mini|Gedenkstelle für das ermordete Paar am Platz des Slowakischen Nationalaufstandes in Bratislava im März 2018 Ján Kuciak (* 17. Mai 1990 in Štiavnik; † 21. Februar 2018 in Veľká Mača) war ein slowakischer Journalist, der mit seiner Verlobten Martina Kušnírová im Februar 2018 ermordet wurde. Sein Tod löste die Aufdeckung einer Reihe von Verbindungen slowakischer Politiker zu kriminellen Geschäftsmännern und der organisierten Kriminalität aus. Darauf folgende landesweite Proteste führten zu einer politisch-gesellschaftlichen Krise sowie zum Rücktritt des Ministerpräsidenten, des Innenministers und des Polizeichefs.
Leben Ján Kuciak absolvierte ein Journalismusstudium an der Philosoph Konstantin-Universität Nitra. Seine laufende Promotion konnte er nicht abschließen. Er wurde 2015 Redakteur des Newsportals aktuality.sk, das zu Ringier Axel Springer Slowakei gehört. Kuciak spezialisierte sich auf die Recherche zu Fällen von Korruption und Steuerdelikten in der Slowakei und berichtete in dem Portal aktuality.sk über diese Fälle.
Im Fokus seiner Recherche standen vor allem prominente Unternehmer. Seinen Recherchen zufolge sollen diese Geschäftsverbindungen zu den zu diesem Zeitpunkt regierenden Sozialdemokraten sowie zur organisierten Kriminalität gehabt haben. Wie auch die auf Malta ermordete Journalistin Daphne Caruana Galizia war Kuciak an der Auswertung der Panama Papers beteiligt, in denen es um Steueroasen geht.
Nach den Recherchen von Kuciak soll Regierungschef Robert Ficos persönliche Assistentin Mária Trošková eine ehemalige Geschäftspartnerin und Lebensgefährtin von Antonino Vadalà gewesen sein. Vadalà wurde in Kuciaks Recherchen als wichtigster Drahtzieher des italienischen Mafia-Netzwerks in der Slowakei identifiziert.
Im Herbst 2017 erhielt Kuciak Drohungen und erstattete daraufhin Anzeige bei der Polizei. Einer der Unternehmer, Marián Kočner, über dessen Geschäfte Kuciak zuletzt recherchiert hatte, drohte ihm öffentlich wegen dieser Berichte: Er wolle ähnliche „Schmutzberichte“ über Kuciak und seine Familie sammeln, wie es der Journalist getan habe.
Ermordung Am 21. Februar 2018 wurden Kuciak und seine Verlobte Martina Kušnírová in seinem Haus in Veľká Mača bei Trnava in der Westslowakei erschossen.Dve nábojnice a žiadne stopy zápasu (celé vyhlásenie prokurátora). In: sme.sk. 26. März 2018, abgerufen am 7. November 2019 (slowakisch). Am 25. Februar wurde Kuciak tot aufgefundenKritischer Journalist Jan Kuciak ermordet. In: wienerzeitung.at. 26. Februar 2018, abgerufen am 7. November 2019.; er und seine Verlobte wiesen Einschüsse in Brust und Kopf auf. Die Tatzeit blieb zunächst unklar. Die Verlobte von Kuciak hatte sich vier Tage vor dem Fund der Leichen zuletzt bei ihrer Familie gemeldet. Da ihre Mutter sie über Tage nicht mehr erreichen konnte, alarmierte sie die Polizei.
Ermittlungen und Prozess
Nach dem Mord leitete die Polizei umfangreiche Ermittlungen ein und zog die Nationale Kriminalagentur (NAKA) hinzu. Zur Aufklärung wurde ein spezielles Ermittlerteam eingesetzt; zudem schrieb die slowakische Regierung eine Belohnung in Höhe von einer Million Euro für Hinweise aus, die zu den Tätern führen.Entsetzen nach Journalistenmord – Recherchen mögliches Motiv. In: orf.at. 26. Februar 2018, abgerufen am 13. März 2020.
Am 1. März 2018 wurde bekannt, dass die slowakische Polizei mehrere italienische Geschäftsmänner festgenommen hatte. Es gab Durchsuchungen und Festnahmen in mehreren Orten der Slowakei. Die Namen der Männer waren im letzten Artikel von Kuciak aufgetaucht. Die Polizei sprach von einer „italienischen Spur“. Die Unternehmer sollen demnach mit kalabrischen Mafiagruppen, unter anderem mit der ’Ndrangheta, in Verbindung stehen und sich in der Slowakei auf Steuerbetrug und Missbrauch von EU-Förderungen spezialisiert haben. Die Festgenommenen wurden später alle wieder aus der Untersuchungshaft entlassen.
