Die Firma H. Wolff in Berlin war in ihrer Blütezeit, neben der Pariser Firma Revillon Frères, das größte Unternehmen der Pelzbranche auf dem europäischen Kontinent, gegründet von Heimann Wolff (1830–1913) im Jahr 1850. Über Victor Wolff (1858–1928), den Sohn des Firmengründers, hieß es: „Kommerzienrat Victor Wolff ist der Bahnbrecher der Berliner Pelzkonfektionsbranche und diejenige Persönlichkeit, die den Begriff des organisierten, modern geleiteten Großbetriebes erst in die Berliner Pelzkonfektion eingeführt und ihn verwirklicht hat“. Seine Werkstatt galt als „die hohe Schule aller Kürschner“.Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900–1940, Versuch einer Geschichte. Berlin 1941 Band 2. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 23a (Kollektion G. & C. Franke).
Gründerjahre mini|hochkant=0.5|Pagenmütze mit lackiertem Schirm aus einem Berliner Kürschnergeschäft Als die Firma H. Wolff im Jahr 1850 von Heimann Wolff in Greifenhagen (Gryfino) in Pommern ins Leben gerufen wurde, geschah dies in der Verbindung mit einer Lederlackierfabrik und einer Fabrikation von Mützenschirmen. Die meisten der Kunden Heimann Wolffs waren Kürschner, die er im Rahmen seiner Geschäftsverbindungen in Pommern, West- und Ostpreußen besuchte. Es lag nahe, dass die Kürschner auch Felle bei ihm kaufen wollten. So begann er damit, zunächst in bescheidenem Umfang, später in größerer Menge, Kaninchenfelle zu handeln. Bald verlegte er seinen allmählich größer werdenden Betrieb nach Berlin-Mitte in die Chausseestraße 67, allerdings weit draußen, vor dem Oranienburger Tor. Als Mitinhaber der Firma Bambus & Co. begründete er 1856 in Berlin zusätzlich eine Hutfabrik. Als erste Firma nahmen sie neben der Produktion von Herrenhüten auch die Fabrikation von Pelzmützen auf, außerdem wurden Muffen und Kragen aus Hasenfell hergestellt.
Am 10. Mai 1884 erstattete Heimann Wolff auf Einladung der Lohnkommission des Vereins Berliner Kürschner und Berufsgenossen den Bericht einer Kommission der Fabrikanten. Er empfahl die Annahme des für die Gesellen und Hausindustriellen ausgehandelten Lohntarifs, was auch einstimmig angenommen wurde.
Bis zum Ersten Weltkrieg Die Firma Bambus & Co. beschäftigte zwei Reisende, welche die Städte der Umgegend besuchten. Außer den Stoffmützen boten sie den Kürschnern ihre konfektionierten Pelzmützen für Männer an.Philipp Manes: Der Verband Berliner Rauchwarenfirmen E. V. - Versuch einer Geschichte 1. Fortsetzung. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 58, Berlin und Leipzig, 16. Mai 1929. Anfangs lehnten die Kürschner, die zum großen Teil selbst Mützenmacher waren, es ab, nicht in eigener Werkstatt produzierte Kopfbedeckungen zu verkaufen. Die Kunden in Pommern und Schleswig, wo man versuchsweise die ersten Angebote machte, waren nur schwer zu überzeugen. Letztlich siegte doch der sehr viel günstigere Preis der Serienprodukte, der einen höheren Absatz versprach und einen größeren Nutzen ermöglichte. Die Idee war letztlich so erfolgreich, dass weitere Reisende eingestellt werden konnten, und bald fanden sich Abnehmer auch im Ausland. Heimann Wolff ließ nun auch andere Pelzprodukte anfertigen. Mit der Ausbreitung der Eisenbahn besuchten seine Handelsvertreter regelmäßig immer weiter entfernte Gebiete. Das Vorbild fand Nachahmer, zudem machten sich Mitarbeiter der Firma selbständig. Im Jahr 1842 hatte bereits die Firma B. Freystadt & Co. den Versuch gemacht, ihren Abnehmern auch Pelzsachen zu liefern. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland noch keine industrielle Herstellung von Pelzwaren.Ohne Autorenangabe: Die Berliner Pelzindustrie. In: Der Rauchwarenmarkt 10. Mai 1932, S. 2. In wohl geringem Umfang beschäftigten sich seit 1878 auch die beiden Berliner Unternehmen A. B. Citroen und B. Brass mit der Fertigung von Pelzkonfektion (laut Emil Brass schon vor H. Wolff). Neben dem traditionellen Hauptplatz des Fellhandels, dem Leipziger Brühl, war damit in den 1870er Jahren, zusammen mit der Oberbekleidungsindustrie, in Berlin das Zentrum der deutschen Pelzkonfektion entstanden.
