Der Russische Narvafeldzug von 1700 war ein russischer Herbstfeldzug zu Anfang des Großen Nordischen Kriegs auf dem Gebiet von Schwedisch-Estland. Eine russische Armee belagerte Narva, um für Russland ein „Fenster zum Westen“ zu öffnen. Die deutlich größere, aber unerfahrene russische Armee wurde jedoch von einer kampfstarken kleineren schwedischen Armee auf ihrem Narvafeldzug in der Schlacht bei Narva vernichtend geschlagen. Die russische Niederlage im Feldzug veränderte den Kriegsverlauf aber nicht nachhaltig. Bereits ein Jahr später gingen russische Kräfte in den Livlandfeldzügen wieder in die Offensive.

Geopolitischer Rahmen

Europas Außenpolitik um 1700 war vom Zeitalter der Kabinettkriege geprägt. Krieg gehörte zum politischen Kalkül der Machthabenden und hatte keinen totalitären Charakter, sondern diente nur der Erreichung begrenzter, häufig territorialer Ziele der Potentaten.

Es gab vier Großmächte in Europa. Dies war an erster Stelle Frankreich, gefolgt vom neu gegründeten Großbritannien, Österreich mit seinen Nebenlanden und Schweden als nordische Großmacht. Russland wurde nicht zum europäischen Kabinettsystem gezählt und stand, ähnlich wie das Osmanische Reich, außen vor. Europa zerfiel in ein kleineres nördliches Machtsystem mit dem geografischen Zentrum Ostsee und ein größeres Machtsystem in Europas Südwesten mit dem Rhein als geografischem Machtzentrum. Beide Zentren funktionierten autonom innerhalb des europäischen Gesamtsystems, das in der Zeit maßgeblich von Großbritannien gestaltet wurde.

Die frühneuzeitliche Kriegsführung erlebte um 1700 in Europa eine Evolution hin zu einer geordneten und disziplinierten Kriegsführung mit regelhaftem Verhalten der Kombattanten. Die Armeen wurden zunehmend größer. Im Westen waren Armeegrößen in Gefechten von 50.000 bis 60.000 Soldaten auf jeder Seite keine Seltenheit mehr. Im Norden waren die Verhältnisse aufgrund der geringeren Bevölkerungszahl deutlich kleiner. Hier waren 10.000 bis 15.000 Mann je Seite in einer Schlacht die Regel. Russland hatte eine sehr große Bevölkerungszahl und keine Probleme, auch große Armeen aufzustellen. Es drängte nach Westeuropa, suchte einen Platz im Kabinettsystem zu erhalten und war bereit, dieses Ziel auch kriegerisch zu erreichen.Jeremy Black: Die Kriege des 18. Jahrhunderts, Brandenburgisches Verlagshaus, Berlin 1999, S. 163, 166f

Vorgeschichte

Das Ostseegebiet war seit dem Mittelalter zwischen Dänemark, Schweden, dem Deutschen Orden, der Hanse, der Republik Nowgorod und dem Großfürstentum Moskau und schließlich Polen-Litauen umkämpft. Im Kampf um das Dominium Maris Baltici obsiegte schließlich Schweden. Es besiegte Russland, das 1617 im Frieden von Stolbowo im Ingermanländischen Krieg den verbliebenen Zugang zur Ostsee verlor. Seitdem strebte das Land nach einer Rückkehr als Ostseeanrainer. Dazu unternahm Russland seit den 1650er Jahren eine zunehmende Öffnung nach Europa, modernisierte seine Strukturen und übernahm europäische Einflüsse. Ein wichtiger Förderer war der junge Zar Peter I., der mit militärischem Nachdruck bestrebt war, Russlands Geltung in Europa wiederherzustellen. Hierfür musste es Schweden als direkten Konkurrenten ausschalten.Valentin Gitermann: Geschichte Russlands, Zweiter Band, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1965, S. 78f

Während Russland noch lange an den Folgen der Zeit der Wirren litt, stieg Schweden im 17. Jahrhundert zu einer europäischen Großmacht auf und unterhielt im Ostseeraum sogenannte Dominions, schwedische Herrschaften, die von Stockholm aus regiert wurden. Schwedisch-Estland gehörte neben Schwedisch-Ingermanland zu den russischen Territorialansprüchen. Russland gelang es, im Nordischen Krieg von 1656 bis 1660 bedeutende polnische Territorien zu erobern und diesen Konkurrenten um die Ostseeherrschaft zu beseitigen.

Eine Dreierallianz, bestehend aus dem russischen Zarenreich sowie den beiden Personalunionen Sachsen-Polen und Dänemark-Norwegen, griff im März 1700 das Schwedische Reich an, das von dem achtzehnjährigen König Karl XII. regiert wurde. Die Gelegenheit für die Tripelallianz schien günstig. Der junge Schwedenkönig schien unerfahren und diverse Niederlagen – darunter 1675 gegen Brandenburg bei Fehrbellin beim Schwedeneinfall – sprachen für den Niedergang der schwedischen See- und Landmacht. Ursprünglich hatten die Alliierten vereinbart, dass Russland gleich nach dem Friedensschluss mit dem Osmanischen Reich, möglichst jedoch im April 1700, den Krieg gegen Schweden eröffnen sollte. Doch die Friedensverhandlungen zogen sich in die Länge und Peter I. zögerte, trotz des Drängens von August II., sich am Krieg zu beteiligen. Erst Mitte August 1700 gelang eine Verständigung mit den Osmanen, und am 19. August erklärte Peter I. Schweden schließlich den Krieg. Er tat dies jedoch in völliger Unkenntnis der Tatsache, dass am Vortag mit Dänemark bereits ein wichtiger Verbündeter der Koalition weggefallen war. Die Seemächte England und Niederlande fürchteten, dass angesichts des siechenden spanischen Königs Karl II. ein Erbfolgekrieg zwischen Frankreich und Österreich aufzog und wollten einen weiteren Konflikt im Nordosten verhindern. Als daher im Frühjahr 1700 Dänemark gegen Schweden losschlug, verstärkten englische und niederländische Geschwader die schwedische Flotte und holländisch-hannoversche Kontingente die Schweden im Holsteinfeldzug. Dänemark musste notgedrungen Frieden mit Schweden schließen. Auch der sächsisch-polnische Livlandfeldzug lief sich bald vor der großen Festung Riga fest.Valentin Gitermann: Geschichte Russlands, Zweiter Band, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1965, S. 80

Seit 1695 hatte Peter seine ganze militärische Aktivität gegen Asow und die Krim, somit nach Süden, gerichtet. Nun sollte Russlands Offensivkraft gegen die Ostsee hin entwickelt werden, ohne dass für die Umstellung eine ausreichende Zeitspanne gewährt worden war. Es zeigte sich denn auch, dass die Heeresverwaltung nur mangelhafte Vorbereitungen getroffen hatte. In der Nähe des Kriegsschauplatzes waren keine Depots angelegt worden, es fehlte infolgedessen an Kriegsmaterial, Lebensmitteln und Fahrzeugen. Ungünstig war zudem die Jahreszeit, in die der Feldzug fiel: das durch Herbstregen aufgeweichte Gelände erschwerte den Nachschub.Valentin Gitermann: Geschichte Russlands, Zweiter Band, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1965, S. 81

Rüstung mini|Russische Abbildung eines Soldaten und zweier Offiziere aus dem russischen Preobrazjenskijregement

Nach dem Krieg hat Peter davon gesprochen, dass die Russen den Krieg begonnen hätten „wie Blinde“, „ohne die gegnerischen Kräfte und die eigene Lage zu kennen“. So barg ein Waffengang mit Schweden für Russland große Risiken. Der Großmachtstatus des Nordischen Königreichs Schweden beruhte auf der militärischen Schlagkraft einer straff organisierten und geführten Armee und auf ergiebige Kupfer- und Eisenvorkommen. Dies gestattete Schweden die Unterhaltung einer leistungsfähigen Rüstungsindustrie. Im Unterschied dazu war der Rüstungsapparat von Russland noch unterentwickelt und wenig leistungsfähig.Hans Joachim Torke (Hrsg.): Die russischen Zaren 1547-1917. Beck, München 1999, Kapitel: Peter (I.) der Große von Erich Donnert (S. 155–178), S. 62.

Der Zar hatte zu Kriegsbeginn neun bis zehn Millionen Silberrubel Jahreseinkünfte und gebot auf dem Papier über ein Heer von 100.000 Mann. Doch diese Truppen waren bis auf vier reguläre Regimenter schlecht bewaffnet und noch schlechter ausgebildet und geführt.

