Die Dogmengeschichte ist innerhalb der christlichen Theologie eine Teildisziplin der historischen Theologie, die sich mit der Entstehung und Entwicklung kirchlicher Dogmen befasst (= Dogmengeschichtsschreibung). Dogmen als etwas geschichtlich Gewordenes und nicht ewig Unveränderliches betrachten zu können, ist eine Frucht der Aufklärung. Somit entstand im 18. Jahrhundert Dogmengeschichte im Protestantismus als wissenschaftliche Disziplin., hier Sp. 915. Dogmengeschichte blieb bis weit ins 19. Jahrhundert „eine nahezu ausschließlich prot[estantische] Domäne“, so Joachim Drumm. Der Beitrag zeitgenössischer katholischer Theologen habe in theoretischen Überlegungen zur Dogmenentwicklung bestanden; nach 1900 wurden eine Reihe von dogmengeschichtlichen Einzelstudien katholischer Theologen vorgelegt – keine Gesamtentwürfe., hier Sp. 299f.

Spätestens seit dem 20. Jahrhundert besteht unter deutschen Dogmengeschichtlern ein Konsens, dass es eine enge Verflechtung zwischen der Entwicklung der Dogmen und ihren geistes-, sozial- und institutionsgeschichtlichen Faktoren gebe. Diese Verflechtung wird für die Darstellung als „konstitutiv“ (und somit Teil des Faches selbst) angesehen.

Dogmatisch meint in der Theologie nicht in erster Linie traditional (so dass man die Dogmen nicht rechtfertigen will). Sondern die Dogmatik und Systematik hat gerade das Ziel der Begründung von Theologumena, also von theologischen Glaubenssätzen. Die Dogmengeschichte ist eine historische Teildisziplin der Theologie und untersucht historisch-wissenschaftlich diese Begründungen und auch die Entstehung und Veränderung der theologischen Systematik. Es gibt typische Fragen, die immer wieder herausfordern: Braucht man überhaupt Dogmen, können wir nicht undogmatisch selbst denken? Wie ist es eigentlich mit der Identität des christlichen Glaubens bestellt, wenn Dogmen sich ändern?

Der Begriff Dogma Dogma ist ein Wort aus der hellenistischen Bildungswelt: bedeutete einerseits die (zum Beispiel kaiserliche) Verfügung, den Erlass, die Verordnung oder das Gebot, andererseits den Lehrsatz,Bauer/Aland, Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. De Gruyter, 6. völlig neu bearbeitete Auflage Berlin / New York 1988, Sp. 404f. nämlich den verbindlichen Satz einer philosophischen, juristischen oder medizinischen Schule. In der Stoa wurde der Begriff Dogma dann klar gefasst als „(a) universale Aussage einer nichtsinnlichen Erkenntnis über das Wesen des Weltgeschehens und Menschseins (b) mit unverzichtbarer Orientierungskraft für die Lebensführung (c) und unantastbarer Geltung.“, hier Sp. 895. Flavius Josephus griff diesen stoischen Sprachgebrauch auf, wenn er schrieb, die Heiligen Schriften Israels enthielten „Dogmen der Judäer.“, hier Sp. 895. Vgl. Flavius Josephus: Contra Apionem I 8. Das Christentum gebrauchte den Begriff Dogma schon seit dem 2. Jahrhundert, um damit die Gesamtheit der christlichen Lehre zu bezeichnen und das Christentum somit den Zeitgenossen wie eine Philosophenschule bzw. als die wahre Philosophie darzustellen. Die ökumenischen Konzilien fügten dann dem christlichen Dogmenbegriff das Element hinzu, dass bestimmte Fragen auf den Konzilien verbindlich und endgültig geklärt worden seien. Die Akten der Konzilien bezeichneten mit dógma allerdings nicht ihre Lehrentscheidungen; diese heißen vielmehr „der Glaube (der Orthodoxen oder der Väter)“.Martin Elze: Der Begriff des Dogmas in der Alten Kirche. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 61/4 (1964), S. 421–438, hier S. 431. Zwar ist dógma im Sinne von Kirchenlehre ein Vorzugswort des Kirchenhistorikers Sozomenos, aber damit ist er, nach Martin Elze, für die griechischsprachige Alte Kirche nicht repräsentativ. Hier führte vielmehr Basilios folgenden Sprachgebrauch ein: explizit formulierte Kirchenlehren sind . während mit die nicht schriftlich formulierten, landläufigen Glaubensüberzeugungen sowie Riten gemeint sind.Martin Elze: Der Begriff des Dogmas in der Alten Kirche. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 61/4 (1964), S. 421–438, hier S. 432. Die lateinisch schreibenden kirchlichen Autoren des 4. Jahrhunderts (Ambrosius von Mailand, Rufinus, Hieronymus) gebrauchten den philosophisch gefüllten Begriff dogma häufig und in dreifachem Sinn: für philosophische, häretische und großkirchliche Lehren. Zum Begriff dogma tritt also meist das differenzierende Attribut.Martin Elze: Der Begriff des Dogmas in der Alten Kirche. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 61/4 (1964), S. 421–438, hier S. 434.

Der Begriff dogma gehört zum Vorzugsvokabular des Vinzenz von Lérins. Die Irrlehrer verkünden neue Dogmen (nova dogmata); demgegenüber steht das himmlische, kirchliche, katholische Dogma. Die Kirche ist bei Vinzenz die „eifrige und vorsichtige Wächterin über die die bei ihr niedergelegten Dogmen.“Vinzenz von Lérins: Commonitorium 23 (32). Vinzenz bevorzugt den Singular dogma, um die Gesamtheit der Kirchenlehren zu bezeichnen: „Von dem ganzen Dogma der Kirche soll man fassen, was mit dem Verstand gefasst werden kann, und was nicht, soll man glauben.“Vinzenz von Lérins: Commonitorium 20 (25), hier zitiert nach: Martin Elze: Der Begriff des Dogmas in der Alten Kirche. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 61/4 (1964), S. 421–438, hier S. 436. Vinzenz wurde aber in den folgenden Jahrhunderten kaum gelesen und der Begriff dogma auch selten verwendet. Das änderte sich, als das Communitorium in den Auseinandersetzungen der Reformationszeit neu entdeckt wurde. Johann Sichard druckte die Schrift erstmals in seiner Quellensammlung Antidotum contra diversas omnium fere saeculorum haereses (1528). 35 Ausgaben und 22 Übersetzungen des Communitoriums allein im 16. Jahrhunderten zeigen die starke Rezeption in der Reformationszeit. Nicht nur altgläubige Theologen, sondern auch die Reformatoren beriefen sich auf Vinzenz und gebrauchten das Wort Dogma in dem von Vinzenz geprägten Sinn.Martin Elze: Der Begriff des Dogmas in der Alten Kirche. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 61/4 (1964), S. 421–438, hier S. 438.

Dogmenentwicklung Der vor allem in römisch-katholischer Theologie übliche Begriff Dogmenentwicklung behandelt das Verhältnis von Offenbarung und Tradition. Bibel und Tradition gelten als Offenbarungsquellen, die von der Kirche bezeugt werden. Dietrich Wiederkehr führt hierzu aus: Die Bibel, die auf das Ursprungsgeschehen der Offenbarung Gottes zurückverweise, habe einen Vorrang vor der kirchlichen Tradition und sei zugleich beginnende Tradition; die Entgegensetzung von Schrift und Tradition sei daher ungeschichtlich. Nicht nur das Lehramt, sondern das ganze Volk Gottes sei Träger der Tradition (sensus fidei).

Eine in den Offenbarungsquellen bereits vorkommende Aussage kann von der Kirche als Dogma vorgelegt werden, gegebenenfalls auch in präzisierter oder entwickelter Form. Dem Konzept des Depositum fidei folgend, kann die Kirche darüber hinaus Dogmen erklären, die in den Offenbarungsquellen explizit nicht enthalten sind. Beispiele: Siebenzahl der Sakramente, Sakramentalität der Ehe, Unfehlbarkeit des Papstes, Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens, Dogma der Aufnahme Mariens in den Himmel., hier Sp. 295.

Während die Neuscholastik Dogmenentwicklung als Deduktion aus Offenbarungssätzen verstand, gelang es im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend, Dogmenentwicklung als historisches Geschehen in den Blick zu bekommen: Katholische Tübinger Schule, John Henry Newman, Nouvelle Théologie. Das Zweite Vatikanische Konzil bejahte die Geschichtlichkeit des Dogmas und lehrte, die Glaubensüberlieferung nicht als System von Sätzen zu sehen, sondern als all das, „was die Kirche selber ist, alles, was sie glaubt“ (Dei verbum 8)., hier Sp. 297.

