Die Literatur Nicaraguas ist die Literatur des zentralamerikanischen Staates Nicaragua, welcher der Zentralamerikanischen Konföderation bis 1838 angehörte und danach selbstständig wurde. „Die Frage, welchen Beitrag Lateinamerika zur Weltliteratur geleistet hat und nach wie vor leistet, ist […] mit dem Verweis auf die Autorinnen und Autoren, denen der internationale Durchbruch gelungen ist, nur sehr unzureichend beantwortet. Hinter diesen Speerspitzen der lateinamerikanischen Kultur findet sich eine außerordentliche Vielfalt von Literaturen.“Oettler, Peetz, Hoffmann 2008, S. 25. So spricht man nur noch selten von einer gemeinsamen kontinentalen lateinamerikanischen oder hispanoamerikanischen Identität. Zugleich ist die nicaraguanische Literatur nicht nur eine Regional- oder Nationalliteratur, sondern seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein transkulturelles Phänomen. Dass sie eine besondere Berücksichtigung in Europa findet, liegt nicht nur daran, dass sie unter den Literaturen Zentralamerikas des 20. Jahrhunderts sicherlich die bedeutendste ist – nur hier kann von eigenständigen avantgardistischen Initiativen gesprochen werdenRössner 2016, S. 251. Das gilt auch für Mexiko, welches allerdings nicht zu Zentralamerika zählt. –, sondern auch an der politischen Entwicklung, die dazu führte, dass durch die Nicaraguanische Revolution 1979 zahlreiche Autoren und andere Intellektuelle in politische Verantwortung gelangten und als politische Vertreter ihres Landes im Ausland bekannt wurden.

Kolonialzeit Das Land ist ein Beispiel für eine frühzeitige „Mestizisierung“, die bereits in dem von einem anonymen Autor des späten 16. oder 17. Jahrhunderts in Spanisch und Nahuatl verfassten satirischen Volkstheaterstück El Güegüense (von Nahuatl: wewentsé – der Alte, Weise oder die Ahne) ihren Ausdruck findet – dem ältesten indigenen Theater-, Musik- und Tanzstück der westlichen Hemisphäre, das bis heute jährlich aufgeführt wird und seit 2005 zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit gehört.Aníbal Ramírez: Über El Güegüense oder Macho Ratón: Eine amerikanische Tanzkömodie aus der Kolonialzeit. In: Quetzal 32, Leipzig 2002. Es handelt von einem Versuch von Mestizen, sich durch Täuschung den Aufstieg in aristokratische Kreise zu sichern, und wird immer wieder als Satire über die jeweils aktuelle Politik verstanden. Der Text wurde mündlich tradiert; die drei erhaltenen Manuskripte wurden erst im 19. und 20. Jahrhundert aufgefunden. 1942 wurde das Stück endgültig editiert und gedruckt. mini|Aufführung von El Güegüense In Nicaragua mischten sich die oralen Kulturen der präkolumbianischen, z. B. Mangue sprechenden Völker mit der Schriftkultur der Spanier an der Pazifikküste. Hinzu kommen Einflüsse der Nahuatl sprechenden Völker aus dem Norden und vermutlich der Kariben von den Antillen sowie der Chibcha aus dem Süden. An der Atlantikküste dominierte lange Zeit der von Jamaika aus ausgeübte britische Einfluss und damit die englische Sprache, die unter den weißen Zuwanderern – oft Meuterer, Deserteure oder Sklavenhändler – verbreitet war. Ihre Nachfolger waren die Bukaniere, Piraten, die von ihren Verstecken an der Atlantikküste aus operierten und in die britische Romanliteratur Eingang fanden. Seit Ende des 19. Jahrhunderts verstärkte sich hier mit der Einführung der Plantagenwirtschaft der US-amerikanische Einfluss. An der Ostküste lebt heute die Mehrzahl der Nachkommen der afroamerikanischen Sklaven; nach wie vor spielt die englische Sprache hier eine wichtige Rolle in Form des modernen Kreol.

