mini|Louis de Leuw gemalt von F. A. de Leuw (1857/58) Louis de Leuw (gesprochen Löw; * 21. Januar 1819 in Gräfrath; † 2. Juni 1858 ebenda) war ein deutscher Mediziner. Er war ein Vertreter des aufgeklärten, den Idealen der französischen Revolution verpflichteten Bildungsbürgertums, das nicht mehr in den Beamtenstatus eines Landesherrn strebte, sondern wie Rudolf Virchow, mit dem er zeitgleich Medizin in Berlin studiert hatte, „der natürliche Anwalt der Armen“ war.V. Gerhardt: Humboldt-Universität: Mit Virchow den Nerv der Zeit treffen. In: Tagesspiegel. 25. Oktober 2000
Werdegang Louis de Leuw war der zweite von vier Söhnen des Augenarztes Friedrich Hermann de Leuw, der im 19. Jahrhundert viele Patienten aus Europa und Übersee nach Gräfrath am nördlichen Rand von Solingen zog. Die gelegentliche Eindeutschung seines Namens zu Ludwig entspricht nicht der Geburtsurkunde,Geburtsurkunde Louis de Leuw, Stadtarchiv Solingen (StAS) sondern ist der damaligen Frankophobie geschuldet. Die Schriftstellerin Maria Lenzen, geb. Sebregondi, war seine Cousine über die Großmutter väterlicherseits (Anna Maria Claaßen, die mit Arnold Sebregondi den Sohn Rutger hatte). Über seine Mutter, Johanna Maria Herder, war er mit der Solinger Fabrikantenfamilie Abraham Herder verwandt.
In der Volksschule in Gräfrath wurde er zunächst von Lehrer Korholt sowie im Gymnasialstoff von Pfarrern unterrichtet. Ab 1835 besuchte er das katholische Gymnasium in Köln (heute: Dreikönigsgymnasium), wechselte 1836 auf das Gymnasium in Elberfeld, das er im Oktober 1837 ebenfalls verließ, wobei ihm zwar ein löbliches Streben, die früheren bedeutenden Lücken auszufüllen, bescheinigt wurde, was innerhalb des Jahres aber nicht ganz gelang. Die nächsten zwei Jahre arbeitete er in der Landwirtschaft auf Gut Grünewald und wechselte ab Oktober 1839 auf das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Köln, dessen Lehrer Peter Hoß er später für seine Menschlichkeit und Ehrwürdigkeit dankte. Hauptfach war Latein, weitere Fremdsprachen waren Griechisch, Französisch und Hebräisch. Englisch wurde nicht unterrichtetKopie aus dem Zeugnisbuch Gymnasium Elberfeld: Abgangszeugnis Louis de Leuw (1837/38), Stadtarchiv Solingen, Na2-169f; Schulbuch des Friedrich-Wilhelm-GymnasiumsG Köln, Jahrgänge 1838–1841..
