Die belgisch-portugiesischen Beziehungen umfassen das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Belgien und Portugal. Die Länder unterhalten mindestens seit 1834 direkte diplomatische Beziehungen.Übersicht über die diplomatischen Beziehungen zu Belgien, diplomatisches Institut des portugiesischen Außenministeriums, abgerufen am 4. Mai 2019
Die Beziehungen gelten traditionell als gut. Wichtige Verbindungsglieder zwischen beiden Ländern ist die gemeinsame Mitgliedschaft in EU, Eurozone und Schengen-Raum, aber auch in der NATO, deren Gründungsmitglieder beide sind, und in weiteren multilateralen Organisation wie dem Europarat, der OSZE und der OECD, u. a.
Die gegenseitigen Einwanderergemeinden, der vielfältige bilaterale Handel und ein lebendiger Austausch in Kultur und Sport sind weitere verbindende Faktoren.
Geschichte mini|links|hochkant|König Philipp IV. von Spanien herrschte auch über Belgien und Portugal mini|hochkant|Der Schriftsteller Almeida Garrett wurde 1834 der erste portugiesische Botschafter in Belgien Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Juden aus Spanien vertrieben und flohen zu einem großen Teil nach Portugal. Später wurden diese Sepharden auch von dort vertrieben und wanderten aus, neben Saloniki, Amsterdam oder Hamburg gingen sie auch in Handelsstädte im heutigen Belgien, vor allem nach Antwerpen. Neben bedeutenden, international vernetzten Geschäftsleuten waren darunter auch Gelehrte, etwa der wegweisende portugiesische Arzt Amato Lusitano, der ab 1533 einige Jahre hier arbeitete und auch publizierte.
Beide Länder gehörten zeitweise zur Habsburgermonarchie. So kam Belgien nach der Abdankung Karl V. 1556 an die spanische Linie der Habsburger, die hier bis 1714 herrschte. Portugal war derweil durch Erbfolge 1580 an den habsburgischen König von Spanien gefallen, bis es sich 1640 wieder für unabhängig erklären konnte.
Belgien erklärte sich am 4. Oktober 1830 für unabhängig. Am 30. Juli 1834 nahm der portugiesische Literat, Politiker und Diplomat Almeida Garrett die Arbeit als erster Botschafter Portugals in der neueröffneten Legation in Brüssel auf.
Im Zuge des Wettlaufs um Afrika wurde auch das Königreich Belgien Kolonialmacht in Afrika, indem es sich Belgisch-Kongo (heute Demokratische Republik Kongo) aneignete. Damit wurde die Kolonialmacht Belgien direkter Nachbar der Portugiesischen Kolonien Portugiesisch-Westafrika (heute Angola) und Portugiesisch-Kongo (heute Cabinda). Die beiden Kolonialmächte kooperierten teilweise, etwa wenn Kupfer aus Belgisch-Kongo über die portugiesische Benguelabahn abtransportiert wurde.
1900 heiratete der spätere belgische König Albert I. die Prinzessin Elisabeth Gabriele in Bayern, die portugiesischer Abstammung war.
Nach der Ausrufung der Portugiesischen Republik am 5. Oktober 1910 erkannte Belgien diese am 16. November 1910 an.
Im Zweiten Weltkrieg blieben beide Länder neutral. Jedoch erlitt Belgien 1940 die deutsche Besatzung, während Portugal danach ein Zufluchtsort für Flüchtlinge wurde. Unter den zahlreichen Flüchtlingen, die auch aus Belgien nach Portugal flohen, waren auch bekannte Persönlichkeiten, etwa der in Nazi-Deutschland zum Tode verurteilte Otto von Habsburg, der sich mit einem Visum des portugiesischen Konsuls Aristides de Sousa Mendes in Sicherheit bringen konnte. mini|Portugals Passos Coelho (li.) und Belgiens Luc Vandeputte (re.) beim EVP-Gipfel 2012 Nach der übereilten Unabhängigkeit der belgischen Kolonie 1960 kooperierten belgische Militärs teilweise im portugiesischen Kampf gegen die aufstrebenden Unabhängigkeitsbewegungen. Im Gegenzug gingen auch Portugiesen aus Angola in das nun unabhängige, wirtschaftlich zunächst weiter aufstrebende Nachbarland, etwa der spätere portugiesische Arzt und Menschenrechtler Fernando Nobre.
Mit dem anhaltenden Wirtschaftswachstum in Belgien kamen ab den 1960er Jahren auch verstärkt portugiesische Gastarbeiter ins Land, die einerseits den dortigen Arbeitskräftemangel linderten, andererseits dem unterentwickelten und auroritär regierten Portugal unter Diktator Salazar entflohen.
Seit dem Eintritt Portugals in die heutige Europäische Union 1986, deren Vorläufer Belgien 1951 mitgegründet hat, verstärkten sich die bilateralen Beziehungen.