Die literarischen Zeugnisse aus der Kolonialzeit vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert sind rar. Nach der Unabhängigkeit fehlten jegliche staatliche Strukturen, es herrschte ein Klima der Gewalt. So handelt es sich bei den überlieferten Werken dieser Zeit meistens um Berichte ausländischer Forscher und Diplomaten, so z. B. eine 1827 veröffentlichte Reisebeschreibung des Briten Orlando Roberts und einen 1859 publizierten Bericht des Geologen und exilierten Teilnehmer der Revolution von 1848 Julius Fröbel. Eine kreolische Literatur entwickelte sich erst seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Der Modernismo Trotz der verspäteten Entwicklung erreichte die Literatur Nicaraguas schon im späten 19. Jahrhundert einen ersten Höhepunkt. Einer der ersten Autoren Nicaraguas und gleichzeitig einer der bis in die heutige Zeit für ganz Lateinamerika bedeutendsten ist Rubén Darío (1867–1916), der mit seinem von den französischen Parnassiens beeinflussten Gedicht- und Kurzprosaband „Azul“ den Modernismo begründete.Rössner 1996, S. 46. Der Modernismo stellte die erste selbständige literarische Richtung Hispanoamerikas dar, die sich vom spanischen Einfluss löste, aber ihrerseits auf die spanische Lyrik zurückwirkte. Innerhalb des Modernismo gab es unterschiedliche Positionen: Eine Abkehr von Europa und Hinwendung zu den präkolumbianischen Hochkulturen, die er als die Griechen und Römer Lateinamerikas bezeichnete, forderte der Kubaner José Martí in seinem Werk „Nuestra América“. Rubén Darío plädierte hingegen für die Schaffung einer lateinischen Gemeinschaft, die sich an Frankreich und nicht mehr allein am Mutterland Spanien orientieren sollte.Rössner 1996, S. 46. Er proklamierte die kulturelle und politische Selbständigkeit Lateinamerikas gegenüber den USA und wird als Nationalheld verehrt, wurde in Deutschland seinerzeit allerdings kaum rezipiert. Nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 kam es jedoch zu einer Rückbesinnung auf das hispanische Erbe, die sowohl als Reaktion auf die Kritik an der Ausrichtung des Modernismo an der französischen Literatur als auch auf die Bedrohung Lateinamerikas durch die USA anzusehen ist. Ähnliches gilt zeitgleich für die Literatur Guatemalas und Costa Ricas. Rössner spricht in diesem Zusammenhang von einer zweiten Phase des hispanoamerikanischen Modernismo, die u. a. in der Orientierung einiger Gedichte Daríos an der höfischen Kunst des spanischen Mittelalters ihren Ausdruck fand. In seinem Gedichtband Cantos de vida y esperanza (Madrid 1905) denkt er Hispanoamerika und Spanien zu einem neuen Reich, einem reino nuevo zusammen.Rössner 2016, S. 217. mini|Die durch das Erdbeben 1972 teilweise zerstörte Kathedrale von Managua mit dem Zitat von Rubén Darío: Si la patria es pequeña, uno grande la sueña. („Wenn das Vaterland klein ist, träumt man es groß.“)

Die Avantgarde Der Modernismo wurde um 1920 schnell überwunden. Dazu trug nicht zuletzt die kritische Auseinandersetzung mit Rubén Darío bei, die weniger ihm als Persönlichkeit und seinem Werk galt, sondern eher seiner Überhöhung als Dichterfürst.Rössner 2016, S. 237. Als erstes Indiz eines Generationenwechsels gilt die Oda a Rubén Darío (Ode an Rubén Darío) von José Coronel Ortecho, die 1927 veröffentlicht wurde und gleichermaßen Liebeserklärung wie „vatermörderischen Spott“ verkörpert. Diese Ode gilt als Befreiung von einem immensen Erbe, das auf der nicaraguanischen Literatur lastete.Granés 2022, S. 148

In Europa hatte sich mit Futurismus, Dadaismus und Surrealismus – geprägt von den Schrecken des Ersten Weltkriegs – eine avantgardistische Literatur entwickelt. Erneut spielte Frankreich eine entscheidende Rolle für die Rezeption in Lateinamerika: Paris bildete den Ausgangspunkt der hispanoamerikanischen Avantgardebewegung. Auch die Protagonisten der nicaraguanischen Bewegung brachten aus Paris den Zündfunken mit. Der Weltkrieg wurde jedoch in Lateinamerika nicht so katastrophal erlebt wie in Europa; insofern entstand hier keine so ausgeprägte Weltuntergangsstimmung. Die Avantgarde in Lateinamerika stieß auf weitaus gefestigtere Diskurs- und Gesellschaftsstrukturen als im kriegszerrütteten Europa, was teils zu ihrer erbitterten Bekämpfung führte.Rössner 2016, S. 240.

