mini|Vierungsturm des Kölner Domes, 2014 mini|Bau der Domtürme, mit freier Sicht auf den Vierungs­turm, Aufnahme J. H. & Th. Schönscheidt, 1865

Der Vierungsturm des Kölner Domes ist der 1860 errichtete und in den 1960er Jahren umgestaltete dritte Turm des Kölner Domes. Er befindet sich über der Vierung und gehört zu jenen Teilen des Domes, für die keine mittelalterlichen Baupläne vorlagen. Bereits im späten Mittelalter trug das Dach des Chores einen Dachreiter, der 1744 im Stil des Barock erneuert wurde. Dieser Dachreiter musste 1812 wegen Baufälligkeit entfernt werden.

Eine „Idealansicht“ des vollendeten Domes von Sulpiz Boisserée aus dem Jahr 1821 sah einen massiven achteckigen Steinturm vor. Dieser ließ sich aus statischen Gründen nicht verwirklichen, so dass 1860 unmittelbar nach dem Dachstuhl des Kölner Domes ein schmiedeeiserner Vierungsturm nach einem Entwurf des Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner und Plänen seines Stellvertreters Richard Voigtel errichtet wurde.

Die neugotische Dekoration dieses Turmes, mit Wimpergen, Fialen und Wasserspeiern, wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, während der eiserne Unterbau fast unbeschädigt blieb. Der Vierungsturm erhielt seine heutige Gestalt zwischen 1965 und 1973 durch eine neue Verkleidung mit schmückenden Elementen im Stil des Art déco. Die ursprünglich an der Basis des Turmhelms angebrachten Wimperge wurden durch acht Engelfiguren aus mit Blei verkleidetem Lärchenholz nach einem Entwurf des Kölner Dombildhauers Erlefried Hoppe ersetzt, für die Hubert Bruhs die Holzkerne der Figuren anfertigte.

Der Vierungsturm in der ersten Bauperiode mini|Legende der heiligen Ursula, Kölner Malerschule, um 1455–1460 mini|Straßenbild, Jan van der Heyden, 1684

Der Bau des Kölner Domes war im Mittelalter nur wenig über die Fertigstellung des Chores im Jahr 1322 und die ersten beiden Geschosse des Südturms hinausgekommen. Der Chor war in Richtung Westen durch eine Mauer abgeschlossen, vom Querschiff standen im Wesentlichen nur die östlichen Pfeiler und die östlichen Wände.

Mittelalterliche Pläne, wie sie für die meisten Teile des Domes wiedergefunden wurden, lagen für einen Dachreiter oder Vierungsturm nicht vor. Sulpiz Boisserée äußerte in seinem erstmals 1821 aufgelegten Werk mit Ansichten und Plänen des Kölner Domes die Überzeugung, dass bereits die mittelalterliche Planung über der Vierung einen achteckigen massiven Turm vorgesehen habe. Seine Einschätzung beruhte jedoch ausschließlich auf Vergleichen mit anderen Kathedralen des 13. Jahrhunderts und eigenen ästhetischen Erwägungen.

Der Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner stellte 1855 fest, dass an den mittelalterlichen Bauteilen des Kölner Domes, insbesondere an den beiden westlichen Chorpfeilern, nichts darauf hindeutet, dass ein Vierungsturm errichtet werden sollte. Die Eckpfeiler der Vierung haben einen massiven Kern von geringem Durchmesser und ohne Verbund vorgesetzte Dienste. Die östlichen Pfeiler bestehen aus einem mit Hausteinen verblendeten Kern, der aus gering belastbarem ziegelförmigem Tuffstein gemauert ist. Zudem waren die Pfeiler mit derart geringer Sorgfalt errichtet worden, dass 1826 Verankerungen zum Zusammenhalten der auseinander strebenden Pfeiler angebracht werden mussten.

Zwirner und sein Stellvertreter und Nachfolger Richard Voigtel vertraten mit Blick auf andere große gotische Sakralbauten wie die Kathedrale von Amiens, deren Baubeginn vor jenem des Kölner Domes lag, die Auffassung, dass ein Vierungsturm notwendig sei und zum Profil des ganzen Gebäudes gehöre. Da die Pfeiler einen massiven Steinturm nicht hätten tragen können vermutete Voigtel, dass bei der Anlage der Fundamente des Domes kein Turm geplant war.

Unabhängig von der Frage der Bauplanung des 13. Jahrhunderts steht fest, dass auf das Dach des 1322 fertiggestellten Domchores noch im Mittelalter ein Dachreiter aufgesetzt worden ist. Darstellungen des Kölner Domes aus dem 15. bis 17. Jahrhundert zeigen ihn stets mit dem Domkran auf dem teilweise errichteten Südturm, und mit einem Dachreiter auf dem Chor.

