mini|Caïamb aus Réunion Kayamba, auch kiyamba, kayamb, caïambe, ist eine flache, rechteckige Rassel, die aus zwei Lagen Schilfrohrmatten mit dazwischen eingeschlossenen Körnern besteht. Sie wird in Kenia, Tansania, den im Indischen Ozean gelegenen Inseln Mauritius (maravanne) und Réunion (caïamb) sowie unter anderen Namen in Uganda und in einigen Ländern des südöstlichen Afrika zur Gesangs- und Tanzbegleitung verwendet. Instrumentenkundlich gehört die kayamba zu den Gefäßrasseln, nach ihrem Aussehen wird sie als Floßrassel bezeichnet.

Verbreitung mini|Schellen am Bein eines Tänzers beim ruandischen Kriegstanz intore. Rasseln sind durch Schütteln angeregte Idiophone von beliebiger Form, bei denen kleine Rasselkörper gegeneinander und üblicherweise gegen den Körper schlagen, in dem sie eingeschlossen sind oder gegen den Rahmen, an dem sie befestigt sind. Sie gehören zu den ältesten Musikinstrumenten und bilden seit jeher als Hilfsmittel bei magischen Heilverfahren und bei sonstigen Ritualtänzen ein Bindeglied zur jenseitigen Welt.Klaus P. Wachsmann: Die primitivem Musikinstrumente. In: Anthony Baines (Hrsg.): Musikinstrumente. Die Geschichte ihrer Entwicklung und ihrer Formen. Prestel, München 1982, S. 13–49, hier S. 17 Rasseln aus eiförmigen Tongefäßen sind aus der prädynastischen Zeit im Alten Ägypten bekannt und aus der Spätzeit blieben Korbrasseln mit Handgriffen erhalten.Ellen Hickmann: Rasseln. VI. Archäologische Rasseln. 2. Rasselarten und -formen. In: MGG Online, November 2016 (Musik in Geschichte und Gegenwart, 1998) Im spätantiken Ägypten wurden auch Rasseltrommeln als Kultinstrumente verwendet.Hans Hickmann: Vorderasien und Ägypten im musikalischen Austausch. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Bd. 111 (n.F. 36), Nr. 1, 1961, S. 23–41, hier S. 32 In der westafrikanischen Musiktradition fehlen Korbrasseln.Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments (Continued). In: Africa: Journal of the International African Institute, Bd. 6, Nr. 3, Juli 1933, S. 277–311, hier S. 281

Gefäßrasseln, von denen viele einen Handgriff besitzen, kommen in Afrika, Amerika und auf den Pazifischen Inseln vor. Die am weitesten verbreiteten Gefäßrasseln sind neben den kleinen Schellen die Kalebassenrasseln, die in Gegenden, in denen keine Kürbisse zur Herstellung von Kalebassen gedeihen, durch Tongefäße, Flechtkörbchen oder sonstige Materialien nachgeahmt werden. Kalebassenrasseln sind im subsaharanischen Afrika weit verbreitet. Typisch ist die enyimba (auch oburengo) der Ankole im Südwesten von Uganda, die aus einem Flaschenkürbis besteht, in dessen Hals nach dem Trocknen einige Steinchen gefüllt wurden. Zur Klangverstärkung ist das Gefäß mit kleinen Löchern perforiert.Paul van Thiel: Enyimba. Royal Museum for Central Africa, Tervuren

Eine zu afrikanischen Musikkulturen gehörende Vorstellung ist, dass Musikinstrumente nur selten abstrakt „gespielt“ werden. Häufig wird die Tätigkeit des Musizierens auf einem Instrument mit einem Verb aus dem Wortumfeld „schlagen“ bezeichnet. Dies gilt selbst für Blasinstrumente, die in wörtlicher Übersetzung etwa im Kiswahili „geschlagen“ werden. In Uganda werden unter anderem die Naturhörner amakondere und der Kalebassen-Musikbogen egobore „geschlagen“ (okuteera). Für das Schütteln von manchen Gefäßrasseln wie der enyimba oder der an den Knöcheln umgebundenen Schelle amajugoPaul van Thiel: Amajugo. Royal Museum for Central Africa, Tervuren gibt es in Uganda ein Verb, das „zum Sprechen bringen“ bedeutet. Speziell für den Einsatz der flachen Floßrassel rugaaniire verwenden die Ugander ein eigenes Wort, das mit „sieben“ und „worfeln“ zu übersetzen ist.Gerhard Kubik: Einige Grundbegriffe und -konzepte der afrikanischen Musikforschung. In: Ders.: Zum Verstehen afrikanischer Musik. Lit, Wien 2004, S. 65

