Julius Heinrich Axenfeld (* in Nowgorod-Sjewersk im Russischen Kaiserreich; † 28. Juli 1896 in Marburg/Lahn) war ein evangelischer Pfarrer und Missionar sowie Gründer von Schulen und diakonischer Einrichtungen. Als preußischer Konsulatspfarrer wirkte er sechs Jahre lang missionarisch in der türkischen Stadt Smyrna. In Godesberg prägte er danach 25 Jahre lang die junge protestantische Gemeinde nachhaltig.Susanna Biskup, Wanderung durchs Villenviertel Die Pracht und Macht der Protestanten, 14. August 2013, Bonner General-Anzeiger Die nach ihm benannte Julius-Axenfeld-Stiftung führt seine Arbeit fort.

Leben Julius Axenfeld war der Sohn des Russischen Kaiserlichen Rates und Arztes Leon Axenfeld und dessen Frau Cäcilie geb. Friedländer. Der Vater stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie und war als junger Mann zum protestantischen Glauben konvertiert,Nach anderen Quellen war bereits sein Großgrvater vom Juden- zum Christentum konvertiert, vgl. Haldun Gülalp und Günter Seufert, The failed crypto-conversion of the Greek-Orthodox Church, in: Religion, Identity and Politics: Germany and Turkey in Interaction, ISBN 978-1-13623-1-674, Routledge, 2013, S. 51f woraufhin er enterbt worden war.Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes (3–4), Verein für Rheinische Kirchengeschichte (Hrsg.), 1954, S. 146 Da der Vater bereits 1836 an einer Erkrankung verstarb und die Mutter wegen ihres Glaubens nicht die ihr zustehende Witwenversorgung des russischen Staates erhielt, zog die FamilieAxenfeld hatte einen älteren Bruder, Karl Axenfeld, auch: Carl Axenfeld (1831–1897); er wird in älteren Quellen als Feldprediger und Judenmissionar in Köln bezeichnet, s. Paul Gerhard Aring, Christen und Juden heute, und die „Judenmission“?: Geschichte und Theologie protestantischer Judenmission in Deutschland, dargestellt und untersucht am Beispiel des Protestantismus im mittleren Deutschland, ISBN 978-3-89228-0-378, Haag und Herchen, 1987, S. 374 nach Berlin. Axenfeld besuchte ab 1839 die Rettschlagsche Kadettenschule und anschließend das Königlich-Französische Gymnasium. Konfirmiert wurde er von Carl Büchsel. Als seine Schulleistungen sich stark verschlechterten, wechselte er nach Stettin; hier übernahm sein Onkel, der Gymnasiallehrer Karl Friedländer, seine Erziehung, und Axenfeld erreichte seinen Schulabschluss mit Reifezeugnis vom Königlichen Gymnasium in Stettin.

Ein vom Pastor Gustav Hermann Bernsee (Pommerscher Hauptverein für die evangelische Mission in China) ausgerichtetes Missionsfest in der Nähe von Stargard, das er 1854 besuchte, bestimmte seinen weiteren Lebenslauf.

Ausbildung Nach dem Missions-Erlebnis entschied Axenfeld sich für das Studium der Theologie; er wollte Missionar in China werden. Im Jahr 1854 begann er in Halle an der Saale neben evangelischer Theologie auch Neuere Sprachen zu studieren. Hier beeindruckten ihn Friedrich August Gottreu Tholuck, Julius Müller und Johannes Wichelhaus. Nach zwei Jahren wechselte er an die Universität nach Berlin, um dort bei Karl Immanuel Nitzsch und Ernst Wilhelm Hengstenberg zu hören. Der Studienabschluss erfolgte im Sommer 1857 in Berlin.

Sein Hochschullehrer Nitzsch vermittelte Axenfeld folgend eine Stelle als Hauslehrer der Söhne des Grafen zu Dohna-Schlobitten in Berlin und Schlobitten in Ostpreußen, die er von 1857 bis 1858 ausführte. Eine Zeitlang lebte er bei einem weiteren Onkel, dem Pfarrer Julius Heinersdorff, in Molthainen. Hier bereitete er sich auf sein Examen vor und half seinem Onkel bei der Pfarrarbeit. Durch Heinersdorff lernte er die Frömmigkeit der Erweckungsbewegung und die Ziele der Inneren Mission kennen.

Königsberg 1859 zog Axenfeld nach Königsberg, um dort bis 1860 seine beiden theologischen Examina sowie ein pädagogisches Examen abzulegen. In dieser Zeit lebte er bei der Familie Link, deren Tochter Antonia er später heiratete, und arbeitete als Lehrer sowie in einem Armenhaus für Frauen. Außerdem machte er die Bekanntschaft der Theologen David Erdmann, Bernhard Weiss und Wilhelm Wald.

