Al-Mudschaidil () ist ein ehemaliges palästinensisches Dorf im Norden des heutigen Israel in erhöhter Lage mit Blick auf die Jesreelebene. Seine Bewohner wurden 1948 während des Palästinakriegs von den Streitkräften des neugegründeten Staates Israel vertrieben und ihre Häuser wenig später zerstört. Die zu Flüchtlingen gewordenen Palästinenser wurden an der Rückkehr in ihren Ort gehindert, dessen Ruinen heute von der 1952 auf ehemaligem Dorfland gegründeten und seitdem stark gewachsenen israelischen Stadt Migdal haʿEmeq überbaut sind. Nur die Friedhöfe und Kirchen am Ort blieben erhalten und von Nachfahren ehemaliger Einwohner, wie neuzugezogenen Christen erhalten und genutzt.

Geschichte In den 1880er Jahren gehörte al-Mudschaidil zum Safad Kaza (), selbst ein Teil des Sandschaks Sidon, einem Sandschak (Osmanisches Reich) im Vilâyet Beirut, der Provinz des Osmanischen Reichs, die weite Teile des heutigen Libanons umfasste. Die Reislamisierung der Levante durch die Mamluken (Ende des 13. Jahrhunderts bis 1516 Herren der Levante) überstanden insbesondere in den Bergen des Libanons und Galiläas viele kleine Kirchengemeinden. Al-Mudschaidil, das über die Zeit mehrheitlich von Muslimen bewohnt wurde, hatte gleich zwei Kirchengemeinden, eine griechisch-orthodoxe (Eigennomenklatur: rum-orthodoxe) und eine römisch-katholische.

Seit den 1850er Jahren interessierten kirchlich engagierte russische Orthodoxe sich für orthodoxe arabische Christen, ihre Glaubensbrüder, und deren Situation im Osmanischen Reich. Als Großfürst Sergei Alexandrowitsch Romanow 1888 als Gründungspräsident der russischen Kaiserlichen Orthodoxen Palästina-Gesellschaft (IPPO) Teile der osmanischen Provinzen Mutesarriflik Jerusalem und Vilâyet Beirut bereiste, kam er auch nach al-Mudschaidil. Wie vielerorts in ihrem Ursprungsgebiet hatten Christen unter muslimischer Herrschaft keine oder baulich und / oder räumlich unzureichende Bethäuser, weshalb der Großfürst der orthodoxen Kirchengemeinde Geld spendete, sich ein adäquates Gotteshaus zu bauen.NN, “Вандалы осквернили церковь в Мигдаль ха-Эмеке” (9. Juni 2006), auf: Народ – это мы с вами; abgerufen am 12. August 2025.Ilan Pappe, The Ethnic Cleansing of Palestine, London und New York: Oneworld, 2006, S. 153. ISBN 1-85168-467-0. Der Bau der St. Nikolauskirche begann 1894 und wurde 1896 abgeschlossen.“Вандалы разгромили русскую церковь в Святой Земле” (9. Juni 2006), auf: Русская Православная Церковь; abgerufen am 11. August 2025. Patriarch Gerassimos I., bemüht um Dämpfung des russischen Einflusses, öffnete die Kirche auch Christen anderer Konfessionen. Sein Nachfolger Patriarch Damianos I. von Jerusalem stellte sicher, dass das Kirchengebäude als Dorfschule bereitstand,Ilan Pappe, The Ethnic Cleansing of Palestine, London und New York: Oneworld, 2006, S. 153seq. ISBN 1-85168-467-0. zu einer Zeit als kaum osmanische Kinder zur Schule gehen konnten. Die Kapelle des Franziskanerinnenkonvents Erzengel Gabriel am Ort wurde erst 1903/1904 erbaut.

Der osmanische Versuch im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Mittelmächte, den Suezkanal zu blockieren, endete schließlich mit der Niederlage und Auflösung des Osmanischen Reiches. Den osmanisch eröffneten Sinaifeldzug trieben siegreiche Gegenvorstöße der Egyptian Expeditionary Force (EEF) der Triple Entente vom ägyptischen Sinai immer weiter nordostwärts über die osmanische Grenze ins Mutesarriflik Jerusalem.Alex Carmel (), Geschichte Haifas in der türkischen Zeit 1516-1918 [תּוֹלְדֹוֹֹת חֵיפָה בִּיְמֵי הַתּוּרְכִּים, Haifa: , 1969; dt.], Clara Zellermeyer (Übs.), Wiesbaden: Harrassowitz, 1975, (=Abhandlungen des Deutschen Palästinavereins; Bd. 3), S. 149. ISBN 3-447-01636-1.

