mini|Frontseite der Lakedaimoniergräber, Grabungsfoto von 1914/1915 Die Lakedaimoniergräber sind ein monumentaler Grabbau auf dem Kerameikos, dem bedeutendsten Friedhof vor den Toren des antiken Athen. Benannt sind sie nach der antiken Bezeichnung Lakedaimonier für die Bewohner Spartas. Der Grabbau befindet sich im Norden des heutigen Ausgrabungsgeländes auf der Südseite der antiken Kerameikos-Straße, die vom Stadtgebiet nach Nordwesten zur sogenannten Akademie führte. Es handelt sich um einen langgestreckten flachen Bau aus Steinquadern mit einer Gesamtbreite von etwa 24 Metern.
Die Lakedaimoniergräber werden allgemein als Grabbau für die Gefallenen des spartanischen Heers angesehen, das im athenischen Bürgerkrieg der Jahre 404/403 v. Chr. auf der Seite der „Dreißig Tyrannen“ kämpfte. Der antike Schriftsteller Xenophon beschreibt in diesem Zusammenhang in seinem Geschichtswerk ein Gefecht gegen die demokratische Partei im Piräus. Die dabei ums Leben gekommenen Spartaner werden seit dem Fund einer entsprechenden Grabinschrift mit den Bestattungen in den Lakedaimoniergräbern identifiziert.
Damit handelt es sich um eine von wenigen antiken Grabstätten, bei denen ein archäologischer Befund sowohl mit einem inschriftlichen Zeugnis als auch einer zeitgenössischen Schriftquelle verknüpft werden kann. Gleichzeitig sind die dort gemachten Funde wissenschaftlich von besonderer Relevanz, da es einerseits nur wenige bekannte spartanische Gräber und andererseits nur wenige Funde lakonischer (spartanischer) Keramik im rotfigurigen Stil gibt. Zudem lassen sich die Keramik-, aber auch die Waffenfunde der Lakedaimoniergräber durch die Verbindung zu historisch belegten Kampfhandlungen aufs Jahr genau datieren und verbessern damit auch die Datierungsmöglichkeiten stilistisch ähnlicher Objekte aus anderen Grabungen.
Geschichtlicher Zusammenhang Die Staatsgräberstraße im Kerameikos mini|Ausgrabungsplan des Kerameikos-Areals nach den ersten Ausgrabungen des Deutschen Archäologischen Instituts 1914/1915; im Bereich des dunkelroten Kreises befinden sich die Lakedaimoniergräber Die Lakedaimoniergräber befinden sich am Rand der Kerameikos-Straße, die vom Dipylon, einem Stadttor im Nordwesten des antiken Athen, zur „Akademie“ führte.Claudia Ruggeri: Die antiken Schriftzeugnisse über den Kerameikos von Athen. Teil 2: Das Dipylongebiet und der äußere Kerameikos. Holzhausen, Wien 2013, ISBN 978-3-85493-186-7, S. 29–32 und S. 120–123. Dieser heilige Hain wurde später namensgebend für Platons Akademie und die heutigen Akademien. Die Straße zur Akademie entwickelte sich ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. zu einer wichtigen Straße für die Prozessionen und Kulte der athenischen Bürgerschaft.Jutta Stroszeck: Der Kerameikos in Athen. Geschichte, Bauten und Denkmäler im archäologischen Park. Bibliopolis, Möhnesee 2014, ISBN 978-3-943741-04-9, S. 34. In der frühen klassischen Epoche, ab der Einrichtung der athenischen Demokratie Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr., wurde sie außerdem für die neu aufgekommenen Staatsbegräbnisse der Athener vorgesehen. Um die Identifikation der Bürger mit dem Stadtstaat zu verstärken, hatte man in dieser Zeit die zuvor üblichen prunkvollen und ausufernden Privatbegräbnisse eingeschränkt und staatliche Bestattungsrituale durchgesetzt. Unter anderem wurden auf der Kerameikosstraße jeden Winter großangelegte Begräbnisfeiern, sogenannte Epitaphien, für alle gefallenen athenischen Soldaten abgehalten; ihre Asche wurde dann in einem gemeinsamen Grabmal beigesetzt, das als Demosion Sema bezeichnet wurde.Nathan T. Arrington: Topographic Semantics. The Location of the Athenian Public Cemetery and Its Significance for the Nascent Democracy. In: Hesperia. Band 79, 2010, S. 499–539. Bei einer solchen Gelegenheit wurde beispielsweise die Gefallenenrede des Perikles gehalten. Wegen dieser gestiegenen Bedeutung wurde die Straße im späten 5. Jahrhundert v. Chr. auf eine Breite von etwa 40 Metern ausgebaut. Noch im 2. Jahrhundert n. Chr. beschrieb der Reiseschriftsteller Pausanias die Anlage ausführlich, auch wenn zu diesem Zeitpunkt einige der Gräber bereits beraubt und/oder zugeschüttet waren.Claudia Ruggeri: Die antiken Schriftzeugnisse über den Kerameikos von Athen. Teil 2: Das Dipylongebiet und der äußere Kerameikos. Holzhausen, Wien 2013, ISBN 978-3-85493-186-7, S. 36–40.