Migration 2016 waren 44.166 portugiesische Staatsbürger in Belgien gemeldet, von denen 35.249 in Portugal geboren sind.Webseite zur belgisch-portugiesischen Migration (Tabellen A.1 und A.2) beim portugiesischen wissenschaftlichen Observatório da Emigração, abgerufen am 17. Februar 2018 Die Summe ihrer Rücküberweisungen betrug 78,9 Mio. Euro im Jahr 2016 (2015: 66,6 Mio.; 2014: 77,9 Mio.; 2013: 67,2 Mio.; 2010: 34,4 Mio.; 2005: 20,6 Mio.; 2000: 54,3 Mio.).Webseite zur belgisch-portugiesischen Migration (Tabelle A.6) beim portugiesischen wissenschaftlichen Observatório da Emigração, abgerufen am 17. Februar 2018
Im Jahr 2015 waren 2.853 Bürger Belgiens in Portugal gemeldet, davon mit 829 die meisten an der Algarve.Offizielle Ausländerstatistiken nach Distrikt, portugiesische Ausländer- und Grenzbehörde SEF, abgerufen am 17. Februar 2018 Sie überwiesen im Jahr 2016 eine Summe von 3,34 Mio. Euro nach Belgien (2015: 1,97 Mio.; 2014: 2,37 Mio.; 2013: 1,57 Mio.; 2010: 1,29 Mio.; 2005: 1,21 Mio.; 2000: 2,88 Mio.).
Städtepartnerschaften 1977 gingen Lüttich und Porto die erste belgisch-portugiesische Städtepartnerschaft ein, seither kamen drei weitere dazu (Stand 2011).Übersicht über die Städtepartnerschaften mit belgischen Kommunen, Website des portugiesischen Verbands der Kreisverwaltungen ANMP, abgerufen am 17. Februar 2018
Diplomatie Portugal unterhält eine Botschaft in der belgischen Hauptstadt Brüssel, in der Hausnummer 12 der Avenue de Cortenbergh. Zudem bestehen portugiesische Honorarkonsulate in Antwerpen, Brügge und Lüttich. auf der Website für Reisende und Auslandsportugiesen beim portugiesischen Außenministerium, abgerufen am 17. Februar 2018
Belgiens Vertretung in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon residiert in der Avenida Luís Bívar Nummer 10 in der Stadtgemeinde São Sebastião da Pedreira. Dazu sind belgische Honorarkonsulate in Faro, Porto, Funchal (auf der Insel Madeira) und Ponta Delgada (auf den Azoren) eingerichtet.Kontaktdaten auf der Website der belgischen Botschaft in Lissabon, abgerufen am 17. Februar 2018
Wirtschaft Institutionen Die portugiesische Außenhandelskammer AICEP unterhält eine Niederlassung an der portugiesischen Botschaft in Brüssel. Zudem besteht eine portugiesisch-belgische Handelskammer in Brüssel und eine belgisch-luxemburgisch-portugiesische Handelskammer in Lissabon.Übersicht über die AICEP-Aktivitäten in Belgien, Website der AICEP, abgerufen am 17. Februar 2018
In Belgien sind ein Teil der dortigen portugiesischen Unternehmer in der Federação de Empresários Portugueses na Bélgica, dem Dachverband der portugiesischen Unternehmer in Belgien organisiert, der u. a. eine Vielzahl Dienstleistungen und Hilfsangebote bietet und eine Zeitschrift herausgibt.Website der Federação de Empresários Portugueses na Bélgica, abgerufen am 22. Februar 2018 auf der Website der portugiesischen Botschaft in Brüssel, abgerufen am 22. Februar 2018
Bilateraler Handel mini|hochkant|Raffinerie in Leça da Palmeira: Erdölprodukte waren 2016 mit 6 % das wichtigste Einzel-Exportgut Portugals nach Belgien Im Jahr 2016 exportierte Portugal Waren und Dienstleistungen im Wert von 2.077,3 Mio. Euro nach Belgien (2015: 1.904,5 Mio.; 2014: 2.010,0 Mio.; 2013: 1.930,4 Mio.; 2012: 2.029,6 Mio.), mit Anteilen bei den Waren von 12,8 % Maschinen und Geräte, 9,9 % Kunststoffe und Gummi, 9,8 % Fahrzeuge und Fahrzeugteile, 9,2 % Treibstoffe, 9,1 % chemisch-pharmazeutische Produkte und 6,7 % Lebensmittel., Excel-Datei-Abruf bei der portugiesischen Außenhandelskammer AICEP, abgerufen am 17. Februar 2018
Im gleichen Zeitraum lieferte Belgien Waren und Dienstleistungen im Wert von 2.124,4 Mio. Euro an Portugal (2015: 2.092,3 Mio.; 2014: 1.930,5 Mio.; 2013: 1.715,8 Mio.; 2012: 1.725,7 Mio.). Bei den Waren entfielen dabei 20,0 % auf chemisch-pharmazeutische Produkte, 14,7 % Fahrzeuge und Fahrzeugteile, 12,4 % Maschinen und Geräte, 9,5 % Kunststoffe und Gummi, 6,6 % Metallwaren und 6,5 % Lebensmittel.
