Litungu (Luhya, Plural kamatungu) ist eine siebensaitige Schalenleier mit einem hölzernen Korpus hauptsächlich bei den Bukusu (Kusu) und darüber hinaus bei den Logoli (Maragoli), beide Untergruppen der Luhya, und den mit ihnen verwandten Tachoni im Westen Kenias sowie den Bukusu und den ebenfalls zu den Luhya gehörenden Bagisu (Gisu, bei ihnen lidungu genannt) und Wanga im Osten Ugandas. Eine etwas andere Schalenleier mit acht Saiten, die iritungu oder litungu heißt, spielen die Kuria in Kenia. Ihr Holzkorpus ist bei modernen Instrumenten durch eine Blechschüssel ersetzt. Die beiden litungu-Typen unterscheiden sich in Form und Spielhaltung, aber nicht durch ihren klaren Ton. Dieser entsteht, weil die Saiten frei schwingend über einen auf der Membran aufgesetzten Steg verlaufen. Damit unterscheiden sie sich von den ugandischen Leiern ohne Steg, bei denen die Saiten über die Membran streifen und so ein schnarrendes Nebengeräusch erzeugen. Bei den Bukusu dient die litungu zur Begleitung des populärsten Unterhaltungstanzes kamabeka und gehört zu einem Vortragsstil, bei dem sich zur Leier gesungene Lieder mit gesprochenen Textpassagen abwechseln.

Ferner bezeichnet litungu eine siebensaitige Kastenleier bei den zu den Luhya gehörenden Ragoli (Logoli) in Uganda und eine Floßzither bei den Bagisu in Uganda.

Verbreitung mini|Achtsaitige nyatiti der Luo. Das heutige, relativ enge Verbreitungsgebiet der Leiern ist auf das nordöstliche Afrika beschränkt und erstreckt sich darüber hinaus vom Roten Meer (simsimiyya in der arabischen Volksmusik) bis zum Persischen Golf (in Nubien beheimatete tanbura). Nach der Form des Resonanzkörpers werden die zwei Typen Kastenleier und Schalenleier unterschieden. Zu den wenigen Kastenleiern gehören die krar und die beganna in Äthiopien; ansonsten überwiegen in Afrika die Schalenleiern, die vermutlich vom Alten Ägypten in den ersten vorchristlichen Jahrhunderten durch Vermittlung des meroitischen Reiches entlang des Nil nach Süden gelangten. Beide Leiertypen waren wahrscheinlich bereits Anfang des 1. Jahrtausends im Aksumitischen Reich am Horn von Afrika vorhanden. Die organologisch verschiedenen Typen haben sich in Afrika gegenseitig beeinflusst. So kann die äthiopische krar einen schalen- oder kastenförmigen Resonanzkörper aus unterschiedlichen Materialien besitzen, die Schalenleier tom bei den Schilluk im Südsudan hat einen ungewöhnlichen halbröhrenförmigen Holzkorpus und im Westen Kenias kommt eine achtsaitige litungu mit einem eher kastenförmigen Korpus vor.Gerhard Kubik: Leiern. C. Afrikanische Leiern. II. Zur Migrationsgeschichte der Leiern. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1996)

Ein zweites Unterscheidungskriterium bei Leiern ist die Spieltechnik. Bei den Leiern aus dem antiken Mittelmeerraum wie der altgriechischen kithara und dem israelitischen kinnor strich der Spieler mit einem Plektrum in einer Hand in beiden Richtungen über alle Saiten und dämpfte mit Fingern der anderen Hand durch leichte Berührung von der Rückseite alle Saiten, die nicht zu hören sein sollten. Diese Spieltechnik ist für die simsimiyya, die tanbura und einige Leiern in Südäthiopien typisch, kommt aber in Ostafrika nur vereinzelt vor. Von den Schalenleiern im Südsudan, die unter anderem bei den Schilluk, Dinka (tom) und Nuer (flache runde SchaleLyre, Nuer? Pitt Rivers Museum (Abbildung einer flachen Schalenleier vermutlich der Nuer, vor 1928)) vorkamen, bis zur Südgrenze der Leiern um den Victoriasee und im Norden von Tansania werden, ungeachtet regionaler spieltechnischer Besonderheiten, überwiegend die Saiten einzeln mit den Fingern gezupft.

