dir, Du tapfre Tafelrunde, voll Muth und Treue sonder Wank!“ Artus eilt Merlin entgegen: „Merlin, mein Freund! Mein treuer Held!“ Merlin wird darauf sofort wieder tätig und entlarvt Bedwyr als Verräter: „Du warst’s!“ Bedwyr leugnet und beschuldigt Merlin mit dem Teufel im Bunde zu stehen: „In Deinem Aug’ brennt teuflische Glut!“ Merlin fragt ihn ruhig bleibend: „Sei ruhig! Hast Du es getan?“ Er legt ihm beide Hände auf die Schultern: „Blick auf und rede!“ Bedwyr will auf ihn eindringen und blickt dabei unwillkürlich in sein Auge. Das Schwert entfällt ihm: „Ich habs getan!“ – und er sinkt nieder. Das Volk ist tief beeindruckt: „Oh Grauen! Alles ist ihm kund, er blickt in jedes Herzens Grund!“ Artus befiehlt, Bedwyr wegzuführen.
Das Volk preist mit Lobhymnen und Treueschwüren den König: „Wir rufen und heben zum Himmel die Hand: Treue dem König! Treue dem Land!“ Merlin greift begeistert in die Saiten seiner Harfe und singt: „Heil Dir, mein König, Heil und Preis, Du reich an Wunden und Siegen!“ Doch während Merlin erneut zum Lobgesang ansetzt, „Heil Dir, O Tag, Du Siegestag! …“, hört man einen Jagdruf aus dem Hintergrund: „Halali! Halali! Hirschlein fein, streck’ die Bein’, Bogen kommt doch hintendrein; lauf geschwind, wie der Wind, wie ein Hauch, über’n Strauch, Bogen, Bogen läuft ja auch! Halali! Halali! Hirschlein fein, streck’ die Bein’, sieh Dich vor, – schon bist Du mein!“ Es ist Viviane.
Sechste Szene Vorherige. Viviane mit ihren Jungfrauen war während ihres Gesanges, Pfeil und Bogen in der Hand, auf einem Felsen zur Rechten erschienen, jetzt bemerkt sie die Versammlung und rennt mitten auf die Bühne herab. Allgemeine Unruhe.