Sergei Wiktorowitsch Skripal (; * 23. Juni 1951 in Kaliningrad,Ein Giftanschlag, der Befürchtungen weckt. Die Zeit, 15. März 2018. Russische SFSR, Sowjetunion) ist ein ehemaliger Oberst des sowjetischen, später russischen Militärnachrichtendienstes GRU. Er wurde 1995 vom britischen Auslandsgeheimdienst MI6 rekrutiert und enttarnte als Überläufer eigene, sprich russische Agenten gegenüber dem MI6. Rund vier Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem (russischen) Geheimdienst wurde er als Informant enttarnt und verhaftet. Nach sechs Jahren Haft (in Russland) wurde er 2010 im Rahmen eines Agentenaustauschs freigelassen und durfte sich in der englischen Stadt Salisbury niederlassen.
Am 4. März 2018 wurden er und seine Tochter Julija in Salisbury bewusstlos aufgefunden und mit Anzeichen einer Vergiftung in eine Klinik eingeliefert. Die offensichtliche Anwendung eines geächteten Nervenkampfstoffes aus der Nowitschok-Gruppe löste eine schwere diplomatische Krise zwischen Großbritannien und seinen Verbündeten einerseits und Russland andererseits aus, das laut Premierministerin Theresa May „sehr wahrscheinlich“ für den Giftanschlag verantwortlich war. Sowohl Julija als auch Sergei Skripal hatten sich mindestens so weit erholt, dass sie im April bzw. Mai 2018 aus dem Krankenhaus entlassen werden konnten.
Leben und Agententätigkeit Sergei Skripal wurde in Kaliningrad und Moskau zum Pionieroffizier der Luftlandetruppen ausgebildet. 1979 gehörte er zu den ersten Soldaten der Sowjetarmee, die im Zuge der sowjetischen Intervention in Afghanistan kämpften. Er heiratete seine Jugendliebe aus Kaliningrad, Ljudmila. Ihr Sohn Alexander wurde 1974 geboren. 1984 kam ihre Tochter Julija zur Welt. Nach seinem Einsatz in Afghanistan absolvierte Skripal die Militärdiplomatische Akademie in Moskau, die künftige Agenten für verdeckte Arbeit im Ausland vorbereitet. Während seines Studiums wurde er vom Militärnachrichtendienst GRU rekrutiert. Zunächst spionierte er in den 1980er- und 1990er-Jahren mit Diplomatenstatus in Europa.Sergei Skripal – the Russian former spy at centre of poison mystery. In: BBC, 10. März 2018. Zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion war er als Oberst der GRU in Spanien, wo ihn der britische Auslandsgeheimdienst MI6 anwarb (Codename Forthwith). Im Laufe der Zeit übergab er dem MI6 das gesamte Telefon- und Mitarbeiterverzeichnis des GRU und enttarnte so hunderte Agenten.
Im Jahr 1999 oder 2000 verließ Skripal die GRU. Freunden erzählte er, er sei frustriert gewesen über die Korruption beim Nachrichtendienst. Anschließend arbeitete er für den ehemaligen Kommandeur der sowjetischen Streitkräfte in Afghanistan Boris Gromow. Während seiner Beschäftigung bei Gromow lehrte er auch an der Militärakademie des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation.
Im Dezember 2004 wurde er als Informant des MI6 entlarvt und in Russland verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, ab den 1990er-Jahren dem MI6 die Identitäten russischer Agenten in Europa verraten zu haben. Der russische Ankläger behauptete, der MI6 habe ihm dafür 100.000 US-Dollar gezahlt. 2006 wurde er von einem Moskauer Militärgericht in einem für die Medien weitgehend geschlossenen Prozess wegen „Hochverrats in Form von Spionage“ zu 13 Jahren in einem Arbeitslager verurteilt. Das Gericht entzog ihm sämtliche Titel und Auszeichnungen. Die Familie Skripals bestritt alle Vorwürfe des Geheimnisverrats gegen Sergei Skripal und bezeichnete sie als „fabriziert“. Einen Großteil seiner Strafe verbrachte Skripal in einem Arbeitslager in Mordwinien.