Bis September 1918 waren die Kampfhandlungen fern al-Mudschaidils. Die Einnahme des Vilâyets Beirut durch Entente-Streitkräfte leitete die Neuaufteilung des Gebiets ein. Ihren Vorstellungen entsprechend teilten Briten und Franzosen die Levante neu auf und gliederten 1918 die südlichen zwei Drittel Galiläas vom osmanischen Libanon um in die Occupied Enemy Territory Administration South (OETA South), die dann 1920/1922 als Völkerbundsmandat für Palästina auch amtlich namentlich an die römische Bezeichnung aus dem Jahre 135 anschloss.

Laut Zensus von 1922 lebten etwa 150 Griechisch-Orthodoxe in al-Mudschaidil, neben mehr als 40 anderen Christen und 817 Muslimen, zusammen 1.009 Menschen am Ort.J. B. Barron (Kompil.), Palestine – Report and Abstract of the Census of 1922, Datenerhebung am 23. Oktober 1922, Government of Palestine (Hrsg.), Jerusalem: Greek Convent Press, 1923, Table XI ‹Populations by Districts and Sub-districts (Northern District): Sub-district of Nazareth›, S. 40. Die stabile Wirtschaftsentwicklung Palästinas zur Mandatszeit ermöglichte erstmals den Bau einer Moschee, der Moschee al-Huda (), erbaut 1930 mit modernem Wassersammelsystem, das Regen vom Dach in eine Zisterne leitete,Ilan Pappe, The Ethnic Cleansing of Palestine, London und New York: Oneworld, 2006, S. 153. ISBN 1-85168-467-0. und die Einrichtung von Schulen, segregiert nach Geschlechtern. Gemäß dem Zensus 1931 war die Einwohnerzahl auf 1.241 angewachsen, davon 1.044 Muslime und 197 Christen, deren Zahl kaum gewachsen war.NN, “Migdal Haʿemek” (29. April 2017), auf: BibleWalks 500+ sites; abgerufen am 15. August 2025. Im Jahr 1945 hatte al-Mudschaidil 1900 palästinensische Einwohner, davon 1640 Muslime und 190 Christen,Chad F. Emmett: Beyond the Basilica. Christians and Muslims in Nazareth. Chicago: University of Chicago Press, 1995; S. 157. und zwar griechisch-orthodoxe, von denen allerdings einige zum Protestantismus konvertiert waren.Alex Carmel: “Activities of the European Powers in Palestine, 1799–1914”. In: Asian and African Studies, Bd. 19, Nr. 1 S. 70.

Im Juli 1948 zog Israel im Rahmen der »Operation Deqel« (»Palme«) seine Truppen in Galiläa zusammen, und zwischen 15. und 18. Juli fiel unter anderem al-Mudschaidil. Da das Schicksal der Palästinenser von Haifa, das die meisten arabischen Nichtjuden schon im Bürgerkrieg zwischen arabischen und jüdischen Palästinensern auf höheren Befehl unter Androhung von Repressalien des Arabischen Höheren Komitees verließen,Jamal al-Hussayni, Präsident des AHC, sagte in der Sitzung zum Auszug nichtjüdischer Araber aus Haifa in der UNO am 23. April 1948: „Die Araber wollten sich nicht einem Waffenstillstand unterwerfen, der Schande gebracht hätte, und zogen es vor, ihre Wohnungen aufzugeben, ihre Habseligkeiten und alles, was sie auf dieser Welt besaßen, und die Stadt zu verlassen. Das haben sie tatsächlich getan.“ (Vgl. im englischen Original: “The Arabs did not want to submit to a truce which would have brought shame upon them, as they rather preferred to abandon their homes, their belongings, and everything they possessed in this world, and leave the town. This is in fact what they did.”), United Nations / Nations Unies, “287th meeting/287ème séance” (23. April 1948), in: Security Council Official Records / Conseil de Securité Procès-verbaux officiels, Nr. 62, Jg. 3 (1948), S. 14. und das Massaker von Deir Yasin unter der Bevölkerung bekannt war, waren viele Bewohner von al-Mudschaidil bereits vor der israelischen Eroberung nach Nazareth geflüchtet,Chad F. Emmett: Beyond the Basilica. Christians and Muslims in Nazareth. University of Chicago Press, 1995; S. 41. vor allem Frauen und Kinder.Benny Morris: The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited. Cambridge University Press, 2004.