Barocker Dachreiter mini|Ansicht des Domplatzes zu Kölln, Laurenz Janscha, 1798 mini|Domhof, Zeichnung und Stich von Johann Paul Josef Ritter, 1806

1744 wurde auf dem Dach des Chores, unmittelbar hinter der Vierung, ein barocker Dachreiter errichtet, in dem sich zwei Glocken befanden. Im Jahr 1809 wurde der untere Bereich des Dachreiters teilweise mit Blei verkleidet.

1811 beauftragte die Stadt Köln auf Betreiben Sulpiz Boisserées den hessischen Oberbaurat Georg Moller damit, gemeinsam mit dem Kölner Stadtbaumeister Peter Schmitz und dem Baumeister Johannes Baptist Leidel die Bauschäden am Dom, insbesondere am westlichen Giebel des Chores und am Dachreiter, zu untersuchen. Am 30. September 1811 fand eine Begehung des Domes statt, bei der am Dachreiter erhebliche Schäden festgestellt wurden. Die sechs Hauptsäulen des Dachreiters und der größte Teil des übrigen Holzes waren vom Holzwurm befallen und aus dem Verband gelöst. Der letzte Dachbalken am westlichen Ende des Chors war aufgrund der Belastung durch den Dachreiter nach Süden eingesunken und zerbrochen. Er war Jahre zuvor notdürftig mit schmalen Leisten verbunden und mit den drei anderen Balken, auf denen der Dachreiter ruhte, mit Sprießen gegen die Seitenmauern des Chores abgestützt worden. Infolge dieser Belastung waren die Mauern nach außen gedrückt worden, was wiederum Risse im Chorgewölbe und in der Giebelmauer herbeigeführt hatte. Aufgrund des gebrochenen tragenden Balkens und seiner eigenen mangelhaften Konstruktion war der Turm insgesamt nach Südwesten geneigt.

Im Ergebnis der Begehung wurde neben anderen Maßnahmen am Dom das Abtragen des Dachreiters noch vor dem Winter empfohlen. Die Arbeiten wurden jedoch nicht sofort durchgeführt. Erst im Juni 1812 befahl der französische Präfekt dem Kirchenvorstand, den Dachreiter abzutragen. Der Abbruch erfolgte bis zu dem 1809 mit Blei neu eingedeckten Teil.

Auf Bitten des Dompfarrers Michael Joseph DuMont entwarf Boisserée einen neuen Dachreiter von 17 Meter Höhe und etwa 2,90 Meter Breite. Noch im Jahr 1816 enthielt ein dem Stadtrat vorgelegter Kostenvoranschlag für die dringlichsten Arbeiten am Dom Ausgaben für die Wiedererrichtung des Dachreiters. Dafür war fast die Hälfte der veranschlagten Summe vorgesehen. Die Pläne kamen jedoch nicht zur Ausführung.

Entwurf von Sulpiz Boisserée mini|Idealansicht des fertigen Doms, Sulpiz Boisserée, 1821 mini|Der Kölner Dom von Südosten, Sulpiz Boisserée, 1842 Dass der Kölner Dom einen Mittelturm haben müsse, und dass dieser bereits von den mittelalterlichen Baumeistern geplant gewesen sei, stand für Sulpiz Boisserée außer Frage. Er befasste sich intensiv mit den Maßen des Turms, insbesondere mit deren Verhältnis zu den Maßen der beiden Haupttürme. Dabei stützte er sich auf einen von Hermann Crombach im Jahr 1654 nach mittelalterlichen Vorlagen veröffentlichten Plan.

Am 8. Mai 1810 beschrieb Boisserée sein Vorgehen in einem Brief an Johann Wolfgang von Goethe:

Aus einem von Sulpiz Boisserée nachgelassenen Manuskript geht hervor, dass er seinen ursprünglichen Entwurf stark überarbeitete, nachdem mittelalterliche Originalpläne der Haupttürme und weiterer Gebäudeteile wiedergefunden wurden. Er veröffentlichte 1821 in seinem Werk Ansichten, Risse und einzelne Theile des Doms von Köln eine „Idealansicht“ des fertigen Domes, über dem ein massiver achteckiger Vierungsturm aufragt. Diesem Entwurf lag die Überlegung zugrunde, dass die Höhe des Turms über dem Kirchenboden zu seiner durch die Abmessungen der Vierung festgelegten Breite im selben Verhältnis stehen musste wie die Höhe der Haupttürme zu ihrer am Dach des Langhauses gemessenen Breite. Dadurch kam Boisserée auf ein Verhältnis von sechseinhalb zu eins. Zudem waren in seinen Augen ein achteckiger Grundriss sowie der durchbrochene Turmhelm von mehr als einem Drittel der Höhe des Turms durch die Gestalt der Haupttürme vorgegeben.