Im Juli 2010 begnadigte ihn der damalige russische Präsident Dmitri Medwedew. Skripal wurde zusammen mit drei weiteren westlichen Spionen (darunter der Atomphysiker Igor Sutjagin) gegen zehn vom FBI verhaftete russische Spione (darunter Anna Wassiljewna Chapman) ausgetauscht. Wladimir Putin drohte: „Die Verräter werden ins Gras beißen. Vertrauen Sie mir. Diese Leute haben ihre Freunde betrogen, ihre Waffenbrüder.“Livia Gerster: Spektakuläre Mordfälle. FAZ, 19. März 2018.Video re-emerges of Putin threat that ‘traitors will kick the bucket‘ independent.co.uk. Abgerufen am 3. Oktober 2018 (englisch).
Nach seiner Freilassung und Wiedervereinigung mit seiner Frau beschloss Skripal, sich in Salisbury niederzulassen, und lebte dort fortan unter seinem wirklichen Namen. Nach dem Anschlag auf Skripal wurde in der englischen Presse vermutet, dass er in jüngster Zeit Kontakte zu ehemaligen britischen Geheimdienstmitarbeitern benutzt habe, um für private Sicherheitsdienstleister freiberuflich zu arbeiten.Kim Segupta, Lizzie Dearden: Sergei Skripal: Former double agent may have been poisoned with nerve agent over 'freelance' spying, sources say. The Independent, 8. März 2018. Insbesondere wurde ihm eine Verbindung zum Sicherheitsunternehmen Orbis Business Intelligence Ltd. des ehemaligen MI6-Russlandexperten Christopher Steele nachgesagt, der durch ein Dossier über die Russlandverbindungen von Donald Trump bekannt wurde. Steele bestritt aber, dass Skripal Beiträge zu diesem Dossier geleistet habe.
Bereits 2012 starb Skripals Frau Ljudmila in Salisbury an einem Krebsleiden (Endometriumkarzinom), im Jahr 2016 dann Skripals in Russland lebender Bruder bei einem Autounfall. Im Jahr 2017 starb Skripals 43-jähriger Sohn bei einem Urlaub mit seiner Freundin in Sankt Petersburg. Als Todesursache wurde damals ein akutes Leberversagen angegeben; die Familie bezweifelte diese Diagnose. Frau und Sohn wurden auf einem Friedhof in Salisbury nahe dem Tatort beigesetzt, er war nach dem Anschlag auf Skripal und dessen Tochter Schauplatz umfangreicher Ermittlungen.
Das Nachrichtenmagazin Focus berichtete am 28. September 2018 unter Berufung auf einen ranghohen Mitarbeiter der NATO-Spionageabwehr Allied Command Counterintelligence (ACCI) in Mons, dass Skripal bis 2017 für vier Geheimdienste von NATO-Staaten gearbeitet habe. Demnach reiste Skripal 2012 auf Vermittlung des britischen Auslandsdienstes MI6 und in Begleitung von MI6-Beamten nach Tschechien. In Prag informierte Skripal die örtlichen Sicherheitsbehörden über aktive Spionagenetze der Russen. Einige russische Agenten kannte Skripal noch aus seiner aktiven Dienstzeit. Im Sommer 2016 habe Skripal dem estnischen Geheimdienst in Tallinn Informationen geliefert, die zur Enttarnung von drei aktiven russischen Geheimagenten geführt haben. Skripal habe auch mit dem spanischen Geheimdienst Centro Nacional de Inteligencia gearbeitet, dabei ging es um Kontakte der russischen Mafia an der Costa del Sol zu einflussreichen Politikern und Beamten in Moskau.Vergifteter Doppelagent Skripal war bis 2017 für vier Geheimdienste tätig. In: Focus, 28. September 2018.Bericht: Sergej Skripal lieferte Agenten ans Messer. In: Deutsche Welle, 28. September 2018.
Laut Luke Hardings zitierten Passagen aus Mark Urbans Buch hatte sich Skripal nicht direkt gefährdet gefühlt, er sei sogar „in vielen Fragen“ ein Anhänger der Politik Wladimir Putins gewesen.
