Das Holyland-Modell (, offizieller Name: דגם ירושלים בסוף ימי בית שני, Modell Jerusalems am Ende der Zeit des Zweiten Tempels) ist ein plastisches Stadtmodell von Jerusalem am Beginn des Jüdischen Krieges. Das Bezugsjahr ist 66 n. Chr.

Das Modell im Maßstab 1:50 entstand ab 1962 auf einem etwa 25 × 40 Meter (940 Quadratmeter) großen Gelände des Holyland-Hotels in Jerusalem und wurde 1966, noch unfertig, der Öffentlichkeit übergeben.

Die größte Popularität erreichte das Stadtmodell von den 1980er Jahren bis zum Beginn der Zweiten Intifada. In dieser Zeit zählte man jährlich 300.000 Besucher. Fotos von Bauwerken aus dem Holyland-Modell dienen zur Illustration von Büchern, die sich mit dem antiken Israel oder dem Neuen Testament befassen. Das Bild des Tempelhauses wurde so bekannt, dass später entstandene Darstellungen dieses Gebäudes von der Darstellung im Holyland-Modell abhängig sind.

Im Jahr 2006 wurde das Modell auf dem Campus des Jerusalemer Israel-Museums in Nachbarschaft zum Schrein des Buches neu aufgebaut.

600px|mini|zentriert|Gesamtansicht des Holyland-Modells von Süden (2012)

Entstehung Idee Die Entstehung des Holyland-Modells ist eng mit der politischen Situation in Israel zwischen 1948 und 1967 verbunden. Die zionistischen Pioniere in der Zeit vor der Staatsgründung Israels hatten mit der Jerusalemer Altstadt noch wenig anfangen können. Das änderte sich mit dem Unabhängigkeitskrieg. Die Schlacht um Jerusalem kostete auf beiden Seiten viele Opfer; danach stand die Altstadt unter jordanischer Verwaltung. Die jüdische Einwohnerschaft war vertrieben, ihre Synagogen mutwillig zerstört worden. In der israelischen Öffentlichkeit entstand dadurch nach 1948 eine starke emotionale Bindung an Jerusalem. Aber bis 1967 war es für Israelis unmöglich, die Altstadt zu besuchen.

Der deutsch-jüdische Bauunternehmer Hans Kroch hatte die Idee zu einem großen Stadtmodell des antiken Jerusalem als kulturelles und touristisches Element für seinen Hotelkomplex (1959 Eretz Hatzvi „Hirschland“, vor 1966 umbenannt in Holyland) im Jerusalemer Vorort Bayit veGan und gewann 1962 den Archäologen Michael Avi-Yonah von der Hebräischen Universität für die Umsetzung dieses Projektes. Hans Kroch stellte das Gelände zur Verfügung und finanzierte Aufbau und Wartung der Anlage. Damit wollte er seinem 1948 im Unabhängigkeitskrieg gefallenen Sohn ein Denkmal setzen.

Planung Hinter dem Modell stand die wissenschaftliche Expertise Michael Avi-Yonahs, der als Spezialist für die Zeit des Zweiten Tempels galt. Seine Frau, die Malerin Eva Avi-Yonah, entwarf die Gebäude. Weil die Altstadt für ihn nicht zugänglich war, nutzte Avi-Yonah vor allem antike Quellentexte und ältere Grabungsberichte. Als Ausgleich besuchten die Eheleute Avi-Yonah gemeinsam antike Städte des Mittelmeerraumes. Eva Avi-Yonah legte über drei Jahre eine Sammlung von Architekturzeichnungen hellenistischer und römischer Bauten an, die nachher für die Gestaltung der Modelle wichtiger Bauwerke Jerusalems herangezogen wurden.

Vorbild: Stadtmodell von Rom Als die Eheleute Avi-Yonah Rom besichtigten, studierten sie das Modell der Stadt zur Zeit Kaiser Konstantins (Maßstab 1:250), an dem Italo Gismondi von 1935 bis 1971 arbeitete. Ursprünglich für die Mostra Augustea della Romanità geschaffen, steht es seit 1955 im Museo della Civiltà Romana und war ein Vorbild des Jerusalemer Modells. Das betraf zum Beispiel die etwas überproportionale Darstellung der Hügel und Täler sowie der Straßenbreiten; beides erleichterte dem Betrachter die Orientierung.

