Úlfr Óspaksson, genannt stallari (der Marschall), (* um 1000 in Island; † 1066 in Norwegen) war ein isländischer Häuptling aus einer ursprünglich norwegischen Familie, der in den Dienst des norwegischen Königshauses eintrat und über dreißig Jahre lang den norwegischen Prinzen und späteren König Harald III. Sigurdsson, genannt Harald Hardrade, als Gefolgsmann begleitete.

Ab etwa 1034 war er etwa zehn Jahre lang im fernen Konstantinopel Mitglied der Warägergarde der Kaiser des Byzantinischen Reiches und nahm unter dem Kommando von Harald III. Sigurdsson an dessen Kampfeinsätzen in Anatolien, am Balkan, in Palästina und in Sizilien ebenso teil, wie an Haralds Gefangenschaft und Flucht aus Konstantinopel, an dessen Heimkehr über Russland und Schweden nach Norwegen, wo Harald 1046 als Harald Hardrade König von Norwegen wurde und Ulf zu seinem Marschall und Schwager machte. Auch dort machte Ulf weiterhin alle Kämpfe Haralds gegen äußere und innere Feinde mit, bis er 1066 – tief betrauert von König Harald als „treuester Gefolgsmann, den je ein Herrscher hatte“ – starb. Und dies, wenige Wochen bevor auch König Harald, beim Versuch England zu erobern, in der Schlacht von Stamford Bridge sein Leben verlor.

Quellen Über Ulf Ospakson sind keine urkundlichen Nachrichten bekannt, Details über sein Leben finden sich jedoch in den isländischen Sagas und insbesondere in der Saga von König Harald genannt „Hardrade“, die Teil der Heimskringla (in englischer Sprache) ist, der um 1230 entstandenen Geschichte der norwegischen Könige des isländischen Staatsmannes, Historikers und Dichters Snorri Sturluson (* 1190, † 1241), die als eines der bedeutendsten mittelalterlichen historischen Arbeiten Europas gilt. Diese Darstellung beruht zum großen Teil auf mündlichen Überlieferungen, oft in Form zeitgenössischer Gedichte von Skalden, die Harald und Ulf auf deren Kriegszügen begleiteten. Snorri nützte bei der – fast 200 Jahre später – erfolgten Redaktion der Saga auch vielfach überlieferte Gedichte von Skalden, die Zeitgenossen der Ereignisse waren, und zitierte geschickt deren Verse, um damit den Eindruck der Unmittelbarkeit und der Emotionalität der Kampfszenen zu vermitteln.

Die Saga von König Harald enthält einen direkten Hinweis auf den Weg der Überlieferung der Erzählung nach Island. Demnach war es ein Cousin von Ulf Ospaksson, der Isländer Halldor Snorrasson, der gemeinsam mit seinem Verwandten Ulf Ospaksson ab 1034 unter Harald Hardrade in der Warägergarde der byzantinischen Kaiser diente und als Augenzeuge „die Erzählung nach Island brachte“.Saga von König Harald Kap. 9 Von diesem gelangte die Geschichte durch mündliche Überlieferung über mehrere Generationen zu seinem Nachkommen Snorri Sturlusson,Magnus Magnusson und Hermann Pálsson, King Harald‘s Saga; Kap. 9 und Anmerkung 1 dazu auf Seite 55 in: Penguin Classics, reprint 1971, Penguin Books Ltd, Harmondsworth, Middlesex, England der sie in der Saga von König Harald in sein Werk Heimskringla einfügte.Magnus Magnusson und Hermann Pálsson (1971) Einführung zu King Harald’s Saga, Seite 11, King Harald’s Saga

Das bewegte Leben von Ulf Ospaksson lässt sich daher einerseits anhand der ausdrücklichen Nennungen Ulfs in der Saga von König Harald und andererseits dadurch erschließen, dass Ulf seit 1034 Harald Sigurdsson zweiunddreißig Jahre lang ständig als engster Vertrauensmann wie ein Schatten begleitet hat.

Herkunft Angaben über die Herkunft von Ulf Ospaksson finden sich insbesondere in der Laxdaela Saga. Demnach stammte er aus einer Häuptlingsdynastie, die ihr Territorium, in Romsdal in der Grafschaft Möre og Romsdal (heute in der Region Vestlandet) in Norwegen, weitgehend unabhängig kontrollierte, bis um 890 König Harald Schönhaar (* um 852, † 933) durch die massive Erweiterung seines Herrschaftsbereiches den damals lebenden Vorfahren Ulfs, Ketil Björnsson „Flatneb“ (Ketil Sohn des Björn, genannt „Plattnase“) zur Emigration veranlasste. Drei seiner Kinder, Björn Ketilsson „der Östler“, Helgi Ketilsson „Bjolan“ (Kleinmund) und Aud Ketilsdatter „die Tiefsinnige“, ließen sich in dem erst seit kurzem besiedelten Island nieder und hinterließen dort eine zahlreiche Nachkommenschaft, die in verschiedenen isländischen Sagas eine Rolle spielt.Magnus Magnusson and Hermann Pálsson (Übersetzung und Anmerkungen) Laxdaela Saga, Kapitel 1 und Stammtafel im Anhang; Penguin Classics, Penguin Books Reprint 1988 mini|Der Breidafjord im Nordwesten Islands