Ab dem Wintersemester 1841 studierte er an der Universität Berlin Medizin, unter anderem Physiologie, Anatomie und Chirurgie bei Robert Friedrich Froriep und Johannes Müller.Amtliches Verzeichnis des Personals und der Studierenden der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin SH 1830 ; WH 1830/31(1831) – WH 1917/18(1917) (Digitalisate). Er promovierte bei Carl Wilhelm Ulrich Wagner und Johann Christian Jüngken, beide unter anderem Augenärzte (Ophthalmologen). Seine Dissertation wollte er zunächst in der Augenheilkunde schreiben, wechselte auf Anraten seines Vaters aber zur Zungenvergrößerung (Makroglossie). Darin brachte er am Ende den Fall eines 21-jährigen Mädchens vor, deren überlange Zunge sein Vater, Friedrich Hermann de Leuw, unter Zuhilfenahme eines selbstersonnenen Apparats abgeschnitten hatte. Eine Zeichnung der Kranken vor ihrer Operation und auch der verwendeten Geräte steuerte sein Bruder, der Maler Friedrich August de Leuw, bei. Die Inaugural-Disputation fand am 28. Juni 1845 statt.Louis de Leuw: De Macroglossa seu lingua prolapsu. Dissertation, 28. Juni 1845 (Digitalisat). Sein Abgangszeugnis datiert vom 17. Juli 1845.P. Bahl, W. Ribbe: Die Matrikel der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin 1810–1850 (= Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin 86). De Gruyter, Berlin (zum kostenpflichtigen Digitalisat). mini|Dissertationsschrift Louis de Leuw, Berlin 1845
Wirken In Gräfrath arbeitete de Leuw ab April 1846 als Arzt der inneren Medizin und WundarztKönigliche Regierung zu Düsseldorf, Amtsblatt, 1846, Personal-Chronik im Kreise Solingen, Nr. 483, S. 250, Niederlassung Dr. Ludwig de Leuw (online) zunächst in der Praxis des Vaters und betreute die Kranken im Armenhaus. 1847 und 1848 publizierte er eigene Fälle aus der Augenheilkunde, die in die „Jahresberichte über die Fortschritte der gesamten Medizin in allen Ländern“ übernommen wurden (Trichosis bulbi, Trichosis carunculae lacrymalis, Strabismus convergens, doppelte Pupille, Versteinerung der Linse und ihrer Kapsel)Louis de Leuw: Trichosis bulbi, in: Medizinische Zeitung von dem Verein für Heilkunde in Preußen, Nr. 49 / 1847, und Trichosis carunculae lacrymalis, in: Medicinische Zeitung des Vereins für Heilkunde in Preußen, Nr. 51 (1847), zitiert in: Jahresbericht üb̈er die Fortschritte der gesammten Medicin in allen Ländern im Jahre 1847 (Google Books). Ab 1848 war er Mitglied der Sanitätskommission (zuständig u. a. für die Seuchenbekämpfung), „Assistenzarzt der Augenheilanstalt“ des Vaters und Arzt der „Handwerksgesellen Krankenauflage“ (einer Art Versicherung). Ebenfalls 1848 erhielt er eine Prämie von fünf Thaler für die Wiederbelebung einer „Leiche“. 1849 bezog er als einer von wenigen Medizinern die Vereinszeitung des norddeutschen Apothekerverbands.
Das auffällige Schweigen der de Leuws zu den Ereignissen der Bürgerlichen Revolution 1848/49 ist auf die intensiven Beziehungen des Vaters zum hannoveranischen König Ernst-August (Verleihung des Ritterkreuz des Guelphen-Ordens am 15. August 1849, Trageerlaubnis des Preußischen Königs am 26. September 1849) zurückzuführen. Gräfrath war von den Unruhen aber nur am 10. Mai 1849 betroffen, als ein Mob unter Führung des Solingers Wilhelm Jellinghaus das Zeughaus stürmte und mit den Gewehren nach Elberfeld zog.
Ab 1853 übernahm de Leuw die Aufgabe als konzessionierter dirigierender Arzt der „Privatheilanstalt für Augenkranke“ und ab 1854 als Präsident der neu gegründeten De-Leuw-Stiftung.R. Tewes: Der Preußische Augenarzt Friedrich Hermann de Leuw und seine Praxis in Gräfrath. Born-Verlag, 1985 1854 erhielt er die „Verdienstmedaille für Rettung aus Gefahr“ für seine Rettung eines Ertrinkenden aus dem Badeteich an der zwei Kilometer nordöstlich von Gräfrath gelegenen Steinbeck einige Jahre zuvor unter Einsatz des eigenen Lebens. 1855 veröffentlichte er eine Zusammenfassung und Übersetzung eines niederländischen Artikels über ein neues blutstillendes Mittel („Penghawar Jambic“, Chines. Schatullenfarn, Cibotium barometz J. Sm.), wobei er außerdem Pulsdiagnose erwähnte.de Leuw, Louis, Penghawar Jambic - ein neues Blutstillungsmittel, in: Medizinische Zeitung, Verein für Heilkunde in Preußen (Hrsg.), Berlin, 25. April 1855 (online). Nachdem Gräfrath 1856 Stadtrechte (gemäß der Rheinischen Städteverordnung vom 15. Mai 1856) erhalten hatte,S. Wurmbach, Von nun an: Stadt - Die Rheinische Städteverordnung vom 15. Mai 1856, in: Romerike Berge 4, 2006, S. 21–29. war de Leuw Stadtverordneter, zuvor wahrscheinlich aber bereits Gemeinderath (gemäß der Rheinischen Gemeindeordnung vom 23. Juli 1845). Anfang Oktober 1857 baten ihn englische Patienten nachdrücklich, während der Wintermonate in England zu praktizieren, dem er aber wohl nicht nachkam,Solinger Kreis-Intelligenzblatt, 7. Oktober 1857, Meldung bzgl. Umzug nach England da er zuletzt „eine sehr große Praxis“ mit über 1800 Patienten während der letzten elf Monate gehabt haben soll.M. Raine: 1859 - All the year round at Graefrath, Stadtarchiv Solingen.