Das Modell des imperialen Rom beruhte auf umfangreichen Quellenstudien und Ausgrabungen, aber es blieben Lücken, die hypothetisch gefüllt werden mussten. Weil Gismondi als Experte galt und die Rekonstruktionen bekannter Gebäude überzeugten, verlieh das auch den hypothetischen Teilen des Modells Glaubwürdigkeit. Vor allem aber, so die These von Yael Padan, bestätigte das Modell des imperialen Rom ein Bild der antiken Zivilisation, das im kollektiven Gedächtnis bereitlag. Die Stadtmodelle von Rom und von Jerusalem stimmen in diesem Punkt überein: „Jedes von ihnen zeigt eine Periode der fernen Vergangenheit, von der man glaubt, dass sie die Blütezeit der Nation verkörpert, und unterstützt die Projektion dieser Blütezeit auf aktuelle Interpretationen der kollektiven Identität.“

Bezugsjahr 66 n. Chr.

Dieses Narrativ liegt dem Holyland-Modell zugrunde, auch an seinem aktuellen Standort auf dem Campus des Israel-Museums. Jerusalem war demnach im Bezugsjahr eine blühende Metropole. Ausgelassen wird von diesem Narrativ die Spaltung der Zelotenbewegung schon im Jahr 66 durch die Ermordung des als Messias auftretenden Menahem. Der Aufstand in fast aussichtsloser Lage wird im Narrativ positiv bewertet. Das Jahr 66 n. Chr. stehe, ähnlich wie der Aufstand im Warschauer Ghetto, für die Manifestation ungebrochener Moral, so Maya Balakirsky Katz, und diese innere Haltung sei ein wichtiges Element des nationalen Ethos im heutigen Staat Israel. mini|Golgathafelsen, im Hintergrund die Burg Antonia: Stätten christlicher Tradition (Holyland-Modell)

Quellen Folgende antike Quellen wurden von Michael Avi-Yonah für das Stadtmodell ausgewertet: Flavius Josephus (Jüdischer Krieg, Jüdische Altertümer) Mischna Talmud Midrasch Neues Testament Eine von Avi-Yonah und Tsafrir verfasste Broschüre erklärte zudem: „Lokale Überlieferungen zur Lage heiliger Stätten in Jerusalem wurden auch in Betracht gezogen.“ Annabel Jane Wharton interpretierte diesen Satz so, dass bestimmte Einzelheiten, etwa der Golgathafelsen, nur den erwarteten Besuchern zuliebe in das Modell aufgenommen worden seien. Dass Michael Avi-Yonah jüdische und christliche Traditionen gleichermaßen bei der Rekonstruktion heranzog, machte sein Modell-Jerusalem zu einem gemeinsamen Raum für Juden und Christen; auch wegen dieser Grundentscheidung fand Avi-Yonahs Stadtmodell Anerkennung in der akademischen Öffentlichkeit.

Kombination von Josephus und archäologischen Daten mini|Die Türme Phasael, Hippikos und Mariamne (von links nach rechts); im Vordergrund der Palast des Herodes (Holyland-Modell) mini|Davidsturm der Zitadelle, von Avi-Yonah identifiziert mit dem Phasael-Turm (Davidsturm-Museum, Außenansicht von der Armenian Patriarchate Street, Jerusalem) Die oben genannten antiken Schriften sind nicht gleichmäßig ergiebig für die Rekonstruktion der Stadt. Flavius Josephus hat eine Reihe von Gebäuden sowie den Verlauf der Mauern genau beschrieben. Denn Josephus unternimmt mit dem Leser einen Stadtrundgang und macht ihn mit den Schauplätzen vertraut, die im Jüdischen Krieg wichtig waren; das bestimmt seine Auswahl. Neben dem Tempelareal interessierten ihn besonders drei Bereiche der Stadt: das Ensemble der drei Türme Hippikos, Phasael und Mariamne, der Palast des Herodes und die Burg Antonia. Diese Bauten hatten einen Doppelcharakter, sie enthielten luxuriöse Wohnräume, hatten aber auch militärische Bedeutung.

Wohntürme und Palast des Herodes Für Avi-Yonah stellte sich die Aufgabe, aus dem Text des Josephus ein Bild des jeweiligen Bauwerks zu gewinnen und dies in Einklang zu bringen mit den archäologischen Daten.

Der bis heute vorhandene Davidsturm der Zitadelle, der Steinlagen aus der Zeit des Herodes enthält, musste mit einem der drei Wohntürme identifiziert werden. Dafür gab es unterschiedliche Vorschläge. Außerdem hatte Cedric N. Johns (1950) im Bereich des Palastes gegraben und ein Stück Mauer sowie zwei Turmfundamente mit typisch herodianischen Bossenquadern gefunden.

Avi-Yonah identifizierte den Phasael-Turm mit dem Davidsturm und sah die von Johns gefundenen Türme nicht als Wohntürme, sondern als Teile der Stadtmauer an. Eine Besonderheit der Rekonstruktion Avi-Yonahs ist, dass er die drei Wohntürme mit Mauern verband und so zu einem eigenen Verteidigungswerk machte. Dies wäre strategisch sinnvoll gewesen, doch sind die Verbindungsmauern in den Quellen nicht bezeugt, und es gibt bisher weder von den Türmen Hippikos und Mariamne, so wie er sie lokalisierte, noch von den Mauern archäologische Funde.

