mini|Hermann von Schmeidel auf einer Künstlerpostkarte aus Elberfeld um 1922
Hermann von Schmeidel (* 20. Juni 1894 in Graz; † 10. Oktober 1953 ebenda; geboren als Hermann Friedrich Ritter von Schmeidel) war ein österreichischer Musikpädagoge, NS-Musikfunktionär, Komponist und Dirigent.
Familie Hermann von Schmeidel wurde als Sohn des Landesgerichtsrates Viktor von Schmeidel (1856–1920) geboren, der zwischen 1893 und 1920 Bundesobmann des Steirischen Sängerbundes war.Viktor Ritter von Schmeidel (Hrsg.): Der deutsche Sängerbund 1862–1912. Leykam, Graz 1912. Dieser ließ seinen Sohn an der Schule des Musikvereins für Steiermark und danach an der Wiener Staatsakademie (Akademie der Tonkunst) und der Universität Graz ausbilden. Hermann von Schmeidel war ein Schüler – und später Assistent – von Franz Schalk.Egon Kornauth: Hermann Schmeidel †. In: Österreichische Musikzeitschrift, 1. November 1953, Band 8, Heft 11, S. 354. doi:10.7767/omz.1953.8.11.354
Am 6. Juli 1919 heiratete er in Weidling die aus Wien stammende Konzert- und Opernsängerin Gabriele „Jella“ Braun von Fernwald (1894–1965).Trauungsbuch Weidling, tom.?, fol. 118; Faksimile. matricula-online.eu; abgerufen am 17. April 2025. Beide bekamen 1920 eine Tochter, Christiane (1920–2012). 1924 trennte sich das Ehepaar und die Ehe wurde mit Beschluss vom 20. September 1924 geschieden. Danach folgte eine weitere Ehe, aus der Sohn Rüdiger stammt.Karl-Josef Kutsch, Leo Riemens: Großes Sängerlexikon. Band 1. K. G. Saur, München 1999, ISBN 3-598-11419-2. Aus der 1949 geschlossenen Ehe mit Eleonora von Arbesser-Rastburg, stammt die Tochter Elisabeth „Bettina“ Schmeidel (1945–2012).Elisabeth Schmeidel: Stirngewächse – herzverwurzelt. Hrsg. v. Pia Grubbauer. scaneg Verlag, München 2018, ISBN 978-3-89235-313-3.
Künstlerische Entwicklung mini|Schmeidel leitet die Generalprobe eines Konzerts der Wiener Philharmoniker und des Leobener Chors während der Obersteierischen Musikwoche in Leoben im Sommer 1921. Zwischen 1912 und 1915 lehrte Schmeidel an der Musikschule Duesberg in Wien, die von dem Violinisten August Duesberg (1867–1922) Ende der 1890er Jahre gegründet worden war. Für dessen Tochter Nora Duesberg (1895–1982), mit der er auch später gemeinsam in Konzerten auftrat, schuf er eine Bearbeitung von Schuberts Wiegenlied (D 498) für Violine und Orchester. „Besondere Aufmerksamkeit erregte sie [Nora Duesberg] mit Schuberts „Wiegenlied“, zu dem ihr der hochbegabte junge H. F. v. Schmeidel eine sehr wirksame, feinsinnige Orchesterbegleitung eingerichtet hatte. Jedenfalls eine geschickte Arbeit, die viel Sinn für Klang und Stimmung aufweist.“ „In der Vortragsordnung des am 15. d. M. im Schauspielhause stattfindenden dritten Sinfonie-Konzertes der Kapelle des Infanterie-Regiments Nr. 27 erscheint auch der Name eines jungen Grazers, des Hörers der Akademie für Musik in Wien Hermann F. Ritt. v. Schmeidel mit einer Bearbeitung des Wiegenliedes [D 498] von Franz Schubert für Violine und Orchesterbegleitung.“
1915 gründete er den Wiener Frauenchor, dirigierte den Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und das Tonkünstlerorchester.
In der Saison 1920/21 wurde er Chormeister beim Wiener Schubertbund „In der am 4. d. M. stattgefundenen Jahreshauptversammlung des Schubert-Bundes wurde an Stelle des zurückgetretenen Chormeisters Ferdinand Rebay, welcher in dieser Versammlung zum Ehrenmitglied ernannt wurde, Herr Hermann Schmeidel zum Chormeister gewählt. Schmeidel, der sich in den musikalischen Kreisen Wiens des besten Rufes erfreut, hat bereits als Dirigent einen guten Namen, sodaß zu hoffen steht, daß die Wahl unseres größten Wiener Männergesangsvereins den rechten Mann getroffen hat. …“Chormeister des Wiener Schubertbundes. schubertbund.at und leitete den Chor auch zusammen mit dem Orchester des Wiener-Konzertvereins bei Konzerten im Wiener Konzerthaus.Orchester des Wiener Konzertvereines / Schmeidel. Freitag 22. Februar 1918 19:00 Uhr Großer Saal (Wiener Konzerthaus. Suche in der Archivdatenbank; abgerufen am 22. Februar 2018) Wiener Sinfonie-Orchester, Männerchor des Wiener Schubertbundes, Dirigent Hermann Friedrich von Schmeidel, Hermann Gürtler (Tenor), Gustav Fukar (Bass), Großer Saal, 22. Februar 1921 (wienersymphoniker.at. Abgerufen am 22. Februar 2018).
