mini|hochkant=1|Léon (Ludwig) Minkus, Foto von Bruno Braquehais, Paris um 1865 Léon Minkus, eigentlich Aloysius Bernhard Philipp Minkus (auch: Ludwig Alois Minkus, Louis Minkus, Ludwig Fjodorowitsch Minkus oder französisch Minkous; Ludwig Minkus, auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 2. Januar 2020)Michael Stegemann: Léon Minkus – Auf der Suche nach einem Unbekannten, Booklet-Text zur CD-Box: Léon Minkus (u. a.): Don Quijote („Gesamtaufnahme“), Sofia National Opera Orchestra, Dir.: Boris Spassov (1995, Capriccio), S. 6–7 * 23. März 1826 in Wien, Kaisertum Österreich; † 7. Dezember 1917 ebenda) war ein österreichisch-ungarischer Ballettkomponist, Violinist, Kapellmeister und Pädagoge, der vor allem in Russland wirkte.

Leben Über Léon Minkus war lange Zeit nur wenig bekannt und seine biografischen Daten – einschließlich des Geburts- und Sterbeortes – waren umstritten. So wurde noch bis vor relativ kurzer Zeit von einigen vermutet, dass er erst um 1840 geboren und schon um 1890 bzw. jedenfalls noch im 19. Jahrhundert verstorben sei.

Mittlerweile weiß man, dass Minkus am 23. März 1826 in Wien zur Welt kam. Sein Vater Theodor Johann Minkus (* 1795) stammte aus Groß-Meseritsch in Mähren und seine Mutter Maria Franziska Heimann (* 1807) aus Pest in Ungarn. Seine Eltern konvertierten kurz vor ihrer Heirat und vor ihrem Umzug nach Wien vom Judentum zum Katholizismus. Sein jüngerer Bruder Eugen Minkus (* Februar 1841 in Wien; † 23. April 1923 ebenda) war später Direktor sowie Präsident der Wiener Union Bank und wurde am 19. August 1915 nobilitiert.Roman Sandgruber: Traumzeit für Millionäre. Die 929 reichsten Wienerinnen und Wiener im Jahr 1910. Styria, Graz 2013, ISBN 978-3-222-13405-0, S. 405

Minkus’ Vater war Weinhändler (mindestens seit 1828) und Inhaber eines Restaurants, zu dem auch eine typische Wiener Tanzmusikkapelle gehörte. Minkus bekam mit 4 Jahren seinen ersten Violin-Unterricht und spielte mit 8 Jahren sein erstes öffentliches Konzert – er galt als Wunderkind. Von 1838 bis 1842 erhielt er Unterricht bei der Gesellschaft der Musikfreunde und begann früh zu komponieren. Als „vielversprechende[r] junge[r] Violinvirtuose“ war er bereits 1841 bekannt. In Komposition wurde er von Gottfried von Preyer ausgebildet, Violinunterricht hatte er bei Joseph Böhm erhalten. 1846 wurden die ersten fünf Stücke für Violine von ihm veröffentlicht.

Über sein Leben zwischen 1842 und 1852 ist wenig bekannt, außer dass er auf Reisen bis nach Deutschland, Frankreich und England herumkam. Anfang 1843 meldete die Wiener Theaterzeitung: „Unser junge (sic!) Landsmann der Violinvirtuose Theodor Minkus, befindet sich gegenwärtig in Paris, um sich ferner auszubilden, und beschäftigt sich mit mehreren Compositionen.“ Nach Lage der Dinge muss es sich um Léon Minkus handeln; unklar ist, ob sein Vorname falsch geschrieben wurde oder ob er sich auch Theodor nannte. Nach Paris war er Ende 1842 gegangen.

Am 23. Februar 1845 gab Louis Minkus sein zweites Konzert im damaligen Wiener Musikvereinssaal. In Wien soll Minkus auch eine Tanzkapelle geleitet haben, ähnlich derjenigen des jungen Johann Strauss Sohn.