Für den Palast des Herodes konnte Avi-Yonah auf die Grabungen von Kelso und Baramki (1950) sowie Detweiler und Pritchard (1951) in Jericho zurückgreifen: Eine dort freigelegte herodianische Villa verdoppelte er bei der Rekonstruktion des Jerusalemer Palastes, um sie in Einklang mit der Baubeschreibung des Josephus zu bringen. Dadurch entstand eine langgestreckte Anlage aus zwei einander gegenüberliegenden Palästen an den Schmalseiten und dazwischen einem großen, von Säulengängen gerahmten Park mit einem ovalen Wasserbecken im Zentrum.

Burg Antonia mini|Burg Antonia an der Nordwestecke des Tempelplatzes (Holyland-Modell) mini|Steinpflaster des Forums der Aelia Capitolina; in der christlichen Tradition als Lithostroton identifiziert (Ecce-Homo-Konvent der Kommunität Chemin Neuf, Jerusalem) Die Antonia diente zur Kontrolle des Tempelplatzes; Josephus hat sie ausführlich beschrieben. Seine Größenangaben gelten aber als übertrieben, die Beschreibung ist nicht immer klar. Die Burg nutzte ein vorhandenes Felsplateau.

Das Holyland-Modell folgt einer heute nicht mehr haltbaren Rekonstruktion, die erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts von Barnabas Meistermann vorgelegt wurde. Ihm zufolge war die Antonia eine monumentale viertürmige Anlage, die auch als Prätorium des Pilatus gedient habe. Damit wäre sie ein Schauplatz der Passionsgeschichte. Reste ihrer Bausubstanz seien in der Flagellatio-Kapelle und im Kloster der Sionsschwestern (heute: Kommunität Chemin Neuf) erhalten. Die Steinplatten des sogenannten Lithostroton (altgriechisch το λιθόστρωτον, ) seien ein Teil des Innenhofes gewesen. Der Dominikanerpater und Archäologe Louis-Hugues Vincent machte diese Interpretation seit den 1930er Jahren in mehreren Publikationen populär. Vincent ging so weit, die Kritzeleien eines Basilinda-Spiels auf diesem Pflaster als Zeitvertreib der Soldaten zu interpretieren, die Jesus von Nazaret nach seiner Verurteilung hier bewacht hätten. Diese für christliche Pilger interessante Deutung erfordert die Annahme einer Groß-Antonia, wie sie im Holyland-Modell zu sehen ist.

Tatsächlich ließ sich Bausubstanz aus der Zeit des Herodes nur auf dem trapezoiden Felsplateau nachweisen. Heute (Stand: 2018) geht man deshalb von einer deutlich kleineren Burg aus.

Kombination von Josephus und Mischna Beim Tempelareal stand Avi-Yonah eine zweite ergiebige Quelle zur Verfügung, der Mischna-Traktat Middot vom Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr. Diese Schrift will das mündlich überlieferte Wissen über die Tempelgebäude festhalten. Dabei mischt Middot allerdings Erinnerungen an den zerstörten Tempel mit Idealvorstellungen, wie ein künftiger Tempel beschaffen sein sollte (Tempelentwurf im Buch Ezechiel). Auch ist damit zu rechnen, dass die talmudischen Quellen (darunter Middot) Gebäude so beschreiben, wie sie vor den Baumaßnahmen des Herodes ausgesehen hatten. Avi-Yonah hielt die Informationen der Mischna für verlässlicher als Josephus’ Idealisierung des Bauwerks nach seiner Zerstörung; deshalb ist der Tempel des Holyland-Modells insgesamt eine Umsetzung der Beschreibung in Mischna Middot mit Hinzufügung einiger Einzelheiten aus Josephus’ Tempelbeschreibung.

Wie Avi-Yonah für sein Modell eine Synthese beider Quellen herstellte, zeigt das Beispiel des sogenannten Vorhofs der Frauen, so wie dieser in der Museumsbroschüre von 1966 beschrieben wurde. Dieser Hof war der Bereich, in dem jüdische Frauen und Männer an den Kulthandlungen im Tempel Anteil nehmen konnten; die Männer durften zwar bis in den nächsten Innenhof vorrücken, hatten dort aber nur einen schmalen Streifen des Hofes hinter einer Absperrung zur Verfügung.

Die Informationen aus Josephus (Jüdischer Krieg 5,198-206) sind unterstrichen, die Informationen aus der Mischna (Middot II 5) sind kursiv gesetzt, wobei Middot mehr ins Detail geht, als es der Museumsführer darlegt.