Martha Friedländer (* 8. September 1896 in Guben; † 19. Mai 1978 in Bremen) war eine deutsche Pädagogin in der Tradition der Reformpädagogik, Emigrantin und Friedensaktivistin, die sich nach 1945 für den Aufbau eines demokratischen Deutschlands engagierte.
Ausbildung und erste berufliche Tätigkeiten Martha Friedländer war die Tochter gehörloser Eltern. Sie schloss 1917 ihre Lehrerinnenausbildung in Görlitz mit einer Lehramtsprüfung ab, die sie zum Unterricht an Lyzeen, Mittelschulen und Volksschulen berechtigte. 1919 erhielt sie hier ihre Festanstellung als Volksschullehrerin.Hildegard Feidel-Mertz, Andreas Paetz: Ein verlorenes Paradies, S. 331 Sie studierte danach Sprachheilkunde und Lippenlesen an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin und an der Berliner Charité und erwarb die Befähigung zum Unterricht an Sprachheil- und Schwerhörigenschulen sowie zur Behandlung von Sprach- und Stimmstörungen.
Bis 1927 unterrichtete Martha Friedländer mit Unterbrechungen, teilweise wegen Arbeitslosigkeit, als Hilfslehrerin in Görlitz. 1927 bis 1932 konnte sie dort eine städtische Sprachheilsammelklasse für Schulanfänger einrichten und leiten. Von 1930 bis 1932 leitete sie zusätzlich einen vorschulischen Sprachheilkurs. Als 1932 die Sprachheilklassen geschlossen wurden, wurde sie an eine normale staatliche Schule versetzt, sie gab aber weiterhin Privatunterricht für sprachgestörte und schwerhörige Kinder.Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil, S. 237
Bekannt wurde Martha Friedländer durch Rundfunkvorträge über das sprachkranke Kind im Rahmen der Elternstunde des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht (so beispielsweise am 11. April 1929 „Erziehungsberatung, Sprachentwicklung und Erziehungsschwierigkeiten“ Donnerstag, 11. April 1929 16.00 Uhr Königswusterhausen 182 kHz). Darüber hinaus sind 1927 mindestens drei Rundfunkvorträge zur Erziehungsberatung zusammen mit Bruno Klopfer nachweisbar.Übersicht der Sendungen (Trefferliste einschlägiger Suche bei ANNO).
Als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Sprachheilpädagogik nahm sie an den Aktivitäten der 1924 von Emil Fröschels gegründeten Internationalen Gesellschaft für Logopädie und Phoniatrie (IALP) teil.Zur IALP und deren Geschichte siehe: Internationale Gesellschaft für Logopädie und Phoniatrie beruft Prof. Dr. Wiebke Scharff Rethfeldt in Komitee für Mehrsprachigkeit &
Im Oktober 1933 wurde Martha Friedländer „wegen nicht-arischer Abstammung“ aus dem staatlichen Schuldienst entlassen. Grundlage war das NS-Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933.
Zwischen 1933 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs Neben ihren beruflichen Aktivitäten war Martha Friedländer auch politisch engagiert. Sie war Mitglied in dem 1926 von Leonard Nelson gegründeten Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) und seit 1931 auch in den ISK-Unterorganisationen Sozialistischer LehrerkampfbundStadtarchiv Göttingen: Der Lehrerkampfbund (LKB) des ISK sowie später in der Unabhängigen Sozialistischen Gewerkschaftsorganisation (USG) aktiv.Heiner Lindner: „Um etwas zu erreichen, muss man sich etwas vornehmen, von dem man glaubt, dass es unmöglich sei“. Der Internationale Sozialistische Kampf-Bund (ISK) und seine Publikationen. Zur Gründungsgeschichte der USG siehe hier die Seite 50. Die in diesem politischen Umfeld geknüpften Kontakte begleiteten Martha Friedländer durch die Nazizeit und die Emigration und fanden ihre Fortsetzung in der Zusammenarbeit mit Minna Specht bei der Herausgabe der Kindernöte nach dem Zweiten Weltkrieg.
