Die Internationalen Festivals der olympischen Reitsportdisziplinen waren drei internationale Reitsportveranstaltungen, die im August 1980 ausgetragen wurden. Die Turniere dienten als Ersatzwettbewerbe der boykottierenden Staaten für die Olympischen Spiele 1980 und wurden daher auch als Olympische Ersatzspiele (bzw. im englischen Sprachraum als Alternate Olympics) bezeichnet.
Hintergrund
Während des anhaltenden Kalten Krieges erwog US-Präsident Jimmy Carter im Januar 1980 als Reaktion auf den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan erstmals öffentlich einen Boykott der an Moskau vergebenen Olympischen Spiele 1980. Als Bündnispartner der Vereinigten Staaten von Amerika unterstützte auch die Regierung Großbritanniens diese Haltung. Im April 1980 stimmte das US-amerikanische Nationale Olympische Komitee USOC für einen Boykott.
Während sich nur 42 Nationale Olympische Komitees diesem Boykott anschlossen, entschieden sich der Großteil der westeuropäischen NOK entgegen den Empfehlungen ihrer Regierungen für eine Teilnahme. Man vereinbarte eine differenzierte Form des Protests, wie die Nichtteilnahme an den olympischen Zeremonien oder das Antreten unter der Olympiafahne anstatt der eigenen Nationalflagge.
Kompliziert war die Situation für Prinz Philip, Duke of Edinburgh. Seit 1964 war er Präsident des Weltpferdesportverbands FEI und hätte in dieser Funktion auch nach Moskau fahren müssen. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher beharrte jedoch auf einem Boykott; als Mitglied des britischen Königshauses durfte Prinz Philip die Regierungsbeschlüsse nicht unterlaufen. Der britische Reiterverband erklärte bereits früh im Jahr 1980 seinen Boykott der Spiele in Moskau.Personalien: Prinz Philip, Der Spiegel, 17. März 1980Schluß machen, Der Spiegel, 24. März 1980 Im Rahmen des CHIO Aachen 1980 trafen sich Dressurreiter, -richter und -trainer und vertraten nach Diskussion einstimmig die Meinung, dass eine Teilnahme in Moskau unter den gegebenen Umständen nicht in Betracht käme.An Affair to Remember: the 1980 Olympic Games - Three Perspectives: Christine Stückelberger's point of view, eurodressage.com, 17. Februar 2015, abgerufen am 17. März 2018 Von den NATO-Mitgliedstaaten entsandte nur Italien Reiter zu den Olympischen Spielen, auch die Reiter aus der neutralen Schweiz schlossen sich dem Boykott an.Verpasste Olympische Spiele, Max E. Ammann / Pferdewoche, 14. Juni 2016
Während zu dieser Zeit im Dressurreiten und in der Military zumindest die Sowjetunion auch bei Welt- und Europameisterschaften Erfolge feiern konnte, hatten im Springreiten die Staaten des Ostblocks keine große Bedeutung. Die DDR hatte nach den Olympischen Spielen 1972 die Förderung des Reitsports ganz eingestellt., Cavallo, abgerufen am 17. März 2018 Somit kam es 1980 im Springreiten zu einer Nichtteilnahme aller zu jener Zeit bedeutenden Nationen an den olympischen Wettbewerben der Disziplin. Nur 16 Springreiter aus sieben Nationen waren in Moskau am Start.Ergebnisse Olympische Sommerspiele 1980, Springreiten auf history.fei.org (PDF) Auch im Dressurreiten und der Military blieben die Starterfelder in Moskau klein.
Als Ersatz wurden in den drei olympischen Pferdesportdisziplinen sogenannte Internationale Festivals, pferd-aktuell.de durchgeführt. Im Dressurreiten fanden die Wettbewerbe beim Goodwood International Dressage Festival statt, die Springreiter führten ihre Wettbewerbe in Rotterdam durch und die Militaryreiter starteten beim Festival international de concours complet de Fontainebleau. Die Festivals fanden an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden statt.
