mini|Start eines PAC-3 MSE-Lenkflugkörpers ab dem MEADS-SystemDas Medium Extended Air Defense System (MEADS) ist ein bodengestütztes, voll bewegliches Flugabwehrraketensystem gegen Ziele von sehr tiefen bis sehr hohen Flugbereichen. Es wurde als multinationales Projekt entwickelt, jedoch erfolgte bisher keine Beschaffung. Bei der Bundeswehr sollte MEADS die Flugabwehrsysteme Roland, Hawk und teilweise Patriot ablösen, es wurde dort zuletzt als Taktisches Luftverteidigungssystem (TLVS) bezeichnet.
Beteiligte An MEADS waren ursprünglich vier Nationen beteiligt: Vereinigte Staaten, Deutschland, Frankreich und Italien. Es war zeitweise das einzige transatlantische Rüstungsprojekt mit deutscher Beteiligung. Frankreich kündigte die Teilnahme am Projekt jedoch frühzeitig auf, um das Flugabwehrsystem SAMP/T zu entwickeln.
Beteiligt an dem Unternehmen MEADS International Inc. mit Sitz in Orlando (Florida) sind die Firmen Lockheed Martin (Vereinigte Staaten), MBDA Deutschland und MBDA-Italien. Beauftragt wird die Joint-Venture-Gruppe durch die NATO MEADS Management Agency (NAMEADSMA) aus Huntsville (Alabama).
Geschichte Entwicklungsauftrag Am 20. April 2005 beschloss der Haushaltsausschuss des Bundestages mit den Stimmen von SPD, Grünen und Union die Beteiligung an der Entwicklung des Raketenabwehrsystems. Die Finanzierung der Entwicklungsphase sollte zu 55 % durch die Vereinigten Staaten, zu 28 % durch Deutschland und zu 17 % durch Italien übernommen werden. Für Deutschland begann das Projekt 2001 mit Zustimmung der Bundesregierung zur RRE-Phase (Risk Reduction Effort, deutsch: Risikominimierung). Mit Abschluss des Entwicklungsvertrages im Jahr 2005 ist Deutschland danach an eine Finanzierungsbeteiligung von 855 Millionen Euro gebunden. Die Schätzungen über die System-Gesamtkosten betrugen 2005 nach Angaben der Bundesregierung 3,84 Milliarden Euro und nach Schätzungen der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung auf mindestens 10 Milliarden Euro.
Aufgrund der Komplexität der Entwicklung und der Uneinigkeit der Partnernationen traten 2008 Verzögerungen im Programmablauf des Entwicklungsprojekts auf. Es wurde durch die Partner festgestellt, dass die Programmziele erreicht werden können, allerdings nicht im vorgegebenen Zeit- und Kostenrahmen. Daher sollte 2011 eine Anpassung des Entwicklungsvertrages erfolgen.
Mit Abschluss des sogenannten Critical Design Review im August 2010 wurde die erforderliche technische Entwicklungsreife formal bestätigt sowie das Design festgelegt. Seit Ende 2010 wurden durch die beteiligte Industrie Prototypen von Startgeräten, Tactical Operation Stations (TOC) und Multifunktions-/Feuerleitradaren fertiggestellt und an den Generalunternehmer MEADS International übergeben.
Umstrukturierung und weitere Entwicklung Am 12. Februar 2011 gaben die Vereinigten Staaten bekannt, dass sie für die Entwicklung von MEADS keine zusätzlichen Haushaltsmittel bereitstellen werden, die trinationale Entwicklung wurde im ursprünglich vereinbarten Kosten- und Zeitrahmen im Jahr 2014 als „Proof of Concept“ beendet.
Am 16. Februar 2011 wurde mitgeteilt, dass MEADS in absehbarer Zeit von der deutschen Bundeswehr nicht beschafft wird. Bekannt wurde die Entscheidung der Bundesregierung durch ein Schreiben des damaligen Verteidigungsstaatssekretärs Walther Otremba. Das Schreiben richtete sich an die Ausschüsse für Verteidigung und Haushalt des deutschen Bundestages.
Aufgrund der US-Entscheidung vom 12. Februar 2011 wurden die Entwicklungsziele durch die Partner zwischenzeitlich neu formuliert. Unter Beibehaltung des 2005 festgelegten Zeit- und Kostenrahmens soll die Entwicklung Anfang 2014 als „Demonstration of Capabilities“ mit diversen „Integration-, Flight- und Ground-Tests“ abgeschlossen werden.
Auf dem italienischen Militärflugplatz Pratica di Mare wurden ab Mitte 2011 die Integrationstests für die einzelnen Systemkomponenten durchgeführt. Parallel hierzu fanden in der US-amerikanischen White Sands Missile Range (WSMR) die Schießerprobungen einschließlich der erforderlichen Vor- und Nachbereitungen statt.