Am 28. September 2018 nahm die Polizei acht Männer fest. Für drei von ihnen beantragte sie Untersuchungshaft; ihnen werden Mord und andere Verbrechen zur Last gelegt.Drei Verdächtige im Mordfall Kuciak angeklagt. In: zeit.de. 28. September 2018, abgerufen am 4. März 2020.Keno Verseck: Zweifel an Ermittlungen im Mordfall Kuciak. In: dw.com. 28. September 2018, abgerufen am 5. Juli 2021. Zunächst wurde an einen schnellen Ermittlungserfolg geglaubt; später verdichteten sich Hinweise, dass der Mord von Personen aus Politik und Behörden gedeckt wurde. Eine der verdächtigten Verhafteten, Alena Zsuzsová,Zsuzsová bola mesiac po vražde Kuciaka a Kušnírovej medzi smotánkou: Pozrite sa na jej pravú tvár! In: cas.sk. 9. Februar 2019, abgerufen am 31. Oktober 2019 (slowakisch). soll den Mordauftrag vermittelt haben und viele Indizien deuten auf den Geschäftsmann Marián Kočner als Auftraggeber. Kočner wurde im Juni 2018 wegen mehrerer Wirtschaftsdelikte in Untersuchungshaft genommen.
Im Herbst 2018 gab der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Péter Tóth als Zeuge an, er habe Kuciak im Auftrag von Kočner beschattet. Aus der Datenbank der slowakischen Polizei wurden die Personaldaten von Ján Kuciak einige Monate vor dessen Ermordung von einem Polizeimitarbeiter abgerufen. Dies geschah laut slowakischen Medien auf Anordnung des damaligen Polizeichefs Tibor Gašpar, was er bestritt. Gašpar musste wegen der Affäre um die Hintergründe des Mordes in seiner Funktion als Berater der damaligen Innenministerin Denisa Saková zurücktreten.
Im April 2019 soll nach slowakischen Medienberichten ein ehemaliger Soldat gestanden haben, Kuciak erschossen zu haben. Ende September 2019 wurden die Ermittlungen abgeschlossen. Vier Personen wurden als tatverdächtig ermittelt: der ehemalige Polizist Tomáš Szabó, der ehemalige Soldat Miroslav Marček, der Unternehmer Zoltán Andruskó und die Dolmetscherin Alena Zsuzsová.
Am 21. Oktober 2019 erhob die slowakische Staatsanwaltschaft Anklage gegen vier Tatverdächtige, darunter Marián Kočner als mutmaßlichen Auftraggeber. Mit dem geständigen Mittäter Zoltán Andruskó empfahl die Staatsanwaltschaft eine gesonderte Einigung.Journalist ermordet: Hauptprozess im Fall Kuciak startet. In: orf.at. 13. Januar 2020, abgerufen am 13. Januar 2020. Der Kronzeuge unterzeichnete eine Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft und wurde am 30. Dezember 2019 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Es wird ihm zur Last gelegt, gegen Bezahlung den Auftragsmord vermittelt zu haben.
Am 19. Dezember 2019 fand vor einem Sondergericht in Pezinok eine Vorverhandlung gegen die anderen mutmaßlichen Täter statt, bei der der Senat des Gerichts die Anklageschrift annahm und den Beginn der Hauptverhandlung auf den 13. Januar 2020 festlegte.Keno Verseck: Prozess wegen Journalistenmords in der Slowakei: Im Namen des Volkes. In: spiegel.de. 18. Dezember 2019, abgerufen am 19. Dezember 2019.
Beim Beginn der Hauptverhandlung gestand der Angeklagte Miroslav Marček nach Verlesung der Anklageschrift die Tat. Gemeinsam mit seinem Cousin Tomáš Szabó, der ihn zum Tatort gefahren habe, habe er für den Auftragsmord 35.000 bis 40.000 Euro bekommen. Die drei anderen Angeklagten bekannten sich nicht schuldig, lediglich Kočner räumte unerlaubten Waffenbesitz ein.Angeklagter gesteht Journalistenmord in Slowakei. In: orf.at. 13. Januar 2020, abgerufen am 13. Januar 2020. Am 6. April 2020 verurteilte das Gericht in Pezinok Miroslav Marček wegen Mordes zu 23 Jahren Haft.Angeklagter zu 23 Jahren Haft verurteilt. In: Zeit Online. 6. April 2020, abgerufen am 7. April 2020. Wegen der Schwere des Verbrechens beharrte die Staatsanwaltschaft jedoch auf der Höchststrafe und legte Berufung ein. Im Berufungsverfahren verurteilte das oberste Gericht Marček am 2. Dezember 2020 zu 25 Jahren Gefängnis.Journalistenmord in Slowakei: 25 Jahre Gefängnis. In: orf.at. 2. Dezember 2020, abgerufen am 2. Dezember 2020.
Am 3. September 2020 wurde Tomáš Szabó, der den Todesschützen zu Kuciaks Haus gefahren hatte, der Beteiligung am Mord schuldig gesprochen und zu 25 Jahren Haft verurteilt.
Kočner wurde wegen illegalen Waffenbesitzes zu einer Geldbuße von 5.000 Euro verurteilt. Vom Vorwurf der Beteiligung am Mord wurden er und Alena Zsuzsová jedoch „aus Mangel an Beweisen“ freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hatte 25 Jahre Haft für sie gefordertMordfall Kuciak: Freispruch für slowakischen Millionär. In: orf.at. 3. September 2020, abgerufen am 3. September 2020.Ivo Mijnssen: Ein ermordeter Journalist, ein Oligarch, zwei Mörder und verräterische Threema-Chats in der Slowakei: Hauptverdächtiger im Kuciak-Prozess freigesprochen. Neue Zürcher Zeitung, 3. September 2020. und legte gegen das Urteil Berufung ein.Freispruch im Mordfall Ján Kuciak: Slowakei unter Schock . In: spiegel.de. 3. September 2020, abgerufen am 3. September 2020.Stephan Löwenstein: Freispruch im Fall Kuciak – Ein merkwürdiges Urteil. Kommentar. In: faz.net. 3. September 2020, abgerufen am 17. September 2020. Am 15. Juni 2021 hob der Oberste Gerichtshof der Slowakei die Freisprüche gegen Marián Kočner und Alena Zsuzsová auf. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass das Strafgericht „mehrere Fehler“ begangen habe und der Prozess neu aufzurollen sei.
Das Sondergericht für Organisierte Kriminalität in Pezinok sprach Kočner am 19. Mai 2023 erneut von dem Vorwurf frei, die Ermordung Kuciaks und seiner Verlobten in Auftrag gegeben zu haben. Es sah die Beweise gegen Kočner als unzureichend an. Dagegen wurde die Mitangeklagte Alena Zsuzsová zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.Millionär Kocner erneut freigesprochen, Tagesschau, 19. Mai 2023.
Reaktionen nach der Ermordung mini|Demonstration in Bratislava am 9. März 2018 mini|Gedenkmarsch für Ján Kuciak und seine Verlobte in Brünn am 2. März 2018 Politiker der slowakischen Regierung und Opposition äußerten sich bestürzt und forderten Aufklärung. Der tschechische Christdemokrat Marian Jurečka appellierte an die politischen Repräsentanten seines Landes Tschechien, eine sorgfältigere Wortwahl an den Tag zu legen. Der tschechische Präsident Miloš Zeman hatte mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin „gescherzt“, dass Journalisten liquidiert werden sollten. Die Worte waren nach Medienberichten im Mai 2017 am Rande eines Peking-Besuchs der beiden Politiker gefallen. Die Folgen sehe man, so Jurečka, nun in der Slowakei in der Praxis.
Mehrere slowakische Medien haben posthum Kuciaks letzte, unvollständig gebliebene Reportage veröffentlicht. Darin thematisierte er Verbindungen der Mafia bis ins Büro des sozialdemokratischen Regierungschefs Robert Fico. Am 27. Februar 2018 brannte es laut Tageszeitung Sme im Finanzamt von Košice. Es wird vermutet, dass dabei Unterlagen verbrannt sind, auf die sich Kuciak stützte.Steuerbetrug und Korruption – Mafia soll hinter Journalistenmord in Slowakei stecken. In: faz.net. 28. Februar 2018, abgerufen am 17. November 2019. Robert Fico bot eine Belohnung von 1 Mio. Euro für Hinweise zur Ergreifung der Täter. Gleichzeitig war er jedoch für scharfe Kritik an Medien bis hin zu Beschimpfungen von Journalisten insbesondere der Zeitungen Sme und Pravda bekannt. Laut ORF.at hatte Kuciak sich bei seinen Recherchen auf mutmaßliche Mitglieder der ’Ndrangheta im Osten der Slowakei, auf Steuerbetrug mit fingierten Rechnungen und auf Betrügereien mit EU-Förderungen spezialisiert. Verbindungsleute der mafiösen Organisation seien bereits im Büro des Ministerpräsidenten anzutreffen. Der politische Analyst Grigorij Mesežnikov erwartet, dass der Mord und „seine möglichen Verbindungen zur slowakischen Politelite“ ein „politisches Erdbeben“ auslösen könne.Spur führt zu ’Ndrangheta – Verbindungsleute in Regierung? In: orf.at. 28. Februar 2018, abgerufen am 10. Mai 2020.