In Kenia sind Leiern nur westlich des Grabenbruchs verbreitet. Die kenianischen Schalenleiern werden nach Details ihrer Bauform in drei klar abgrenzbare Typen unterschieden: 1) Die siebensaitige litungu besitzt annähernd parallel aus dem Resonanzkörper herausragende Jocharme. 2) Die obokano der Kisii (auch Gusii), die nyatiti (nytiti, auch thum) der Luo und die iritungu der Kuria haben eine dreieckige Grundform, ihre Jocharme gehen vom kreisrunden Korpus V-förmig auseinander. Als Besonderheit produziert die obokano ein Nebengeräusch. Hierfür werden in ihrem Resonanzkörper vor dem Überziehen der Hautdecke zwei bis drei Steinchen platziert, die beim Spiel als Rasseln fungieren, außerdem sorgt ein zweiter, mittig auf der Membran aufgeklebter Steg aus Schilfrohr, den die Saiten leicht berühren, für ein Schnarren.John P. Varnum: The Obokano of the Gusii: A Bowl Lyre of East Africa. In: Ethnomusicology, Bd. 15, Nr. 2, Mai 1971, S. 242–248, hier S. 245 3) Als dritter Typ ist die Leier pagan (oder pkan) der Pokot (Pökoot-Sprecher) im West Pokot County, die wie die altgriechische lyra einen Schildkrötenpanzer als Korpus besitzt, klein und fast quadratisch.

mini|Fünfsaitige Leiern der Konso in Südäthiopien. Parallele Jocharme und querformatiger Korpus wie bei der siebensaitigen litungu. Auf zwei möglichen Routen kamen die Leiern aus dem Norden nach Westkenia und Uganda. Nach einer gängigen Theorie gelangten sie mit der Südwanderung der Luo, die mit Luo eine nilotische Sprache sprechen, im 15./16. Jahrhundert aus dem Südsudan an den Victoriasee. Da Leiern bei den nilotischen Volksgruppen in Norduganda und Nordkenia im Bereich des Turkana-Sees fehlen und somit eine Lücke auf dieser Verbreitungsroute existiert, bevorzugt Gerhard Kubik eine Herkunft der Leiern in Westkenia aus Südäthiopien. In Äthiopien sind Leiern bis auf die Tiefebene im Osten in allen Landesteilen verbreitet, neben den bekannten Leiern krar und beganna im zentralen Hochland etwa unter den Namen dita, dul, shungui, goala und timba. In Südäthiopien besitzen die Leiern üblicherweise eine flache, unförmig-rechteckige Holzschale als Resonanzkörper, die mit Tierhaut bespannt ist.Timkehet Teffera: The Six-Stringed Bowl Lyre Krar of Ethiopia and its Function as a Melody Instrument. In: Gisa Jähnichen (Hrsg.): Studia Instrumentorum Musicae Popularis II. (New Series). Monsenstein und Vannerdat, Münster 2011, S. 269–286, hier S. 272 Kubik zieht zur Bestätigung der äthiopischen Herkunft zumindest der westkenianischen Leiern eine linguistische Verbindung zwischen Amharisch beganna, Pökoot pkan (pagan) und dem Namen obokano bei den Kisii.

Die Leiern kamen demnach zunächst zu den bantusprachigen Ethnien in Westkenia und von dort vielleicht im 18./19. Jahrhundert zu bantusprachigen und nilotischen Gruppen in Uganda. Die Luhya dürften mit der litungu als eine der ersten Bantusprachgruppen vor längerer Zeit die Leier übernommen haben. Die etwas später eingeführten Leiern obokano und nyatiti kommen als Vorbilder für die ugandischen Typen in Frage. Diese unterscheiden sich von den kenianischen durch den bei ihnen fehlenden Steg. Eine solche steglose Leier ist die enthongoli (entongoli, auch entongooli) der Basoga. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von den Baganda als endongo übernommen.Gerhard Kubik: Leiern. II. Zur Migrationsgeschichte der Leiern. In: MGG Online, November 2016 Bei Leiern ohne Steg verlaufen die Saiten ein kurzes Stück direkt auf der Membran und verursachen dadurch beim Anschlagen ein schnarrendes Nebengeräusch, was bei vielen afrikanischen Musikinstrumenten ein gewünschter Effekt ist.Ulrich Wegner, 1984, S. 107f

