„An mein Volk und an die deutsche Nation“ ist eine Proklamation vom 21. März 1848, die im Zusammenhang mit der Berliner Märzrevolution entstand. In der Proklamation richtete sich der preußische König Friedrich Wilhelm IV. an die nationalliberale Freiheitsbewegung der Zeit. Den Entwurf der Erklärung hatte der preußische Außenminister Heinrich Alexander von Arnim-Suckow verfasst. Das Dokument wurde schließlich mit Billigung des Königs und der Mitglieder des Staatsministeriums veröffentlicht. Die in der Proklamation beanspruchte Führungsrolle Preußens in der Deutschen Frage rief jedoch Widerstand sowohl bei den europäischen Großmächten als auch bei den deutschen Fürsten, der Aristokratie und den Parlamenten des sogenannten „Dritten Deutschlands“ hervor. Auch die widersprüchliche Rolle des Königs in der preußischen Nationalpolitik trug letztlich zum politischen Scheitern der Proklamation bei.
Historischer Hintergrund der Proklamation mini|hochkant=2|Deutscher Bund 1815–1866
Im Unterschied zu Frankreich und Großbritannien bildete Deutschland bis 1871 keine politische Einheit. Auch der Wiener Kongress schuf 1815 mit dem Deutschen Bund lediglich einen losen Zusammenschluss deutscher Einzelstaaten. Dem Deutschen Bund fehlte eine gemeinsame Rechtsprechung, Verwaltung, Gesetzgebung und Heerorganisation.Wolfgang J. Mommsen: 1848 – Die ungewollte Revolution: Die revolutionären Bewegungen in Europa 1830–1849. Fischer, Berlin 2000, S. 31. Preußen wurde aufgrund seiner „aufgeklärt-reformerischen Tradition“ (Christian Jansen) als ein möglicher Wegbereiter in der nationalen Einigung gesehen. Im Gegensatz zu Österreich, der zweiten deutschen Großmacht, war es kulturell, wirtschaftlich und politisch nicht nach Osteuropa ausgerichtet. Preußen wuchs 1815 vor allem nach Westen in deutsches Gebiet hinein.Christian Jansen: Vormärz und soziale Unruhen. In: Karl Marx 1818–1883: Leben. Werk. Zeit. Theiss, Stuttgart 2018, S. 75.
Mit dem Regierungsantritt des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. am 7. Juni 1840 schien Bewegung in die sogenannte deutsche Frage zu kommen. Der Öffentlichkeit war bekannt, dass Friedrich Wilhelm IV. der deutschen Nationalbewegung nicht ablehnend gegenüberstand. Allerdings war das Nationalverständnis des neuen Königs unvereinbar mit dem der nationalliberalen Kräfte. Sein Nationalkonzept basierte auf einer Wiederherstellung des 1806 untergegangenen Heiligen Römischen Reiches, das er als christlichen und ständischen Idealstaat ansah. Ebenso glaubte er, nicht die historischen Rechte der deutschen Dynastien verletzen zu dürfen. Wegen ihrer Einsetzung von Gottes Gnaden und ihrer seit Jahrhunderten bestehenden Herrschaftstradition meinte er auf ihre Zustimmung angewiesen zu sein, um eine nationale Einigung vorantreiben zu können. Vor allem sollten die Habsburger, die zuletzt die römisch-deutsche Kaiserkrone getragen hatten, seinem Verständnis nach wieder „zum höchsten Haupt der Christenheit“ aufsteigen. Sich selbst sah Friedrich Wilhelm IV. in der Rolle eines zukünftigen „Königs der Deutschen“, der von den deutschen Fürsten gewählt und anschließend im Frankfurter Kaiserdom St. Bartholomäus gesalbt und gekrönt werden sollte (vgl. die Rolle der Kurfürsten im Heiligen Römischen Reich). In dieser Funktion wollte er als eine Art „Premierminister“ (so David E. Barclay) dem deutschen Kaiser dienen.David E. Barclay: Anarchie und guter Wille. Friedrich Wilhelm IV. und die preußische Monarchie. Siedler, Berlin 1995, S. 275–276. An die Tradition der Erzämter des Heiligen Römischen Reiches anknüpfend, sah Friedrich Wilhelm IV. für sich das Amt eines „Reichserzfeldherrn“ vor.Peter Krüger: Europäisch-christliche Ordnung als Antwort auf die Krise des Staatensystems in der Mitte des 19. Jahrhunderts. In: Peter Krüger, Julius H. Schoeps (Hrsg.): Der verkannte Monarch. Friedrich Wilhelm IV. in seiner Zeit. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1997, S. 181–218, hier S. 199. Nach Christopher Clark hätte Friedrich Wilhelm IV. aber durchaus Interesse an einer deutschen Kaiserwürde gehabt.Christopher Clark: Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947. Pantheon, München 2008, S. 483. Frank-Lothar Kroll hebt hervor, dass das Nationalverständnis Friedrich Wilhelms IV. weder mit dem Begriff des „liberalen Nationalismus“ noch mit dem des „konservativen Internationalismus“ gefasst werden kann. Zwar habe der preußische König mit den Vertretern des konservativen Internationalismus, etwa dem österreichischen Außenminister Metternich und Zar Nikolaus I., das Interesse an „Interventionismus zum Schutz der legitimen Dynastien und zur Aufrechterhaltung der alten Ordnung“ (so Kroll) geteilt, lehnte aber im Gegensatz zu ihnen „eine einzelstaatliche Großmachtpolitik“ ab. Kroll hält es für wahrscheinlich, dass Friedrich Wilhelm IV. deutschen Interessen und preußischen Hegemonieansprüchen weniger Priorität einräumte als dem Erhalt der übernationalen Heiligen Allianz.Frank-Lothar Kroll: Friedrich Wilhelm IV. und das Staatsdenken der Romantik. Spiess, Berlin 1990, S. 152.