Vergiftung Umstände Am 4. März 2018 wurden Sergei Skripal und seine 33-jährige Tochter Julija, die am Vortag aus Russland zu Besuch gekommen war, bewusstlos auf einer Parkbank in Salisbury aufgefunden.Ex-Spion offenbar Opfer von Nervengift: Ermittlungen wegen versuchten Mordes. orf.at, 7. März 2018, abgerufen am 8. März 2018. Zuvor hatte Skripal sein Auto geparkt (13.40 Uhr), mit seiner Tochter einen Pub aufgesucht und gegen 14.20 Uhr eine Pizzeria betreten. Eine Stunde später verließen sie das Lokal, wohl um zurück zum Auto zu gehen. Um 16.20 Uhr entdeckten Passanten sie bewusstlos auf einer Parkbank an einer Grünanlage. Die Umstände ließen den Verdacht einer gezielten Vergiftung mit einer zunächst unbekannten Substanz aufkommen: In der Nowaja gaseta wies Julija Latynina darauf hin, dass ein möglicherweise so vorgesehener Mordanschlag alleine auf Sergei Skripal erfolgreich hätte sein können; der Verdacht einer Vergiftung trat für die behandelnden Ärzte auf der Intensivstation nur derart rasch in den Vordergrund, weil nicht nur ein älterer Herr, sondern auch eine junge Frau dieselben Symptome hatten.
mini|The Mill – das Pub in Salisbury, in dem Skripal und seine Tochter Spuren des Gifts hinterließen mini|Zelt der forensischen Spurensicherung über der Bank, auf der die Skripals aufgefunden wurden Am 7. März gaben die britischen Ermittler bekannt, dass Skripal und seine Tochter mit einem Nervenkampfstoff vergiftet worden waren.FAZ.net: Russischer Ex-Doppelagent mit Nervengift angegriffen Die Ermittler hätten den genauen Kampfstoff identifiziert, veröffentlichten ihn aber zunächst nicht, bis auf die Information, dass es sich um ein extrem seltenes Gift handele.Spy mystery: Rare poison may be traced to single lab. In: The Times, 9. März 2018.Complex and dangerous, nerve agents are rarely used for assassinations. In: Reuters, 8. März 2018. Die Verwendung eines Nervengiftes, das gewöhnlich nur in militärischen Labors aufbewahrt wird, wurde als ein wichtiger Hinweis auf eine mögliche Beteiligung des russischen Staates gewertet.Russian spy poisoning inquiry widens after medics treat 21 people. In: The Guardian, 9. März 2018.
Der stellvertretende Polizeipräsident, Paul Mills, konstatierte, dass bei 131 Personen, die möglicherweise mit dem Gift Kontakt gehabt hätten und die sich deshalb medizinisch untersuchen ließen, keine Symptome festgestellt wurden. Ein Intensivmediziner der behandelnden Klinik in Salisbury bestätigte, dass niemand außer den Skripals und Nick Bailey behandelt werden musste;Russia: Salisbury poison fears allayed by doctor In: The Times, 16. März 2018. der britische Polizist Nick Bailey war der Erste am Tatort gewesen.Russian spy attack: police officer left ill named as DS Nick Bailey. In: The Guardian, 8. März 2018.
Die britische Antiterroreinheit Counter Terrorism Command übernahm die Ermittlungen wegen der „ungewöhnlichen Umstände“ des Falls.Counter-terrorism police take over Sergei Skripal 'poison' case. In: The Guardian, 6. März 2018. Am 9. März 2018 wurden 180 Militärangehörige der Armee, der Royal Marines und der Royal Air Force zur Unterstützung der Untersuchungen nach Salisbury beordert. Darunter befanden sich Experten für chemische und biologische Waffen. Im Rahmen der Untersuchungen wurden auch die Gräber des Sohnes und der Ehefrau Skripals auf dem Friedhof von Salisbury abgesperrt. Bis zum 11. März wurden 200 Beweisstücke ausgewertet und mehr als 240 Zeugen befragt. Spuren des Nervenkampfstoffs wurden im örtlichen Pub The Mill sowie auf und um den Tisch in der Pizzeria gefunden, wo Skripal und seine Tochter zwei Stunden vor ihrem Zusammenbruch gesessen hatten.Russian spy: Traces of nerve agent found at Zizzi. In: BBC, 11. März 2018. 500 Besucher des Restaurants und des Pubs wurden daraufhin vorsorglich aufgefordert, ihre Kleidung und Gegenstände wie Brillen, Taschen, Mobiltelefone und Schmuck zu waschen. Das Gesundheitsministerium äußerte die Befürchtung, dass längerfristiger Kontakt mit der Substanz (über Wochen und Monate) gesundheitliche Probleme verursachen könnte; es gebe aber keinen Grund zur Panik.Russian spy: Salisbury diners told to wash possessions. In: BBC, 11. März 2018.