Mit der Gründung der Bewegung „Vanguardia“ um die gleichnamige Zeitschrift 1931 wurde eine produktive avantgardistische Bewegung von Intellektuellen initiiert, die meist längere Zeit in Frankreich gelebt hatten. Auch der seit den 1930er Jahren wachsende Einfluss US-amerikanischer Autoren und die Tradition des spanischen Barock (Garcilaso de la Vega, San Juan de la Cruz, Luis de Góngora, Luis de León) führten zu neuen ästhetischen Ideen: Man arbeitete mit dunklen Verskonstruktionen, Worteinsparungen und Auslassen von Satzteilen, phantastisch überbordenden Bildern, einer metaphorischen Sprache und kryptischen Semantik. Es handelte sich um experimentelle Poesie, die keine Vorläufer hatte, sich aber zeitgleich in verschiedenen Ländern entwickelte. Auch das Interesse für die einheimischen indigenen Wurzeln erstarkte. Neue Entwicklungen im Film, Erkenntnisse der Anthropologie und der Psychoanalyse – Traum, Unterbewusstes und Tabua – trugen zur Formierung der Avantgarde bei.

Zu deren Vertretern gehörten Luís Alberto Cabrales (1901–1974), der bereits erwähnte José Coronel Urtecho (1906–1994), ferner Pablo Antonio Cuadra (1912–2002) und Joaquín Pasos (1914–1947)Literatur Brockhaus, Band 2, 1988, S. 622., sämtlich junge Absolventen oder Studenten des Colegio Centroamérica in Granada, das von Jesuiten geleitet wurde. Sie trafen sich im Turm der Kirche La Merced in Granada, gründeten eine Schreibwerkstatt, publizierten regelmäßig Hefte und boten den Pionieren der Bewegung eine experimentelle Plattform. Die Gruppe publizierte ihre Arbeiten zuerst in den wöchentlichen Beilagen der Tageszeitung El Correo.Rössner 2016, S. 251.

Aus heutiger Sicht gilt die Gruppe der Avantgardisten als literarisch extrem innovativ, politisch jedoch als ultranationalistisch, monarchistisch und „hispanistisch“. Paradox erscheint, dass sich die jungen Literaten als Sandinisten bezeichneten und den bewaffneten Kampf gegen die Yankees propagierten, gleichzeitig aber in Anastasio Somoza García, der Augusto César Sandino ermorden ließ, den wahren Führer Nicaraguas sahen, der die alte Kolonialordnung wieder herstellen würde. Diese Mischung aus künstlerischer Innovation und reaktionärer politischer Einstellung existierte auch bei den vanguardias reaccionarias anderer lateinamerikanischer Länder.Granés 2022, S. 148 Sie wandten sich für Jahre dem Faschismus zu, weil sie die Demokratie für einen Ausdruck des US-amerikanischen Utilitarismus und der Herrschaft der Ungebildeten hielten, und vollzogen erst später eine politische Wende.Granés 2022, S. 150

mini|150px|Turm der Kirche La Merced in Granada, Treffpunkt der jungen Avantgarde Der Gruppe traten bald Octavio Rocha (1910–1986), Manolo Cuadra (1907–1957) und Alberto Ordóñez Argüello (1914–1991) bei. Diese neue avantgardistische Bewegung brach nicht nur mit dem Modernismo, sondern auch mit der bürgerlichen Gesellschaft Nicaraguas der 1920er und 1930er Jahre, aus der ihre Mitglieder selbst stammten. Sie opponierte offen gegen die kommerzielle Mentalität Granadas und verunsicherten die Bürger durch den despektierlichen Gebrauch des Wortes „Bürgertum“. Umgekehrt galten die jungen Dichter und Erzähler der Avantgarde den Bürgern als Faulpelze, da sie sich konsequent den bürgerlichen Studien und Tätigkeiten verweigerten und darauf beharrten, ausschließlich Dichter zu sein. Während Urtecho sich vor allem an der zeitgenössischen US-amerikanischen Literatur orientierte, brachte der Lyriker und Essayist Luis Alberto Cabrales 1928 nach seiner Rückkehr aus Frankreich Einflüsse der avantgardistischen französischen Dichtung mit. Er veränderte das Gesicht der nicaraguanischen Literatur, indem er sie in die internationalen Strömungen einband. Obwohl literarischer Avantgardist, vertrat er einen autoritären antiliberalen Katholizismus, rückte aber die kryptische avantgardistische Poesie näher an das Alltagsleben und die Sorgen und Freuden der kleinen Leute.José Ramón Fernández de Cano: Cabrales, Luis Alberto, in: www.mcnbiografias.com

mini|150px|José Coronel Urtecho