Die Krieger waren in den Staatsgräbern nach Phyle geordnet bestattet; ihre Namen wurden auf einfachen Stelen genannt. Herausragende Feldherren und Staatsmänner wie Perikles, Kleisthenes, Harmodios und Aristogeiton konnten jedoch nach Beschluss der Volksversammlung eigene Grabbauten auf dem Weg zur Akademie erhalten. Von diesen Bauten und auch vom Demosion Sema sind keine eindeutigen archäologischen Befunde entdeckt worden. Nur zwei Bauten, die als Staatsgräber angesehen werden können, wurden bisher nennenswert freigelegt und intensiver untersucht: die Lakedaimoniergräber und der Rundbau beim dritten Horos.
Schlacht am Piräus 403 v. Chr. Die konkrete Interpretation und Benennung der Lakedaimoniergräber basiert auf der daneben gefundenen Inschrift. Die zwei darauf erhaltenen Namen sind aus dem Geschichtswerk des athenischen Schriftstellers Xenophon, der Hellenika, für das Jahr 403 v. Chr. belegt.
Die dort geschilderte Episode steht im Zusammenhang mit der Niederlage Athens gegen Sparta im Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.). Im Anschluss an diese langjährige Auseinandersetzung herrschte mit Unterstützung der Siegermacht Sparta eine Gruppe von Oligarchen über Athen, die „Dreißig Tyrannen“. Daraufhin brach ein Bürgerkrieg zwischen der demokratischen Partei der Stadt und den Oligarchen aus. Der demokratische Politiker Thrasybulos kehrte aus seinem Exil zurück und zog mit Truppen in Richtung der Stadt Athen. Nach kurzer Zeit mussten sich die „dreißig Tyrannen“ nach Eleusis zurückziehen, überließen die Macht in Athen jedoch einer Gruppe von dreitausend ihnen loyal gesinnten Bürgern. Diese baten nun gemeinsam mit den dreißig Oligarchen die Spartaner um militärische Hilfe, woraufhin diese Lysander und Libys mit Truppen nach Athen schickten. Pausanias, einer der beiden spartanischen Könige, zog jedoch ebenfalls mit einem eigenen Heer nach Attika, da er eine zu große Machtkonzentration in Lysanders Händen befürchtete.Zu diesem politischen Kontext siehe beispielsweise Karl-Wilhelm Welwei: Das klassische Athen. Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4. Jahrhundert. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1999, S. 247–253.
Als seine Soldaten im Mai in der Nähe des Athener Hafens Piräus das Gelände erkundeten, kam es am Fuß des Hügels Munychia zu einem Handgemenge mit einigen Demokraten, die schließlich fliehen mussten und sich in das Theater des Piräus zurückzogen. Dort befanden sich gerade weitere demokratische Soldaten.Ausführlicher zur Schlacht beim Piräus siehe Silvio Accame: La battaglia presso il Pireo del 403 a.c. In: Rivista di Filologia e d'Istruzione Classica. Neue Serie, Jahrgang 16, 1938, S. 346–356.
Xenophon schildert die nun eintretende Situation folgendermaßen: „Die leichten Truppen [der Demokraten] rannten sofort hinaus [aus dem Theater] und schleuderten Speere, Wurfspieße, Pfeile und Steine. Die Lakedaimonier, unter denen es eine Menge Verwundete gab, wichen arg bedrängt Schritt für Schritt zurück, aber die Gegner setzten ihnen gleichzeitig umso härter zu. Da fielen Chairon und Thibrachos, beides Polemarchen, und Lakrates, der Sieger in den Olympischen Spielen, sowie andere Lakedaimonier, welche alle vor den Stadttoren auf dem Kerameikos bestattet liegen. Als Thrasybulos die Lage sah, kam er zu Hilfe mit dem Rest seiner Hopliten, die sich in aller Eile vor Halai zum Kampf ordneten …“Xenophon, Hellenika 2,4,33. Übersetzung: Gisela Strasburger: Xenophon, Hellenika (Tusculum-Bücherei). Heimeran, München 1970, S. 142–145.
