mini|„Fatime. (Frau von Spiegel)“ – Kupferstich von Johann Lindner 1860 Maria Aurora Spiegel (geb. vor 1685; gest. nach 1725), genannt Fatima, nach eigener Angabe „geborne von Kahrimann“, gehörte zu den sogenannten Beutetürken, die während des Großen Türkenkrieges von Teilnehmern der christlichen Militärkoalition in den eroberten Gebieten des Osmanischen Reiches aufgegriffen und verschleppt wurden. Sie lebte zunächst als Pflegetochter bei der Gräfin Aurora von Königsmarck und gelangte mit dieser 1694 an den Hof des Kurfürsten Friedrich August I. von Sachsen (ab 1697 als August II. auch König von Polen-Litauen). Mindestens zwischen 1701 und 1706 unterhielt der Kurfürst-König mit ihr eine heimliche Affäre, während der sie zwei Kinder gebar, die August später als die seinigen anerkannte und in den Rang von Grafen erhob. Der Sohn Friedrich August Rutowski schlug eine Militärlaufbahn ein und avancierte bis zum Feldmarschall und Oberkommandierenden des sächsischen Heeres. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts diente das außergewöhnliche Schicksal der Maria Aurora Spiegel als Vorlage für zwei historische Romane.

Biographische Quellen Der Lebenslauf der Maria Aurora verh. Spiegel ist nur bruchstückhaft durch zeitgenössische Dokumente belegbar, und auch diese wurden bislang nur auszugsweise bzw. im Rahmen anderer Themen erschlossen, so durch Friedrich August Freiherr Ô Byrn (Kammerherr am sächsischen Hof) 1876, Graf Adam Lewenhaupt (Historiker, Archivar am schwedischen Reichsarchiv) 1898/99, Walter von Boetticher (Historiker) 1912 bis 1923 und Holger Schuckelt (wissenschaftlicher Mitarbeiter der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden) 2014. Einige beiläufige Erwähnungen finden sich außerdem in dem von Friedrich Matthias Gottfried Cramer 1836 publizierten Briefwechsel der Gräfin Amalie Wilhelmine von Königsmarck mit ihrem Gatten Carl Gustav von Löwenhaupt und ihrer Schwester Aurora von Königsmarck.

Lange Zeit stützte sich die Überlieferung hauptsächlich auf den Tatsachenroman La Saxe galante (1734) des Hofmannes und Abenteurers Karl Ludwig von Pöllnitz bzw. die davon anonym angefertigten deutschen Übersetzungen unter dem Titel Das galante Sachsen, sowie auf die im Original ebenfalls französischsprachigen Memoiren des Georg Ludwig von Haxthausen (Sohn von Christian August von Haxthausen). Obwohl bereits im 19. Jhd. verschiedene Autoren Zweifel an der Glaubwürdigkeit vieler Passagen der Pöllnitzschen Erzählung äußerten, wurde sie weiterhin als Quelle benutzt, unter anderem von Theodor Fontane in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Auch Haxthausens Manuskript wartet mit einer Fülle an nichtüberprüfbaren Details auf. Es ging allerdings nie in Druck und ist ausschließlich in Gestalt von Zitaten bei Eduard Vehse (1854) überliefert, das Original gilt als verschollen.

Kompilierte Biographie Herkunft und Name Laut Pöllnitz wurde „Fatima“ im Alter von etwa fünf bis sechs Jahren während der Eroberung der Stadt Ofen (September 1686) „zur Sclavin gemacht“, worauf sie der „Herr von Schöning“ (= Hans Adam von Schöning), „dem sie zu Theil ward“, nach Berlin mitnahm und dort taufen ließ. Dabei habe sie ihren türkischen Namen Fatima beibehalten. Der Name Maria Aurora kommt bei Pöllnitz nicht vor. Später habe das „Fräulein von Flemming“ (= Margareta Elisabeth von Flemming) sie zum Geschenk erhalten und, „als sie an den Palatin Brebentau [= Jan Jerzy Przebendowski] verheyrathet ward“, nach Polen mitgenommen. Im Umfeld der Familie Przebendowski sei Fatima dann dem König August II. begegnet.Pöllnitz 1734, S. 162 bis 165

Vehse (1854) stellt dies in Abrede und zitiert stattdessen Haxthausen: Der Graf Philipp von Königsmarck habe das Mädchen in Buda (= Ofen) aufgegriffen und seiner Schwester Aurora von Königsmarck geschenkt, die es aufzog und später als eine Art Kammerzofe mit sich führte, als sie an den sächsischen Hof nach Dresden ging. In keinem der von Vehse angeführten Zitate kommt der Name Fatima vor. Haxthausen bezeichnet sie durchweg als „La Spiegel“ und erwähnt nur einmal beiläufig, dass sie nach ihrer Patin, der Gräfin Königsmarck, Marie Aurore genannt worden sei.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts publizierte Adam Lewenhaupt Belege, die Haxthausens Angaben zumindest teilweise unterstützen, aus dem Taufbuch der Deutschen Kirche zu Stockholm. Dort findet sich mit Datum 7. November 1686 folgender Vermerk:

