mini|Erstausgabe des Buches von 1722
Die Pest zu London (Original: „A Journal of the Plague Year. Beeing Observations or Memorials, Of the most Remarkable Occurrences, As well Publick as Private, which happened in London During the last Great Visitation In 1665.“Tagebuch aus dem Pestjahr. Beobachtungen oder Erinnerungen, die bemerkenswertesten öffentlichen und privaten Vorfälle betreffend, welche sich in London während der letzten großen Heimsuchung im Jahre 1665 ereigneten.) ist der Titel eines 1722 publizierten fiktiven Dokumentarberichts des englischen Schriftstellers Daniel Defoe. Das Werk handelt von Ereignissen während der Großen Pest von London im Jahr 1665 und zählt zu den bedeutenden Pest- und Seuchen-Erzählungen der Weltliteratur.Die Pest zu London von Daniel Defoe – Klassiker der Seuchenliteratur. Sigrid Löffler im Gespräch mit Andrea Gerk, ein Beitrag im Deutschlandfunk vom 17. März 2020. Die deutschen Übersetzungen von Heinrich Steinitzer, Rudolf Schaller und Werner Barzel erschienen 1925Gerg Müller Verlag München, 1956Aufbau Verlag Berlin bzw. 1961.Fischer Verlag Frankfurt am Main
Überblick Als die Pest zum vierten Mal im 17. Jahrhundert die Stadt an der Themse heimsucht, wird es die verheerendste Epidemie seit dem ersten Auftreten der Seuche auf den Britischen Inseln, dem Schwarzen Tod in der Mitte des 14. Jahrhunderts. London gleicht einem Hexenkessel. Während viele Bürger aus der Stadt ins Umland flüchten, bleibt der Erzähler H. F. in London und erlebt die Entwicklung der Epidemie und das Leben und Sterben vieler Menschen in ihren unter Quarantäne stehenden Häusern. In seinem Augenzeugenbericht schildert er die vergeblichen Maßnahmen, die Menschen vor Ansteckungen zu schützen. Kurpfuscher und Beutelschneider nutzen ungeachtet der puritanischen Sittenstrenge die Gunst der Stunde, um sich mit Wunderheilmitteln und anderen Betrügereien an der Not der Menschen zu bereichern. Hysterischer Aberglaube, verheerende Arbeitslosigkeit sind die Begleiterscheinungen eines Massensterbens, dem rund 100.000 Menschen zum Opfer fallen.
Inhalt mini|Straßenszene während der Pestepidemie in London Der Erzähler Der fiktive Erzähler mit den Initialen H. F. wohnt außerhalb der City im östlichen Gebiet Aldgate/Whitechapel. Er ist Sattler und führt ein Geschäft mit Handelsverbindungen in die Kolonialgebiete. Als die Pestgefahr sich ankündigt, rät sein Bruder dem Unverheirateten, mit ihm und seiner Familie die Stadt zu verlassen. Nachdem mehrere Zeichen ihn auf seinen von Gott ihm zugewiesenen Platz hinweisen, bleibt er aus religiösen Gründen mit einer Haushälterin, einem Dienstmädchen und zwei Dienern in seinem Haus und schränkt die Kontakte zu den anderen Bürgern ein. Aus Neugier verlässt er aber immer wieder sein Haus, beobachtet das Leben der Menschen im Verlauf der Epidemie und hört Erzählungen und Gerüchte über die Folgen der Pest. Für einige Zeit wird ihm das Amt des Visitators oder Gesundheitsinspektors übertragen. Dadurch erhält er Einblicke in die Wohnverhältnisse der Menschen und ihre Gemütslage. Diese Erfahrungen, die Erzählungen anderer Bürger und die Statistiken der Pfarrbezirke sind Grundlagen seines Berichts über die Zeit von September 1664 bis zum Abflauen der Epidemie im Winter 1665/1666.
