mini|hochkant|Ahed Tamimi (2018) Ahed Tamimi () (* 31. Januar 2001 in Nabi Salih, Palästinensische Autonomiegebiete) ist eine palästinensische antizionistische Aktivistin. Wegen eines tätlichen Angriffs auf israelische Soldaten und anderer Delikte wurde sie im Dezember 2017 inhaftiert, im März 2018 zu einer achtmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt und Ende Juli 2018 aus der Haft entlassen.
2018 wurde Tamimi vom Time-Magazin in die Liste der „25 einflussreichsten Teenager“ gewählt.
Im November 2023 wurde Tamimi wegen des Verdachts des Aufrufes zu Gewalttaten erneut festgenommen. Nach rund dreieinhalb Wochen erzwang die Terrororganisation Hamas Tamimis Freilassung im Rahmen eines Austausches von palästinensischen Häftlingen gegen während des Terrorangriffs vom 7. Oktober 2023 verschleppte israelische Geiseln.
Familiäres Umfeld Ahed Tamimi wurde als Tochter von Bassem und Nariman Tamimi in Nabi Salih, einem kleinen Dorf rund 20 Kilometer nordwestlich von Ramallah im Westjordanland, geboren. Seit 2009 demonstrieren die Bewohner von Nabi Salih fast wöchentlich. Unmittelbarer Anlass dafür war ein Streit mit israelischen Siedlern aus dem benachbarten Chalamisch über Landnutzungsrechte, insbesondere um die Übernahme einer Wasserquelle und Badehöhle namens „Ein al-Qaws“ durch die Siedler. Laut dem Journalisten Ben Ehrenreich gehörte diese Quelle und das umliegende Land seit Generationen der Familie Tamimi. Die Siedler mussten im Januar 2013 aufgrund eines Urteils des israelischen Obersten Gerichtshofs ihre an der Quelle illegal errichteten Anlagen wieder abreißen. Bei den dennoch anhaltenden, fast wöchentlichen Kundgebungen wurden immer auch Steine in Richtung der anwesenden Soldaten geworfen, was laut Bassem Tamimi „keine Gewalt, [sondern] Teil des friedlichen Protests“ sei. Die israelische Armee setzte gegen diese Ausschreitungen Tränengas, synthetisches Skunksekret, Wasserwerfer, Gummigeschosse oder gelegentlich scharfe Munition ein. Dabei wurden im Laufe der Jahre zwei oder drei Dorfbewohner, darunter Aheds Onkel Rushdie, getötet und hunderte verletzt. Nach Angaben der Zeitung The Guardian wurden über die Zeit rund 140 Bewohner vom Nabi Saleh in Gewahrsam genommen und zur Zahlung von zusammen umgerechnet mehreren tausend Dollar für Strafen und Kautionen verurteilt. Nach Darstellung ihres Vaters hätte das Wohnhaus der Familie ursprünglich nach Protesten im Jahr 2010 abgerissen werden sollen und sei bis 2017 mehr als 150 Mal Gegenstand von Einsätzen des israelischen Militärs gewesen. Bassem Tamimi verbüßte für verschiedene Delikte bis 2013 bereits neun Freiheitsstrafen in israelischen Gefängnissen und gilt als einer der Anführer der wöchentlichen Proteste. Er tritt für eine Einstaatenlösung ein. Die Palästinensische Autonomiebehörde versucht hingegen auf dem Verhandlungsweg eine Zweistaatenlösung mit Israel zu erreichen und lehnt daher die Aktionen der Tamimis ab. Mehrere Mitglieder der Familie hatten bereits während des Palästinakrieges von 1947 bis 1949 in Abd al-Qadir al-Husainis „Armee des heiligen Krieges“ gegen ein unabhängiges Israel gekämpft. Ahlam Tamimi, eine Cousine Bassems aus Nabi Salih, war während der Zweiten Intifada Mittäterin des Bombenanschlags auf die Jerusalemer Pizzeria Sbarro, bei dem 15 Menschen, darunter sieben Kinder und eine Schwangere, getötet wurden. Sechs Wochen nach dem Oslo-Friedensvertrag von 1993 stachen zwei von Aheds Cousins, Said und Nizar Tamimi, einen Israeli nieder und verbrannten ihn bei lebendigem Leibe im Kofferraum seines Autos. Im Dezember 2011 wurde Mustafa Tamimi, ein Cousin von Ahed Tamimis Mutter Nariman Tamimi, nach einem Steinwurf auf ein Militärfahrzeug von israelischen Soldaten durch einen Schuss mit einer Tränengasgranate getötet. Im Oktober 2015 teilte Bassem Tamimi auf Facebook ein Post, das behauptete, dass Israelis Palästinenserkinder verhaften würden, um ihre Organe zu stehlen, und dass die Zionisten die Medien kontrollieren würden, um diese Information zu unterdrücken. Tamimis Vater Bassem wurde etwa eine Woche vor der Verhaftung Aheds im November 2023 verhaftet.
