mini|hochkant|Reinhard Gehlen in Uniform der Wehrmacht, 1943

Die Organisation Gehlen (auch Organisation, Org., Operation Rusty, Operation Zipper oder O.G. genannt) war ein Nachrichtendienst, der Anfang 1946 entstand und aus dem am 1. April 1956 der Bundesnachrichtendienst (BND) hervorging. Langjähriger Leiter war Generalmajor a. D. Reinhard Gehlen, ehemaliger Chef der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) der Wehrmacht und erster Präsident des BND. Die USA, die die Organisation finanzierten, beaufsichtigten und die Aufklärungsergebnisse erhielten, verfolgten das Ziel, die deutsche nachrichtendienstliche Expertise über die Sowjetunion im sich abzeichnenden Kalten Krieg zu nutzen. Nachdem das Office of Strategic Services (OSS) als umfassender US-Geheimdienst nach Ende des Zweiten Weltkrieges bereits im September 1945 aufgelöst worden war, fehlte es den US-Streitkräften an einer militärischen Aufklärung.Das Counter Intelligence Corps (CIC) der US-Army hatte die Aufgabe der Spionageabwehr. Die Organisation Gehlen sollte diese Lücke für den Bereich der US Army Europe ausgleichen.

Vorgeschichte

Das Personal der Generalstabsabteilung Fremde Heere Ost (FHO) des Oberkommandos des Heeres (OKH) der deutschen Wehrmacht bereitete sich in der Endphase des Zweiten Weltkrieges systematisch auf die deutsche Niederlage vor. Vor dem Hintergrund des sich abzeichnenden Kalten Krieges rechneten die FHO-Offiziere nicht mit einer Ablehnung der nachrichtendienstlichen Unterstützung gegen die Sowjetunion durch die Westalliierten. Reinhard Gehlen und sein Stellvertreter Gerhard Wessel kopierten die Akten und Karteikarten, mit denen die FHO die gesammelten Aufklärungsergebnisse über die Rote Armee gesammelt und katalogisiert hatte. Sie suchten außerdem weitere Sympathisanten aus dem Umfeld der nachrichtendienstlichen Abteilungen der Wehrmacht, zu denen auch Hermann Baun vom Amt Ausland/Abwehr gehörte. Mit Baun verständigten sich Gehlen und Wessel in einem persönlichen Treffen am 4. April 1945 über ihr weiteres Vorgehen.

Zur deutschen Gesamtkapitulation am 8. Mai 1945 hielten sich die verschiedenen FHO-Angehörigen in Kleingruppen in Süddeutschland versteckt, um das Kriegsende abzuwarten. Gehlen und Wessel begaben sich in den ersten Wochen der Nachkriegszeit freiwillig in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft, wo sie ihren amerikanischen Gesprächspartnern Zugang zu ihren gesammelten Daten, zu vermeintlichen Agentennetzwerken in der Sowjetischen Besatzungszone sowie zum erfahrenen Personal der FHO anboten. Gehlen und Wessel wurden Mitte 1945 zur Befragung in die USA geflogen. Dies war bei Hermann Baun nicht der Fall, der sich erst im August 1945 in amerikanische Gefangenschaft begab und die Amerikaner in seiner ersten Befragung am 16. August 1945 mit einem eigenen vermeintlichen Agentennetzwerk in Ostdeutschland beeindrucken konnte. Es begann in der Folge ein Machtkampf zwischen der Gruppe der ehemaligen FHO-Offiziere um Gehlen und der Gruppe um Baun, der mit Zustimmung der US-Amerikaner Verbindung zu ehemaligen Offizieren der Abwehr herstellte und sie rekrutierte. Während Baun das Konzept geteilter Aufklärungs- und Auswertungsdienste verfolgte (wie es im Zweiten Weltkrieg mit Abwehr und FHO der Fall gewesen war), wollte Gehlen eine Struktur durchsetzen, in welcher die beiden Aufgaben Beschaffung und Auswertung in der gleichen Organisation lägen und damit miteinander koordiniert werden könnten. Für diese Organisation sah Gehlen sich selbst als Führungsfigur.

Aufsicht durch die US-Army Entstehung unter Baun Der Aufbau des Nachrichtendienstes, der später den Namen Organisation Gehlen trug, begann im Frühjahr 1946. Nach mehreren Monaten Vorbereitung erhielt zunächst Hermann Baun von der United States Army (US-Army) den Auftrag, eine nachrichtendienstliche Operation aufzuziehen. Gehlen befand sich zu dieser Zeit noch in Kriegsgefangenschaft in den Vereinigten Staaten. Das Projekt begann offiziell im April 1946 und erhielt kurz darauf den Tarnnamen „Operation Rusty“. Baun (Dienstname (DN) „Berndt“) knüpfte beim Aufbau der Organisation zu Beginn lose an die Strukturen der Frontaufklärung der Wehrmacht gegen die Sowjetunion an, für die er im Zweiten Weltkrieg zuständig gewesen war. Er baute einen Stab unter seiner Führung sowie mehrere zentral organisierte Dienststellen auf. Der Stab war in einem separierten Bereich innerhalb des US Military Intelligence Service Center im Camp King, Oberursel untergebracht. Nach August 1946 wurde der Beschaffungsstab in ein ehemaliges Hotel ins 15 Kilometer entfernte Schmitten (Tarnname „Dustbin“) verlegt. Auch das ehemalige Opel-Jagdhaus im Weihergrund von Anspach wurde genutzt. Für das Stabspersonal griff Baun überwiegend auf ehemalige Angehörige der Abwehr-Leitstelle „Walli I“ zurück.

