Das rabbinische Judentum () oder auch Rabbinische Zeit ist eine rabbinische Strömung, die sich nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.) zur Hauptströmung des Judentums entwickelte und ab ca. 200 n. Chr. maßgeblich Ritus und Theologie prägte. Kennzeichnend für diese Bewegung ist zum einen die Anerkennung der Autorität weniger Rabbiner als maßgeblich für die Auslegung der heiligen Schriften und zum anderen die nach der Zerstörung des Tempels notwendige neue Kultordnung, die nicht mehr in der Opferung von Tieren, sondern im Feiern von Gebetsgottesdiensten besteht. Mit dem 11. Jahrhundert war die Verständigung über Inhalte und Umfang der Schriftkorpora grundsätzlich abgeschlossen und damit der Grundstein des gelebten Judentums gelegt.

Das rabbinische Judentum legt großen Wert auf die mündliche Tora und deren schriftliche Ausarbeitung im Midrasch, Tosefta und Talmud sowie auf die Interpretationen (Responsen, ) und Empfehlungen durch die Rabbiner. Bis in das 2. nachchristliche Jahrhundert wurde die Halacha in den Lehrhäusern () der Tempel- und der Jabnezeit nur mündlich an die nächsten Generationen weitervermittelt. Mit Rabbi Akiba ben Josef, der bis 135 n. Chr. wirkte, entstand eine gewisse Ordnungsstruktur innerhalb der Halacha. Unter Rabbi Jehuda ha-Nassi kam er schließlich zu abschließenden Verschriftlichung, durch ihn, als Endredakteur, die Halacha erfuhr ihre Niederschrift.Shmuel Safrai: Das Zeitalter der Mischna und des Talmuds (70-640). In: Haim Hillel Ben-Sasson (Hrsg.): Geschichte des jüdischen Volkes. 3 Bände, C.H. Beck, München 1995, S. 417. Mit der Verschriftlichung der mündlichen Lehre in der MischnaAlexander Dubrau: Mischna. Andere Schreibweise: Mischnah; Mishna; Mishnah. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt Januar 2009, auf die-bibel.de entwickelte sich die Auseinandersetzung um die halachischen Inhalte diskursiv weiter, so kam es in Zentren in Babylonien und Palästina zu weiteren Entwicklungen. In deren Folge, sich der Talmud, der die Mischna beinhaltet sowie diese kommentiert und weitere Erklärungen der mündlichen Lehre und Gesetzesentscheidungen aufnahm.Leo Trepp: Die Juden – Volk, Geschichte, Religion. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 34 f.

Historische Voraussetzungen Die Entstehung des israelitischen Monotheismus vollzog sich nicht außerhalb, sondern innerhalb der altorientalischen Religionswelt. Auch die ursprünglichen kanaanäischen Religionen, aus deren kulturellem und religiösem Kontext sich der Glaube Israels herausbildete, gehörten zu diesem mythologisch geprägten Horizont, in dem Gottheiten als Garanten der zyklischen Naturordnung und der kosmischen Stabilität verstanden wurden. Die Hinwendung zu JHWH als dem Einen,Vergleiche Das Eine. transzendenten und zugleich geschichtlich handelnden Gott ist daher nicht als radikaler Bruch, sondern als ein dynamischer Differenzierungsprozess innerhalb dieser Tradition zu begreifen.Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum. De Gruyter, Berlin / Boston 2021, ISBN 978-3-11-014543-4, S. 45–135.

An die Stelle eines primär kosmologisch fundierten Mythos trat dann zunehmend eine heilsgeschichtliche Deutung: Gottes Wirklichkeit offenbarte sich im Bund und in der konkreten Geschichte seines Volkes. Diese Entwicklung erfuhr nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 n. Chr. eine neue hermeneutische Zuspitzung. Mit dem Verlust des Kultzentrums und der Opferpraxis formierte sich das rabbinische Judentum als eine auf Tora, Auslegung und Halacha gegründete Gestalt des Glaubens. Die Rabbinen deuteten auch die Katastrophe der Tempelzerstörung als Teil des fortdauernden Bundesgeschehens und verstanden das Studium der Tora als aktualisierte Gegenwart göttlichen Handelns in der Geschichte.Wolf-Friedrich Schäufele: Einleitung: Religion – Toleranz – Historie. In: Kerstin Armborst-Weihs, Judith Becker (Hrsg.): Toleranz und Identität. Geschichtsschreibung und Geschichtsbewusstsein zwischen religiösem Anspruch und historischer Erfahrung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 978-3-666-10096-3, auf ssoar.info S. 2.