Anknüpfend an das Lehrwerk von John Henry Newman versteht die katholische Dogmatik heute die Entwicklung der christlichen Lehre als Entfaltung (aber nicht: Evolution) der kirchlichen Identität in der Zeit, jedoch nicht unter Führung einer „autonomen“ Theologie, sondern unter Anleitung des kirchlichen Amtes, das im Bischofskollegium mit und unter dem Papst tätig ist.

Wilfried Härle versteht „Akte der Bekenntnis- und Dogmenbildung“ als besondere Situationen in der Auslegungsgeschichte der Bibel, in der die Kirche, eine Konfession oder eine kirchliche Gemeinschaft zu einer Interpretation des christlichen Glaubens findet, der für sie dann ein Identitätsmerkmal darstellt und mit der sie fortan in einer historischen Kontinuität steht. „Das hindert jedoch nicht, daß auch solche Lehrentscheidungen alsbald zum Gegenstand einer Auslegungsgeschichte werden […]“Wilfried Härle: Dogmatik. De Gruyter, 5. durchgesehene und überarbeitete Auflage, Berlin / Boston 2018, S. 32.

Themenfelder der Dogmengeschichte Kanon der Bibel Die wichtigste theologische Grundlage ist die Bibel als Heilige Schrift. Die christliche Bibel besteht aus dem Alten Testament, das in etwa dem Tanach entspricht und auf Hebräisch (und in kleinen Teilen auf Aramäisch) geschrieben wurde, und dem Neuen Testament, das auf Griechisch verfasst wurde.

Die Frage nach dem Kanon der Bibel, also die Festlegung, welche Bücher zur Bibel dazugehören, wirft Fragen auf, die in der Dogmengeschichte je nach Epoche verschieden beantwortet wurden: Kann man Bücher davon weglassen, neue hinzunehmen? Wieso hat gerade die Bibel eine solche Autorität? Wie stehen und standen die Christen zur Bibel? Wann ist der Kanon entstanden und warum? Wie kann man die Bibel verstehen? Wie soll sie richtig gelesen und ausgelegt werden?

Glaubensbekenntnisse Die älteste Form, die christlichen Grundaussagen zusammenzufassen, waren die Glaubensbekenntnisse, die sich aus dem Taufsymbol entwickelt haben. In diesen Bekenntnissen sind die nachfolgend aufgeführten zentralen Themen der Dogmengeschichte bereits enthalten. Die Dogmenbildung begann bereits am Übergang vom Frühchristentum, das noch weitgehend in der Verfolgung stand, zum anerkannten Christentum unter Konstantin dem Großen ca. 312 und sollte als Arianischer Streit ins allgemeine geschichtliche Bewusstsein treten. Das Konzil von Nicäa 325, durch Konstantin einberufen, versuchte Diskussionen um die Christologie verbindlich zu entscheiden.

Trinitätslehre Die Taufe im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes veranlasste die junge Kirche, das Wesen Gottes in drei Personen (Trinität) mehr und mehr zu reflektieren.

Christologie Das zentrale Dogma der Trinität machte es für die Theologen der Alten Kirche erforderlich, die Person Jesu Christi in seiner Wesenseinheit mit dem himmlischen Vater näher zu verstehen (Christologie).

Sünde und Gnade Das Mysterium der Erlösung des Menschengeschlechts durch Jesus Christus brachte überdies neues Licht in das Rätsel des Bösen und der Unvollkommenheit der Kreatur.

Wort und Sakrament Jesus Christus als das ewige Wort des Vaters ist gegenwärtig in seiner Kirche als Zeichen und Werkzeug der Einheit der Menschen mit Gott und untereinander. Diese sakramentale Gegenwart des ewigen Lebens in Taufe und Eucharistie unterscheidet das christliche Dogma von allen anderen religiösen Überzeugungen.

Rechtfertigungslehre Die Rechtfertigungslehre ist ein zentraler Bereich der Theologie Martin Luthers, in der es um die Frage geht, inwiefern wir vor Gott gerecht sind.

Luther erörterte die bereits von Paulus diskutierte Gerechtigkeit allein aus Glauben, sola fide , die zur Hauptantriebsfeder der Reformation wurde. Luthers Auffassung von der Rechtfertigung wurde vom Konzil von Trient verurteilt.