Nach dieser für ihn gefährlichen militärischen Auseinandersetzung gelang es König Pausanias jedoch rasch, die beiden Parteien der Athener Bürgerschaft zu Gesprächen zu bewegen. Die Verhandlungen fanden unter Pausanias’ Kontrolle statt und endeten im Herbst des Jahres 403 v. Chr. mit der Einsetzung einer gemäßigten demokratischen Regierung in Athen.Karl-Wilhelm Welwei: Das klassische Athen. Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4. Jahrhundert. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1999, S. 252–254.
Historische Einordnung der Gräber Die spartanischen Gefallenen dieser Schlacht am Theater des Piräus lassen sich mit den Toten in den Lakedaimoniergräbern identifizieren. Sicher ist das aufgrund ihrer Nennung in der Grabinschrift bei Chairon und Thibrachos, die im Jahr 403 v. Chr. zu den sechs Polemarchen Spartas gehörten, also jeweils eine Abteilung des Heeres befehligten.Jutta Stroszeck: Το Μνημείο των Λακεδαιμονίων στον Κεραμεικό. Ένα ταφικό μνημείο στο προσκήνιο του αθηναϊκού εμφυλίου πολέμου του 403 π. Χ. In: Nikos Birgalias u. a. (Hrsg.): War-Peace and Panhellenic Games. Kardamitsa, Athen 2013, S. 381–402, hier S. 383.
Der andere von Xenophon namentlich erwähnte Lakedaimonier ist Lakrates, der einen Wettkampf bei den Olympischen Spielen gewonnen hatte. Olympiasieger waren in der griechischen Antike allgemein äußerst angesehen und hatten im spartanischen Heer die Aufgabe, den König als Leibwache zu beschützen.Jutta Stroszeck: Το Μνημείο των Λακεδαιμονίων στον Κεραμεικό. Ένα ταφικό μνημείο στο προσκήνιο του αθηναϊκού εμφυλίου πολέμου του 403 π. Χ. In: Nikos Birgalias u. a. (Hrsg.): War-Peace and Panhellenic Games. Kardamitsa, Athen 2013, S. 381–402, hier S. 388. Ob auch Lakrates im selben Grabkomplex bestattet ist, hängt unter anderem von der Ergänzung der unvollständig erhaltenen Inschrift ab (siehe unten im Kapitel Grabinschrift). Die Lakedaimoniergräber stellen die einzige überhaupt bekannte Grablege von Spartanern dar, die sich in die klassische Epoche datieren lässt.Stephen Hodkinson: Property and Wealth in Classical Sparta. Gerald Duckworth & Co./The Classical Press of Wales, London/Swansea 2000, ISBN 0-7156-3040-7, S. 243.
mini|Heutiger Zustand der stark verschmälerten Kerameikosstraße: Blick von den Lakedaimoniergräbern (im Vordergrund der zentrale Kernbau) in Richtung der Stadtmauerreste; im Hintergrund ist die Akropolis zu erkennen Dass die Spartaner ein Staatsgrab direkt vor den Toren Athens erhielten, ist darin begründet, dass sie in der konkreten Kriegssituation die Verbündete der athenischen Führungsschicht waren.LaRue van Hook: On the Lacedaemonians Buried in the Kerameikos. In: American Journal of Archaeology. Band 36, 1932, S. 290–292, hier S. 291. Seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. wurde es im spartanischen Heer üblich, die Gefallenen nicht mehr in Einzelgräbern in der Heimatstadt, sondern im direkten Umfeld ihres Todesortes in Gruppengräbern, den Polyandria, beizusetzen.Stephen Hodkinson: Property and Wealth in Classical Sparta. Gerald Duckworth & Co./The Classical Press of Wales, London/Swansea 2000, ISBN 0-7156-3040-7, S. 251–255. Da im vorangegangenen Peloponnesischen Krieg das Areal vor den Stadtmauern Athens verwüstet worden war, war nun an einer solch prominenten Stelle der Platz frei, die Lakedaimoniergräber zu errichten.Jutta Stroszeck: Der Kerameikos in Athen. Geschichte, Bauten und Denkmäler im archäologischen Park. Bibliopolis, Möhnesee 2014, ISBN 978-3-943741-04-9, S. 259.