mini|Am Bein getragene Stabrasseln mit Fruchtkapseln. Madagaskar, 19. Jahrhundert. Im zentralen und südlichen Afrika binden sich Tänzer anstelle von Schellen auch geflochtene Kästchen, die mit Steinchen gefüllt sind, bei rituellen Anlässen an die Beine und produzieren damit einen Rhythmus oder ergänzen den Rhythmus der Trommeln.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 83–86 Früher wurden auch die Hartschalen kleiner Früchte als Rasseln an den Beinen verwendet. Nach einem Bericht von 1917 banden sich manche San in Südafrika beim Tanzen mit Steinchen gefüllte Ohren von Springböcken (Fußgelenkrassel keriten) und ansonsten die Fruchtschalen einer Wildbohnenart an die Beine.S. S. Dornan: The Tati Bushmen (Masarwas) and Their Language. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, Bd. 47, Januar–Juni 1917, S. 37–112, hier S. 44 Die Zulu in Südafrika flechten aus Blattfasern einer Fächerpalmenart (Hyphaene ventricosa subsp. benguelensis, Zulu ilala) kleine Schachteln, die sie mit Steinchen füllen und zu mehreren Dutzend an einer Schnur gebündelt beim Tanzen an den Knöcheln tragen.Percival R. Kirby: The Musical Instruments of the Native Races of South Africa. (1934) 2. Auflage: Witwatersrand University Press, Johannesburg 1965, S. 6f Sie sind bei den Zulu als amafohlwane (Singular ifohlwane) und bei den Swazi als emafahlawane bekannt.Amafohlwane. In: Grove Music Online, 3. September 2014 Solche beim Tanz getragenen Fruchtschalen kommen mit vielen Variationen und Namen in Afrika vor. Die von Männern der Chewa in Nordmosambik beim Tanz an den Beinen festgebundenen Stabrasseln mahea bestehen beispielsweise aus den auf Stäben gesteckten Fruchtkapseln von Oncoba spinosa.Gerhard Kubik, 1982, S. 156 Metallene Schellen, die Tänzer in Ostafrika an den Beinen tragen, heißen njuga, während unter msewe (Plural misewe) am Bein befestigte, mit Steinchen gefüllte Behältnisse aus Kokosfasern verstanden werden.Gerhard Kubik, 1982, S. 23 Die aus einem festen Material oder aus Flechtwerk bestehenden Gefäße müssen stets so stabil sein, dass sie von den entsprechend ausgewählten Rasselkörpern aus leichten Samen oder schwereren Steinchen nicht durchstoßen werden. Die ostafrikanischen Floßrasseln aus Schilfrohr, die bei Tänzen in den Händen geschüttelt werden, sind eine spieltechnisch andere Art der ursprünglich primär rituell verwendeten Gefäßrasseln an den Beinen der Tänzer.

Äußerlich ähnlich mit der kayamba sind zentralafrikanische Floßzithern,Floßzither. Europeana Collections (Abbildung einer Floßzither aus Benin, zweite Hälfte 19. Jahrhundert) die jedoch zu einer anderen Instrumentengruppe gehören. Floßzithern bestehen aus einem Bündel von Pflanzenrohren, die mit Schnüren in einer Ebene verbunden sind. Von jedem Rohr ist ein äußerer Streifen als idiochorde Saite abgespalten und durch an beiden Seiten untergeschobene Querhölzer auf einen parallelen Abstand zu den Rohren gebracht. Bei manchen Floßzithern sind zusätzlich Samen oder Steinchen in die Konstruktion integriert, die ein Rasselgeräusch hinzufügen, wenn die Saiten mit dem Finger gezupft werden.James Blades: Percussion Instruments and their History. The Bold Strummer, Wesport 2005, S. 39