Im Frühjahr 1947 umfasste der Stab 25 Personen. Der Bereich Sichtung des Stabes unter Leitung von Gustav-Adolf Tietze bewertete die von den Außenorganisationen beschafften Meldungen nach Neuigkeitswert und Glaubwürdigkeit. Die Sichtung gliederte sich sachthematisch in die vier Arbeitsgebiete Militär, Wirtschaft, Politik sowie Gegenspionage/Spionageabwehr.

Gehlen kehrte im Juli 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurück und wurde in die Operation Rusty integriert. Sein erster Arbeitstag in Deutschland war der 15. Juli 1946. Er leitete zunächst die Auswertegruppe (auch „Intelligence Group“ genannt), zu der auch sein ehemaliger Mitarbeiter der Abteilung Fremde Heere Ost im OKH Gerhard Wessel (DN „Gattnitz“) als sein Stellvertreter sowie Major i. G. a. D. Albert Schoeller (1916–1978; ehemaliger stellvertretender Leiter der Gruppe I „tägliche Feindlage-Bearbeitung“ FHO; DN „Scheffer“), Major a. D. Hans Hinrichs (DN „Hillmann“), Fritz Scheibe (1912–1995; ehemaliger Stellvertreter Gehlens in Flensburg; DN „Schumann“) und Major i. G. a. D. Horst Hiemenz (ehemalige Leiter der Gruppe II „Feindlage Ost Nord und Militärische Gesamtlage Rußland“ FHO, DN „Hendersin“). angeworben wurden.

Gehlen und seinen Vertrauten war es gelungen, das gesamte Archiv der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) des einstigen deutschen Generalstabs Anfang 1945 aus dem Hauptquartier des Heeresgeneralstabs nach Bayern zu transportieren und in 50 Stahlkisten zu vergraben. Nach Verhören im Kriegsgefangenenlager und in einem speziellen Vernehmungslager in Virginia erkannten die US-Nachrichtendienstler die Bedeutung von Gehlens Kenntnissen und seines Archivs.Janusz Piekalkiewicz: Weltgeschichte der Spionage. Augsburg 1993. Zitiert nach: Udo Ulfkotte: Verschlußsache BND, München/Berlin 1998, ISBN 3-453-14143-1, S. 133 f.

Leitung unter Gehlen Nachdem sich Gehlen seit Herbst 1946 verstärkt bemüht hatte, Baun als Leiter abzulösen, wurde er im Februar 1947 von der US-Army als „German Chief of Operation Rusty“ eingesetzt. Am 6. Dezember 1947 zog die Organisation in die spätere BND-Liegenschaft in Pullach und ehemalige Reichssiedlung Rudolf Heß in Pullach bei München. Das Umzugsdatum, der Nikolaustag, brachte dem Quartier den Spitznamen „Camp Nikolaus“ ein. Der Umzug wurde von Henning Wilcke geleitet. Gehlen verhalf vielen ehemaligen Mitarbeitern der zuvor von ihm geleiteten „Abteilung Fremde Heere Ost“ des Oberkommandos des Heeres, die für die Bewertung der Feindlage an der Ostfront durch Auswertung von Nachrichten zuständig war, zu einer neuen Karriere. Zunächst in den Westzonen, ab 23. Mai 1949 in der neu gegründeten Bundesrepublik. Gehlens Abteilung hatte den Ruf der systematischen und exakt dokumentierenden Detailarbeit.

Zur Organisation gehörte auch die sogenannte Professorengruppe, in der sich die Vertreter der Ostforschung Werner Conze, Gunther Ipsen, Hans Koch, Werner Markert, Reinhart Maurach, Hermann Raschhofer, Otto Schiller und Theodor Oberländer sammelten. Kopf der Gruppe war Peter-Heinz Seraphim. Die Professorengruppe verfasste gegen Bezahlung größere und kleinere Studien hauptsächlich zu aktuellen ökonomischen Themen und Bevölkerungsentwicklungen in bestimmten Regionen oder dem gesamten Ostblock. Sie existierte von 1946 bis Dezember 1949.