Im Oktober 2011 wurde bekannt, dass das Verteidigungsministerium im Zuge der Neuausrichtung der Bundeswehr gänzlich auf die Einführung von MEADS verzichten wird.Minister de Maizière billigt Umrüstung. In: BMVg.de, abgerufen am 6. Dezember 2011. Allerdings beabsichtigt Deutschland, die MEADS-Entwicklungsergebnisse als technische Grundlage für ein Luftverteidigungssystem der nächsten Generation (Luftverteidigungsverbund 2020) zu nutzen, um diese unter anderem für mögliche deutsche Beiträge zur strategischen Raketenabwehr der NATO zur Verfügung zu haben.Siehe Antwort auf Frage 88 der Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der SPD zum Thema Deutsche nukleare Abrüstungspolitik weiterentwickeln Deutschlands Rolle in der Nichtverbreitung stärken und weiterentwickeln. In: atomwaffenfrei.de (PDF; 208 kB).
Am 17. November 2011 fand der erste MEADS-Testschuss als „Launcher Missile Characterization Test“ statt. Hierbei wurde erstmals erfolgreich das Zusammenspiel von Tactical Operation Centre, Startgerät und dem neuentwickelten PAC-3 MSE-Lenkflugkörper in einem Programmschuss nachgewiesen.
mini|hochkant|MEADS-Teststart am 29. November 2012 Am 29. November 2012 fing eine MEADS-Rakete bei ihrem „First Target Intercept Test“, dem ersten Praxistest, eine Drohne ab, deren Anfluggeschwindigkeit nahezu 1000 km/h betrug.Gerhard Hegmann: , ftd.de, 2. Dezember 2012, abgerufen am 3. Dezember 2012. In: MEADS International Inc., 29. November 2012, abgerufen am 3. Dezember 2012 (englisch). Bis zu den nächsten Erprobungsschüssen sollten sowohl in Pratica di Mare als auch auf der WSMR umfangreiche weitere System- und Integrationstests durchgeführt werden.
Am 6. November 2013 gelang es weltweit erstmals, zwei aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig anfliegende Objekte zu erfassen, zu verfolgen und zu zerstören.
Anlässlich der Krise in der Ukraine 2014 forderte der SPD-Wehrexperte Rainer Arnold am 11. April 2014 in einem Positionspapier „die Luftverteidigung als besondere deutsche Schwerpunktfähigkeit zu sichern und unter Rückgriff auf die Entwicklungsergebnisse MEADS zukunftsfähig zu machen […]“.Rainer Arnold: Sozialdemokratische Vorstellungen zum Nachsteuerungsbedarf der Bundeswehrreform. In: rainer-arnold.de, 11. April 2014, abgerufen am 15. April 2014 (PDF, 123 kB, S. 6).
Im Juli 2014 demonstrierte MEADS umfassende Netzwerkfähigkeiten. Die zweiwöchigen Tests umfassten wichtige vertraglich vereinbarte Leistungsnachweise, die erstmals mit einem bodengebundenen Raketenabwehrsystem durchgeführt wurden. Während der Systemdemonstration wurde unter anderem nachgewiesen, dass MEADS interne und externe Radare und Startgeräte flexibel und ohne Unterbrechung des Einsatzbetriebs hinzufügen, steuern und entfernen kann. Diese Netzwerkfähigkeit von MEADS soll laut Hersteller einzigartig sein.Comprehensive MEADS network tests demonstrate unmatched plug-and-fight missile defense capabilities. In: mbda-systems.com, 25. Juli 2014, abgerufen am 8. Juni 2015 (englisch).
Deutsche Auswahlentscheidung Am 9. Juni 2015 gab Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in Berlin gemeinsam mit Generalinspekteur Volker Wieker bekannt, dass das zukünftige Taktische Luftverteidigungssystem (TLVS) der Bundeswehr auf dem Luftverteidigungssystem MEADS basieren soll.Entscheidung für Raketenabwehrsystem – MEADS soll Patriot ersetzen. In: tagesschau.de, 8. Juni 2015, abgerufen am 8. Juni 2015. TLVS/MEADS sollte ab 2025 die veralteten PATRIOT-Flugabwehrsysteme ersetzen.Neue Flugabwehr für die Bundeswehr 180. In: ntv.de, abgerufen am 9. Juni 2015. MEADS setzte sich im Wettbewerb gegen eine noch zu entwickelnde neue Version des PATRIOT-Systems des US-Konzerns Raytheon durch. Begründet wurde dies mit den besonderen, bereits getesteten MEADS-Fähigkeiten wie 360-Grad-Abdeckung, Mobilität und der offenen Systemarchitektur, welche eine Integration weiterer Sensoren und Lenkwaffen vereinfacht. Außerdem war offensichtlich die nationale deutsche Hoheit über die Technologie ausschlaggebend. Dazu sollten die Betriebskosten von MEADS „deutlich geringer“ sein.
MEADS sollte von den Firmen MBDA Deutschland, MBDA Italien sowie dem US-Hersteller Lockheed Martin fertigentwickelt werden.„Neues Herangehen“: Startschuss für Rüstungsprojekte MEADS und Mehrzweckkampfschiff. In: BMVg.de, vom 9. Juni 2015, abgerufen am 1. Oktober 2015.
Laut Bundesverteidigungsministerium (BMVg) entsprach ein Angebot, das die aus MBDA und Lockheed Martin bestehende TLVS-Bietergemeinschaft im Jahr 2019 abgab, nicht den Anforderungen. Daraufhin sei die Einreichung eines überarbeiteten Angebots angefordert worden. Das Ministerium beschrieb das Projekt TLVS mit Stand Juni 2020 aufgrund der Komplexität als fragil bzw. kritisch, ging jedoch weiter davon aus, die Beschaffung erfolgreich zu Ende bringen zu können.BMVg: 11. Rüstungsbericht aus Juni 2020 (PDF, 3,8 MB), S. 107 f. Das TLVS-Bieterkonsortium gab Mitte August 2020 bekannt, dass es beim Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) ein aktualisiertes Angebot eingereicht habe. In: Behörden Spiegel, 14. September 2020, abgerufen am 17. Dezember 2020.
Ausbleibende Beschaffung In der so genannten Bereinigungssitzung des Deutschen Bundestages am 26. November 2020 war das Taktische Luftverteidigungssystem dann nur mit einem geringen Sockelbetrag vertreten. Es wurde deshalb nicht mehr mit einem Vertragsschluss zur Realisierung von TLVS innerhalb des Jahres 2021 gerechnet. MBDA Deutschland kündigte daraufhin Umstrukturierungen an. In: Behörden Spiegel, 7. Dezember 2020, abgerufen am 17. Dezember 2020. Wie im Dezember 2020 berichtet wurde, seien die erwarteten Beschaffungskosten von anfangs vier auf über zehn Milliarden Euro angestiegen. Die hohen Summen wurden als ein möglicher Grund angegeben, warum das Verteidigungsministerium keine Gelder für die Beschaffung einplante.
Im März 2021 wurde berichtet, dass die Modernisierung der deutschen PATRIOT-Systeme und das Rüstungsprojekt „Luftverteidigungssystem Nah- und Nächstbereichsschutz“ (LVS NNbS) mittlerweile als vorrangig gegenüber TLVS bewertet werden. Aufgrund des hohen Finanzbedarfs sei die Realisierung von TLVS fraglich. Im 13. Rüstungsbericht, den das BMVg im Mai 2021 veröffentlichte, wurde das Jahr 2031 als frühestmögliches Datum zur Inbetriebnahme von TLVS genannt.BMVg: 13. Rüstungsbericht aus Mai 2021 (PDF, 3,1 MB), S. 126. Im November 2022 teilte das Ministerium mit, dass ein Abbruch des Projektes erwogen wird. Die von TLVS erwartete Leistungssteigerung der Flugabwehr sei inzwischen auch durch eine Modernisierung von PATRIOT erreichbar. Aufgrund der geringeren Kosten sei diese Lösung vorzuziehen.BMVg: 16. Rüstungsbericht aus November 2022 (PDF, 2,6 MB), S. 102.
Im 17. Rüstungsbericht aus Juni 2023 tauchte das TLVS nicht mehr auf, stattdessen wurde dort erstmals über die Nutzungsdauerverlängerung von PATRIOT informiert.BMVg: 17. Rüstungsbericht aus Juni 2023 (PDF, 3,1 MB), S. 87–89. Im Zuge der Modernisierung werden PAC-3-MSE-Flugkörper in die deutschen PATRIOT-Systeme eingerüstet. Außerdem werden IRIS-T-SL-Systeme als Teil des separaten Projektes LVS NNbS beschafft. Damit werden beide ursprünglich für MEADS/TLVS geplanten Abfangraketen trotzdem bei der Bundeswehr eingeführt.
Technik mini|Reichweiten von MEADS im Vergleich mit den Abfangsystemen Patriot, IRIS-T SLM und der ballistischen Rakete Scud-B MEADS soll den Bodentruppen bei Auslandseinsätzen Schutz vor zukünftigen Bedrohungen aus der Luft bieten, welche nicht oder nur schwer von luftgestützten Systemen identifiziert und bekämpft werden können. Das Waffensystem kann dazu, je nach nationaler Ausführung, mittels Transportflugzeugen vom Typ A400M oder C-130 verlegt werden oder als Außenlast von Helikoptern vom Typ CH-53 oder CH-47.