mini|450px|Geopolitische Situation und Einflusssphären im 1. Jahrhundert n. Chr. im östlichen Mittelmeer und Vorderasien mini|450px|Machtzentren und Hegemonen im 3. Jahrhundert n. Chr. Die Tempelopferpraxis, mit den Hohepriester war im antiken Jerusalem ein zentraler Bestandteil des jüdischen religiösen Lebens, insbesondere während der Zeit des Ersten und Zweiten Tempels. Sie drehte sich hauptsächlich um das Darbringen von Opfern als Teil des Gottesdienstes, wobei verschiedene Arten von Opfern zu unterschiedlichen Anlässen und aus verschiedenen Gründen dargebracht wurden. Die Opferpraxis war im Wesentlichen in der Tora (insbesondere im Wajikra () „Und er rief“, Dritten Buch Mose oder Levitikus) festgelegt. Das rabbinische Judentum ersetzte das tempelzentrierte Opferjudentum mit dem Zentrum Jerusalem. Die spirituelle Autorität ging von den KohanimMartin Goodman: Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kult, Gesellschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-96469-1, S. 93 f. auf die Rabbanim über. Die religiöse Praxis basierte nicht mehr auf dem Opfern i. e. S. sondern auf Gebet und Studium der Tora. Während im tempelzentrierten Opferjudentum die zentrale Kultstätte und die Opfer dazu dienten, Gott zu ehren, den Bund zwischen Gott und dem Volk Israel zu stärken und zu erneuern sowie die ‚göttliche Gegenwart‘ (SchechinaKaufmann Kohler, Ludwig Blau: Shekinah (; lit. "the dwelling"). Jewish Encyclopedia (jewishencyclopedia.com).) im täglichen Leben zu erfahren – und damit die Verbindung zu Gott aufrechtzuerhalten und zu vertiefen –, betonen Strömungen im rabbinischen Judentum die Hoffnung auf einen zukünftigen Messias, der den Tempel wieder aufbauen und das Opferwesen wiederherstellen könnte. In der Zwischenzeit hat sich das Judentum aber ohne Tempel weiterentwickelt.Armin Sacher: Der Fall des zweiten Tempels. Die Auswirkungen der Tempelzerstörung auf das palästinensische Judentum. aventinus varia Nr. 14 (Sommer 2008) aventinus-online.de Der Zeitraum von der Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) bis zur Konsolidierung der rabbinischen Literatur und der Kodifizierung des Talmuds im 6. Jahrhundert stellte den Kern dieser Transformation dar.