Bauform und Spielweise Kenia Die an der gesamten kenianischen Küste zur Tanzbegleitung verwendete kayamba misst bis zu 40 Zentimeter in der Länge und 20 Zentimeter in der Breite. Sie besteht aus zwei Lagen Schilfrohrmatten mit Samen darin. An beiden Seiten ragt ein Stab heraus, an dem die Rassel mit beiden Händen zwischen Mittelfinger und Ringfinger gehalten werden kann.K. A. Gourlay: Kayamba. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Bd. 3, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 123 Ein solches Instrument erwähnt Graham Hyslop (1958) bei den zu den Mijikenda (Midzichenda) gehörenden Giriama.Graham Hyslop: African Musical Instruments in Kenya. In: African Music, Bd. 2, Nr. 1, 1958, S. 31–36, hier S. 34 Der durch Schütteln erzeugte Rhythmus wird durch Schläge mit den Daumen auf einen mittigen Querstab aus Bambus oder einer Palmfaser ergänzt.Graham Hyslop: More Kenya Musical Instruments. In: African Music Society Journal, S. 24–28, hier S. 27 Das verwendete Schilfrohr nennen die Mijikenda mitsuchi und die Fasern, mit denen die Rohre zusammengebunden werden, ngonge. Die eingefüllten Samen sind rote Bohnen mit schwarzen Punkten (meto) oder grüne Erbsen (pojo, podzo). An der südlichen Küste (im Kilifi County) begleitet die kayamba die Tänze chimungwe und chiringongo, an der nördlichen Küste den Tanz kifudu bei den Giriama und den Ritualtanz der Heiler makayamba bei den Digo, die ebenfalls zu den neun bantusprachigen, als Mijikenda bezeichneten Ethnien gezählt werden.George W. Senoga-Zake: Folk Music of Kenya. (1986) Uzima Press, Nairobi 2000, S. 169f

In den Tanzstilen sengenya und gonda der Mijikenda orientieren sich die Tänzer mit ihren Bewegungen am Rhythmus der Trommeln. Die Silbenrhythmik der Gesangsstimmen wird hauptsächlich von Trommeln und der kayamba wiederholt.Paul N. Kavyu, Jean Ngoya Kidula: Music in Kenya. In: The Concise Garland Encyclopedia of World Music. Volume 1. Routledge, New York 2008, S. 65 Lieder und zahlreiche Musikinstrumente, zu denen die kayamba gehört, begleiten die Tänze.Valerie A. Briginshaw: Giriama and Digo Dance Styles. In: Journal of International Library of African Music, Bd. 6, Nr. 4, 1987, S. 144–154, hier S. 150 Die vor allem bei den Digo gepflegten sengenya-Tanzensembles bestehen typischerweise aus sechs unterschiedlich großen, hölzernen Trommeln, darunter vier zweifelligen Röhrentrommeln und zwei auf drei Füßen stehenden, einfelligen Trommeln (bumbumbu). Hinzu kommen als Melodieinstrumente die Querflöte chivoti mit sechs Fingerlöchern und die Kegeloboe nzumari (zomari, sprachverwandt mit mizmar und zummara) mit fünf Fingerlöchern. Den Takt gibt ein Edelstahlteller mit aufgebogenem Rand (patsu, upatsu oder ukaya) vor, der einem indischen thali ähnelt und nicht wie ein jemenitischer sahn mit den Händen, sondern mit zwei Palmblättern geschlagen wird.Asante Darkwa: Sengenya Dance Music: Its Instrumental Resources and Performance. In: Journal of International Library of African Music, Bd. 7, Nr. 1, 1991, S. 48–54, hier S. 51

Von den Mijikenda an der Küste bis zu den Luhya im äußersten Westen von Kenia sind ansonsten vor allem bei den Bantu-Gruppen und kaum bei den Niloten und Kuschiten Kalebassenrasseln (manyanga, Singular linyanga) verbreitet. Die Samburu und Turkana kennen folglich keine oder nur wenige Gefäßrasseln. Letztere verwenden kleine bananenförmige Blechrasseln (lautmalerisch kling klong) und einen Y-Stab mit an einer Schnur aufgezogenen Kronkorken als Imitation des in der äthiopischen Kirche gebräuchlichen tsanatsel (Sistrum). Kigamba (Plural ciigamba) oder githoguo heißen kleine Blechrasseln, die von Tänzern der Kikuyu an einem Bein getragen werden.George W. Senoga-Zake, 2000, S. 17, 171 Die Taita im Südosten von Kenia haben die Floßrassel kayamba der Mijikenda übernommen.Malcolm Floyd: A Bibliographical Index of Kenyan Musical Instruments. In: The Galpin Society Journal, Bd. 58, Mai 2005, S. 132–159, hier S. 133 Die Kisii (auch Gusii) in Westkenia bezeichnen laut John Varnum (1971) zur Begleitung der Schalenleier obokano an ein Bein gebundene, kleine Gefäßrasseln als kayamba.John P. Varnum: The Obokano of the Gusii: A Bowl Lyre of East Africa. In: Ethnomusicology, Bd. 15, Nr. 2, Mai 1971, S. 242–248, hier S. 247 Die Rasseln markieren einen gleichförmigen Taktschlag und entsprechen den Schellen am Bein des litungu-Spielers in derselben Region.

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