mini|Luftbild al-Mu­dschaidils mit Nikolauskirche weitläufig ummauert am rechten Rand des Dorfes, 1949 Die arabischen Führer im Lande, wie die mit ihnen verbündeten arabischen Nachbarstaaten, lehnten die von der UNO im November 1947 vorgeschlagene Teilung des Mandatsgebiets ab, vereinbarten aber auch keine andere Aufteilung des Landes, sondern setzten allein auf ihr Waffenglück bei der territorialen Regelung. Gleich am 15. Mai 1948, am Tag nach Gründung Israels, rückten die Armeen der Nachbarländer ein, um den Krieg um Israels Unabhängigkeit zu eröffnen. Das ausbleibende Waffenglück beließ den arabischen Kämpfern Palästinas und ihren Verbündeten am Ende 22 % des Mandatsgebiets. Al-Mudschaidil kam an Israel.

Bewohner al-Mudschaidils standen bei Israelis im Verdacht mit der Armee des heiligen Krieges unter dem wehrmachtgeschulten Libanesen Fawzi al-Qawuqǧi zusammenzuarbeiten. Die israelischen Nachrichtendienste lieferten den kämpfenden israelischen Einheiten je Bulletins über die Orte, denen sie sich näherten, bezüglich eingetretener Ereignisse und des bisherigen Verhaltens der Einwohner gegenüber jüdischen Palästinensern, damit sie einschätzen könnten, ob sie eher mit friedlicher Haltung oder feindlich-gewalttätiger Handlung rechnen müssen. Das Bulletin zu al-Mudschaidil enthielt die Sache des vermissten Soldaten Menachem Goldstein, Motorradkurier und Verbindungsoffizier der Golani-Brigade, der am 28. Juni 1948 während einer seiner Missionen vom Hauptquartier aus auf der Landstraße (heute ) zwischen Sarid und Ginneigar verschwunden war.Eli Allon (), “” (15. Oktober 2018), auf: News1; abgerufen am 16. August 2025.

Am 15. Juli 1948, im Zuge der Operation Deqel, drang das 13. Bataillon der Golani-Brigade in al-Mudschaidil ein und nahm es ohne nennenswerten Widerstand ein, denn es war weithin menschenleer. Die meisten Bewohner waren ins nahe Yafa al-Nasiriyya und weiter nach Nazareth geflohen.Pressestelle des Patriarchats Jerusalem, “”, auf: Πατριαρχεῖον Ἱεροσολύμων; abgerufen am 11. August 2025. Wie sich erwies, flohen sie wohl in Erwartung von gefährlichen Unannehmlichkeiten. Sofort nach der Eroberung des Dorfes sprengten israelische Truppen zehn Häuser »als Warnung«.Chad F. Emmett: Beyond the Basilica. Christians and Muslims in Nazareth. Chicago: University of Chicago Press, 1995; S. 43. Israelische Truppen fanden Goldsteins Leiche am 21. Juli in einer Grube in der Umgebung und erfuhren von befragten arabischen Kriegsgefangenen und Bewohnern, dass er durch eine von Milizionären aus al-Mudschaidil gelegten Mine schwer verletzt worden war. Die Milizionäre hatten ihn ins Dorf geschleppt, wo sie ihn unter schwerer Folter ermordet hatten.

Jene Bewohner al-Muschaidils, die geblieben waren, wurden Richtung Nazareth vertrieben;Chad F. Emmett: Beyond the Basilica. Christians and Muslims in Nazareth. University of Chicago Press, 1995; S. 41. die Soldaten vertrieben – so wie an vielen anderen Orten – die gesamte Bevölkerung des Dorfes.Rosemarie M. Esber: Under the Cover of War. The Zionist Expulsion of the Palestinians. Arabicus, 2008; S. 349; Benny Morris: The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited. Cambridge University Press, 2004. In den folgenden Wochen sprengten die israelischen Truppen auch die übrigen Häuser des Dorfes. Der Jüdische Nationalfonds forstete später die geschaffene Wüstung wie in vielen anderen eingeebneten Dörfern mit Kiefern auf,Ilan Pappe: Le nettoyage ethnique de la Palestine. Fayard, 2008. um einen Wald über das ehemalige Dorf wachsen zu lassen.Šejla Haračić: “Memoricide. A Punishable Behavior?” In: Confronting the Past. European Experiences, Vjeran Pavlaković, Davor Pauković, Višeslav Raos (Hrsg.). CPI, 2012; S. 249.