Klaus Wachsmann (1971), auf den die These der „Luo-Migration“ zurückgeht, erklärt die Verbreitungslücke der Leier in einer Breite von 300 bis 450 Kilometern mit der allgemeinen materiellen Armut der um den Turkana-See lebenden Völker, die überwiegend Viehzüchter sind (darunter Turkana, Rendille und Mursi). Nach ihrer Saitenstimmung unterscheidet Wachsmann zwei Leiertypen, die jeweils auf einen eigenen Ursprung zurückgehen: Zu einer östlichen Region gehören die äthiopische beganna und die Leiern der Basoga und Baganda, deren Saiten in Intervallsprüngen gestimmt sind. Die Leiern der westlichen Region, die mit der äthiopischen krar zusammenhängen, besitzen weniger und nach aufsteigender Tonhöhe gestimmte Saiten.Klaus P. Wachsmann: Musical Instruments in Kiganda Tradition and Their Place in the East African Scene. In: Ders. (Hrsg.): Essays on Music and History in Africa. Northwestern University Press, Evanstone 1971, S. 93–134, hier S. 126f Das Königreich Buganda ist ein Gebiet, in dem ausnahmsweise Leiern und Harfen – hier die achtsaitige Bogenharfe ennanga – zugleich vorkommen, ansonsten sind in Ostafrika die Verbreitungsregionen der Leiern und Harfen voneinander getrennt.Gerhard Kubik: Leiern. I. Typologie und Verbreitung. In: MGG Online, November 2016

Bauform Siebensaitige Litungu mini|hochkant|Siebensaitige Leier der Alur im Nordosten des Kongo ohne Steg, aber mit einem einseitigen Schallloch wie bei der litungu. Stellung der Jocharme entspricht der iritungu und der endongo. Der schalenförmige, eher ovale Holzkorpus (siiye)Bezeichnungen der Bauteile nach: Mukasa Situma Wafula, 2004, S. 88 der siebensaitigen litungu der Bukusu misst ungefähr 35 Zentimeter in der Breite, 25 Zentimeter in der Längsrichtung und 15 Zentimeter in der Tiefe. Als Decke wird eine Membran (lisielo) aus einer Tierhaut aufgezogen und an den Rändern umgebogen. Ziegen-, Schaf- oder Kuhhaut werden in der Region allgemein für Leiern als Membran verwendet. Bei der litungu ersetzt heute Kuhhaut die früher übliche Haut eines Warans.Abigael Nancy Masasabi, 2011, S. 12 Die Membran anderer ostafrikanischer Leiern wird mit um die Unterseite verlaufenden Riemen verspannt, bei der litungu ist sie einige Zentimeter vom Rand entfernt mit Holzpflöcken befestigt oder heute einfacherweise angenagelt. Die Jocharme (kimikhono) des insgesamt etwa 75 Zentimeter langen Instruments führen nahezu parallel aus dem Innern des Korpus über dessen oberen Rand bis zu Zapfenlöchern in der Querstange (lusala lukhikha). Auf einer Länge von etwa 45 Zentimetern nimmt der Abstand zwischen den Jochstangen bis zur Querstange von etwa 28 auf 30 Zentimeter zu.George W. Senoga-Zake: Folk Music of Kenya. (1986) Uzima Press, Nairobi 2000, S. 147 Um die Austrittsstellen der Jocharme ist die Membran ausgeschnitten.

Der Korpus bestand früher aus dem weichen und gegen Schädlinge resistenten Holz von Maulbeer-Feige (kumukhuyu nandere), Euphorbia Candelabrum (Gattung Wolfsmilch, kumutua) und Erythrina abyssinica (Gattung Korallenbaum, kumurembe). Nachdem die britische Kolonialregierung 1937 unter Strafandrohung das Fällen dieser und einiger anderer Bäume verboten hatte, mussten die Instrumentenbauer auf bis dahin für ungeeignet gehaltene Holzarten ausweichen.Barasa Maurice Wekesa, 2015, S. 146f