mini|Tara Bai (1675–1761) als junge Frau (?)Die Authentizität des Bildes ist fraglich, siehe die Diskussionsseite
Tara Bai, hindi / marathi ताराबाई, auch Rani Tara Bai, Tarabai oder Tara Bye, geb. 1675 als Sita BaiMehra, Dictionary 714; gest. 9. Dezember 1761 in Satara im heutigen Maharashtra, war in den Jahren 1701–1708 Regentin im Marathenreich in Nordwestindien. Als Schwiegertochter des Staatsgründers, ChatrapatiChatrapati, hindi-sanskrit-marathi छत्रपति , eigtl. "Schirm-Herr", "Herrscher mit dem Recht, einen Schirm über sich halten zu lassen"; Gatzlaff-Hälsig, Handwörterbuch Hindi-Deutsch, S. 464. Shivaji aus der Dynastie der Bhonsle (भोंसले) (1630–1680) gelang es ihr, in einer kritischen Phase nach dem Tod ihres Mannes die Unabhängigkeit des Maratha-Fürstentums zu bewahren, ihrem Sohn Shivaji II. (1696–1726) den Thron und sich selbst die Regentschaft zu verschaffen und den Vormarsch der Mogularmeen zu stoppen.
Von ihren Verwandten am Hof in Satara entmachtet, gelang es ihr noch im hohen Alter, in Auseinandersetzungen mit der eigenen Familie die bis heute bestehende rivalisierende Dynastie der Bhonsle von Kolhapur zu installieren und für kurze Zeit erneut Regentin in Satara zu werden.Satara, hindi-marathi satrah (सत्रह) "17", nach den siebzehn Wällen, die die Stadt umgaben; Encyclopaedia Britannica Ultimate Reference Suite 2010, s. v. Satara
Leben und Wirken Geburt, Herkunft und Ehe 1675–1700 Tara Bai stammte aus der Kshatriya-Kriegeradelsfamilie der Mohite (मोहीते) und war eine Cousine, ab ihrem achten LebensjahrEaton, Deccan S. 178 auch Ehefrau des Marathenfürsten Raja Ram (* 1670, reg. 1689, † 1700); ihr Vater war der Feldherr (senapati) der Marathen, Hambir Rao MohiteHambir Raos Schwester Soyarabai († 1681) war seit 1659 eine der Frauen des Staatsgründers Shivaji und brachte ihm den Sohn Rajaram zur Welt, den späteren Thronfolger und Tara Bais Ehemann.. Tara Bai war nur eine von vier offiziellen Frauen ihres Mannes. Die anderen legitimen Ehefrauen waren Janki Bai, ebenfalls Tochter eines Feldherrn des Staatsgründers und Schwiegervaters Shivaji, ferner Rajas Bai und Ambika Bai; ferner gab es noch eine Konkubine, die Mutter des kurzfristig auf den Gaddi erhobenen Karna.Mehra, Dictionary S. 714; Gordon, Marathas S. 101
Ihr Mann Raja Ram (reg. 1689–1700), der jüngere Sohn des Staatsgründers Shivaji Bhonsle, kam erst nach der Gefangennahme und Hinrichtung seines älteren Bruders Sambhaji II. (reg.1680–1689) an die Macht. Er galt als militärisch tüchtiger Herrscher, dem es gelang, die Marathenfestung Gingi im Tamilgebiet Südindiens, wohin er nach dem Tod seines Bruders geflohen war, neun Jahre lang gegen ein mogulisches Belagerungsheer zu halten; umgänglich und mildeDuff I,327 f., war er jedoch ohne formale Bildung und politisch schwach.Mehra, Dictionary S. 714; Sarkar, Short History S. 335Malleson, Historical Sketch, S. 255, nennt als Todesdatum Sambhajis und Regentschaftsbeginn Raja Rams 1695, als sein Todesdatum 1698
Tara Bai galt als schön, war aber wegen ihres Intellekts, ihrer Ambitionen und dominierenden Persönlichkeit und Charakterstärke eher gefürchtet und respektiert als beliebt.Mehra, Dictionary S. 717; Sarkar, Short History S. 337 Während der Abwesenheit ihres Mannes von 1689 bis 1694 hatte sie sich unter der Leitung des erfahrenen Premierminister Ramchandra Nilkanth Verwaltungs- und militärische Kenntnisse angeeignetKhafi Khan, zit. nach Eliot-Dowson, History of India, Bd. 7, S. 367; Mehra, Dictionary, S. 714; Eaton, Deccan 182. 1694 machte sich die Neunzehnjährige zusammen mit den anderen Ehefrauen auf dem Seeweg um Kap Komorin herum ins belagerte Gingi auf,Eaton, Deccan, S. 180. um an der Seite ihres Mannes zu leben. Im belagerten Gingi gebar Tara Bai den einzigen gemeinsamen Sohn.So zuletzt auch Gordon, Marathas 1993, S.Khafi Khan berichtet dagegen von zwei gemeinsamen Kindern; zit. nach Eliot-Dowson, History of India, Bd. 7, S. 409: "Tara Bai was widow of Ram Raja, that is, she was the widow of the uncle of Raja Shahu, and Ram Raja left two sons by her of tender years.", den späteren Herrscher Shivaji II. (* 1696, reg.1700–1703, † 1726) Während Rajaram 1697 noch vor dem Fall der Festung entkommen konnte, durfte Tarabai mit ihrem zweijährigen Sohn und dem Rest der Familie aus der Gefangenschaft unbehelligt in die Heimat zurückkehren.Mehra, Dictionary, S. 714.