Insbesondere die im Zuge der Rheinkrise von 1840 ausgelöste nationale Euphorie wollte der König nutzen, um trotz seiner Ablehnung einer zeitgemäßen Verfassung Popularität in der preußischen Bevölkerung zu gewinnen. Im Dezember 1840 schrieb er in einem Brief an König Ludwig I. von Bayern, dass er sich einen französischen Angriff am Rhein herbeiwünsche, denn „dann trete der teutsche Bund zum ersten Male als Europäische Macht auf“. In der Rheinkrise setzte Friedrich Wilhelm auf eine Kooperation mit Österreich: In einem Brief an Metternich vom 10. Januar 1841 forderte er, dass Österreich der „Geburtshelfer“ des neuen Deutschlands sein müsse. Österreich fürchtete allerdings, dass die Gründung eines deutschen Nationalstaates zu separatistischen Bewegungen im Vielvölkerstaat ermutigen würde, was den territorialen Zerfall der Habsburgermonarchie bedeuten konnte. Ohne Unterstützung aus Wien beließ Friedrich Wilhelm seine Nationalpolitik bei symbolischen Gesten, so auch bei dem Kölner Dombaufest von 1842, bei dem die Grundsteinlegung zum Weiterbau des Doms zelebriert wurde. Hatten das Wartburgfest 1817 und das Hambacher Fest 1832 die säkular-freiheitlichen Festakte der Französischen Revolution nachgeahmt, wollte der preußische König dem nun Veranstaltungen mit „monarchisch-christlich Werten entgegensetzen“.Wolfgang J. Mommsen: 1848 – Die ungewollte Revolution: Die revolutionären Bewegungen in Europa 1830–1849. Fischer, Berlin 2000, S. 72.David E. Barclay: Anarchie und guter Wille. Friedrich Wilhelm IV. und die preußische Monarchie. Siedler, Berlin 1995, S. 87. 1847 betraute Friedrich Wilhelm IV. den Diplomaten Joseph von Radowitz mit der Aufgabe, mit Metternich eine Reform des Deutschen Bundes auszuhandeln, wobei die einzelnen deutschen Staaten nur eingeschränkt politische Souveränität an den Bund abtreten sollten. Die Zusammenarbeit zwischen Preußen und Österreich sollte festgeschrieben werden. Die Bundesreform kam jedoch nicht mehr Zustande, da die Revolution von 1848 „die Ansätze überrollte“.Peter Krüger: Europäisch-christliche Ordnung als Antwort auf die Krise des Staatensystems in der Mitte des 19. Jahrhunderts. In: Peter Krüger, Julius H. Schoeps (Hrsg.): Der verkannte Monarch. Friedrich Wilhelm IV. in seiner Zeit. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1997, S. 181–218, hier S. 199.