Das erste Geschoss des Vierungsturms reicht in Boisserées Entwurf bis auf die Höhe der Dachfirste und hat einen quadratischen Grundriss mit abgeschrägten Ecken. Das zweite und das dritte Geschoss haben regelmäßig achteckige Grundrisse. Im zweiten Geschoss befinden sich verglaste spitzbogige Fenster, im oberen Viertel mit Maßwerk, darüber neugotische Wimperge. Ein außen umlaufender Gang hat eine Maßwerkbrüstung, vor die Fenster der vier Nebenhimmelrichtungen sind Fialen gesetzt. Im zweiten Geschoss reichen Wandsäulen bis zur Decke, wo sie ein Gewölbe stützen. Das dritte Geschoss bildet den durchbrochenen Turmhelm. Auch an seiner Basis läuft außen ein Gang um, an allen acht Ecken befinden sich Fialen. Auf die Turmspitze setzte Boisserée anstelle der üblichen Kreuzblume oder eines Kreuzes einen Stern. Er nahm dabei an, dass der Dreikönigenschrein mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige unter dem Turm in der Vierung aufgestellt werden würde.

Boisserées Entwurf wurde nicht umgesetzt. Er war aber Jahrzehnte später, als die Frage der Errichtung eines Dachreiters oder Vierungsturms durch den Baufortschritt des Kölner Domes aktuell wurde, die Grundlage für einen der Entwürfe des Dombaumeisters Zwirner.

Vierungsturm von Zwirner und Voigtel Planung mini|hochkant|Ansicht des Vierungsturms mit Details, Zeichnung von Richard Voigtel, ca. 1860 Mit Beginn der Bauarbeiten am Kölner Dom im Jahr 1842 stellte sich die Frage der Errichtung eines Dachreiters oder Vierungsturms. Im Grundsatz herrschte Einigkeit darüber, dass der Dom in genau der Weise vollendet werden soll, wie es Meister Gerhard im 13. Jahrhundert geplant hatte. Die im Dombauarchiv gelagerten Originalpläne waren jedoch im Zusammenhang mit der französischen Besetzung Kölns verloren gegangen, und nur teilweise wiedergefunden worden. Der Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner veröffentlichte 1842 in den ersten sechs Nummern des Kölner Domblatts eine Abhandlung mit dem Titel Vergangenheit und Zukunft des Dombaues. In Bezug auf den Vierungsturm äußerte Zwirner Zweifel daran, dass ein Vierungsturm geplant war. Die Pfeiler der Vierung waren nach seiner Ansicht so berechnet, dass sie nur das Gewölbe der Vierung zu tragen hatten. Darüber hinaus bevorzugte Zwirner den Entwurf von Boisserée gegenüber einer schlankeren Ausführung. Er gab aber neben den Kosten und der Gefahr für das Bauwerk durch die zusätzliche Belastung zu bedenken, dass ein Vierungsturm die Wirkung der Westfassade mit ihren schlanken Türmen beeinträchtigen würde.

Am 18. Juni 1853 tagte die preußische Aufsichtsbehörde für den Dombau, die Königliche technische Bau-Deputation zu Berlin, deren Mitglied der Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner war, und erörterte die Ausführung des Vierungsturms. Zwirner legte der Kommission vier Entwürfe vor, von denen einer eine Umsetzung des Entwurfs von Boisserée war, zwei weitere ebenfalls einen massiven Turm aus Hausteinen vorsahen, und nur der vierte eine Metallkonstruktion war. Die Kommission befand, dass ein Vierungsturm wie bei anderen Kathedralen aus der gleichen Epoche erwünscht sei. Allerdings stellte sie auch fest, dass von einem massiven Turm wegen des mangelhaften Untergrunds Abstand genommen werden müsse. Es bestand die Besorgnis, die übermäßige Belastung könne zum Einstürzen der östlichen Vierungspfeiler führen. Selbst der aus Tuffstein zu fertigende dritte Entwurf konnte nicht überzeugen, da auch sein Gewicht für die Pfeiler der Vierung zu groß gewesen wäre. Damit waren drei der vier von Zwirner eingebrachten Entwürfe abzulehnen. Der vierte Entwurf sah einen eisernen Vierungsturm vor, der mit Blei oder Zink verkleidet werden sollte. Für die Metallkonstruktion sprachen neben dem geringeren Gewicht der Brandschutz, die längere Haltbarkeit von Eisen und die geringeren Herstellungskosten. Daher empfahl die Aufsichtsbehörde am 29. Juni 1853 die Ausführung eines Vierungsturms mit Metalldeckung. Am 4. April 1855 wurde Zwirners Entwurf durch königliche Kabinettsorder genehmigt.