Martha Friedländers nächste berufliche Station war das 1931 von Gertrud Feiertag gegründete Jüdische Kinder- und Landschulheim Caputh bei Potsdam. Sie unterrichtete hier achtzehn Monate lang in den Jahren 1934/35. Über den Grund ihres Ausscheidens ist nichts bekannt, doch emigrierte sie 1936, nach einer Warnung durch Genossen, dass die Gestapo sie suche, nach Dänemark.Die Warnung vor der Gestapo ist dokumentiert in einem Lebenslauf Martha Friedländers, der sich im Bremer Staatsarchiv befindet. Bis 1937 unterrichtete sie auf dem Gutshof Östrupgaard bei Odense auf Fünen, dem dänischen Exil des von Minna Specht gegründeten Landerziehungsheims Walkemühle. Weder über ihre Zeit in Caputh noch die Zeit in Östrupgaard gibt es weitergehende Hinweise, doch waren unter den damaligen Verhältnissen noch existierende jüdische Schulen im Deutschen Reich oder Exilschulen in an Deutschland angrenzenden Ländern oft nur Zwischenstationen auf dem Weg in ein für sicherer erachtetes Exilland wie England oder die USA.
Zur Zeit von Martha Friedländers Weggang von Östrupgaard dürften aber auch dort schon Überlegungen für einen Weggang aus Dänemark existiert haben, denn 1937 wurden für einen Neuanfang der Walkemühle in Großbritannien schon konkrete Schritte unternommen, allerdings in Wales. Martha Friedländer emigrierte nach England, ging aber nicht nach Wales, sondern blieb in Kent und unterrichtete ein Jahr lang an der Boarding School „Carmelcourt“ in Birchington-on-Sea. Camelcourt war der Landsitz von Herbert Bentwich, der diesen Namen für sein Anwesen in Anspielung auf den Berg Carmel gewählt hatte. Seine Tochter Naomi, Schwester von Norman Bentwich, verheiratete Birnberg und Mutter von zwei klenen Jungen, gründete hier 1936 eine private vegetarische Grundschule: „Schulabsolventen erinnern sich an Naomi als exzentrische, aber inspirierende Lehrerin, die barfuß im Garten den Eurythmikunterricht erteilte oder den Kindern unter einem Apfelbaum ‚zum besseren Verstehen des Feindes‛ Passagen aus Mein Kampf vorlas.“Ariadne Birnberg: Most Beautiful Maynard, auf academia.edu abrufbar. Ariadne Birnberg ist die Enkeltochter von Naomi Birnberg. Das Originalzitat lautet: „Alumni from the school recall Naomi as an eccentric but inspiring teacher, taking Eurythmics classes barefoot in the garden, or reading to the children, under an apple tree, passages from Mein Kampf ‘to better understand the enemy’.“Michael Trede, der selber die Bunce Court School besuchte, erzählt in seinen Erinnerungen davon, dass seine Mutter etwa ein Jahr nach Martha Friedländer in Carmelcourt eine Anstellung als Köchin fand. „Sie hielt sich zwei Monate lang mit allerlei Hausarbeit – als Putzfrau und Köchin über Wasser. (..) Dann bekam sie doch noch eine Empfehlung an eine kleine jüdische Vorschule namens „Carmel Court“ in Birchington-on-Sea. Dieser kleine Badeort liegt 100 km östlich von London an der Nordküste der Grafschaft Kent. Das Internat für 5- bis 12-Jährige wurde von Mrs. Naomi Birmberg geleitet, die in Cambridge „Moral Sciences“ studiert hatte. Zusammen mit ihrem Bruder, dem einflussreichen Sir Norman Bentwich war sie ehrenamtlich in mehreren Flüchtlingsorganisationen tätig und viel unterwegs.Meine Mutter wurde als Köchin für die 24 Köpfe zählende Gemeinschaft eingestellt – und machte ihre Sache – bei vegetarischer Kost – offenbar recht gut, nach den Zeugnissen zu urteilen, die Mrs. Birmberg für sie schrieb.“ (Michael Trede: Der Rückkehrer. Skizzenbuch eines Chirurgen. Ecomed, Landsberg 2001, 3. Auflage 2003, ISBN 3-609-16172-8, S. 68. Der Text ist auch im Internet einsehbar: Der Rückkehrer bei Google-Books) Michael Trede gibt allerdings den Nachnamen von Naomi falsch wieder: Sie hieß nicht Birmberg, sondern Birnberg und starb im September 1988 im Alter von 97 Jahren.Carmel Court ist nicht zu verwechseln mit dem 1948 gegründeten Carmel College, an dem Martha Friedländers Caputher Schulleiter Fridolin Friedmann nach dem Ende der Bunce Court School eine Anstellung fand.