Entstehung der Proklamation und nationale Haltung des Königs im März 1848 Zu den sonstigen Ereignissen → Märzrevolution 1848 in Berlin mini|Der Ritt Friedrich Wilhelms IV. durch Berlin am 21. März 1848
Nachdem im Februar 1848 der französische König Louis-Philippe I. und im März 1848 der österreichische Staatskanzler Metternich gestürzt worden waren, kam es am 18. März auch in Berlin zu einer Massendemonstration. Dem öffentlichen Druck nachgebend, gab der König um 14 Uhr ein Patent bekannt, das angekündigte, der bevorstehende Preußische Vereinigte Landtag sollte über die Umgestaltung des „Staatenbundes in einen Bundesstaat“ debattieren, d. h. die Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes sollten sich einer gemeinsamen Bundesverfassung anschließen. Dieses nationalpolitische Zugeständnis konnte jedoch nicht mehr die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen königlichen Truppen und Zivilisten in Berlin verhindern.Dirk Blasius: Friedrich Wilhelm IV., 1795–1861: Psychopathologie und Geschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1992, S. 122–123. Als der König am 19. März 1848 den Befehl gab, die Truppen zurückzuziehen, begab er sich in unmittelbare Abhängigkeit von der Berliner Opposition. Im Umkreis Friedrich Wilhelms gewann in dieser Situation vorerst endgültig ein Beraterkreis an Bedeutung, der die Initiative dadurch wiedergewinnen wollte, dass der Monarch die Führung in der deutschen Einigung übernehmen sollte. Der bisherige preußische Diplomat in Paris, Heinrich Alexander von Arnim-Suckow, der am 21. März 1848 zum Außenminister ernannt wurde, verbreitete ohne Absprache mit dem König noch am Morgen desselben Tages Plakate in Berlin, die einen Ritt des Königs „mit den alten ehrwürdigen Farben deutscher Nation“ (gemeint: schwarz-rot-gold) ankündigten. Arnim legte darüber hinaus dem Staatsministerium und König seinen bereits am 17. März 1848 formulierten Entwurf zu der Proklamation „An mein Volk und an die deutsche Nation“ vor. Im Gegensatz zu Friedrich Wilhelm IV. war Arnim ein liberaler Verfechter einer starken preußischen Vorherrschaft in Deutschland.Wolf Nitschke: Adolf Heinrich Graf v. Arnim-Boitzenburg (1803–1868). Eine politische Biographie. Berlin 2004, S. 213.David E. Barclay: Anarchie und guter Wille. Friedrich Wilhelm IV. und die preußische Monarchie. Siedler, Berlin 1995, S. 222.
Der König brachte seine Abneigung gegenüber solchen Plänen schon wenige Stunden später bei seinem Umritt durch die Straßen Berlins zum Ausdruck: Auf dem Schlossplatz, bei der Universität, dem Alexanderplatz und Cöllnischen Rathaus hielt er kurze Reden, in denen er davor warnte, die Legitimität der anderen deutschen Fürsten in Frage zu stellen: Auf einen Hochruf der Menge, der ihn als „Kaiser von Deutschland“ feierte, reagierte der König ablehnend. Vermutlich, so der Historiker Rüdiger Hachtmann, zeichnete sich bereits hier die spätere Ablehnung der deutschen Kaiserkrone ab, die ihm die gesamtdeutsche Frankfurter Nationalversammlung im April 1849 anbieten sollte. Friedrich Wilhelm hielt die Öffentlichkeit beziehungsweise Vertreter des Volkes für nicht berechtigt, ihm die Kaiserkrone zu verleihen. Dies sah er allein als Vorrecht der deutschen Fürsten an.Rüdiger Hachtmann: Berlin 1848. Eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte der Revolution. Dietz, Bonn 1997, S. 211.David E. Barclay: Anarchie und guter Wille. Friedrich Wilhelm IV. und die preußische Monarchie. Siedler, Berlin 1995, S. 217–218. Hinzu kam, so der Historiker Peter Krüger, Friedrich Wilhelms fehlender „Blick für Zusammenhänge der Ordnung Deutschlands, Mitteleuropas und der europäischen Staatenwelt“. Der König habe sich „zu sehr auf Deutschland selbst fixiert“.Peter Krüger: Europäisch-christliche Ordnung als Antwort auf die Krise des Staatensystems in der Mitte des 19. Jahrhunderts In: Peter Krüger, Julius H. Schoeps (Hrsg.): Der verkannte Monarch. Friedrich Wilhelm IV. in seiner Zeit. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1997, S. 181–218, hier S. 198.
Inhalt der Proklamation Anspielung auf den Befreiungskrieg von 1813 Um den Anspruch einer preußischen Führung Deutschlands historisch zu legitimieren, zog Arnim Parallelen zu der Proklamation „An mein Volk“ von 1813, in der Friedrich Wilhelms Vater zum Widerstand gegen die napoleonischen Truppen aufgerufen hatte. Die Proklamation „An mein Volk und an die deutsche Nation“ beginnt daher wie Folgt: