Die DERTOUR Group ist ein international tätiger Reisekonzern mit Sitz in Köln und einer weiteren Zentrale in Frankfurt am Main. Rund 130 Reiseveranstalter, Reisebüro-Ketten, Buchungsportale, Zielgebietsagenturen, Hotelgesellschaften und andere Unternehmen mit Aktivitäten in 16 europäischen Ländern gehören zum Konzern. Bekannte Marken sind beispielsweise Dertour, ITS Reisen und Meiers Weltreisen.
Die Geschichte der DERTOUR Group geht zurück auf das 1917 in Berlin gegründete Deutsche Reisebüro (DER). Seine Ursprünge liegen im Verkauf von Fahrkarten für Bahn und Schiffspassagen.
Während der NS-Zeit spielte das seit 1918 als Mitteleuropäisches Reisebüro (MER) tätige Unternehmen nicht nur bei der Organisation von Reisen der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude eine führende Rolle, sondern beteiligte sich aktiv an der Vertreibung und an der Deportation von Juden aus Deutschland in Konzentrations- und Vernichtungslager. Damit wurden beträchtliche Erträge erzielt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg dehnte man das Geschäft auf Bus- und Flugreisen aus. Im Jahr 2000 übernahm die Rewe Group das Unternehmen und führte es mit seinen Tourismusgeschäften zusammen. 2013 wurde DERTOUR als Dachmarke etabliert und ersetzte damit insbesondere die Rewe Touristik. Heute bildet die DERTOUR Group als Reisesparte neben dem Einzelhandel das zweite Standbein des REWE-Konzerns.
Geschichte Anfänge des Unternehmens mini|Cover eines Katalogs für Gesellschaftsreisen des MER (1930)
Am 17. Oktober 1917 gründeten die beiden Reedereien Norddeutscher Lloyd und die Hamburg-Amerika-Linie sowie die Staatsbahnen der deutschen Länder (Beteiligung von 50,1 %) das Deutsche Reisebüro in Berlin. Das Stammkapital belief sich auf eine Million Reichsmark. Infolge des Beitritts weiterer Gesellschafter, dem Ibusz (Fremdenverkehrsamt Ungarns) und den Ungarischen Staatsbahnen, hieß das Unternehmen ab 1918 Mitteleuropäisches Reisebüro (MER). 1920 schloss sich das Österreichische Verkehrsbüros an. Es erhielt ein Monopol für den Verkauf von Bahnfahrkarten außerhalb der Bahnhöfe. In den 1920er Jahren erreichte man mit Gesellschaftsreisen als zusätzliches Geschäftsfeld einen großen Kundenkreis. Um vom einsetzenden transatlantischen Reiseverkehr zu profitieren, wurde 1926 unter dem Namen Ameropa Travel die erste Tochtergesellschaft in den Vereinigten Staaten ins Leben gerufen.Mehr als der Verkauf von Bahnkarten, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Oktober 1992. Nach New York City entstanden Filialen in Cleveland, Los Angeles und Chicago. Ende der 1920er Jahre hatte das Unternehmen rund 1000 Filialen, davon drei Viertel im Ausland.
Das Unternehmen in der NS-Zeit Eigentümer und Anteile (1937) Reichsbahn 44,1 % Hamburg-Amerika-Linie 16,7 % Norddeutscher Lloyd 16,7 % Ibusz 16,2 % Österreichische Verkehrsbüro (ÖVB)Anteile 1938 von der Reichsbahn übernommen. Siehe 5 % Ungarische Staatsbahnen 1,2 % Jadranska PlovidbaEs handelt sich um eine jugoslawische Reederei. Siehe Baedeker’s: Dalmatia & the Adriatic 1929, Leipzig, Karl Baedeker, S. xvi (Englische Übersetzung von 2018). 0,1 % mini|Telegramm von 1942 zur Gebührenregelung für Juden-Sonderzüge aus Belgien, Frankreich und Holland nach Auschwitz mit der Aufforderung, die durchgehende Abfertigung durch das Mitteleuropäische Reisebüro zu veranlassen.
Das MER wirkte an nationalsozialistischen Maßnahmen der Propaganda, Entrechtung, Verfolgung, Ausbeutung und Vernichtung mit. Bereits am 16. September 1933 meldete die Direktion, alle nichtarischen Angestellten seien aus dem Unternehmen „ausgeschieden“.Zitiert nach Bernd Sambale: Mit dem Reisebüro in die Gaskammer. In: Berliner Zeitung, 26. Januar 2013. Das MER organisierte Reisen der NS-Organisation Kraft durch Freude (KdF): Im Jahr 1934 wurden über KdF-Programme 80.000 Urlauber als Passagiere nach Madeira befördert, 1937 waren es bereits 150.000 Reiseteilnehmer. Frank HenselZu ihm siehe wurde 1936 auf Initiative des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda neuer Personalchef des MER. Er war ein alter Kämpfer der NSDAP, trug das goldene Parteiabzeichen und gehörte seit Anfang 1938 der SS und dem SD an.Bernd Sambale: Mit dem Reisebüro in die Gaskammer. In: Berliner Zeitung, 26. Januar 2013. Zum I. April 1937 gründete das Unternehmen die MER-Pensionskasse VVag als Nachfolgerin seiner Angestellten-Wohlfahrtskasse.