Verlauf der Epidemie Die 1660er Jahre sind eine politisch unruhige Zeit. 1660 wird nach dem Bürgerkrieg und der kurzen republikanischen Phase mit puritanischer Ausrichtung unter der Herrschaft Cromwells mit der Inthronisation Karls II. die Monarchie wieder hergestellt. Die Spannungen zwischen den verfeindeten Gruppen der anglikanischen, der presbyterianischen Kirche und den Katholiken halten aber an und die Unzufriedenheit mit dem König wächst. So führt in dieser Atmosphäre der Unsicherheit die Erscheinung eines Kometen im Jahr vor der Pestepidemie zu Gerüchten und Weissagungen eines Weltuntergangs und zu einer Stimmung der Angst. Der Erzähler sieht hier einen Zusammenhang mit der überstürzten Flucht vieler Menschen aus London City nach den ersten Anzeichen der Pest. Die Kirchen rufen zur Buße und zum Gebet auf. Religiöse Eiferer geben der Sündhaftigkeit der Menschen die Schuld. Quacksalber und Geschäftemacher bieten Arzneien und Behandlungsmethoden an. Andererseits ignorieren viele Menschen anfangs die Gefahr einer Erkrankung. Der Erzähler vermutet, dass vor Bekanntwerden der ersten Fälle bereits viele an der Pest gestorben sind, dass man die Fälle aber aus Angst vor sozialer Isolierung nicht meldete und als Todesursache z. B. Fleckfieber angab.
Die Epidemie breitet sich im Lauf eines Jahres von den westlichen Pfarreien der Stadt, z. B. St Giles, und nördlichen Vororten aus zur City und den östlichen Bezirken hin aus und nimmt in den zuerst betroffenen Bezirken wieder ab. Sie erfasst demnach nie gleichzeitig die ganze Stadt. Während des Höhepunkts der Pest in der City normalisiert sich das Leben schon wieder in den westlichen Pfarrbezirken. Überall findet derselbe Ablauf statt: Erste Anzeichen, die oft nicht ernst genommen werden. Schubweises Anwachsen der Krankheitsfälle bis zum Zusammenbruch des Überwachungssystems. Rückgang der Todeszahlen und allmähliche Normalisierung des Lebens in der ganzen Stadt.
Maßnahmen zur Bekämpfung der Pest Nach Bekanntwerden der Pestfälle ergreifen die Behörden sofort Maßnahmen: Meldepflicht bei den ersten Symptomen und ärztliche Untersuchung. Quarantäne der Bewohner in Häusern mit Erkrankten für 40 Tage. Bereitstellung von Pflegerinnen. Versorgung der Eingeschlossenen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten. Bewachung des Hauses, um ein Verlassen zu verhindern. mini|Pest-Leichenwagen in London 1665 Bei der Ausdehnung der Epidemie beschließen der Lordmayor und das Ratskollegium der Stadt, ganze Straßenabschnitte zu sperren und im Stadtviertel die Vergnügungen in Gasthäusern und Tanzlokalen zu verbieten. Man versucht, die noch nicht Infizierten eines Haushalts zu schützen, indem man die Kranken in die Pesthäuser bringt, wo sie ärztlich versorgt werden. Die Passanten müssen Abstand halten und auf den Märkten werden Berührungen vermieden, indem die Kunden sich selbst bedienen und die Münzen in mit Essig gefüllte Schalen legen. Die Menschen werden aufgerufen, sich von den Kranken zu isolieren, die Wohnungen zur Desinfektion mit Harz, Schwefel usw. auszuräuchern, die Hunde und Katzen zu töten sowie Ratten und Ungeziefer zu jagen. Durch die Gefangenschaft in einer Wohnung oder einem Haus infizieren sich oft nacheinander alle Mitbewohner, außerdem Pflegerinnen und Wundärzte. Die Toten müssen, in Tüchern eingehüllt, da bald keine Särge mehr zur Verfügung stehen, von Dienstleuten und Gemeindedienern aus dem Haus gebracht und mit Totenkarren zu den Massengräbern auf den Friedhöfen gebracht werden.
Flucht aus der Stadt Die wohlhabenden Bürger fliehen mit ihren Familien und dem Dienstpersonal nach Bekanntwerden der Pesterkrankungen aus der Stadt auf ihre Landsitze und bleiben dort bis zum Ende der Epidemie. Seeleute holen ihre Familien auf ihre Schiffe, die in langen Reihen auf der Themse verankert und von Fährleuten mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Der Erzähler schildert eine Begegnung mit einem Fährmann, der getrennt von seiner pestkranken Frau lebt und das Geld zur Ernährung seiner Familie mit der Versorgung der Flussschiffe mit Lebensmitteln verdient.
Viele Menschen versuchen der Quarantäne in der Stadt zu entgehen und sich im Umland niederzulassen. Sie erleben jedoch ähnliche Situationen, wenn ganze Ortschaften vor Fremden gesperrt sind. Einerseits suchen gesunde Flüchtlinge Unterkunft und Nahrung und werden zu Unrecht abgewiesen, andererseits haben die Bewohner berechtigte Angst vor Ansteckungen, weil viele Umherziehende ihre Herkunft aus Pestgebieten verschweigen. So besteht immer eine Unsicherheit, ob die Reisenden die Wahrheit über ihren Zustand sagen und ob sie überhaupt wissen, dass sie bereits infiziert sind, aber noch keine Symptome haben. Für den Erzähler ist dies ein Zeichen des Selbsterhaltungstriebs auf beiden Seiten, den er zwar verstehen kann, aber aus seiner christlichen Einstellung bedauert.