„Vier Türckische weibes persohnen, so in d. Neuheusslichen Eroberung durch hn Baron Eschen gefangen genommen und anhero gebracht worden, derer eine Roozia geheissen und einen türckischen Officirers zum Manne gehabt, der ihrem vermuthen nach im Sturme geblieben; die andere Eysia, so zwar von Christlichen Eltern, wie sie vorgiebt, gebohren, a. o. gewiss weiss, ob sie getaufft sey, zumahlen sie bey türckischer Herrschafft gedienet. Die dritte Fattime, die eines türckischen Priesters Ehefrau gewesen, welcher Ehemann aber vor der Eroberung auff dem Bette gestorben; die vierdte Emini, die auch an einem Türcke verheyrathet gewesen, welcher ebenfalse in der Belagerung umbkommen.“Extrakt (Typoskript von 1936) aus dem Taufbuch der Deutschen Kirche zu Stockholm, S. 367 (Digitalisat, PDF, bei digitalastadsarkivet.stockholm.se)

Taufpaten der „Fattime“ waren lt. Lewenhaupt: der seinerzeit erst vierjährige Kronprinz von Schweden (später König Karl XII.), Reichsmarschall Graf Steenbock, Feldmarschall Graf Otto Wilhelm von Königsmarck, die Grafen Erik Steenbock, Philipp Königsmarck, Baron Alexander Erskin, Gräfin Beata Elisabeth De la Gardie geb. Königsmarck, Lisa De la Gardie geb. Oxenstierna, Marie Lillie geb. Steenbock, Hedvig Oxenstierna geb. De la Gardie, Görel Lewenhaupt geb. Sparre, Ebba Banér geb. Lewenhaupt sowie Fräulein Aurora Königsmarck.

Demnach fielen die besagten Türkinnen dem „Baron Eschen“, den Lewenhaupt als Alexander Erskin identifiziert (wahrscheinlich ein Sohn des bekannteren Alexander Erskein), nicht im September 1686 in Ofen, sondern bereits 1685 bei der Eroberung der Festung Neuhäusel (heute Nové Zámky in der Slowakei) in die HändeDas Taufbuch der Deutschen Kirche zu Stockholm verzeichnet 1686 sieben getaufte Türken, davon allein sechs aus der „Neuheusslichen Eroberung“ des Baron Eschen. und waren wohl auch nicht mehr im Kleinkindalter. Getauft wurden sie auf die Namen Ulrica Beata, Hedewig Johanna, Scharlotta Maria und Maria Aurora. Dass der Taufname Maria Aurora im Taufbuch tatsächlich nicht Fattime, sondern Emini zugeordnet ist, erklärt Lewenhaupt als unbeachtlichen Eintragungsfehler, mit der Begründung: es sei bekannt, dass Frau von Spiegels ursprünglicher Name Fatima war, dass sie nach ihrer Patin Aurora von Königsmarck benannt wurde, und dass Letztere nur Patin einer einzigen Türkin war.

Leben am sächsischen und polnischen Hof In den Jahren 1694 bis 1701 stand Maria Aurora anscheinend im Dienst der Aurora von Königsmarck, befasste sich daneben aber auch mit einer „Angelegenheit“ bzw. einem „Unternehmen“ in eigener Sache. Um was es sich dabei handelte, geht aus den diesbezüglichen Bemerkungen in der Korrespondenz der Gräfin Amalie von Löwenhaupt geb. Königsmarck jedoch nicht hervor. Eine weitere knappe Erwähnung enthält die von Michael Ranft 1751 verfasste Biographie des Moritz von Sachsen, der ein illegitimer Sohn des Kurfürsten mit Aurora von Königsmarck war. Demnach ließ August den seinerzeit ungefähr dreijährigen Knaben „[...] im Jahr 1699 mit seiner Wartefrau in Gesellschaft der Türkin von seiner Mutter, die nachgehends den Accisrath Spiegel geheyrathet, nach Warschau kommen [...]“.Michael Ranfft: Leben und Thaten des jüngstverstorbenen weltberühmten Graf Moritzens von Sachsen etc. Verlag Johann Samuel Heinsii Erben, Leipzig 1751, S. 6 (Digitalisat der Seite bei digital.slub-dresden.de)Die zitierte Passage findet sich erst in dieser verbesserten Auflage von 1751. Auch der Löwenhauptsche Briefwechsel lokalisiert Maria Aurora 1699 in Warschau. Im Mai oder Juni 1702 gebar sie einen Sohn, genannt Friedrich August, den der König zwei Jahrzehnte später als seinen „natürlichen“ Sohn anerkannte.