Ulfs Großvater Oswif Helgasson, genannt „Spaki“ (der Weise) (* um 940 in Laugar, Saelingsdalstung, Dala, Island, † 1010 in Island) war ein angesehener Häuptling und Gutsbesitzer in Laugar in Saelingsdale, das im Hinterland des nordöstlichen Teiles des Hvammfjords (Teil des Breidafjords) im Nordwesten Islands gelegen ist. Oswifs Mutter, Nidbjorg Kadlinsdotter, war eine Enkelin des Wikingerjarls Gånge Rolf, dem Stammvater der Herzöge von der Normandie.Laxdaela Saga Kap. 32

Oswif war daher ein Cousin von Richard „Ohnefurcht“ Herzog von Normandie (+ 996), der 942 Graf von Rouen und von 956 bis 960 Regent von Frankreich war.Detlev Schwennicke: Europäische Stammtafeln, Neue Folge, Band II, Tafel 79.

Osvif Helgasson, der Großvater Ulfs, war mit Thordis, einer Tochter von Tjodolf, genannt „der Kurze“ verheiratet, die ihm die Söhne Ospak, Helgi, Vandrad, Torrad und Thorolf sowie eine Tochter, Gudrun Oswifsdotter gebar, die als eine der bemerkenswertesten mittelalterlichen Frauen Islands angesehen wird, deren vier Ehen jedoch Anlass zu Streit und Rivalitäten und zu einer blutigen Familienfehde war. Er tauschte um 1008 mit seinem Freund und Verwandten Snorri Thorgrimsson, genannt Snorri Godi (Snorri der Priester (des Thor)) (* 963, † 1031) seinen Besitz zu Saelingsdale Tongue gegen dessen Gut in Helgafell, wohin er mit Gudrun übersiedelte und später verstarb.Laxdaela Saga Kap. 56

Ulfs Vater, Ospak Osvifsson, war der älteste Sohn von Osvif Helgason dem Weisen. Ospak lebte am Gut der Familie in Laugar im Saelingsdale, war um 1003 an der Fehde zwischen seiner Familie, den „Osvifssons“ mit dem verwandten Clan der Olavssons, der Söhne von Olav Hoskundsson, genannt Olav der Pfau beteiligt, die zu gegenseitigen Tötungen und schließlich zur Verbannung der Osvifssons durch das isländische Parlament in Thorsness und zur Emigration der Osvifssons aus Island führte.Laxdaela Saga, Kap. 50

Ulfs Mutter war Aldis Ljotsdottir, eine Tochter von Ljot Thorgrimsson „dem Weisen“, und einer namentlich nicht genannten Schwester des Jarls von Lade Hákon Grjótgarðsson.Magnus Magnusson und Hermann Pálsson: Laxdaela Saga, Anmerkung 1 zu Kapitel 32

Ulf Ospaksson war damit ein Neffe von Asa Hakonsdottir, der Tochter des Ladejarls – die als Ehefrau von Harald Schönhaar († 1040) Königin von Norwegen war – und ein Cousin von Hakon Sigurdsson Jarl, „dem Mächtigen“, der ab 970 als Reichsverweser Norwegen regierte und 996 ermordet wurde.Detlev Schwennicke: Europäische Stammtafeln Neue Folge, Band II, Tafel 106.

Leben Jugend mini|Die Fjorde Islands

Nähere Angaben über Ulfs frühe Jahre fehlen in den Sagas, jedoch ergeben sich aus dem persönlichen und zeitlichen Umfeld Hinweise auf die Umstände, die prägend auf ihn wirkten.

Ulf wuchs als ältester Sohn des angesehenen Häuptlings Ospak Osvifsson im Nordwesten Islands am Gut seiner Vorfahren in Laugar auf der Westseite des Saelingsdaeles auf, das in den Hvammsfjord (ein Seitenfjord im östlichsten Teil des Breidafjords) im mündet.Magnus Magnusson und Hermann Palsson, (1971) Karte im Anhang

In seiner Familie war seine Tante, Gudrun Osvifdotter (* um 973, † 1060), wohl die bedeutendste Persönlichkeit. Diese galt als die „schönste Frau, die jemals in Island geboren wurde“ und zeichnete sich durch Intelligenz und Willensstärke aus. Sie gab jedoch durch ihre vier Ehen Anlass zu Rivalitäten und Totschlag zwischen ihrer Familie, den „Osvifsons“, und der Partei der entfernt verwandten und lang befreundeten „Olavssons“, den Nachkommen von Olav Hoskuldsson, genannt Olaf „der Pfau“, wodurch sie zur Zentralfigur der Laxdaela Saga wurde. Sie starb schließlich um 1060 als erste christliche Nonne Islands.Laxdaela Saga Kap. 78