Leben und Aktivismus Als Kind und Jugendliche Als im Dezember 2012 ein israelischer Soldat Ahed Tamimis Bruder festnehmen wollte, bedrohte sie ihn mit erhobener Faust. Bilder und Videos dieser Szene machten sie insbesondere in sozialen Medien als eine Symbolfigur der Proteste gegen die israelische Besetzung des Westjordanlands international bekannt und brachten ihr eine Einladung des damaligen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan ein.
2015 geriet Ahed Tamimi abermals in den Fokus der Öffentlichkeit, als sie einen israelischen Soldaten tätlich angriff und in die Hand biss, weil dieser ihren Bruder wegen Steinewerfens festnehmen wollte.
2016 wurde sie eingeladen, in den USA an einer Vortragstour unter dem Titel „No Child Behind Bars/Living Resistance“ teilzunehmen, doch das US-Außenministerium lehnte die Erteilung eines Einreisevisums ab.
Am 15. Dezember 2017 nahm Ahed an der in ihrem Dorf seit 2009 fast wöchentlich stattfindenden Demonstration teil, bei der rund 200 Palästinenser israelische Soldaten wie üblich mit Steinen bewarfen. Einige der Steinewerfer betraten dazu nach Armeeangaben auch das Haus der Familie Aheds, wobei dies mit dem Einverständnis der Tamimis erfolgt sein soll. Die Soldaten drangen daraufhin in das Haus ein, vertrieben die Steinewerfer und ließen nach Armeeangaben zwei Mann am Eingang zurück, um eine Rückkehr der Steinewerfer zu verhindern. Ahed Tamimi griff sodann zusammen mit ihrer Mutter und einer Cousine die beiden israelischen Wachposten tätlich an, trat auf sie ein und schlug einem der beiden ins Gesicht, ohne dass diese darauf reagierten. Nachdem von den Tamimis gefertigte Filmaufnahmen des Angriffs im Internet Verbreitung gefunden hatten, wurde Tamimi von Palästinensern als „Heldin“ gefeiert. Nach Darstellung von Tamimis Vater Bassem wurde kurz vor Ahed Tamimis Tätlichkeit deren 15-jähriger Cousin Mohammed Fadl al-Tamimi aus nächster Nähe von einem Gummigeschoss schwer am Kopf verletzt. Die Armee erklärte zunächst, ihr lägen keine Erkenntnisse dazu vor. Er wurde in ein palästinensisches Krankenhaus eingeliefert, dort in ein künstliches Koma versetzt und kam einige Tage später wieder zu Bewusstsein.
Wenige Tage nach dem Vorfall wurden Ahed und ihre beiden Mittäterinnen verhaftet. Das Haus wurde außerdem durchsucht und Aufzeichnungen zu den Übergriffen sichergestellt. 13 Tage nach der Verhaftung wurde vor einem israelischen Militärgericht Anklage in zwölf Punkten erhoben. Bei einer Vernehmung durch israelische Stellen Ende Februar 2018 soll der verletzte Cousin Mohammed ausgesagt haben, dass seine Schädelverletzungen bei einem Unfall durch das Eindringen eines Fahrradlenkergriffes verursacht worden seien. Er wurde nach der Vernehmung wieder auf freien Fuß gesetzt. Seine Darstellung scheint eine Schutzbehauptung zu sein, mit der der Teenager vermeiden wollte, für eine Beteiligung an den Ausschreitungen belangt zu werden. Sie widerspricht den Aussagen anderer Zeugen sowie vom „Volkskomitee von Nabi Saleh“ zur Verfügung gestelltem medizinischem Bildmaterial, die der regierungskritischen israelischen Tageszeitung Haaretz vorlagen.
