mini|Topographie von Jerusalem in der Spätantike (Madabakarte) Die Heilige Woche in Jerusalem wurde am Ende des 4. Jahrhunderts von der Pilgerin Egeria in ihrem Reisebericht (Itinerarium) beschrieben. Es handelt sich um eine Reihe von Gottesdiensten und liturgischen Vollzügen vom Lazarus-Samstag bis Ostersonntag. Dabei wurden die Bibeltexte der Passionsgeschichte und das Osterevangelium in Beziehung gesetzt zu den Orten, an denen sich nach alter christlicher Tradition die betreffenden Geschehnisse ereignet hatten. Ort und Zeit verschränkten sich: Der passende Bibeltext, der – in antiker Wahrnehmung – authentische Ort und die richtige Zeit (im Kirchenjahr) fanden zusammen.Harald Buchinger: Heilige Zeiten. S. 295.

Orte Die Orte für diese liturgischen Begehungen befanden sich entweder im Bereich des Ölbergs, wo sich schon früh eine christliche Erinnerungslandschaft gebildet hatte, oder in der konstantinischen Grabeskirche. Sie ist das zentrale Bauwerk des christlichen Jerusalem, direkt an der Hauptstraße (Cardo maximus) gelegen, wie die Mosaikkarte von Madaba zeigt. Andere Orte im Stadtgebiet spielen, bis auf die Geißelungssäule auf dem Zionsberg, in der Alt-Jerusalemer Liturgie der Heiligen Woche noch keine Rolle.

mini|Modell der Grabeskirche im 4. Jahrhundert

Das liegt auch daran, dass sich im Ablauf der Heiligen Woche der Besuch authentischer Orte mit dem Besuch symbolischer Orte abwechselte; besonders deutlich wird dies, wenn zum Abendmahl am Gründonnerstag nicht etwa ein Haus aufgesucht wurde, in dem die Tradition das letzte Mahl Jesu mit den Jüngern verortete – sondern die Gemeinde sich zum Kommunionempfang unter das Kreuz in der Grabeskirche begab, an einen hoch symbolischen Ort.Harald Buchinger: Heilige Zeiten. S. 305.

mini|Römische Bausubstanz, Abschlussmauer der konstantinischen Grabeskirche (Alexander-Nevsky-Kirche)

Die Grabeskirche erstreckte sich vom Cardo etwa 132 m nach Westen und war fast 43 m breit. Es war zwar ein kaiserliches Bauprojekt, aber man konnte nicht größer bauen, da das zur Verfügung stehende Gelände begrenzt war. Ihre Bedeutung zeigte sich in der kostbaren Ausstattung, für die Kaiser Konstantin gesorgt hatte. Vom Cardo gelangte man durch die Propyläen ins Atrium, hinter dem sich eine fünfschiffige Basilika, das sogenannte MartyriumEgeria: Itinerarium. Kapitel 30,1, S. 237: „Sie wird deswegen Martyrium genannt, weil sie auf Golgota steht, das heißt hinter dem Kreuz (post Crucem), wo der Herr gelitten hat – deswegen also Martyrium.“ befand, 58 m lang und 40 m breit. Man konnte an beiden Seiten durch einen offenen Gang an der Basilika außen entlanggehen und gelangte in einen Innenhof mit dem Golgathafelsen. Hinter dem Innenhof schloss sich die überkuppelte Rotunde der Anastasis („Auferstehung“) an, in deren Mitte sich die Heilig-Grab-Ädikula befand. Acht Tore führten vom Innenhof in die Anastasis.Günter Stemberger: Juden und Christen. S. 58–59. Reste des repräsentativen Eingangsbereichs der spätantiken Grabeskirche (Propyläen und Atrium) kann man am Suq Chan ez-Zeit entdecken, und zwar an der russisch-orthodoxen Alexander-Nevsky-Kirche und der daneben befindlichen Zuckerbäckerei: vier Säulenstümpfe des Cardo, antike Pflasterung und Schwelle, etwa 7 m der östlichen Abschlussmauer aus konstantinischer Zeit.Max Küchler: Jerusalem. S. 412–415. Alle konstantinischen Kirchen Jerusalems wurden von ortsansässigen Architekten ausgeführt. Die Christen waren im Palästina des 4. Jahrhunderts noch eine Minderheit, für deren normalen Gottesdienst kleinere Kirchen ausreichten, „und die in all diesen Anlagen umfangreichen offenen Höfe und Plätze trugen dem erwarteten Zustrom an Pilgern Rechnung.“Günter Stemberger: Juden und Christen. S. 64.

Tage Lazarus-Samstag mini|In der Heiligen Woche besuchte man mehrfach Stätten auf dem Ölberg, wo es alte christliche Erinnerungsorte gab. Die Via Dolorosa war unbekannt. Die Heilige Woche begann am Nachmittag des Lazarus-Samstags.