Im Mai 1853 trat er den Freimaurern der Johannesloge Prinz von Preußen – Zu den drei Schwertern in Solingen bei, wo er am 21. Mai 1857 in den Meistergrad übernommen wurde.W. Tückmantel: Mitteilung an das Stadtarchiv Solingen. 1965.
Heirat Mit 32 Jahren heiratete er Caroline Rachel Hunnemann, Tochter des königlichen Amtsvogts und der Engländerin Rachel Wharton, und Lehrerin. Die Trauung fand in der Nähe von Hannover statt.Ehefrau gesucht – Historikerin recherchiert in Mecklenburg zu Caroline Hunnemann. In: Schweriner Volkszeitung, 2. Februar 2018. Dem Wunsch von König und Vater, als verlängerter Arm des Vaters zur Behandlung des Königs nach Hannover zu ziehen, fügte er sich nicht, worauf dort Ende 1851 Dr. I. L. Weber eingestellt wurde. Caroline vermietete im gemeinsamen Wohnhaus Zimmer an englische Patienten. Kinder bekamen sie nicht. Sehr wahrscheinlich hatte er aber seit 1844 eine uneheliche Tochter namens Anna Maria Carolina mit der Gräfratherin Fanny Reiffen.
Tod mini|hochkant|Grab De Leuw, Parkfriedhof Solingen-Gräfrath
de Leuw starb am 2. Juni 1858, morgens um zwei Uhr in Gräfrath. Der geschmückten und blumenbekränzten Bahre folgten neben der Mutter und Hunderten von Frauen und Kindern, Vater und Brüder, etwa 60 Vertreter der Knappschaft Hochdahl und viele Dorfbewohner und Gäste. – Seine Frau Caroline starb am 24. Februar 1898 in London und hinterließ einer Mary Eleanor Hunnemann £ 170.M. Krause: Dr. Louis de Leuw – die Zukunft Gräfraths – zum 200. Geburtstag. In: Romerike Berge 3, 2018.
Literatur Dr. Louis de Leuw – der Sohn des Gräfrather Augenarztes, in: Gräfrather Heimatspiegel 1/2018, S. 47–51, https://issuu.com/schulenbergwerbung/docs/issu_heimatspiegel1-18 Adeline de Leuw und der Typhus, in: Gräfrather Heimatspiegel 2/2018, https://issuu.com/schulenbergwerbung/stacks/afac28c77e5c441fbc095cf41d6cc1ce Dr. Louis de Leuw & seine Tochter, in: Gräfrather Heimatspiegel 3/18, https://issuu.com/schulenbergwerbung/stacks/afac28c77e5c441fbc095cf41d6cc1ce Monika Krause: Dr. Louis de Leuw – die Zukunft Gräfraths – Zum 200. Geburtstag des Allgemeinmediziners, Chirurgs und Augenarztes, in: Romerike Berge 3/18, S. 2–21.
Einzelnachweise
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