Die als „rabbinische Zeit“ bezeichneten EpochenDie rabbinischen Epochen des Judentums erstreckten sich über mehrere Jahrhunderte. Sie lassen sich in unterschiedliche Generationen und Autoritätsschichten unterteilen. Die Tannaiten (ca. 10–200 n. Chr.) gelten als Verfasser der Mischna und prägen die frühe rabbinische Halacha. Auf sie folgen die Amoraim (ca. 200–500 n. Chr.), die die Mischna in der Gemara kommentieren und so die Grundlage des Talmuds legen. Anschließend stehen die Savoraim (ca. 500–600 n. Chr.), die den Talmud redigieren und fertigstellen. In der mittelalterlichen Phase treten die Geonim (ca. 600–1050 n. Chr.) als Leiter der babylonischen Akademien hervor, die über die rabbinische Gesetzesinterpretation wachen. Auf diese Zeit folgen die Rischonim (ca. 1050–1500), mittelalterliche Gelehrte und Kommentatoren, die unter anderem die Entwicklung der Kabbala in Spanien begleiten. Gemeinsam bilden diese Gruppen die rabbinische Literaturtradition, die zentrale Texte, Lehren und Autoritäten des Judentums über viele Jahrhunderte hinweg bewahrt und weiterentwickelt hat. umfassen die ersten nachchristlichen Jahrhunderte, obgleich das rabbinische Judentum wahrscheinlich erst ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. zur normativen Geltung kam. Unmittelbar nach der Zerstörung Jerusalems verlagerte sich das religiöse Zentrum unter der Führung von Jochanan ben Sakkai nach Jabne. Nach dem gescheiterten Bar-Kochba-Aufstand gegen die römische Besatzung, zwischen 132 und 135 n. Chr. und dem anschließenden Verbot für Juden, Jerusalem zu betreten, verlagerte sich das „rabbinische Zentrum“ weiter nach Galiläa. Dort wurde um 200 n. Chr. durch Jehuda ha-Nasi mit der Mischna das grundlegende religionsgesetzliche Werk des Judentums redigiert. Auf dieser Grundlage entstanden im 5. Jahrhundert n. Chr. der Jerusalemer Talmud sowie dann etwas später, im Sassanidenreich, der für das Judentum maßgeblichere Babylonische Talmud. Diese Prozesse der Verschriftlichung fallen zeitlich in etwa mit der Kodifikation christlich-römischer Rechtstexte wie dem Codex Theodosianus und dem Codex Iustinianus zusammen, die zugleich antijüdische Gesetzgebungen und Eingriffe in die jüdische Religionspraxis festschrieben.René Bloch: Antikes Judentum. Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund SIG, 2009, auf swissjews.ch Abschnitt: „Rabbinische Zeit“

Religionsgeschichtlich war die rabbinische Epoche durch einen weitgehenden Rückzug aus dem politischen Raum geprägt. Die direkte Kontrolle über Tempel und Opferwesen („Tempelherrschaft“) fiel weg, und die Autorität verlagerte sich zunehmend vom kultischen Opferwesen hin zum Studium von Tora und Halacha. Der Versuch des Kaisers Julius Flavius Claudius Iulianus, besser bekannt als Julian Apostata, zum Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr., den Jerusalemer Tempel wiederaufzubauen, blieb ohne Erfolg.

Die Zeit der Konsolidierung

mini|Talmudstudenten (Radierung von Ephraim Moses Lilien) Die Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 war ein tiefgreifender Einschnitt in die jüdische Geschichte,Günter Stemberger: Das klassische Judentum: Kultur und Geschichte der rabbinischen Zeit, Verlag C.H.Beck 2009, S. 16 so dass an dieser Stelle, trotz der nicht sofort sichtbaren Änderungen innerhalb des Judentums, die Geschichte des rabbinischen Judentums sowohl in der Selbst- als auch in der Fremddarstellung beginnt. Die Zerstörung bewirkte zwei Dinge, die eine Neuorientierung des Judentums notwendig machten: Zum einen wurde der bis dahin vorhandene Zentralpunkt des Kults zerstört und damit auf der einen Seite die Legitimation bestimmter Gruppen, beispielsweise der bisherigen Priester oder der Sadduzäer, und auf der anderen Seite auch eine Neuordnung des kultischen Lebens notwendig. Bis in das Jahr 70 war der gesamte Kult des Judentums, legitimiert durch die alttestamentliche Theologie, auf den Tempel und auf Jerusalem ausgerichtet. Die zweite maßgebliche Änderung betrifft die politische Ebene: Zwar war schon nach dem Tod des Herodes die Verwaltung von Judäa von Rom aus organisiert worden. Nach der Niederlage wurde jedoch Jerusalem, im Gegensatz zu Caesarea Maritima, nun Haupttruppenstützpunkt der römischen Truppen. Hinzu kam, dass im Krieg etwa ein Drittel aller Juden (ca. 1,1 Millionen Menschen) getötet worden waren und darüber hinaus der gesamte Landbesitz der jüdischen Bevölkerung an Rom überging.Günter Stemberger: Das klassische Judentum. S. 16 Die rabbinische Tradition schreibt Jochanan ben Sakkai die Initiierung der nun eintretenden Neuorientierung zu.

Jochanan ben Sakkai und das Zentrum Jabne

mini|Jochanan ben Sakkai, Bildfeld an der großen Knesset-Menora