Danach wurde er 1921 zum ständigen Leiter der Elberfelder Konzert-Gesellschaft nach Elberfeld (heute Teil von Wuppertal) berufen „Die Elberfelder Konzert-Gesellschaft, der Elberfelder Gesangverein und der Elberfelder Lehrer-Gesangverein wählten nach einem sehr erfolgreichen, von herzlichstem Beifall des Publikums begleiteten Gastkonzert Hermann von Schmeidel aus Wien einstimmig zu ihrem Dirigenten. Angesichts des Elberfelder Erfolges von Schmeidels haben die Barmer Konzert-Gesellschaft und der Barmer Singverein die Neuwahl ihres Dirigenten bis zum 1. Mai 1922 vertagt, um bis dahin in einer Reihe von Gastkonzerten Herrn von Schmeidel Gelegenheit zu geben, auch dem Barmer Publikum bekannt zu werden. Der Barmer Konzertgesellschaft wird es vorbehalten bleiben, in den Vertrag, den Elberfeld mit Herrn von Schmeidel abgeschlossen hat, einzutreten, sodass die vielen Musikfreunden beider Städte erwünschte Vereinigung der beiden Konzertgesellschaften unter einem Dirigenten möglicherweise in ziemlich naher Zukunft Verwirklichung finden könnte…“. und arbeitete auch in Düsseldorf mit dem Düsseldorfer Männergesangsverein, in Frankfurt a.M. mit dem Dessoffschen Frauenchor „Da Dr. Gerhard von Keutzler nach Ablauf der Saison 1924–1925 zu einer weiteren Übernahme der künstlerischen Leitung des Singvereines nicht zu bewegen war. sah sich der Verein vor die Aufgabe der Wahl eines neuen Dirigenten gestellt. Es ist dem Vereinsvorstand gelungen, in der Person des Elberselder Musikdirektors Hermann von Schmeidel einen Dirigenten von Rang für den Verein zu gewinnen. Hermann von Schmeidel hatte sich bereits in Wien als Assistent Franz Schalks bei der Vorbereitung und später auch Leitung der Konzerte der Gesellschaft der Musikfreunde einen Namen gemacht, so daß ihm im Jahre 1921 die Leitung des steirischen Musikfestes in Leoben übertragen wurde. Im selben Jahre erfolgte seine Berufung durch die Elberfelder Konzertgesellschaft zum Leiter der dortigen Symphonie-. Oratorien- und a capella Konzerte. Seit 1924 ist Schmeidel gleichzeitig Dirigent des Düsseldorfer Männergesangsvereins und des berühmten Dessoffschen Frauenchores in Frankfurt a. M., seit April 1925 auch Leiter der Orchester- und Dirigentenschule an der Musikhochschule dieser Stadt. Der (sic) Uebernahme der Tätigkeit beim Singverein wurde ihm durch ein besonderes Entgegenkommen der reichsdeutschen Konzertinstitute bezüglich der Probeneinteilung ermöglicht. Hermann von Schmeidel wird die Leitung des Singvereines zu Beginn des Jahrs 1926 übernehmen.“ (siehe Margarete Dessoff) und war im gesamten Rheinland tätig.Martina Thöne: . In: Westdeutsche Zeitung, 16. Oktober 2013.Paul Greeff: Zur Musikgeschichte Wuppertals im 19. Jahrhundert. In: Gustav Fellerer(Hrsg.): Beiträge zur Rheinischen Musikgeschichte, 1954, Heft 5: Beiträge zur Musikgeschichte der Stadt Wuppertal. Staufen-Verlag, Köln / Krefeld 1954, S. 23; konzertgesellschaft-wuppertal.de (PDF; 129 kB)Sinfonieorchester Wuppertal. wuppertal.de; abgerufen am 22. Februar 2018.
Von 1925 bis 1933 leitete er die Orchesterschule und die Dirigentenklasse am Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt am Main.Kathrin Massar: Exil und innere Biographie: der Komponist Erich Itor Kahn in seinen Briefen. Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2007, ISBN 3-608-21270-1, S. 232.