Das MER beteiligte sich aktiv an der Vertreibung von Juden aus Europa. Mitarbeiter des Unternehmens unterbreiteten Adolf Eichmann den Vorschlag, Juden in Sonderzügen durch das besetzte Frankreich und Spanien nach Lissabon zu verbringen, damit diese von dort Schiffe nach Übersee nahmen.Gabriele Anderl; Dirk Rupnow: Die Zentralstelle für jüdische Auswanderung als Beraubungsinstitution. (Nationalsozialistische Institutionen des Vermögensentzuges. Teil 1), Oldenbourg, Wien [u. a.] 2004, S. 213. Die MER-Geschäftsführung bilanzierte diese Vertreibungskampagne als „sehr ertragreich“. Die beteiligten Mitarbeiter erhielten Sondergratifikationen.
Mit Beginn der gewaltsamen NS-Expansionspolitik stieg das Unternehmen in den Transport von Zwangsarbeitern ein. Bereits im Frühjahr 1939 war es an der Beförderung von 7.900 Zwangsarbeitern aus dem Protektorat Böhmen und Mähren beteiligt. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges steigerte das Unternehmen diese Zahlen. 1940 rechnete das MER allein 645 Sonderzüge mit insgesamt 320.000 polnischen Landarbeitern ab, die zum Arbeitseinsatz ins Deutsche Reich verbracht worden waren.Martin Doerry: Ein letzter Rest von Würde. In: Der Spiegel Nr. 50-2019, 7. Dezember 2019, S. 48–50.
Das Unternehmen beteiligte sich auch am Holocaust. So ließ die Geheime Staatspolizei (Gestapo) am 25. Juli 1942 14 Waggons von Düsseldorf nach Theresienstadt fahren. Auf eine Anfrage der Kölner MER-Filiale hatte die Gestapo am Tag zuvor gemeldet, dass 700 Juden und 16 Wachmänner auf den Transport gehen würden. Das MER berechnete daraufhin 16,60 Reichsmark pro Person. Adressat der Rechnung war die Abteilung für „Judenangelegenheiten“ der Düsseldorfer Gestapo. Diese griff auf konfisziertes jüdisches Vermögen zurück, denn es gab kein Budget für die Judendeportationen.Raul Hilberg: The bureaucracy of annihilation, in: François Furet (Hrsg.): Unanswered questions. Nazi Germany and the genocide of the Jews. Schocken Books, New York 1989, S. 119–133, hier S. 130. ISBN 0-8052-0908-5. Sie auch: „Es gab keinen Etat für die Ausrottung.“ Aussage von Raul Hilberg in der Dokumentation Shoah. Siehe Claude Lanzmann: Shoah. Mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir: Das Gedächtnis des Grauens. Aus dem Französischen von Nina Börnsen und Anna Kamp. dtv, München 1988, S. 192. Wie aus einer entsprechenden Anweisung der Reichsbahn aus dem Jahr 1942 hervorgeht, waren die Deportationen der Juden aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich nach Auschwitz durch das Mitteleuropäische Reisebüro abzuwickeln.Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. 9. Auflage. Band 2, Berlin 1999, S. 682. Das MER übernahm den Fahrkartenverkauf und die Rechnungstellung.Aussage von Raul Hilberg in der Dokumentation Shoah. Siehe Claude Lanzmann: Shoah. Mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir: Das Gedächtnis des Grauens. Aus dem Französischen von Nina Börnsen und Anna Kamp. dtv, München 1988, S. 190 f. Es erhielt für seine Dienste bei den Judendeportationen und bei den Zwangsarbeitertransporten eine Provision von zwei bis sieben Prozent.
Im Unterschied zu den Trends in der Zivilwirtschaft stiegen die Umsätze des MER in den Jahren des Krieges. So lag der Umsatz des Unternehmens 1943 bei 343 Mio. Reichsmark; 1938, dem Spitzenvorkriegsjahr, hatte dieser Wert bei nur 250 Mio. Reichsmark gelegen.Christine Keilz: Die Anfänge des modernen Massentourismus in der Weimarer Republik. In: Archiv für Sozialgeschichte 33 (1991), S. 179–209, hier S. 192.