Dressurreiten: Goodwood International Dressage Festival Den Auftakt zu den drei Festivals bildete jenes der Dressurreiter: Das Goodwood International Dressage Festival 1980 wurde vor dem Anwesen des Duke of Richmond, Goodwood House, im Süden Englands durchgeführt. Abschlusstag des Festivals war der 10. August 1980, an dem der Grand Prix Spécial ausgetragen wurde.Synopsis: Grandstand 10 August 1980, BBC One London, abgerufen am 16. März 2018
Im Jahr 1973 war Goodwood House erstmals Austragungsort eines internationalen Dressurturniers,The History of British Dressage: "I Thought We Would Get There...In 100 Years!", eurodressage.com, 8. Juli 2016, abgerufen am 16. März 2018 1978 wurden hier die Weltmeister im Dressurreiten ermittelt. Später fanden hier noch die Europameisterschaften 1987 statt, bevor die Dressurtradition mit Übergabe des Goodwood House an den motorsportinteressierten 11. Duke of Richmond 1993 endete.Blast from the past: do you remember the iconic dressage at Goodwood?, Pippa Cuckson / Horse & Hound, 11. Januar 2018, abgerufen am 16. März 2018
Mannschaftswertung Dressurreiten In der ersten Prüfung, dem Grand Prix de Dressage, gingen 32 Reiter mit ihren Pferden an den Start. 18 von ihnen gehörten den sechs Mannschaften an, die in dieser Prüfung die Sieger der Mannschaftswertung ermittelten. Neben Einzelreitern aus weiteren Nationen waren auch vierte Reiter aus den leistungsstarken Nationen am Start. Sie zählten nicht für die Mannschaft.An Affair to Remember: the 1980 Olympic Games, eurodressage.com, 25. Januar 2015, abgerufen am 16. März 2018
Die Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland war vor 1980 nur einmal bei Welt- und Europameisterschaften in der Mannschaftsentscheidung geschlagen worden, 1970 von der sowjetischen Dressurequipe. Auch in Goodwood wurde die bundesdeutsche Mannschaft ihrer Favoritenrolle gerecht und siegte. Doch die Entscheidung war enger als in den Vorjahren, die Schweizer kamen mit ihrem Ergebnis nah an das der deutschen Reiter heran.
Platz Land Reiter und Pferde Punkte (Gesamt), hippomundo.com, abgerufen am 18. März 2018 1 4967 Uwe Schulten-Baumer jun. mit Slibowitz Reiner Klimke mit Ahlerich Uwe Sauer mit Hirtentraum 2 4838 Christine Stückelberger mit Granat Ulrich Lehmann mit Widin Amy-Cathérine de Bary mit Aintree 3 4573 4 5 Francis Verbeek mit Ivar Rien van der Schaft mit Juroen Annemarie Sanders mit Amon
Einzelwertung Dressurreiten Die besten zwölf Reiter des Grand Prix de Dressage qualifizierten sich für den Grand Prix Spécial, der allein zur Ermittlung der Einzelmedaillengewinner diente. Während die Europameisterin des Vorjahres, Elisabeth Theurer, als einzige österreichische Reiterin in Moskau am Start war, hatte Christine Stückelberger in Goodwood die Favoritenrolle inne. Die Weltmeisterin 1978 und Vize-Europameisterin 1979 war mit ihrem Erfolgspferd Granat beim Goodwood International Dressage Festival die Siegerin der Einzelwertung.
Während im Grand Prix de Dressage Uwe Schulten-Baumer jun. auf das Ergebnis von Christine Stückelberger nur 24 Punkte Rückstand hatte, erhöhte sich dieser Abstand im Grand Prix Spécial auf fast 80 Punkte. Dennoch reichte es für Schulten-Baumer und Slibowitz für die Einzel-Silbermedaille. Auf dem Bronzerang fand sich eines der dominierenden Pferde der nächsten Jahre, der neunjährige Wallach Ahlerich, geritten von Reiner Klimke. Auch die bundesdeutsche Einzelreiterin, Gabriela Grillo, qualifizierte sich für den Spécial und schloss ihn auf Rang fünf ab.
Das jüngste Pferd im Startfeld war Marzog, mit dem Anne Grethe Jensen vier Jahre später Olympiazweite wurde. Als bestes dänisches Paar kamen sie auf Rang elf des Grand Prix Spécial.