Am 21. März 2018 wurde Tamimi von einem israelischen Militärgericht nach einer Absprache mit der Anklage zu acht Monaten Freiheitsentzug und einer Geldstrafe von 5.000 Schekel (umgerechnet 1170 Euro) verurteilt. Sie bekannte sich in vier Anklagepunkten schuldig, die anderen acht Anklagepunkte wurden fallengelassen. Anfang Juni 2018 wurde ihr eine vorzeitige Haftentlassung wegen guter Führung verwehrt, weil sie keine Reue für ihre Tat zeigte. Am 29. Juli 2018 wurden ihre Mutter und sie vorzeitig aus der Haft entlassen. Laut ihrer Anwältin Gaby Lasky ist dies übliche Praxis in Israel, da die Gefängnisse überfüllt seien. Tamimi kündigte an, den „Widerstandskampf“ fortsetzen zu wollen. Ihr Vater ergänzte, dass sie „gezwungen“ wäre, erneut einen Soldaten ins Gesicht zu schlagen, sollte es in Nabi Saleh wieder Konfrontationen mit der israelischen Armee geben.
mini|Ahed Tamimi bei der Konferenz Women in the palestinian popular struggle (2017) mini|Ahed Tamimi und ihre Mutter während ihres Empfangs durch den Stadtrat von Madrid im Jahr 2018
2016 wurde sie eingeladen, in den USA an einer Vortragstour unter dem Titel „No Child Behind Bars/Living Resistance“ teilzunehmen, doch das Außenministerium der Vereinigten Staaten lehnte die Erteilung eines Einreisevisums ab.
Tamimi nahm im September 2018 auf Einladung der PCF (Parti Communiste Français) und deren Tageszeitung L’Humanité beim Pressefest Fête de l’Humanité an Debatten teil, die von der l'Association France Palestine Solidarité organisiert.
Bei der 100-Jahr-Feier der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) im September 2018 hielt Tamimi die Eröffnungsrede. Sie rief die freien Völker der Welt dazu auf, sich zusammenzuschließen, um „Ausbeutung, Kapitalismus und Kolonialismus zu beenden“.
Am 28. September 2018 wurde sie vom Madrider Stadtrat und vom Fußballverein Real Madrid empfangen. Der ehemalige Fußballspieler und Direktor für institutionelle Beziehungen Emilio Butragueño überreichte ihr im Bernabéu-Stadion ein Trikot, auf dessen Rückseite ihr Name und die Nummer 9 aufgedruckt waren. Der Bürgermeister Maurico Valiente stellte sie als „ein Beispiel für den Kampf zur Verteidigung der Menschenrechte im Allgemeinen und der palästinensischen Sache im Besonderen dar.“ Tamini rief alle Menschen, die sie unterstützt hatten, als sie im Gefängnis war, dazu auf, weiter ihre Stimme für die 350 Jungen und Mädchen zu erheben, die noch inhaftiert seien. Der World Jewish Congress kritisierte Real Madrid für den Empfang.
Als Erwachsene Nach dem Abitur nahm Tamimi ein Studium des Internationalen Rechts an der Universität Bir Zait bei Ramallah auf. Die Fortsetzung ihres Studiums unterliegt beträchtlichen Erschwernissen. Zum einen stellen israelische Sicherheitsmaßnahmen an Checkpoints im Westjordanland für Palästinenser eine Hürde dar, zum anderen ist Tamimi nach Angaben der Familie mit einem Reiseverbot belegt, was es ihr nicht möglich macht, ihr Studium im Ausland fortzusetzen (Stand 2025).
Im September 2022 veröffentlichte sie ihre Autobiographie They Called Me a Lioness, die sie zusammen mit der US-palästinensischen Journalistin Dena Takruri verfasste.
Tamimi wird vorgeworfen, im März 2019 auf Instagram zur Ermordung des Rabbiners und Likud-Abgeordneten Jehuda Glick aufgerufen zu haben.