mini|Erneuerer Domenico Modugno interpretiert Nel blu dipinto di blu, 1958 mini|Popstar Eros Ramazzotti, 2015 Die italienische populäre Musik umfasst populärmusikalische Strömungen in Italien seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die strenge Trennung zwischen gehobener klassischer Musik und der dialektalen Volksmusik verhinderte in Italien lange die Entstehung einer nationalen populären Musik. Die neapolitanische Volksmusik konnte als erste die regionalen Grenzen überschreiten, die Entwicklung der ersten Aufnahmetechniken und die Verbreitung der caffè-concerti beeinflussten die Zirkulation von Musik um die Jahrhundertwende weiter. Ereignisse wie Massenemigration und Kolonialkriege sowie der Erste Weltkrieg lieferten neue Themen für Lieder und in der Zwischenkriegszeit erreichten amerikanische Einflüsse die italienische Musikszene, die mittlerweile auch im Radio ihr Publikum fand. Unter dem Faschismus erlebten populäre Lieder sowohl Zensur als auch Verwendung als Propaganda. Gleichzeitig brachten das Aufkommen des Tonfilms und die Entstehung von Rundfunkorchestern und Big Bands neue Kanäle zur Verbreitung der Musik mit sich.

Die Wiederbelebung des italienischen Musikmarktes nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte 1951 mit der ersten Ausgabe des Sanremo-Festivals, das fortan eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Weiterentwicklung der italienischen populären Musik einnehmen sollte. Nach Domenico Modugnos Sanremo-Sieg 1958 mit Nel blu dipinto di blu löste man sich zunehmend von der Tradition: Die 1960er-Jahre brachten neue Stilrichtungen, neue Musikwettbewerbe und eine Vielzahl neuer „Stars“ hervor. Nach den politisch und musikalisch turbulenten 1970er-Jahren setzte sich in den 1980er-Jahren besonders durch das Debüt von Eros Ramazzotti eine moderne Popmusik durch. Daneben kamen die kurzlebige Italo Disco und erste Vorboten des italienischen Hip-Hops auf, der vor allem ab den 1990er-Jahren Zulauf erfuhr. Im neuen Jahrtausend reihten sich Castingshows neben dem Sanremo-Festival als Plattformen für neue Sänger ein, was auch das Festival nachhaltig prägte.

Die Außenwirkung der italienischen populären Musik erfolgte in der Vergangenheit zum einen durch die mediale Verbreitung des Sanremo-Festivals (und des eng damit zusammenhängenden Eurovision Song Contests), zum anderen (hauptsächlich beschränkt auf die 1960er-Jahre) durch Erfolge fremdsprachiger Coverversionen italienischer Lieder im Ausland. Ausgewanderte Italiener und deren Nachkommen konnten außerdem ihre Musik in fremde Kulturen einbringen, was vor allem in den USA spürbar war. Später schafften mit Italo Disco und als Italo Pop bezeichneter Musik nur noch wenige Vertreter den Sprung über die Landesgrenze; bedeutende Absatzmärkte waren und sind hierbei Osteuropa und Lateinamerika.

Begriff In Italien und generell im Italienischen gibt es keine allgemein anerkannte Bezeichnung oder Definition von populärer Musik. Als in den 1960er-Jahren englischsprachiger Pop Italien erreichte, wurde musica pop als eigenständiges, ausländisches Genre aufgefasst, womit keine italienische Entsprechung für notwendig empfunden wurde. Ab den 1970ern begann man, wohl unter dem Einfluss von Musikjournalismus und Musikwissenschaft aus dem englischsprachigen Raum, musica popolare als wörtliche Übersetzung von popular music zu verwenden, wobei auch die Definition übernommen wurde. Allerdings stieß diese Bezeichnung schnell an ihre Grenzen, da der Begriff musica popolare schon mindestens seit dem 19. Jahrhundert von Musikethnologen und Volkskundlern für Volksmusik (verstanden als mündlich überlieferte, traditionelle Musik) belegt war. Um Missverständnisse zu vermeiden, entwickelte man für die populäre Musik in der Folge den Begriff musica popolare contemporanea („zeitgenössische musica popolare“). Allerdings änderte das wenig an der Zweideutigkeit (genauso gut könnte damit „zeitgenössische“ Volksmusik gemeint sein), außerdem scheint durch die Beschränkung auf den zeitgenössischen Kontext ältere populäre Musik ausgeschlossen zu werden.