Bei einer Auseinandersetzung um ein Hofamt setzte sich Tara Bai gegen ihren eigenen Mann durch, was einen zeitgenössischen Beobachter zu der Äußerung veranlasste, sie sei „ein stärkerer Herrscher als ihr Mann“, und kein Marathenführer wage es, ohne ihren Befehl zu handeln; die Portugiesen in Goa nannten sie bereits 1701 „Königin der Marathen“Eaton, Deccan, S. 182. Raja Ram verlegte im Jahr 1699 den Hof nach Satara und trug den Krieg ins Mogulgebiet; im Alter von nur 30 Jahren starb er nach den Anstrengungen eines Kriegszugs in der Provinz Berar eines natürlichen Todes.Richards, Mughal Empire, S. 234; Eaton, Deccan, S. 181. mini|Rajagiri Fort in Gingi
Regentschaft, Kampf gegen Kaiser Aurangzeb 1700–1708 Nach dem Tod von Raja Ram beging eine der Ehefrauen SatiGordon, Marathas, S. 101; Eaton, Deccan, S. 181., später starb die zweite, während Tara Bai und seine Zweitfrau Rajas Bai, die ebenfalls einen Sohn von Raja Ram hatte, andere Pläne hegten. Um die Thronanwärter bildeten sich bei Hofe Fraktionen, und zunächst wurde der unebenbürtige Karna, der aus der Verbindung mit einer Konkubine stammte, zum neuen Chatrapati der Marathen erhobenGordon, Marathas, S. 101 und Eaton, Deccan, S. 181 f. erwähnen diesen Sohn und seine Thronerhebung nicht; um ihrem eigenen, vierjährigen Sohn den Thron zu verschaffen, ließ sie an ihm die Zeremonie der Verleihung der dreifachen Schnur des Brahmanen vollführen und erfüllte damit eine wichtige Voraussetzung zur rechtmäßigen Inbesitznahme des ThronsZur Upanayana-Zeremonie, vor allem für Kshatriyas, siehe Jean Antoine Dubois, Leben und Riten der Inder, Teil II, Kap.1, S. 150–157, v. a. S. 156 f.. Darüber hinaus machte sie Kaiser Aurangzeb ein Unterwerfungsangebot, das ihren Sohn zwar zum Moguladligen erklärt hätte, zugleich aber zum dominierenden Zamindar und Deshmukh (Steuer- und Grundherrn) des gesamten Dekkan; der misstrauische Aurangzeb ging auf das Angebot jedoch nicht einSarkar, Short History, S. 332; Richards, Mughal Empire, S. 234 unter Verweis auf Sarkar, History of Aurangzeb, Bd.v, S. 136. und setzte seine Expansionsbemühungen in Richtung Süden weiter fort, um den Hindu-Marathenstaat ebenso wie zuvor schon die muslimischen Nachbarsultanate Bijapur 1686 und Golkonda 1687 als Subah (Provinz) dem Reich von Delhi einzuverleiben.
Als Karna nach nur drei Wochen an den Pocken starb, gelang es Tara Bai gegen den Widerstand der jüngeren Zweitfrau, Rajas Bai, ihrem eigenen Sohn Shivaji auf den Thron (gaddi) zu verhelfen; als Regentin ergriff sie nun im Namen des Minderjährigen energisch die Zügel der Regierung.