Rang Reiter Pferd Punkte, hippomundo.com, abgerufen am 18. März 2018 1 Granat 1452 2 Slibovitz 1373 3 Ahlerich 1345 4 Hirtentraum 5 Ultimo 6 Dutch Courage 7 Widin 8 Ivar 9 Vol au Vent 10 Aintree 11 Marzog 12 Coq d'Or
Springreiten: Internationaal Springruiterfestival Rotterdam miniatur|Filmbeitrag über das Jumping Festival 1980 (auf Niederländisch) Das Internationaal Springruiterfestival 1980 (auch: Jumping Festival, Rotterdam Show Jumping Festival) war das Festival der Springreiter, es wurde vom 13. bis 17. August 1980 in Rotterdam ausgerichtet. Es wird heute von der FEI als Weltmeisterschaft gewertet.CH-M-S Rotterdam 1980 in Turnierkalender der FEI
Bereits seit 1947 wird im Kralingse Bos, einem Wald östlich des Rotterdamer Zentrums, ein Reitturnier durchgeführt., chio.nl, abgerufen am 11. März 2018 Seit 1948 ist der CHIO Rotterdam das Nationenpreisturnier der Niederlande., chio.nl, abgerufen am 11. März 2018 Im Jahr 1980 wurde der alljährliche CHIO dann zum Festival der Springreiter aufgewertet.Record Deelneming in Rotterdam: Springruiterfestival biedt alternatief voor gemiste Spelen, Nieuwe Leidsche Courant, Seite 27, 9. August 1980
Mit Rotterdam fiel die Wahl auf einen championatserfahrenen Austragungsort. Ein Jahr zuvor hatten hier die Europameisterschaften im Springreiten stattgefunden. Die Springreiter (Herren) richteten hier zudem bereits 1957 und 1967 ihre Europameisterschaften aus, die Springreiterinnen 1959.
Beim Festival von Rotterdam traten fast ausschließlich olympische Amateure an. Die führenden Nationen des Sports orientierten sich damit am zu diesem Zeitpunkt noch geforderten Amateurstatus bei den Olympischen Spielen. Es waren 57 Reiter aus 18 Nationen am Start. 13 Nationen stellten Equipen für die Mannschaftswertung.Games of the XVI Olympiad, history.fei.org, abgerufen am 10. März 2018 Zwei Tage vor Beginn des Festivals sagte die polnische Mannschaft ihre Teilnahme ab, weil die Pferde nicht fit gewesen seien. Auch die Sowjetunion zog ihre Teilnehmer zurück, begründet wurde dies mit technischen Problemen.Amerikanen sterk van start in topruiter-festival, Leidsch Dagblad, Seite 9, 14. August 1980
Mannschaftswertung Springreiten Im Nationenpreis, der Mannschaftsentscheidung des Springreiterfestivals, siegte Kanada, dessen Equipe nicht zu den Favoriten gehört hatte. Noch unerwarteter war der Gewinn der Bronzemedaille durch Österreich. Für die Österreicher wäre sogar Gold möglich gewesen. Doch dem späteren Siegerpaar der Einzelwertung, Hugo Simon mit Gladstone, unterliefen zwei Hindernisfehler.
Platz Land Reiter und Pferde Strafpunkte (Gesamt)CH-M-S - Rotterdam - OG Replacement: Final Classification, Team Result in der Ergebnisdatenbank der FEI 1 16,50 James Elder mit Volunteer Mark Laskin mit Damuraz Ian Millar mit Brother Sam Michel Vaillancourt mit Chivaz 2 18,50 John Whitaker mit Mary Lou Nick Skelton mit Maybe Graham Fletcher mit Preachan Tim Grubb mit Night Murmur 3 20,00 Hugo Simon mit Gladstone Georg Riedl mit Weekend Thomas Frühmann mit Donau Roland Fischer mit Icarus 4 Paul Schockemöhle mit Deister Peter Luther mit Livius Gerd Wiltfang mit Roman Ulrich Meyer zu Bexten mit Magister 5 Walter Gabathuler mit Harley Willi Melliger mit Trumpf Buur Thomas Fuchs mit Snow King Max Hauri mit Beethoven 5 Melanie Smith mit Calypso Terry Rudd mit Semi Tough Norman Dello Joio mit Allegro Katie Monahan mit Silver Exchange 7 Gilles Bertrán de Balanda mit Galoubet A Frédéric Cottier mit Flambeau Jean-Marc Nicolas mit Seaman Hervé Godignon mit Fao de Biolay 8 9 10 11 12 13
Einzelwertung Springreiten miniatur|Sieger der Einzelwertung: Hugo Simon und Gladstone Die Einzelwertung wurde im Rahmen des Großen Preises von Rotterdam ermittelt, der in diesem Jahr den Namenszusatz International Gold Cup trug. Hierbei handelte es sich um eine Springprüfung mit zwei Umläufen und Stechen.
Der Parcours des ersten Umlaufs war 700 Meter lang und umfasste 14 Hindernisse mit 17 Sprüngen. Als schwierigste Stelle erwies sich die dreifache Kombination aus Oxer, Steilsprung und einer Triplebarre als Aussprung. Der erste Umlauf wurde von den Reitern stark kritisiert, Francois Mathy bezeichnete ihn als lebensgefährlich.