Im Alter von 17 Jahren trat Heimann Wolffs Sohn Victor Wolff eine Lehre im väterlichen Pelzgeschäft an. Hier erwarb er die Grundlagen seiner später bedeutenden Fachkenntnisse. Es folgten Wanderjahre mit der Tätigkeit in etlichen ähnlichen Betrieben. Nach der Rückkehr in das elterliche Geschäft gestaltete er die schon damals hochangesehene Firma „zielbewusst und energisch nach seinen Plänen“ um, wobei ihm sein Vater freie Hand ließ. In Anbetracht der gerade aufblühenden Damenkonfektion verlegte man die Geschäftsräume vom abgelegenen Teil der Chausseestraße in bedeutend erweiterte Geschäftsräume auf der Burgstraße 28–29, ebenfalls in Berlin-Mitte. Gleichzeitig löste man das ursprünglich vom Vater geführte Mützengeschäft auf, da sich das Unternehmen immer mehr zu einem Großbetrieb mit konfektionierten Pelzwaren entwickelte.
Nachdem der Victor Wolff das Unternehmen praktisch selbständig geführt hatte, eröffnete er im Jahr 1895 ein eigenes Haus in London, dem bald eine Filiale in Glasgow und eine in Manchester folgten. Diese erwiesen sich als überaus profitabel, und so ging Victor Wolff weiter nach Paris, um in der Chaussée d'Antin, dem damals feinsten Geschäftsviertel, eine Niederlassung zu errichten. Diese war wiederum derart erfolgreich, dass sie bald in erheblich umfangreichere Räume in der Rue Etienne Marcel 15, Ecke Place des Victoires, verlegt werden musste. Auch im niederländischen Amsterdam gab es inzwischen eine Zweigstelle des Unternehmens.
Im Jahr 1900 wurde in Melbourne, Australien eine Agentur mit Lager errichtet, der bald darauf die gleiche Einrichtung in Duma, Neuseeland folgte. New York City erhielt ein Filialbüro und auch Kanada bekam eine geschäftliche Organisation. In Petersburg und Moskau wurden Filialen errichtet und eigene Reisende bereisten Russland.
Zur jährlichen Leipziger Rauchwarenmesse am zweiten Samstag nach Ostern im großen Saal des Leipziger Zoologischen Gartens blieb die Hauptwand der Firma H. Wolff vorbehalten, „die einen prächtigen Aufbau hinstellte und sich den etwas kosten ließ“.
Nachdem Victor Wolff schon seit langen Jahren die Entscheidungen im Unternehmen traf, schied der Senior Heimann Wolff 1904 endgültig aus. Zu diesem Zeitpunkt entschloss sich Victor Wolff, ein neues Firmengebäude erstellen zu lassen, das den Ansprüchen als führendes Haus der Pelzkonfektion entsprechen sollte.
Während eines zehnwöchigen Berliner Kürschnerstreiks „zur Erkämpfung der Arbeitsvermittlung“ im Jahr 1905 gründeten die Arbeitswilligen von Victor Wolff eine sogenannte gelbe Organisation. In dem Streik ging es vor allem um die Klärung der Samstagsarbeitszeit, nachdem Arbeitgeber vielfach erneut zu einer Arbeitszeit von neun Stunden auch am Samstag zurückgekehrt waren. Ein Erscheinen vor dem Einigungsamt lehnten die Arbeitgeber ab. Unter der Leitung von Emil Brass gaben die Arbeitswilligen ein kleines Fachblatt heraus. Diese, vom Arbeitgeberverband unterstützte Organisation schlief wieder ein, da sie nach Angaben des Verbands der Kürschnergesellen, außer von Mitgliedern von Victor Wolff, keinen Zugang erhielt.Heinrich Lange, Albert Regge: Geschichte der Zurichter, Kürschner und Mützenmacher Deutschlands. Deutscher Bekleidungsarbeiter-Verband (Hrsg.), Berlin 1930, S. 170–171, 180.
Nach dem Ersten Weltkrieg Seit dem Jahr 1921 unterhielt die Firma auch eine Filiale am Leipziger Brühl. Ihr erster Leiter war Hermann L. Schultze, der bereits lange Jahre in New York war und dort schon für sein jetziges Haus tätig war.Philipp Manes: Jahresrückschau. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 1, Berlin und Leipzig, 3. Januar 1922, S. 3.Philipp Manes: Der Verband Berliner Rauchwarenfirmen E. V. - Versuch einer Geschichte. 25. Fortsetzung. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 82, Berlin und Leipzig, 11. Juli 1929.