1852 wurde er leitender Geiger am Wiener Hoforchester, doch bereits ein Jahr später emigrierte er nach Sankt Petersburg, wo er von 1853 bis 1855 Orchesterchef (Musikdirektor) und Violinsolist des aus Leibeigenen zusammengesetzten Orchesters von Fürst Nikolai Jussupow (1827–1891) wurde. mini|Eine Probe zu Minkus’ und Saint-Léons Néméa an der Pariser Oper, 1864

1855 heiratete Minkus in der Sankt-Katharinenkirche in Sankt Petersburg die gebürtige Wienerin Maria Antoinette Schwarz (* 1838).

Von 1856 bis 1861 hatte Minkus eine Stelle als erster Geiger im Moskauer Bolschoi-Theater, ab 1861 war er Konzertmeister. Er stieg außerdem zum Leiter und führenden Geiger im Orchester des Italienischen Operntheaters auf. 1864 wurde er zum „Inspektor der kaiserlichen Theater Orchester“ in Moskau erhoben. Gleichzeitig unterrichtete er als Professor für Violine am neu eröffneten Konservatorium von Moskau.

Seine wahrscheinlich erste Ballettmusik, L′Union de Thétis et Pélée, wurde 1857 im Jussupow-Palast uraufgeführt. 1862 schrieb er für das Bolschoi-Theater den Ballett-Einakter Deux jours en Venise (Zwei Tage in Venedig).

In der Folge begann eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem bedeutenden Choreografen Arthur Saint-Léon, der seit 1860 erster Ballettmeister der kaiserlichen Theater in Russland war. 1863 komponierte Minkus die Musik zu Saint-Léons dreiaktigem Ballett La Flamme d′amour, ou La Salamandre, das ein großer Erfolg wurde und 1864 auch in Sankt Petersburg (als Fiammetta, ou L′amour du Diable) gezeigt wurde. In einer gekürzten Version brachte Saint-Léon es im Sommer desselben Jahres – diesmal unter dem neuen Namen Néméa, ou L′Amour vengé – auch in Paris auf die Bühne. Minkus’ Musik wurde sehr gelobt, unter anderem von Théophile Gautier, der sie „eingängig und verträumt“ nannte und die „geistsprühenden Melodien und ansteckenden Rhythmen“ hervorhob.„... Théophile Gautier, who found the music be filled with a ‘... haunting, dreamy quality. The music for the dances were filled with sparkling melodies and infectious rhythms’“. Aus: Ludwig Minkus, auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 2. Januar 2020) Néméa erlebte allein in Paris 53 Vorstellungen bis 1871 und wurde 1868 auch in Triest aufgeführt (als La Nascita della Fiamma d′Amore).

Für die Pariser Oper komponierte Minkus 1866 etwa die Hälfte der Musik zu Saint-Léons Ballett La Source (Die Quelle); den übrigen Teil der Partitur verfasste der junge Léo Delibes. Das Ballett erreichte 73 Vorstellungen bis 1876.

mini|hochkant|Marius Petipa, 1870 Zurück in Russland arbeitete Minkus weiterhin mit Saint-Léon zusammen, bis zu dessen Entlassung im Jahr 1869. Unter den dabei entstandenen Balletten war der auf einem russischen Märchen basierende Einakter Le Poisson d’or (Der goldene Fisch) für die Hochzeit des Zarewitsch Alexander Alexandrowitsch mit Prinzessin Dagmar von Dänemark (Uraufführung am in Schloss Peterhof).

Mit dem bis heute erfolgreichen Don Quixote für das Moskauer Bolschoi-Ballett begann 1869 die Zusammenarbeit von Minkus und Marius Petipa. Die Uraufführung war ein großer Erfolg und brachte ihm die Stelle des offiziellen Komponisten des Kaiserlichen Russischen Balletts ein, als Nachfolger des Italieners Cesare Pugni, der 1870 im Alter von 68 Jahren verstarb.