Nach dem Krieg hatte das MER Schwierigkeiten, diese Entwicklung zu erklären, ohne dabei die Juden- und Zwangsarbeitertransporte zu erwähnen. Laut Prüfungsbericht vom November 1947 zum Geschäftsjahr 1943 waren es angeblich die „Mehrbeanspruchung der höheren Wagenklassen“ und die Zerstörung der Reichsbahn-Fahrkartenschalter, die für diese Umsatzzuwächse verantwortlich waren. Zudem hätten Reisende verstärkt die MER-Büros aufgesucht, um „die Vorschriften des Reiseverkehrs richtig einzuhalten“.
Aufteilung des Filialbesitzes Anfang November 1946 verfügte der Alliierte Kontrollrat die Umbenennung des Mitteleuropäischen Reisebüros in Deutsches Reisebüro. Das Unternehmen verlegte seinen Sitz 1945 von Berlin nach Frankfurt am Main. 1949 bezog es dort Räumlichkeiten in die Mainzer Landstraße. Der Filialbesitz im Ausland wurde enteignet, die Geschäfte auf ostdeutschem Gebiet fasste man zum staatlichen Reisebüro der DDR zusammen. Als weitere Auflage durfte das Deutsche Reisebüro bis 1954 keine neuen Filialen eröffnen oder hinzukaufen. Die Alliierten entzogen dem Unternehmen das Monopol für den Verkauf von Fahrkarten der Deutschen Reichsbahn. Die Umstrukturierungen führten zu neuen Eigentumsverhältnissen: Die Deutsche Reichsbahn hielt als Mehrheitsgesellschafter 52 %, Hapag-Lloyd 34 % und das Amtliche Bayerische Reisebüro 14 % der Unternehmensanteile.
Wiederaufbau nach dem Krieg mini|Erste Auslandsfiliale des Deutschen Reisebüros nach dem Zweiten Weltkrieg in Rom (1954)
In den Nachkriegsjahren war das Geschäft des Deutschen Reisebüros durch den Wiederaufbau des Geschäftsbetriebs gekennzeichnet. 1948 gründete das Deutsche Reisebüro zusammen mit dem Amtlichen Bayerischen Reisebüro, Hapag-Lloyd und dem Reiseunternehmer Carl Degener die sogenannte Arbeitsgemeinschaft für Gesellschaftsreisen, aus der 1951 das Touristikunternehmen Touropa hervorging. Ihr Ziel war es zunächst, Erholungsreisen nach Bayern anzubieten. Zusätzlich öffnete sich das Deutsche Reisebüro für den Bustourismus und beteiligte sich am Busreiseanbieter Deutsche Touring. Mitte der 1950er Jahre eröffnete das Deutsche Reisebüro zudem seine erste ausländische Filiale in Rom. Man erweiterte die Produktpalette und nahm erstmals Reisen zu den Olympischen Sommerspielen ins Angebot auf. 1961 bezog das Deutsche Reisebüro eine neue, zehnstöckige Unternehmenszentrale in Frankfurt am Main an der Eschersheimer Landstraße.Klaus Viedebantt: Mit dem „Ferienexpreß“ auf die „Reise von der Stange“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. Oktober 1987. Neben dem wachsenden Geschäft mit Urlaubsreisen entwickelte das Deutsche Reisebüro ab 1965 ein zusätzliches Betätigungsfeld: Das Unternehmen beförderte ausländische Gastarbeiter während der Sommerferien mit Sonderflügen und Sonderzügen in ihre Heimat. Die seit Ende 1968 bestehende TUI erwarb 1970 Airtours, an dem das Deutsche Reisebüro relevante Anteile hielt. Zugleich beteiligte sich das DER an der TUI mit 11,7 Prozent.
Wachstum durch Flugreisen mini|Cover eines Katalogs für Hobbyreisen des Deutschen Reisebüros (1970)
Der Beginn des Jet-Zeitalters sorgte beim Deutschen Reisebüro für eine steigende Nachfrage nach Flugreisen. Bedeutsam wurde hier der Airline Deregulation Act von 1978, der auch den Flugverkehr über dem Nordatlantik liberalisierte und für schnell steigende Passagierzahlen sorgte.Zur Liberalisierung siehe Mit New World Travel schuf das Unternehmen 1979 eine eigene Zielgebietsagentur in den Vereinigten Staaten. Den unter wirtschaftlichen Druck geratenen eigenständigen Reisebüros in Deutschland begegnete man durch Gründung von Derpart, einer Franchise-Organisation für Reisebüros. Unter deren Dach schlossen sich über 150 Vertretungen mit rund 300 Reisebüros in einem Verbund zusammen.