Ulfs Großvater Osvif Helgasson, ein sehr angesehener Häuptling, trug den Beinamen „der Weise“, da er als Haupt der „Oswifssons“ durch seine kluge Haltung darum bemüht war, die durch die Ehen und das Temperament seiner Tochter Gudrun entstandenen Spannungen und Fehden möglichst einvernehmlich zu lösen.

Beeindruckt war Ulf wohl von seinem Cousin Bolli Bollasson (* um 1007),Magnus Magnusson und Hermann Pálsson: Laxdaela Saga (1988) op. cit. Chronologische Übersicht S. 267 einem Sohn seiner Tante Gudrun Osvifdotter, der in der Tradition isländischer Häuptlingssöhne gemeinsam mit seinem Bruder Thorleik Bollasson in den Dienst von Olav II. Haraldsson „dem Heiligen“ König von Norwegen (1015 bis 1028), eintrat, um Ehre, Ansehen und Vermögen zu gewinnen. Bolli ging aber noch einen Schritt weiter, indem er nach Konstantinopel reiste und dort in die Warägergarde eintrat.Laxdaela Saga Kap. 73 Als Bolli um 1030 aus Konstantinopel nach Island zurückkehrte, trug von da an nur noch Kleider aus scharlachtotem Tuch oder aus goldverzierter Seide, die er vom byzantinischen Kaiser erhalten hatte, trug einen vergoldeten Helm und einen roten Schild auf dem in Gold ein Ritter zu sehen war, was ihm den Beinamen „Bolli der Stolze“ eintrug.Laxdaela Saga Kap. 77

Eine andere prägende Persönlichkeit war Snorri Thorgrimsson, besser bekannt als Snorri Godi oder Snorri der (heidnische) Priester (* um 963, † um 1031). Er war ein entfernter Verwandter Ulfs und einer der führenden Häuptlinge Islands, der in verschiedenen isländischen Sagas, so etwa in Njall’s Saga, in der Laxdæla saga, der Eyrbyggja Saga und in der Grettis Saga vorkommt. Er lebte ab 1008 im benachbarten Gutshof in Tongue, da er mit Ulfs Tante Gudrun Osvifsdotter die Güter getauscht hatte. Dessen Sohn Halldor Snorrasson war nicht nur Nachbar, Freund und entfernter Cousin Ulfs, sondern auch dessen Gefährte bei den Abenteuern, die sie unter Prinz Harald Sigurdsson von Norwegen in der byzantinischen Warägergarde in Konstantinopel erlebten. Halldor war es auch, der den Bericht darüber nach Island brachte.Saga von König Harald, Kap. 9

Gefährte von Harald Hardrade mini|Harald Hardrade Fenster in der Kathedrale von Kirkwall, Orkney

In der Saga von König Harald tritt Ulf unvermittelt im 9. Kapitel gemeinsam mit Halldor Snorrasson als Mitglied der byzantinischen Warägergarde und als Gefolgsmann des norwegischen Prinzen Harald Sigurdsson auf, und zwar bei der Schilderung der List, mit der Harald im Zuge der byzantinischen Kampagne in Sizilien eine dritte Stadt eroberte.Harald’s Saga, Kapitel 9

Während feststeht, dass Ulf und Halldor um 1034 in Konstantinopel und Angehörige der Warägergarde und Gefolgsleute von Prinz Harald waren, bleibt offen wann sie von Island abreisten, wann sie in die Gefolgschaft Haralds eintraten und wie sie nach Konstantinopel gelangten.

Denkbar wäre es, dass sie nach dem Vorbild von Ulfs Cousin, Bolli Bollasson, in den Dienst von König Olav II. Haraldsson, genannt „der Dicke“ später „der Heilige“ König von Norwegen (1016–1028) eintraten und nach dessen Vertreibung durch den dänischen König Knut dem Großen um 1029 mit Olav II. zu Großfürst Jaroslaw I. dem Weisen ins Exil nach Russland gingen. Sie könnten allenfalls an dessen Seite in der Schlacht von Stiklestad gekämpft haben, in der König Olav II. am 29. Juli 1030 fiel, und mit den Resten seiner Anhänger nach Russland zurückgekehrt sein. Denn dorthin begab sich 1032 auch der junge Harald Sigurdsson ins Exil und brach von dort etwa zwei Jahre später gemeinsam mit seinem Gefolge nach Konstantinopel auf.

In Byzanz unter Kaiser Michael IV. Hintergrund