Ab Herbst 1927 übernahm Schmeidel, der bereits seit 1926 auch dem Prager Deutschen Singverein vorstand, als Nachfolger Zemlinskys auch die Leitung des Prager deutschen Männergesangvereines. Außerdem wurde er zum Leiter der Orchesterklasse an der Prager deutschen Musikakademie bestellt. Ganz rechts unten: „Hermann v. Schmeidel von Hochs Konservatorium in Frankfurt am Main wurde als Leiter der Orchesterklasse an die Deutsche Musikakademie in Prag berufen.“ (Rechte Spalte, unten).
Zwischen 1930 und 1933 wirkte er zudem als Chordirigent der Mainzer Liedertafel in Mainz.Gottfried Benn: Briefe, Band 3: Briefwechsel mit Paul Hindemith. Klett-Cotta, Stuttgart 1993, ISBN 3-608-21270-1, S. 225.
Nach der Machtabtretung an die Nationalsozialisten am 30. Jänner 1933 wurde Schmeidel am Hoch’schen Konservatorium als „Ausländer“ sofort gekündigt, ebenso seine jüdische Sekretärin Toni Oberländer wegen „Schlepperdiensten artfremder Rassen ans Konservatorium“.Dieter David Seuthe: Frankfurt verboten. weissbooks, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-940888-87-7, ohne Seitenzahlen. Wenige Monate später ging Schmeidel nach Österreich zurück: „Im Juni 1933 zu Verhandlungen nach Wien gerufen, arbeitete Schmeidel Vorschläge zu einer Neuorganisation des österreichischen und besonders des steirischen Musiklebens aus, die nun zu seiner Rückberufung nach Österreich geführt haben.“Grazer Volksblatt, 29. September 1933, S. 11.Die Gründe für die Rückkehr scheinen nicht restlos geklärt, es könnten auch polizeiliche Ermittlungen der Auslöser gewesen sein. Siehe: Christa Brüstle: Frauen in der Geschichte der Musikausbildung in Graz und in der Steiermark. Entwicklung vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, in: Ch. Brüstle (Hrsg.): Musikerinnen in Graz und in der Steiermark, Grazer Universitätsverlag, Graz 2020, S. 144. In Graz leitete Schmeidel zwischen 1933 und 1938 den Musikverein für Steiermark sowie das Konservatorium und gründete einen Bach-Chor.
Sehr schnell führte Schmeidel auch die sogenannten „offenen Singstunden“ ein. Bereits 1934 berichtet die Zeitschrift Das deutsche Volkslied: „Offene Singstunden am Grazer Konservatorium. Einer Mitteilung aus Graz zufolge, hat sich die Leitung des Grazer Konservatoriums entschlossen, offene Singstunden für die Bevölkerung zu veranstalten. An der Spitze dieser Anstalt steht der uns gut bekannt Volksliedfreund Hermann R.v. Schmeidel, ein Sohn des früheren Obmannes des Steirischen Sängerbundes,…“Das deutsche Volkslied, Heft 8, 1934, S. 15. Schmeidel organisierte die „offenen Singstunden“ zusammen mit Fritz Kelbetz (1908–1945), dem Bruder von Ludwig Kelbetz: „Offene Singstunde für Akademiker. Morgen, Mittwoch, 19.30 Uhr, veranstaltet das Kultur-Bildungsinstitut der steirischen Hochschulen in Zusammenarbeit mit dem Steierm. Musikverein auf der Universität (Hörsaal 21) eine ‚offene Singstunde für Akademiker‘. Die Leitung hat Fritz Kelbetz, Lehrer am Konservatorium in Graz. Als Einleitung wird der Direktor des Steierm. Musikvereins Prof. Schmeidel einen kurzen Vortrag über Wesen und Bedeutung der ‚Offenen Singstunden‘ halten. Die Musik wird vom akademischen Orchester zur Verfügung gestellt. Eintritt frei.“Grazer Volksblatt, 29. Januar 1935, S. 6. Diese „offenen Singstunden“ dienten vor 1938 vor allem als Treffpunkt von illegalen Nationalsozialisten.Christa Brüstle: Frauen in der Geschichte der Musikausbildung in Graz und in der Steiermark. Entwicklung vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. In: Ch. Brüstle (Hrsg.): Musikerinnen in Graz und in der Steiermark. Grazer Universitätsverlag, Graz 2020, S. 144.
Die unter Schmeidel neu eingestellten Lehrkräfte waren durchwegs auf NS-Parteilinie. So sollte das Konservatorium „zu einem nationalsozialistischen Kulturzentrum für die Alpenländer aufgebaut werden“.Ch. Brüstle, s. o. Zwischen 1935 und 1938 fungierte Schmeidel zudem auch als Landesmusikdirektor von Steiermark und erarbeitete zusammen mit Ludwig Kelbetz (NSDAP-Mitglied seit 1936) Pläne für ein Steirisches Musikschulwerk, die nach dem März 1938 unter nationalsozialistischem Regime realisiert wurden.Walter Rehorska: ms-steiermark.at