Die Einnahme der Hauptstadt Satara durch feindliche Truppen wenige Wochen später zwang Tara Bai, von wechselnden Stützpunkten aus mit ihren hochmobilen Reitertrupps einen immer weiter sich ausdehnenden Guerillakrieg zu führen, den erfolgreich zu beenden den Mogulheeren auch trotz Einnahme zahlreicher Bergfestungen im Sahyadri-Küstengebirge der Western Ghats nicht gelang.Siehe Karte 5 bei Gordon, Marathas, S. 102 Nur ihrer energischen, mitreißenden Führung, oft unter persönlichem Einsatz, war es zu verdanken, dass die Festungs- und Truppenkommandeure dem Fürstenhaus die Treue hielten und den Widerstand nicht aufgaben; ihr stand inzwischen der weit über achtzigjährige Kaiser Aurangzeb selbst gegenüber, der seine Truppen persönlich anführte. Gleichzeitig erreichte es Tara Bai nach und nach, in Regionen unter Mogulherrschaft parallele Strukturen einzurichten, so dass in den umliegenden Gebieten Steuern, Zölle und Aushebungen auch im Namen des Chhatrapati geleistet wurden.Richards, Mughal Empire, S. 238; Eaton, Deccan, S. 183.
Als ihr Sohn im Jahr 1703 geisteskrank wurde, setzte sie ihn kurzerhand ab und ließ ihn einsperren; bis 1707 regierte sie alleine in seinem Namen.Malleson, Historical Sketch, S. 255. Zum Zeitpunkt des Todes von Kaiser Aurangzeb 1707, der eigens zum Zweck der Kriegführung die Reichshauptstadt in den Süden, nach Aurangabad, verlegt hatte, war die Marathenhauptstadt Satara schon wieder im Besitz der Marathen; unter Tara Bais Führung trugen ihre äußerst beweglichen Reitertruppen nach 1705 den Krieg in die angrenzenden Regionen Khandesh, Malwa und Gujarat und vollführten ihre Streifzüge teilweise unter den Augen des kaiserlichen Heeres.
Kampf gegen Fürst Shahu 1708–1714 Nachdem der älteste Sohn Shivajis und ältere Bruder ihres Mannes, Fürst Sambhaji (1657–1689), 1689 in Mogul-Gefangenschaft geraten, gefoltert und hingerichtet worden war, brachte sein Sohn, der spätere Shahu I. (1682–1749), gemeinsam mit seiner Mutter Yesu Bai die folgenden achtzehn Jahre bis 1707 als Geisel in Ehrenhaft in unmittelbarer Nähe Kaiser Aurangzebs (1618–1707) zu, wo er Sitten, Denkweise und Religion der Gegner kennen lernte, den Übertritt zum Islam jedoch ablehnte und in brahmanischer Tradition erzogen wurde;Richards, Mughal Empire, S. 259. die Tochter des Kaisers selbst zog den Knaben Shahu im Harem auf. Malleson, Historical Sketch S. 255; Sarkar, Short History S. 338 f.
Nach dem Tod des Kaisers ließ sein Sohn Azam den Prinzen Shahu unverzüglich frei, in der Hoffnung, damit Zwist im Marathenlager zu säen.Eaton, Deccan, S. 184; seine Mutter, Yesu Bai, kam erst 1718 frei und diente womöglich als Geisel. Als Shahu den Thron von Satara nun für sich beanspruchte, erklärte ihn Tara Bai zunächst für einen Betrüger, stellte sich dann, als seine Identität sich bestätigte, im Namen ihres Sohnes dem heimkehrenden Neffen entgegen; sein Vater Sambhaji habe durch den Tod in der Gefangenschaft das Anrecht auf die Regierung verloren und nur ihr eigener, inzwischen verstorbener Mann, Rajaram, habe das Fürstentum 10 Jahre lang aufrechterhalten; sie selbst habe danach als Regentin das Land acht Jahre allein gegen die Landesfeinde verteidigt. Er selbst sei nach Art und Sitte inzwischen ein Mogul geworden, von dem Thronfolger Bahadur Shah I. (reg. 1707–1712) sogar im Amt bestätigt und daher kein vertrauenswürdiger Marathe mehr.Auf dem Rückweg hatte Shahu dem Grab des Kaisers in Khuldabad noch einen Besuch abgestattet; Gordon, Marathas, S. 103; Eaton, Deccan 184
Tara Bai musste erleben, dass die Kreise bei Hof und beim Militär, vor allem ihr Premierminister oder Wesir, der PeshwaTitel und Amt des Peshwa, pers. "Anführer", geht auf das Vorbild des Bahmani-Sultanats und der nachfolgenden Dekkan-Sultanate Bijapur und Ahmadnagar zurück. Der Peshwa stand in der Regel einem Minister-"Rat der Acht" vor; Eaton, Deccan, S. 185., dem Nachkommen Shivajis in direkter Linie den Vorrang gaben, so dass Shahu nach einer gewonnenen Schlacht 1708 als Fürst in Satara einziehen konnte. Den Peshwa, der ihm zur Macht verholfen hatte, stattete Shahu mit ausgedehnten Verwaltungs- und Finanzvollmachten aus. Unter ihm wurden die Marathen zu einer Führungsmacht im Norden des Landes.