Eine ca. 40-seitige Erzählung handelt von drei Männern, dem Bäcker John, seinem Bruder, dem Segelmacher Tom, und einem Schreiner Richard. Sie beschließen, die Stadt zum Höhepunkt der Epidemie nach Norden zu verlassen und besorgen sich Gesundheitsbescheinigungen und Reisedokumente, die ihre Herkunft verschleiern. Zusammen mit einer anderen Gruppe wandern sie durch Essex. Sie stoßen auf Straßensperren vor den Dörfern und Städten und verhandeln mit den Soldaten, die sie aus Angst vor Ansteckungen anhalten und zum Weiterziehen auffordern. Sie haben Schwierigkeiten, sich zu versorgen und werden von den Bewohnern abgelehnt. Schließlich dürfen sie auf dem Land eines Gutsbesitzers Hütten bauen und werden von ihm versorgt.
Wirtschaftliche Folgen Die aufs Land ziehenden Geschäftsleute und Handwerker schließen ihre Geschäfte und entlassen ihre Arbeiter und Bediensteten. Es kommt darauf zu Versorgungsengpässen und Ernährungsproblemen mit den Folgen von Einbrüchen und Diebstählen in Häusern der aufs Land geflohenen Bürger. Die Stadtverwaltung versucht, die Not der Arbeitslosen zu lindern durch Nahrungsmittelverteilung und Beschäftigungsangebote. Viele Arme nehmen, um sich ernähren zu können, trotz der großen Ansteckungsgefahr die Stellen als Pflegerinnen, Wächter, Kontrolleure und Dienstmänner zur Versorgung der in den Häusern Eingeschlossenen und zum Abtransport der Leichen an. Der Erzähler betont, dass durch Spenden reicher Adliger und Bürger die Wohlfahrtskasse der Stadt unterstützt werden kann.
Die wirtschaftlichen Folgen betreffen jedoch nicht nur die Stadt, sondern viele Häfen, da sowohl der englische Binnenmarkt als auch der Überseehandel eingeschränkt wird. Aus Angst vor Ansteckungen dürfen englische Schiffe in der ganzen Welt nicht mehr anlegen. Andererseits meiden ausländische Schiffe London und andere englische Hafenstädte. mini|Entladung eines Totenkarren auf einem Londoner Friedhof
Verzweiflung der Menschen in der Stadt Die vom Lordmayor angeordneten Quarantänemaßnahmen werden vom Erzähler unterschiedlich bewertet: Einerseits ist es die einzige Möglichkeit, die Gefahr der Ansteckungen zu verringern, andererseits kommt es zu Verzweiflungstaten, wenn die Familie in einem Haus eingeschlossen ist. Das Verbot, die Häuser zu verlassen, schützt zwar die Bevölkerung vor infizierten Bewohnern eines Hauses und verhindert, dass diese zum Einkauf von Lebensmitteln auf den Markt gehen und mit Gesunden in Berührung kommen. Andererseits ist die 40-Tage-Quarantäne eine Qual für die Eingeschlossenen. Zumeist stecken sich nacheinander alle an. Aus Verzweiflung wird die Quarantäne in vielen Fällen durch die Flucht aus den Häusern unterlaufen. Die Entflohenen suchen Unterschlupf bei Bekannten, ohne ihnen die Gefahr mitzuteilen. Dadurch kommt es zu unkontrollierter Übertragung der Krankheiten. Der Erzähler erlebt Wahnsinnstaten kranker Menschen, die aus ihrem Haus ausbrechen, von den Wächtern aus Angst vor Berührungen nicht aufgehalten werden und wild durch die Stadt laufen, bis sie zusammenbrechen. Dem Erzähler werden Fälle von Suizid und willkürlichem aggressivem Angriff geschildert.
Auf dem Höhepunkt der Epidemie bricht das Überwachungs- und Meldesystem der Gesundheitsinspektoren, Ärzte und Wächter zusammen. Die infizierten Häuser können nicht mehr ermittelt und versorgt und die Leichen nicht mehr abgeholt werden, bis die Nachbarn durch den Verwesungsgeruch darauf aufmerksam werden und es den Behörden melden.
Ende der Epidemie