Die Mitglieder der Auswertung erhielten ab Juli 1946 ein festes Monatsgehalt zwischen 400 und 600 Reichsmark (RM) sowie Zuschläge für Verheiratete (100 RM) und je Kind (50 RM). Die US-Army stellte der Organisation monatlich Geld, aber auch Gebrauchs- und Genussmittel aus ihren Depots zur Verfügung, die vor der Währungsreform 1948 auf dem Schwarzmarkt als Tauschware gegen Geld dienten oder mit denen direkt bezahlt wurde. Im Monat September 1946 erhielt die Organisation 160.000 Zigaretten, 43.300 Liter Benzin und etwa 50.000 US-Dollar von der US-Army; in den Monaten Juli bis November 1948 waren es 82.153 Tafeln Schokolade, 67.150 Päckchen Zigaretten, 4.500 Rasierklingen und 1.815 Paar Wollsocken. Später betrug das Budget 125.000 US-Dollar, welches bis zum Juni 1949 gleich blieb. Der Tausch von Waren gegen Geld war eine wesentliche Einnahmequelle der Organisation, die mit der Währungsreform in der Trizone (Westzonen) am 18. Juni 1948 wegfiel und diese in eine Finanzierungskrise stürzte.

Im Februar 1948 waren in der Zentrale 160 Personen beschäftigt; im Mai 1949 waren es etwa 270. Die Zahl der Mitarbeiter insgesamt (Zentrale und Außenstellen) betrug im Frühjahr 1949 circa 700 bis 800 Personen.

Aufsicht durch die CIA Am 1. Juli 1949 wechselte der Geld- und Auftraggeber der Organisation Gehlen von der US-Army an die im Jahr 1947 gegründete Central Intelligence Agency (CIA). Im November 1948 wurde der CIA-Mitarbeiter James H. Critchfield nach Pullach geschickt, um die Möglichkeit einer Übernahme zu prüfen. Aufgrund seines Berichts vom 17. Dezember 1948 beschlossen am 27. Dezember 1948 der damalige CIA-Chef Roscoe H. Hillenkoetter und der Leiter des Nachrichtendienstes der US-Army, S. Leroy Erwin, die Übernahme. Die Organisation lief in der CIA von 1949 bis 1950 unter der Bezeichnung „Offspring“, von 1950 bis 1951 unter „Odeum“ und ab 1951 bis 1956 unter „Zipper“.

Der von Critchfield geleitete amerikanische Stab in Pullach bestand zwischen 1950 und 1956 aus rund 30 bis 35 Personen (Pullach Operation Base: POB). Critchfield legte bei der Auswahl seiner Mitarbeiter Wert darauf, dass diese Deutsch sprachen und Erfahrungen im Nachrichtendienst, möglichst bei Einsätzen in (Mittel-)Europa, hatten. Jeder deutsche Gruppen-, Abteilungs- und Außenorganisationsleiter hatte einen spiegelbildlich Verantwortlichen der CIA. Gehlen baute sich einen Stab von persönlichen Mitarbeitern auf. Dies waren Oberstleutnant im Generalstabsdienst außer Dienst (i. G. a. D.) Horst Wendland (Gesamtführung/Verwaltung; DN „Wendt“), General der Gebirgstruppen a. D. August Winter (Beschaffung/Auswertung; DN „Wilden“), Oberst a. D. Wolfgang Langkau (Bürochef; DN „Holten“), Generalleutnant a. D. Alfred Franz Kretschmer (Interne Ermittlungen; DN „Körnig“), Hans-Ludwig von Lossow (Verbindung zu hochrangigen Kontakten in Bundesministerien; DN „Lersner“), Major i. G. a. D. Wilhelm Oxenius (Sicherheit; DN „Otto“) und Oberst i. G. a. D. Georg Buntrock (Sonderverbindungen: Kontakte zu ausländischen Nachrichtendiensten; DN „Bohlen“). Ende Oktober 1951 wurde General der Artillerie a. D. Horst von Mellenthin (DN „Merker“) als Stellvertreter Gehlens ernannt. Als er Anfang 1956 erster Resident in Washington, D.C. wurde, übernahm General der Infanterie a. D. Hermann Foertsch (DN „Viersen“) die Vertretung Gehlens bei längerer Abwesenheit. Die „Dienstanweisung für die Zentrale der Organisation“ vom März 1953 legte eine neue Führungsorganisation fest: Leiter der Gesamtorganisation (Gehlen), Ständiger Vertreter (von Mellenthin), Verwaltungs-, Personal- und Organisationsaufgaben (Wendland), Persönlicher Mitarbeiter für ND-Entwicklung (Walter Schenkb, auch zuständig für Ausbildung), Leiter der Gruppen I-(Informations-)Beschaffung, Gegenspionage/Spionageabwehr, Auswertung, Fernmeldewesen, Stay-Behind-Planungen, Sonderverbindungen sowie Psychologische Forschung und Gegenwirkung.