Die Gläubigen wanderten von Jerusalem nach Bethanien am Ostabhang des Ölbergs. Hier lokalisierte die Tradition an der Straße einen Ort, wo Jesus und Maria, die Schwester des Lazarus, einander begegneten . Zur siebten Stunde (um 13 Uhr) traf der Bischof von Jerusalem ein, wobei ihm die Mönche entgegenkamen; und alle begaben sich in die an dieser Stätte erbaute Kirche. Ein kurzer Gottesdienst hatte die Lesung der betreffenden Bibelstelle zum Inhalt. „Es wird also genau dem Johannesevangelium entlang inszeniert: An die Stelle Jesu tritt der Bischof, an die Stelle der Maria treten die Mönche und an die Stelle der Juden die Gläubigen.“Max Küchler: Jerusalem. S. 924. Der Ort ist ein alter Erinnerungspunkt, der sogenannte Stein des Wartens Jesu. Er befand sich auf der Straßenseite gegenüber der heutigen griechisch-orthodoxen Kirche bei Burdsch al-Hammar in einem heute aufgelassenen Gelände.Max Küchler: Jerusalem. S. 914–920. Daraufhin begaben sich alle unter Hymnengesang zum „sogenannten Lazarium“, wo sich schon eine große Menschenmenge auf den umliegenden Feldern eingefunden hatte. Nach dem Bericht des Pilgers von Bordeaux gab es im 4. Jahrhundert bereits eine als Lazarusgrab verehrte Grabanlage mit Kapelle, und um diesen kleinen Kultbau sammelte sich die Menschenmenge im Freien.Georg Röwekamp: Itinerarium (Einleitung). S. 65. Hieronymus bezeugte wenige Jahre nach Egerias Besuch östlich des Lazarusgrabes eine „jetzt dort erbaute Kirche“. Sie bestand bis zum Erdbeben des Jahres 447 und ist archäologisch gut bekannt: eine dreischiffige Basilika, 19 m breit, etwa 35 m lang, mit eingeschriebener Apsis und erhöhtem Presbyterium. Die Reste des rein ornamentalen Mosaikfußbodens gehören zu den ältesten kirchlichen Mosaiken der Region.Max Küchler: Jerusalem. S. 926. Das Areal ist heute in franziskanischem Besitz; die Mosaiken des 4. Jahrhunderts werden im Innenhof vor dem Eingang zur modernen Kirche ausgestellt.Max Küchler: Jerusalem. S. 929. Nach einem Gottesdienst mit passenden Hymnen, Antiphonen und Lesungen ging der Priester zu einem erhöhten Platz und trug von dort aus dem Johannesevangelium Kapitel 12 vor, das einen Hinweis auf Ostern enthält. Die Auferweckung des Lazarus war in der Jerusalemer Liturgie also der eindrucksvolle Auftakt für die Heiligen Woche. mini|hochkant|Eingang zur Eleona-Grotte im Bereich der heutigen Paternosterkirche auf dem Ölberg Alle wanderten daraufhin auf dem kürzesten Weg,Egeria: Itinerarium. Kapitel 29,6, S. 234–236: „revertuntur … rectus ad Anastase“ also über die Anhöhe des Ölbergs von Bethanien nach Jerusalem zurück und begaben sich direkt in die Rotunde der konstantinischen Grabeskirche (Anastasis), wo das übliche Abendgebet mit Entzündung der Lichter (Luzernar) stattfand. Dieses tägliche Abendritual hatte in Jerusalem eine besondere Form angenommen. Das Licht wurde nämlich nicht einfach entzündet wie überall sonst, sondern aus dem Inneren des Heiligen Grabes „hervorgebracht“.Egeria: Itinerarium. Kapitel 24,4, S. 210: „Lumen … de spelunca interiori eicitur“.Egeria: Itinerarium. Kapitel 24,4, S. 211: „Zur zehnten Stunde aber, die man hier Lychnikon nennt – wir sagen Luzernar – versammelt sich die ganze Menge wieder in der Anastasis; es werden alle Leuchter und Kerzen angezündet, und es erstrahlt unendliches Licht.“