Im Laufe des Jahres 1703 kam es zwischen Maria Aurora und ihrer Patin zu einem Zerwürfnis, dessen Ursache nicht ersichtlich wird. Amalie von Löwenhaupt (die sich nach dem Tod ihres Gatten wieder Königsmarck nannte) antwortet auf einen Brief ihrer Schwester: „Das ist ja doch abscheulich, was Ihr mir von dem Beuchlingen schreibt. Das mögen wohl bassesse inutile heißen. Ich glaube, die undankbare Türkin wird auch noch einmal ihr Hofleben mit dem KönigssteineDie Festung Königstein diente jahrhundertelang als Internierungsort für Staatsgefangene und wurde dafür sprichwörtlich. Unter anderem saß der zuvor genannte „Beuchlingen“ (= Wolf Dietrich von Beichlingen) von 1703 bis 1709 dort ein. verwechseln müssen. Sie hat es auch wohl verdient: das lüderliche Thier. Wir mögen wohl sagen, wir haben Schlangen im Busen erzogen.“Cramer 1836, Band 1, S. 300 Geschadet hat der „Türkin“ diese Animosität offenbar nicht. Sie blieb am Hof und in der Gunst des Königs, auch noch neben dessen nächsten Mätressen Gräfin Esterle, Fürstin von Teschen und Gräfin Cosel. Im Jahr 1706 gebar sie eine Tochter, die ebenfalls Maria Aurora genannt wurdeÔ Byrn führt mehrere amtlichen Urkunden an, die den Namen Maria Aurora der späteren Gräfin Rutowska belegen. Bei anderen Autoren finden sich andere Vornamen wie Maria Anna oder Katharina..

Haxthausen berichtet, dass der König seine Geliebte mit seinem Kammerdiener Spiegel verheiratete, um ihre Liaison wirksamer zu verschleiern. Auch Pöllnitz schreibt von einer Heirat auf des Königs Veranlassung, jedoch bezeichnet er Spiegel als „Obrist-Lieutenant“. Beide Autoren behaupten, dass es sich nur um eine Scheinehe gehandelt habe. Den Zeitpunkt der Eheschließung geben beide nicht an, er ist bis heute unbekannt.

Cramer 1836 ohne Quellenangabe: „Bald in andere Liebesverbindungen verflochten, ward Fatime an einen Obristlieutenant von Spiegel verheirathet, wo sie durch anständige Lebensweise ihre früheren Verirrungen zu sühnen sich bestrebte.“

Haxthausen: Als der König seine Hofhaltung wieder nach Dresden verlegte (nach dem vorübergehenden Thronverzicht 1706) ließ er „la Spiegel“ in Warschau zurück und vergaß sie dort.

Vehse 1854 ohne Quellenangabe: Nachdem sie einige Jahre dort zugebracht und von den 100.000 Talern, die ihr der König gab, vieles vertan hatte, freundete sie sich mit der Frau von Przebendowski geb. Flemming an und kam mit dieser schließlich nach Dresden zurück.

Damit versiegen die erzählerischen Quellen über Maria Aurora alias Fatima, in der Folgezeit treten jedoch Belege in verschiedenen Korrespondenzen und amtlichen Dokumenten auf.

Ehe und bürgerliche Existenz Maria Auroras Ehemann Johann George Spiegel war nachweislich Kammerdiener bei Friedrich August, schon vor dessen Regierungsantritt als Kurfürst. In gleicher Funktion wurde er 1694 nochmals bestätigt, dann wechselte er ins Finanzressort. Am 1. Oktober 1697 wurde er als „Accispachter“ des Accisamts Leipzig verpflichtet. Anschließend erscheint er als „Accisrath“, später „Generalaccisrath“. Ein Adelstitel ist nicht nachweisbar. Ô Byrn: „Aus Courtoisie gaben einige Briefschreiber beiden Eheleuten einige Male das "von", und ihr das Prädicat "Euer Gnaden", sicher ist aber, daß Spiegel nicht geadelt worden ist.“

Mit der Eheschließung hatte Maria Aurora dennoch endlich das erhalten, was bei der Taufe in Stockholm versäumt worden war: einen vollwertigen Namen, unter dem sie geschäftsfähig war und bald auch in Erscheinung trat. Am 3. Juli 1705 kaufte sie für 20.000 Taler das Gut und Vorwerk SärchenVorheriger Inhaber des Särchener Besitztums war der pensionierte kroatische Obrist Johann von Schadowitz, der später als Vorbild der sorbischen Sagenfigur Krabat bekannt wurde. aus der Standesherrschaft Hoyerswerda, deren Inhaberin seinerzeit die Fürstin von Teschen war. In der Kaufurkunde fügte sie ihrer Unterschrift den Zusatz „geborne von Kahrimann“ beiBoetticher 1913, S. 899 (Digitalisat).