Russland hatte eine Phase der Reformen nach westlichem Vorbild in Angriff genommen und begann, seine Streitkräfte den westlichen Standards anzupassen. Notwendig machte dies der Strelitzenaufstand wenige Jahre zuvor, der sich gegen den innenpolitischen Kurs Peters richtete und ihn dazu veranlasst hatte, die Strelitzenregimenter aufzulösen. Die Auflösung der Strelitzenregimenter und die Verstoßung der Strelitzen aus dem Heer hatte den Zaren rund 30.000 Berufssoldaten gekostet, die ihm zu Kriegsbeginn fehlten. Das Adelsaufgebot war von geringer Qualität.Lothar Rühl: Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches – Der Weg eines tausendjährigen Staates, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1992, Kapitel 7: Das Imperium Peters des Großen und der europäische Machtanspruch Russlands (S. 156–187), S. 175 Die russische Armee befand sich daher in einer Umbruchsphase, in der sie sich von den alten Moskowiter Strukturen und Traditionen löste und neue Strukturen einführte. Dazu wurden 32.000 angeworbene Rekruten in ein dreimonatiges Ausbildungsprogramm überführt. Diese wurden dann auf je 953 bis 1322 Mann starke Infanterieregimenter verteilt, aus denen insgesamt 27 Infanterieregimenter gebildet wurden.Angus Konstam: Die Armee Peters des Großen, Brandenburgisches Verlagshaus, 2010, ISBN 978-3-941557-31-4, S. 15; deutsche Übersetzung der englischen Originalausgabe: Peter the Great's Army, Osprey Publishing Ltd, Midland House 1993 Sie bestanden zu einem großen Teil aus jungen, nach westeuropäischem Vorbild ausgebildeten Rekruten. Die Reformen waren aber bei Kriegsbeginn noch nicht abgeschlossen und das russische Heer noch nicht kriegsbereit.

Insgesamt wurden die Streitkräfte in drei Divisionen unter den Generälen Golowin, Weide und Repnin geteilt.Robert K. Massie: Peter the Great: His Life and World, Random House Trade Paperbacks, New York, 1980, S. 324 Das Heer bestand aus 27 Linieninfanterieregimentern, zwei Garderegimentern, zwei Dragonerregimentern und einem Zug Artillerie. Neben den beiden Dragonerregimenter bestand die russische Kavallerie noch aus den alten Provinz-Kavallerieregimentern Nowgorod, Smolensk und Moskau, zusammen etwa 10.000 Mann stark.Angus Konstam: Die Armee Peters des Großen, Brandenburgisches Verlagshaus, 2010, ISBN 978-3-941557-31-4, S. 68; deutsche Übersetzung der englischen Originalausgabe: Peter the Great's Army, Osprey Publishing Ltd, Midland House 1993 Jedes der Infanterieregimenter besaß zwei 3-Pfünder Kanonen. Insgesamt 64 3-Pfünder Kanonen wurden nach Narva entsandt. Alles in allem gab es 195 russische Kanonen in dem Feldzug. Davon waren 64 Belagerungskanonen, 79 Regimenterkanonen (davon 64 3-Pfünder Kanonen), 4 Haubitzen und 48 Mörser. Die russische Armee war mit niederländischen Gewehren ausgestattet. Schwedische Quellen berichten, dass von den 4050 bei Narva erbeuteten Gewehren 3800 niederländischer Herkunft waren und nur 250 aus russischer Produktion stammten.

Zu dieser Armee neuen Modells stießen noch einmal 10.500 Soldaten des Kosakenheers, so dass sich die Gesamtstreitmacht auf etwa 64.000 Mann belief. Von diesen stand jedoch noch ein großer Teil im Landesinneren.Henry Vallotton: Peter der Große – Russlands Aufstieg zur Großmacht. München 1996, S. 165. Verschiedene Abteilungen verspäteten sich und erreichten Narva bis zur eigentlichen Schlacht nicht mehr. Statt der 64.000 Mann bestand die russische Heeresstärke vor Narva aus weniger als 40.000 Mann.Robert K. Massie: Peter the Great: His Life and World, Random House Trade Paperbacks, New York, 1980, S. 324

Geographischer Raum Die Eroberung eines Küstenstreifens entlang der Ostsee war das erklärte Ziel Peters im Krieg gegen die Schweden. Die ostseenahe Stadt Narva, heute an der Grenze zu Estland und Russland gelegen, war das FeldzugszielRobert K. Massie: Peter the Great: His Life and World, Random House Trade Paperbacks, New York, 1980, S. 323 obwohl es ursprünglich nicht in die engere Planung der Kriegsverbündeten Russland, Dänemark und Sachsen-Polen gehörte. Narva gehörte zu der angestrebten Kriegsbeute von Polen. Dennoch glaubte Peter, dass der sicherste Weg sich einen Küstenstreifen zu sichern über die Kontrolle dieser Festung und seines Hafens lag.