Unabhängig davon hatte es sich schon früh eingebürgert, von populärer Musik (mit möglicherweise nicht völliger Deckungsgleichheit der Definitionen) einfach pars pro toto als canzone („Lied“) zu sprechen. Der Begriff canzone in der Bedeutung eine Vokalkomposition geht auf Dante Alighieris De vulgari eloquentia (1303–1305) zurück, im Lauf der Geschichte wurde er sehr unterschiedlich verwendet (eine Kanzone kann auch ein Instrumentalstück sein). Im heutigen Sprachgebrauch sind canzone und der leicht abwertend verstandene Diminutiv canzonetta zwar fast allumfassend und damit durchaus als begriffliche Entsprechung der populären Musik geeignet, allerdings sind die Begriffe durch die im Faschismus erfolgte und teilweise noch heute präsente Ausgrenzung populärer Musik ausländischen (insbesondere afroamerikanischen) Ursprungs empfindlich eingeschränkt. Für rein italienische Musik ist der Begriff aber weit verbreitet, besonders deutlich im vollständigen Namen des Sanremo-Festivals, Festival della Canzone Italiana.

Ein weiterer verbreiteter Begriff ist musica leggera („leichte Musik“), der Ende des 19. Jahrhunderts aus einer konservativen Perspektive heraus geprägt wurde und Lieder, Tanzmusik sowie die Operette mit einschloss, analog zur deutschen Trivialmusik. Während des Faschismus etablierte das öffentliche Radio den Begriff, wobei jedoch die Operette aus der Definition heraus fiel. Problematisch an dem Begriff ist zum einen der stark abwertende Beigeschmack, zum anderen die Tatsache, dass viele Strömungen innerhalb der italienischen populären Musik (Urlatori, Cantautori oder Punkrocker) sich konkret gegen diese Bezeichnung stemmten und so gewissermaßen als Gegenbewegungen zur musica leggera wahrgenommen wurden. Daneben sind oder waren im akademischen Kontext auch musica d’uso (Gebrauchsmusik) und musica di consumo (Konsum-Musik) im Gebrauch. Bereits ab den 1980er-Jahren begann man aufgrund dieser begrifflichen Widersprüche, vereinzelt auf die englische Bezeichnung popular music zurückzugreifen. Diese konnte sich zwar mit der Zeit etablieren, ist aber doch nur bei einer Minderheit tatsächlich im Gebrauch. Parallel (und in Abgrenzung) dazu entstand auch der Begriff musica moderna („moderne Musik“).

Geschichte

Die italienische populäre Musik hat ihre Anfänge nach allgemeiner Auffassung in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Als Ausgangspunkt wird die Veröffentlichung des Liedes Santa Lucia von Teodoro Cottrau und Enrico Cossovich angesehen: Auch wenn es sich im Grunde um die Übersetzung einer Barkarole aus dem Neapolitanischen handelte, gilt das Lied als erster Versuch, die Tradition der „gehobenen“ Musik (musica colta) sowohl melodisch als auch textlich mit der Tradition der Volksmusik in Einklang zu bringen. Anders als etwa in Frankreich, wo die Wurzeln des Vaudeville im Chanson des 16. Jahrhunderts liegen, oder im deutschsprachigen Raum, wo Musik und Dichtung im Kunstlied zusammenfanden, bestand in Italien über viele Jahre eine deutliche Trennung zwischen Kompositionen der gehobenen Musik (etwa Romanzen oder Operetten) und den im Dialekt gehaltenen Liedern aus der Volksmusik. Dabei hatten es lokale Musiktraditionen sehr schwer, ihr eng begrenztes Verbreitungsgebiet zu verlassen; am ehesten gelang dies der neapolitanischen Volksmusik sowie teilweise der römischen und mailändischen. Erst um 1900, auch unter dem Einfluss des französischen Café-concert, löste sich diese strikte Trennung der Musikstile langsam auf, eine Entwicklung, die schließlich mit dem Ende des Ersten Weltkriegs als abgeschlossen betrachtet werden kann.