Im Januar 1861 wurde er von dem Königlichen Konsistorium der Provinz Preußen als Pfarrgehilfe nach Schloppe in Westpreußen gesandt. Auf einer privaten Reise im Anschluss an diese Tätigkeit lernte Axenfeld Ludwig Harms, Johann Hinrich Wichern und Theodor Fliedner sowie deren diakonische Einrichtungen kennen. Das Provinzial-Schulkollegium der Rheinprovinz berief ihn 1862 als Religionslehrer und Pfarrer an das Königliche Gymnasium sowie das städtische Realgymnasium in Düsseldorf, wo er bis Ende 1863 tätig war.

Smyrna Axenfeld hatte sich bereits mehrfach, allerdings erfolglos, um Missionarsstellen in der Levante und in China beworben. 1863 erhielt er vom Oberkirchenrat in Berlin eine Pfarrstelle der Preußischen Landeskirche in Smyrna (heute Izmir, Türkei) zugeteilt, die er unter der Bedingung annahm, in Smyrna auch missionieren zu dürfen. Er trat 1864 die Stelle an und war in der Funktion Nachfolger von Anton Friederici (1857–1864) und Vorgänger von Ernst Reineck (1870–1875).Malte Fuhrmann, Anhang: Die deutschen Konsuln und Pfarrer von Smyrna und Saloniki, in: Der Traum vom deutschen Orient: zwei deutsche Kolonien im Osmanischen Reich 1851-1918, ISBN 978-3-59338-0-056, Campus Verlag, 2006 Als Pfarrer der evangelischen Gemeinde entwickelte er neben der Pfarrarbeit ein erhebliches missionarisches und pädagogisches Engagement.

In Deutschland warb er über den „Verein für christliche Bildung im Orient“ finanzielle Mittel ein, um 1865 in Smyrna eine evangelische, deutschsprachige Jungenschule zu gründen. Das „Collège évangélique“ wurde als „höhere Lehranstalt für Europäer und Orientalen“ bezeichnet. Die Schule sollte allerdings nach der Vorstellung Axenfelds vorwiegend der Evangelisierung der ansässigen osmanischen Griechen und erst nachrangig die Schule der deutschen Gemeinschaft sein. 1872 wurde sie unter Axenfelds Nachfolger Reineck eingestellt, der nicht dasselbe missionarische Interesse aufbrachte wie sein Vorgänger.Malte Fuhrmann, Der Traum vom deutschen Orient: zwei deutsche Kolonien im Osmanischen Reich 1851-1918, ISBN 978-3-59338-0-056, Campus Verlag, 2006, S. 147 In dem verkauften Schulgebäude wurde später eine italienische Mädchenschule etabliert. Auch wollte Axenfeld noch eine Missionsvorschule gründen; ein Projekt, welches er nicht mehr realisieren konnte.

Die Missionsbemühungen Axenfelds (und anderer Missionare, wie Friedrich Fabri) konzentrierten sich auf die Griechen, die im damaligen Osmanischen Reich lebten.Volker Max Langbehn, Mohammad Salama (Hrsg.), German Colonialism: Race, the Holocaust, and Postwar Germany, ISBN 978-0-23114-9-723, Columbia University Press, 2011, S. 128 Axenfeld entwickelte dabei einen auf dem Philhellenismus basierten Ansatz, der nicht den üblichen Weg der Mission ging.Jahrbücher für Geschichte und Kultur Südosteuropas (JGKS), Band 7, Slavica Verlag, 2007, S. 189 Er suchte zur Missionierung den Dialog mit den griechisch-orthodoxen Gläubigen; Ziel war der Glaubenswechsel der Griechisch-Orthodoxen.Haldun Gülalp und Günter Seufert, The failed crypto-conversion of the Greek-Orthodox Church, in: Religion, Identity and Politics: Germany and Turkey in Interaction, ISBN 978-1-13623-1-674, Routledge, 2013, S. 51f Diese Arbeit bezeichnete er als „Evangelisierung des Orients“. Auf Neugriechisch verfasste Axenfeld ein Lehrbuch zur französischen Sprache in zwei Teilen.

Aus gesundheitlichen Gründen kehrte Axenfeld 1870 ins Deutsche Reich zurück. Auch von hier aus versuchte er noch eine Zeitlang, seine Projekte in Smyrna wie auch in anderen Städten des Osmanischen Reiches voranzutreiben. So beantragte er noch nach seinem Pfarrantritt in Bad Godesberg beim Oberkirchenrat eine fünfjährige Beurlaubung, um sich erneut der „Evangelisierung des Orients“ zu widmen, auf den der OKR allerdings nicht reagierte.