Damit stand Belgien für den portugiesischen Waren-Außenhandel an 9. Stelle als Abnehmer und an 8. Stelle als Lieferant. Im belgischen Waren-Außenhandel rangierte Portugal an 27. Stelle unter den Abnehmern und an 38. Stelle unter den Lieferanten.
Tourismus Mit Übernachtungsausgaben von 388,1 Mio. Euro im Jahr 2016 (2015: 354,0 Mio.; 2014: 311,2 Mio.; 2013: 250,1 Mio.; 2012: 230,7 Mio.) standen belgische Touristen für 3,1 % des portugiesischen Fremdenverkehrs.
Im belgischen Fremdenverkehr standen Touristen aus Portugal im Jahr 2016 mit 54.221 Besuchern an 17. Stelle.
Kultur Institutionen Das portugiesische Kulturinstitut Instituto Camões ist in Belgien u. a. mit einem Sprachzentrum in Brüssel und Lektoraten und Kooperationen an belgischen Universitäten, aber auch an der portugiesischen Vertretung bei der EU präsent. Den Portugiesischunterricht in Belgien koordiniert das Institut von seinem Büro an der Botschaft in Brüssel aus., abgerufen am 17. Februar 2018
Es bestehen sowohl eine Reihe belgische Auswanderer- und Kulturvereine in PortugalÜbersicht über belgische Vereine in Portugal auf der Website der belgischen Botschaft in Lissabon, abgerufen am 22. Februar 2018 als auch eine Vielzahl portugiesischer Kulturvereine in Belgien.
Musik mini|hochkant|Die bekannte belgische Popsängerin Lio wurde in Portugal geboren Die portugiesische Fado-Sängerin Amália Rodrigues trat mehrmals in Belgien auf, wo sie auch veröffentlichte, etwa die Single Aranjuez, mon amour, die 1969 bei der belgischen Columbia mit eigener Covergestaltung erschien, oder 1974 die Single ihrer Version der Grândola, Vila Morena, dem mit der Nelkenrevolution verbundenen Lied.Ramiro Guiñazú: Amália no Mundo. Tradisom, Vila Verde 2014 (ISBN 978-972-8644-36-9), S. 129, S. 251
Die portugiesische Pianistin und Komponistin Berta Alves de Sousa (1906–1997) wurde im belgischen Lüttich geboren und gehörte zu den ersten portugiesischen Frauen, die ein Orchester dirigierten.
Der belgische Jazz-Schlagzeuger Adrien Ransy lebte und arbeitete lange Zeit in Portugal, zu nennen insbesondere seine Zeit bei den bekannten Beat- und Popbands Quinteto Académico (ab 1967) und Conjunto Académico João Paulo (ab 1969).
Die portugiesische Gruppe Madredeus begann ihren internationalen Erfolg in Belgien, wo ihr zweites Album Existir 1991 erstmals auch außerhalb Portugals veröffentlicht wurde und die belgischen Musikcharts eroberte.Salwa Castelo-Branco: Enciclopédia da Música em Portugal no Século XX, L-P. 1. Auflage, Temas&Debates, Lissabon 2010 (ISBN 978-989-644-108-1), S. 729
Die belgisch-portugiesische Sängerin Lio und ihre ebenfalls als Sängerin bekannte Schwester Helena Noguerra gehören zu den bekanntesten Namen unter den belgischen Kulturschaffenden mit portugiesischen Wurzeln.
Der belgische Sänger Art Sullivan (1950–2019), der in den 1970er Jahren weltweit Hits hatte und Millionen Schallplatten verkaufte, besuchte Portugal häufig, sang gelegentlich auch mit portugiesischen Künstlern (so der portugiesischen Sängerin Ágata) und bezeichnete das Land als seine zweite Heimat. Er blieb Portugal auch danach eng verbunden, trat auch in späten Jahren noch dort im Fernsehen auf,Art Sullivan in einer Wiederauflage seines Duetts mit der portugiesischen Sängerin Agata, Auftritt im portugiesischen TV-Sender SIC (2010), Clip auf YouTube, abgerufen am 5. Januar 2020 und schrieb in seinen Memoiren, dass er Portugal liebe und seine Asche nach seinem Ableben bei Cascais im Meer verstreut werden solle.Nachruf auf Art Sullivan in der portugiesischen Wochenzeitung Sol vom 27. Dezember 2019, abgerufen am 5. Januar 2020
Der portugiesischstämmige, seit seinem 12. Lebensjahr in Belgien lebende Sänger Nuno Resende vertrat Belgien beim Eurovision Song Contest 2005 in Kiew.