Die Urenkelin des Firmengründers besichtigte im Jahr 1991 die ehemaligen Berliner Geschäftsräume in der Krausenstraße:
Victor Wolff wurde als ein noch im Alter schöner Mann, beschrieben, „der dies auch wusste“. Das Einglas im Auge, konnte er „bezaubernd liebenswürdig“ sein. „Er plauderte mit einer Leichtigkeit, die nicht seines Gleichen hatte, wusste alles, was die Branche betraf - kannte in England und Amerika die massgebenden Persönlichkeiten und beherrschte immer die Situation. Dann kam er langsam zum geschäftlichen Teil, zeigte sich bis aufs Kleinste unterrichtet, und es gelang ihm immer, einen Sondervorteil herauszuholen. Von seiner Persönlichkeit war der Besucher fasziniert, und unter solchem Eindruck musste er die Waffen strecken“.
Über die beiden Söhne schrieb der in Auschwitz ermordete Philipp Manes, dass sie völlig anders als ihr Vater geartete Menschen waren. Fritz Wolff (1891–1943), „sehr gewissenhaft und fleißig, aber nicht befähigt an die Stelle seines Vaters zu treten“, war ein Freund der Künste und der Literatur, er „wollte eine Rolle als Menschenbeglücker spielen, schloss sich linksstehenden Organisationen an und widmete diesen seine Zeit und Geld“. Herbert Wolff (1890–1974), „intelligent und hochgebildet, für alle Künste schwärmend, elegant, guter Redner - aber sprunghaft und unsolide in seinem Charakter“, ähnelte sehr seinem Vater und kam deshalb nicht mit ihm klar. Im Geschäft kam es „zu höchst unerfreulichen Szenen, die mit völliger Trennung endeten“. 1921 heiratete er Nellie (geb. Danziger, 1898–1977), die Tochter des bekannten Rechtsanwalts Norbert Danziger. Herbert gründete die Firma H. Wolff jr. Im Jahr 1924 übernahm er die Leitung einer der führenden Leipziger Rauchwarenhandlungen, N. Händler & Sohn, Brühl 68. Bereits nach kurzer Zeit seiner dortigen Tätigkeit zeigten sich Fortschritte in der Verbesserung der inneren und äußeren Organisation.B. P. Bukow: Streifzüge durch die Branche. 50 Jahre N. Händler & Sohn, Leipzig. In: Die Pelzkonfektion Nr. 1, Berlin, März 1925, S. 15. 1929 gründete Herbert die Allgemeine Rauchwaren Handelsgesellschaft mbH. H. Wolff Junior, Krausenstraße 17–18, die unter den Nationalsozialisten 1937 „übernommen“ (Zitat Manes) wurde. „Mehrere Jahre erzielte er grösste Erfolge, und man hörte auf den Namen Wolff wieder mit Achtung“. Herbert führte das neue holländische Ejarrée-Kaninfell in Deutschland ein, das ihm einen großen Verdienst einbrachte. Als die holländische Firma zusammenbrach, stürzte das auch ihn, den Berliner Vertreter. Es gelang ihm anschließend, die Vertretung der bedeutenden ungarischen Lammfell-Veredlungs und Handelsfirma Pannonia zu erhalten. Es reichte jedoch nicht, Herbert Wolff zu sanieren.
mini|hochkant=0.6|Stolperstein Fritz Heinrich Wolff, Dresdener Straße 95, Berlin-Mitte
Auch in der Familie erinnerte man sich später an Herbert Wolff, ähnlich wie Manes, als einen „Playboy, einen gut aussehenden Mann der schnelle Autos liebte, elegante Kleidung, teure Boote und hübsche Frauen. Er war charmant aber total unzuverlässig.“Dina Gold: Stolen Legacy. S. 22. Während Manes jedoch schreibt, das Zerwürfnis zwischen Herbert und seinem Vater wäre so groß gewesen, dass Victor Wolff sich weigerte, seine Enkel zu sehen, ist das 2018 in der Familie völlig gegensätzlich in Erinnerung. Dina Gold widerspricht: „Meine Mutter, ihr Bruder und ihre Schwester erinnern sich sehr gut an ihre Besuche als Kinder in der Conradstraße 1, Wannsee und dass Lucie Wolff (geb. David, Victor's Ehefrau, 1868–1932) und Nellie (Herberts Ehefrau und meine Großmutter) sich sehr gut verstanden, er hat bestimmt nie den Kontakt zu seinem Vater verloren. Auch weigerte Victor sich nicht, die Enkelkinder zu sehen“.Mail Dina Gold, Washington v. 20. Februar 2018.