Palmsonntag Am Nachmittag des Palmsonntags zogen die Gläubigen mit dem Bischof um 13 Uhr mit Palmzweigen zum Ölberg. In der Eleona-Kirche fand ein Festgottesdienst statt. Die Eleona war einer der konstantinischen Kirchenbauten Jerusalems. Ihre Lokalisierung machte sich an einer verehrten Grotte auf dem Weg von Bethanien nach Jerusalem fest, was aus Egerias Bericht (siehe: Dienstag) sehr deutlich wird. Um 15 Uhr begab man sich Hymnen singend zum sogenannten Imbomon, wo alle sich setzten, während die Diakone standen. Bis um 17 Uhr wechselten verschiedene Lesungen und Gesänge einander ab; dann wurde das Evangelium vom Einzug nach Jerusalem verlesen . Das Imbomon war ein von der Stadt gut sichtbarer Fels oder kleiner Hügel auf der Kuppe des Ölbergs, an dessen Stelle sich heute eine Moschee befindet. Hier lokalisierte man die Himmelfahrt Christi. Eine Kirche gab es dort zur Zeit Egerias noch nicht, aber der freie Platz wurde für verschiedene liturgische Feiern genutzt.Max Küchler: Jerusalem. S. 882–883. In einer Prozession begleiteten Jung und Alt den Bischof nach Jerusalem in der Weise, wie Jesus in Jerusalem einzog,Harald Buchinger: Heilige Zeiten. S. 304: „Auf mimetische Weise repräsentiert der Bischof Christus, nicht nur in der Palmprozession … sondern auch z. B. in der Jüngerbelehrung am Dienstag der Hohen Woche…“ wobei als Antiphon immer wieder gesungen wurde: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Egeria beschreibt, dass alle Kinder, auch die kleinen, die von ihren Eltern auf dem Rücken getragen wurden, bei diesem Abstieg vom Ölberg Zweige von Palmen oder Ölbäumen in den Händen hielten.Egeria: Itinerarium. Kapitel 31,3, S. 239.

Erst spät kam man in der Grabeskirche zum Abendgebet mit Lichtentzünden an.Georg Röwekamp: Itinerarium (Einleitung). S. 84 (Während Jesu Einzug in Jerusalem ihn direkt zum Tempel geführt hatte, endete der Weg dieser Prozession in der Grabeskirche als dem „neuen Tempel“). Diese gemeinsame Rückkehr in die Hauptkirche zum Tagesausklang, der eine Rückkehr in gewohnte liturgische Abläufe des Tagzeitengebets entspricht, bildete ein Gegengewicht zur dramatischen Vergegenwärtigung der Passionsgeschichte und wird sich an den Folgetagen wiederholen.Harald Buchinger: Heilige Zeiten. S. 305.

Montag der Karwoche Der Tag begann mit der üblichen Liturgie der Fastenzeit.Georg Röwekamp: Itinerar (Vorwort). (Quelle hierfür ist das Armenische Lektionar): „Die Lesungen des Montags … handeln von Schöpfung, Sündenfall, Hoffnung auf Erlösung und der Leidensankündigung durch Jesus.“ Aber ab 15 Uhr wurde die Non mit anschließendem Luzernar im Martyrium der Grabeskirche als Gemeindegottesdienst gefeiert, der bis in die Nacht währte. Zum Abschluss zog der Bischof zur Heilig-Grab-Ädikula, wo er die Gläubigen und Katechumenen segnete und entließ. mini|Eleona-Grotte, Reste der „Grotte der Unterweisung“ auf dem Gelände der Paternosterkirche

Dienstag der Karwoche Alles fand genau wie am Montag statt, aber die Gemeinde ging nach der Entlassung nicht nach Hause, sondern wanderte in der Dunkelheit zum Ölberg. In der Eleona-Kirche begab sich der Bischof in die Höhle, wo Jesus nach der Tradition seine Jünger zu unterweisen pflegte. Man reichte ihm das Evangelienbuch, und er trug stehend die ganze Rede vor, die Jesus über die Vorzeichen und die Verfolgungen der Endzeit gehalten hatte . Nach dem Segen kehrte jeder spät in der Nacht nach Hause zurück. Schon im 2. und 3. Jahrhundert wurde auf dem Gelände der Eleona-Kirche eine „Grotte der Unterweisung“ verehrt; nach dem Konzil von Nicäa kam sie „aus ihrem esoterischen Halbdunkel mit einem Schlag ans gleißende Licht des kaiserlichen Bauprogramms.“Max Küchler: Jerusalem. S. 858–862. Als Egeria Jerusalem besuchte, war die Eleona fest in das liturgische Leben der Stadt eingebunden und in ihrer Bedeutung nicht auf das Thema Himmelfahrtskirche eingeschränkt. Die Eleona-Kirche Konstantins sah folgendermaßen aus: durch einen Portikus gelangte man in das Atrium mit einer großen Zisterne; hinter dem Atrium erhob sich die eigentliche Basilika mit einer Grundfläche von etwa 30 × 18 m, geschmückt mit einem Mosaikfußboden.Günter Stemberger: Juden und Christen. S. 61. Von hier aus hatte man damals einen guten Blick auf die Stadt. Das machte sie zu einem geeigneten Ort für die Endzeitrede, in der das Schicksal von Jerusalem thematisiert wird.Georg Röwekamp: Itinerarium (Einleitung). S. 85. mini|hochkant|Pilgerflasche aus Bobbio mit Darstellung der konstantinischen Heilig-Grab-Ädikula (unten Mitte). Die zaunartige Abgrenzung des Eingangsbereichs ist gut erkennbar und spielte in der Liturgie eine wichtige Rolle.

Mittwoch der Karwoche