Martha Friedländer scheint sich an Naomi Birnbergs Exzentrik nicht gestört zu haben, denn sie blieb ihr während ihrer gesamten Exilzeit eng verbunden, wie aus einem Brief an Werner Milch vom 1. Juni 1946 hervorgeht: „Meine Adresse ab Dienstag ist: c/o Mrs. Bentwich-Birnberg, Carmelcourt, Birchington, Kent.“Bestand GER/4/4 - Lesebogen Production (1943 - 1949) der IoE-Library, Dokument 1323 Es war wohl Martha Friedländers Abschiedsbesuch bei Naomi Birnberg, denn am 27. August 1946 verließ sie England und zog nach Bremen.Bestand GER/4/4 - Lesebogen Production (1943 - 1949) der IoE-Library, Dokument 1335/1-3
Carmel Court spielte offenbar auch in Minna Spechts Überlegungen für den Exilort ihrer Schule in Großbritannien eine Rolle, bevor sie sich für das eher proletarische Milieu in Wales entschied: „Vorübergehend hatte Minna Specht an ein Zusammengehen mit einer jüdischen Schule in England gedacht, an der Hedwig Urbann und Martha Friedländer eine Zeitlang tätig waren.“Birgit S. Nielsen: Erziehung zum Selbstvertrauen. Ein sozialistischer Schulversuch im dänischen Exil 1933-1938. Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 1985, ISBN 3-87294-265-4, S. 131. Hedwig Urbann war, wie Martha Friedländer, langjähriges ISK-Mitglied. Im Landerziehungsheim Walkemühle war sie als Köchin und Hauswirtschafterin tätig.Vergleiche hierzu die vielen verstreuten Hinweise bei Rudolf Giesselmann: Geschichten von der Walkemühle bei Melsungen in Nordhessen und auf der Webseite Landerziehungsheim Walkemühle Adelshausen bei Melsungen zeigen. Während des ersten Auschwitzprozesses wohnte Hermann Langbein bei Hedwig Urbann, der „von ihm sehr geschätzten älteren Dame […]. Sie begleitete ihn häufig in den Gerichtssaal und führte ihn in den Kreis ihrer Freunde und Bekannten ein, darunter ehemalige Widerstandskämpfer, NS-Verfolgte und unabhängige Sozialisten“ wie Ingeborg und Heinz-Joachim Heydorn und das Ehepaar Trude und Berthold Simonsohn. „Hedwig Urbann war vor und während des »Dritten Reiches« Mitglied im Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) und emigrierte 1933 gemeinsam mit dessen Leiterin Minna Specht nach Dänemark; so Ingeborg Heydorn im Gespräch mit der Autorin, 8.3.2011.“ (Katharina Stengel: Hermann Langbein. Ein Auschwitz-Überlebender in den erinnerungspolitischen Konflikten der Nachkriegszeit. Campus Verlag. Frankfurt/New York, 2012, ISBN 978-3-593-39788-7, S. 513) Martha Friedländers Antrag auf Zulassung zur englischen Ausbildung als „teacher of lip-reading“ wurde vom Institute for the DeafGemeint ist wohl das Royal National Institute for Deaf People (RNID), siehe RNID (Royal National Institute For The Deaf.) abgelehnt, weil sie Ausländerin war. Sie half ehrenamtlich in der Sprachklinik des Londoner Kinderkrankenhauses Great Ormond Street und in den Lippenleseklassen des National Institute for the Deaf, Gower Street. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete sie für Kost und Logis und 1 Pfund pro Woche als Haushaltshilfe. 1942–1944 wirkte sie als Erzieherin in Wartime Nurseries (Kriegskindergärten) des County Council Hertfordshire und ab 1944 als Lehrerin an einer Infant School in London, Leyton E10. Am 13. Januar 1946 teilte sie Werner Milch mit, dass sie ihre Arbeit dort am 1. Februar 1946 beenden werde.Bestand GER/4/4 - Lesebogen Production (1943 - 1949) der IoE-Library, Dokument 1335/1-3
In London hatten 1943 Fritz Borinski, Minna Specht und Werner Milch zusammen mit englischen Freunden das German Educational Reconstruction Committee (GER) gegründet, um Vorschläge für die Neugestaltung der Erziehung im Nachkriegsdeutschland auszuarbeiten. Martha Friedländer beteiligte sich aktiv an der Arbeit des GER, auch über das Kriegsende hinaus. Wie ihre in der IoE-Library in London archivierten Briefe an Werner Milch zeigen (siehe „Quellen“), war sie seit 1944 aktiv an den redaktionellen und praktischen Arbeiten zur Herausgabe der vom GER konzipierten „Lesebogen“ beteiligt.Bestand GER/4/4 - Lesebogen Production (1943 - 1949) der IoE-Library Bei diesen Lesebogen handelte es sich um Nacherzählungen und Auszüge aus klassischer und moderner Literatur für den Unterricht in Nachkriegsdeutschland.