In dieser Position verfasste Minkus für Petipa zahlreiche erfolgreiche Kompositionen wie besonders die 1877 entstandene La Bayadère, die als sein Meisterwerk gilt.

Während all dieser Zeit betätigte sich Minkus auch weiterhin professionell als Geiger und spielte beispielsweise den Part der 2. Violine in der Moskauer Uraufführung von Tschaikowskys Streichquartett op. 11 Nr. 1 in D-Dur (am 28. März 1871).

Im Jahr 1883 zur Krönung von Alexander III. – der als „Ballettomane“ bekannt war – schrieb Minkus den Ballett-Einakter Nuit et Jour (Nacht und Tag), für den ihm der Zar den Orden des Heiligen Stanislaus verlieh, weil Minkus ” … als Ballettkomponist die Vollkommenheit erreicht” habe.

Minkus schrieb auf Wunsch von Petipa auch Ergänzungen zu bestehenden Ballettmusiken, wie etwa zu Adolphe Adams Giselle und zu Deldevez’ Paquita (1881).

Zur Einweihung des Mariinski-Theaters am wurde Les Pilules magiques („Die Zauberpillen“) uraufgeführt, eine Mischung aus Ballett, Komödie und Gesang im Vaudeville-Stil. Minkus komponierte die Musik zu den drei Ballett-Tableaus von Petipa, mit Nationaltänzen im belgischen, englischen, spanischen und russischen Stil. Das Ganze wurde von Publikum und Kritikern sehr bewundert.

mini|Szenenfoto vom „Königreich der Spitzen“ in Les Pillules magiques, 1886 Das letzte Werk, das Minkus als offizieller Komponist des kaiserlichen Balletts schuf, war Les Offrandes à l’Amour (Die Opfer für Amor), das seine Premiere am im Mariinski-Theater erlebte. Es wurde von der damaligen Kritik als Meisterwerk gepriesen, ist aber heute vergessen. Zu seinem offiziellen Abschied gab man am eine Benefiz-Vorstellung zu seinen Gunsten. Der Posten eines Ballettkomponisten des kaiserlichen Balletts wurde nach Minkus’ Pensionierung nicht mehr vergeben, stattdessen wurden die neuen Ballettmusiken danach immer abwechselnd von verschiedenen Komponisten geschrieben.

Im Februar 1891 brachte Petipa sein Ballett Kalkabrino heraus, dessen Musik traditionell Minkus zugeschrieben wird; einige Forscher halten es allerdings für zweifelhaft, dass es sich um eine neue Partitur des Komponisten handelte.

Im Sommer 1891 kehrten Minkus und seine Frau zurück in ihre Heimatstadt Wien, wo sie von einer bescheidenen Pension der russischen Regierung lebten, anfangs in einer Wohnung seines Freundes, des Pianisten Theodor Leschetitzky, in der Karl-Ludwig-Straße und später in der Gentzgasse. Nach dem Tode seiner Frau im Jahr 1895 lebte er allein und als ihm nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges seine russische Rente gestrichen wurde, geriet er in große finanzielle Bedrängnis.

Minkus starb 1917 im Alter von 91 Jahren in Wien an einer Lungenentzündung und wurde auf dem Döblinger Friedhof begraben.

Lange Zeit glaubte man, dass seine sterblichen Überreste im Jahr 1939 exhumiert und in ein anonymes Massengrab transferiert wurden, als die nationalsozialistische Regierung unter Hitler Grabstätten von Personen jüdischer Herkunft beseitigen ließ. Nach neueren Forschungen wurde jedoch der Name auf Minkus’ Grab rechtzeitig geändert, um es zu schützen; folglich soll die letzte Ruhestätte des Komponisten also doch erhalten sein.

Einordnung und Musikalischer Stil mini|links|hochkant=0.6|Léon Minkus, 1885