Godesberg Als protestantischer Pfarrer in der damals noch nicht nach Bonn eingemeindeten Gemeinde Godesberg wirkte Axenfeld von 1870 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1895. Er war der Nachfolger des früh verstorbenen ersten Pfarrers der jungen evangelischen Gemeinschaft, Johann Friedrich Schubring, auf der damals einzigen protestantischen Pfarrstelle Godesbergs. Axenfeld legte in seiner Amtszeit die Grundlagen für den weiteren Aufbau der evangelischen Gemeinde und der diakonischen sowie pädagogischen Entwicklung der Ortschaft.

Zeit des Kulturkampfes Axenfelds Wirken im heutigen Bad Godesberg fiel in die Zeit des Kulturkampfes. Die preußische Regierung versuchte, die katholische Kirche weitmöglich zu kontrollieren und so den als schädlich betrachteten Einfluss des Papstes zurückzudrängen. Der Staat und die evangelische Kirche sahen in der katholischen Kirche eine Institution, deren Religionsausübung als mittelalterlich, rückschrittlich und unpatriotisch gesehen wurde. Axenfeld teilte dieses Denken und sah eine seiner Aufgaben darin, in seinem Umfeld die Reformation unter den katholischen Christen weiterzuführen.Peter Schneemelcher, Wie soll sich der evangelische Christ unter katholischer Bevölkerung verhalten? Der Godesberger Pfarrer Julius Axenfeld und sein Kampf gegen die Ultramontanen – Ein Beitrag zu Ablauf und Folgen des Kulturkampfes im Rheinland, anlässlich: Rheinische Kirchengeschichte: Symposium anlässlich des 70. Geburtstages von Superintendent a. D. Dr. Stephan Bitter Auf der Grundhaltung, den im Rheinland bis dahin zahlenmäßig nur schwach vertretenen Protestantismus gegen die übermächtige katholische Kirche zu verteidigen, gründeten viele seiner Aktivitäten, die erhebliche Bedeutung für den Aufbau der Inneren Mission im Rheinland hatten. Axenfeld (und andere) betrachtete die protestantischen Gemeinden im Rheinland als Diasporen.

Gründungen Beispielhaft für Axenfelds Bestreben um die Verbindung von Diakonie und Missionierung ist die Gründung des „Evangelischen Diaspora Waisenhauses Godesheim“, ein Heim für Halb- und Vollwaisen sowie verwahrloste Kinder und Säuglinge. Er wollte durch die Schaffung des Waisenhauses verhindern, dass evangelische Waisen katholisch erzogen wurden oder gar in einem Kloster aufgenommen werden würden. Es galt, betroffene evangelische Kinder aus der rheinischen Diaspora dem katholischen Einfluss zu entziehen.

Axenfeld gründete in Godesberg eine Vielzahl an sozialen und kirchlichen Einrichtungen wie auch Trägervereinen. Mit dem Status des Vereins sollten die jeweiligen Institutionen unabhängig von der Kirche bleiben.Klaus Kohl, Christi Wesen am Markt: eine Studie zur Rede von der Diakonie als Wesens- und Lebensäusserung der Kirche, in: Arbeiten zur Pastoraltheologie, Band 54, ISBN 978-3-52562-4-029, Vandenhoeck & Ruprecht, 2007, S. 21 Im Jahr 1885 etablierte er den Evangelischen Verein für innere Mission zu Godesberg (später: Evangelischer Verein für Diakonie e. V.); diesem Verein wurden alle anderen Vereine und Anstalten unterstellt. 1888 erhielt auch er dieser Verein die Rechte einer juristischen Person.Stefan Flesch, Michael Hofferberth und Andreas Metzing, Das Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland: Seine Geschichte und seine Bestände. Herausgegeben Aus Anlass des 150-jährigen Bestehens, Nr. 33 der Schriften des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland, ISBN 978-3-93025-0-462, Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland (Hrsg.), S. 245

Eines der ersten Projekte Axenfelds war die Schaffung eines Vereins für höhere Schulbildung, der 1875 eine paritätische Schule („Pädagogium“) gründete; die Konzession für den Betrieb einer „höheren Schule“ hatte er bereits 1873 erhalten.Ursula Rumpler, Die Stahlschmidts: eine historisch-genealogische Archiv- und Quellenforschung, ISBN 978-3-20000-4-795, Eigenverlag, 2005, S. 340 Diese Schule musste wegen Misserfolgs allerdings bereits 1877 wieder eingestellt werden. Weitere Gründungen Axenfelds in den folgenden Jahren waren:

1878: Eröffnung das Diakoniehauses Herberge zur Heimat, einer Unterkunft für wandernde Handwerksburschen.