Volksmusik vor der italienischen Einigung mini|Die italienischen Großregionen (Ober-, Mittel- und Süditalien mit Inseln) Die Volksmusikforschung hat eine Reihe verschiedener Traditionen auf der Italienischen Halbinsel ausgemacht, die sich grob in zwei Gruppen einteilen lassen: zum einen die „gallisch-italische“ (gallo-italica) Tradition Oberitaliens, die deutlich unter französischem Einfluss steht und auf syllabischen Gesang sowie erzählerischen Texten aufbaut; zum anderen die Tradition Mittel- und Süditaliens, die durch melismatischen Gesang und lyrische, deskriptive Texte geprägt ist.

Das älteste erhaltene Volkslied aus Oberitalien ist La donna lombarda, das laut dem Historiker Costantino Nigra aus dem 5. Jahrhundert stammt und das wahrscheinlich mit der Langobardenkönigin Rosamunde zusammenhängt. Erste Spuren der mittel- und süditalienischen Tradition hingegen finden sich im 12. und 13. Jahrhundert einerseits mit La ienti de Sion, einer jüdisch-italienischen Elegie, die üblicherweise während des Fasttags Tischa beAv angestimmt wurde und die vermutlich aus den Marken stammt; andererseits mit Turiddu, chi si’ beddu, chi si’ duci, einer Stanze, die wahrscheinlich auf einen Bänkelsänger (cantastorie) zurückgeht und erstmals in Partinico nachgewiesen wurde.

Innerhalb der einzelnen Traditionen finden sich in Oberitalien der Trallalero Liguriens, die narrativen Gesänge aus dem Grenzgebiet zwischen Frankreich und dem Aostatal, die Lieder über einzelne historische Persönlichkeiten oder Ereignisse aus dem Piemont und der Lombardei, die sogenannten Villotte des Triveneto, oder die emilianischen Volkslieder aus den Überlieferungen der Po-Ebene. In Mittelitalien war Stegreifdichtung wie der Stornello von Bedeutung, der in verschiedenen Varianten in der Toskana (als rispetto), in Umbrien und in den Abruzzen (als canzune oder canzune suspette) vorkam, aber auch Gesänge in Stanzen, der Chorgesang il bei (aus der Gegend des Monte Amiata, mit Ähnlichkeit zum ligurischen Trallalero) und der mehrstimmige Vatocco der Marken, Umbriens und der Abruzzen. Im Süden schließlich kamen so verschiedene Traditionen wie der Tanz Saltarello aus dem unteren Latium, der zur Tarantella in Kampanien und Apulien und zur Pizzica im Salento überging, Bauerngesänge der Basilikata und Kalabriens, oder Gesänge der sizilianischen Fuhrmänner vor; bedeutend war auch die musikalische Vielfalt Sardiniens, die von den Tenores Barbagias über die Tasgia von Gallura zu den Muttos, den Muttettos und der Mattorina reichte.

Die neapolitanische Volksmusik

mini|hochkant|Salvatore Di Giacomo, einer der bedeutendsten Poeten des neapolitanischen Liedes Eines der frühesten Beispiele für den traditionellen neapolitanischen Gesang ist der Canto delle lavandaie del Vomero, eine frühe Form der Villanelle (auch canto agreste, „ländlicher Gesang“) aus dem 13. Jahrhundert. Mit dieser polyphonen Kompositionsform befassten sich auch angesehene Komponisten wie Orlando di Lasso, Claudio Monteverdi und Giulio Caccini; erst später näherte sie sich der Volksmusik an, wobei sie formelle und stilistische Anleihen von der Opera buffa des 18. Jahrhunderts nahm und Blas- und Schlaginstrumente als Begleitung miteinbezog. Der andere prägende Einfluss der süditalienischen Musiktradition war die Tarantella, die wahrscheinlich Mitte des 17. Jahrhunderts in Apulien entstand und im 18. Jahrhundert vor allem in Neapel populär wurde.