Das soziale Verhalten in Japan von Japanern untereinander einerseits und im Kontakt mit Gaikokujin (japanisch , dt. mit Ausländern; kurz, etwas weniger höflich: Gaijin) andererseits unterscheidet sich in vielen Punkten von westlichen Ländern, aber auch von asiatischen Nachbarländern. Das rührt teilweise daher, dass Japan ein Inselstaat ist, und dass er bis zum Beginn der Meiji-Restauration mehr oder weniger isoliert war. Dadurch entwickelten die Japaner ein ausgeprägtes Bewusstsein für ihre Einzigartigkeit. Diese Auffassung fand ihren Ausdruck in den Nihonjinron.Siehe hierzu bspw. Irmela Hijiya-Kirschnereit: Das Ende der Exotik. (= Suhrkamp. Band 466). Suhrkamp, Frankfurt 1988, ISBN 3-518-11466-2, S. 13–16. Abschnitt Japanische Selbstexotisierung.
Sprache
Die japanische Sprache kennt vielfältige sprachliche Mittel, die soziale Stellung und das Verhältnis der Gesprächsteilnehmer zueinander differenziert auszudrücken.
Hierzu bedient man sich des Keigo (, „Höflichkeitssprache“), das auf den konfuzianischen Hierarchievorstellungen basiert, die der Sprecher abhängig vom Kontext auswählt. Dabei werden die Sprechrichtung, die soziale Stellung des Gesprächspartners oder einer Person, über die gesprochen wird, und die Gruppenzugehörigkeit berücksichtigt. Mithilfe der Höflichkeitssprache lässt sich beispielsweise zum Ausdruck bringen, dass der Sprecher seine soziale Position als höher oder geringer erachtet als die seines Gesprächspartners.
Um zum Ausdruck zu bringen, dass man jemanden als höher gestellt betrachtet, verwendet man die Respektsform (Sonkeigo, ). Um hingegen dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass man jemanden als höher gestellt betrachtet, indem man sich selbst unterordnet, verwendet man die Bescheidenheitsform (Kenjōgo). In beiden Fällen wird zum Ausdruck gebracht, dass eine andere Person höher gestellt ist, jedoch auf zwei unterschiedliche Weisen: indem die andere Person direkt als höherrangig angesprochen wird oder, indem man sich unterordnet. Im Deutschen nachgebildet entspricht dies etwa folgenden Beispielen: „Nur Sie als Chef können das entscheiden“ oder „Ich als Angestellter kann dies keinesfalls entscheiden“. Die Formen unterscheiden sich in der Betrachtungsrichtung. Daneben gibt es eine dritte allgemeine Form, das Teineigo.Siehe hierzu auch Noriko Katsumi-Pestemer: Grundstudium Japanisch. Band 2, Rheinbreitbach 1991, ISBN 3-8018-0091-1, Lektion 30, S. 310–323. Die Darstellung bei Pestemer unterscheidet zwischen Sprecher, Hörer und der Person, über die gesprochen wird. Keigo ist damit deutlich komplexer als die Unterscheidung zwischen „Du“ und „Sie“ in der Deutschen Sprache und stellt daher eine große Hürde beim Erlernen der gehobenen japanischen Sprache dar. Keigo spielt vor allem im Geschäftsleben eine Rolle.
Das Japanische kennt zusätzlich zur neutral-höflichen Anrede -san () eine Vielzahl von Anreden, die im jeweiligen Kontext die soziale oder berufliche Stellung, Gruppenzugehörigkeit und Vertrautheit oder Distanz ausdrücken können. Das Japanische besitzt außerdem, aufgrund der differenzierten Höflichkeitssprache, viele Varianten von Personalpronomen mit denen ebenfalls soziale Zusammenhänge transportiert werden können.
Zudem hat sich die Konnotation ursprünglich höflich verwendeter Wörter in der Geschichte der Sprache ins Negative gewandelt. Unhöflich geworden sind beispielsweise: kimi () ursprünglich Bezeichnung für den Tennō () in der Edo-Periode, jetzt Ausdruck für „du“ in der MännerspracheSiehe hierzu: Hayashi Ōki, Shōgaku Tosho: Gendai kokugo reikai jiten. 2. Auflage. Shōgakkan, Tōkyō 1985, ISBN 4-09-501042-8, S. 293. () omae () (ehrenhaftes Gegenüber) früher „Sie“, jetzt „he du!“ (Ausruf, unhöflich) oder im vertrauten Zusammenhang ein einfaches „du“ (ebenfalls Männersprache)Siehe hierzu: Hayashi Ōki, Shōgaku Tosho: Gendai kokugo reikai jiten. 1985, S. 165. kisama () (Ehrenwerter hochverehrter [Herr]) bedeutet in heutiger Verwendung ironischerweise „du Arschloch“
Höflichkeit und Kritik
Im Gespräch wird meist darauf geachtet, dass alle Beteiligten ihr Gesicht wahren. Kritik wird daher eher indirekt angedeutet oder in einem „vertraulichen“ Rahmen (z. B. beim gemeinsamen Trinken) angebracht.
Auch die Ablehnung einer Bitte wird meist indirekt formuliert, zum Beispiel durch Zögern oder Hinweise auf Probleme. Umgekehrt werden auch Bitten gern indirekt formuliert, damit der Gegenüber nicht in die Verlegenheit kommt, „direkt“ ablehnen zu müssen. Eine Ablehnung wird üblicherweise über das Wort chigau (, [es ist] anders, Wörterbuchform) bzw. chigaimasu (, [es ist] anders, normalhöfliche Form) ausgedrückt und das Wort iie (, nein) wird fast nur für die Beantwortung von ja/nein-Fragen verwendet.
Umgekehrt bedeutet ein „Ja“ (hai, ) nicht unbedingt inhaltliche Zustimmung: Die japanische Etikette verlangt, dass man dem Sprecher durch wiederholtes Ja Aufmerksamkeit zusichert. Allerdings ist ein „Jaja“ (はいはい haihai) verpönt und gilt als unhöflich. Selbst ein hai, so desu („Ja, so ist es“) eines Untergebenen einem Höhergestellten gegenüber muss nicht heißen, dass der Sprecher tatsächlich aus vollem Herzen zustimmt, vielleicht möchte er auch in der Öffentlichkeit den Chef nicht bloßstellen. Unter Gleichgestellten wird auch nur n () oder un () verwendet.
Humor
Lachen gehört in den privaten Bereich und wird deshalb in der Öffentlichkeit nicht so gerne gesehen. Japanische Witze sind oft Wortspiele, die sich auf Grund der homophonen Struktur der japanischen Sprache sehr oft ergeben.
Zwischenmenschliches
Geschenke Geschenke werden manchmal nicht in der Gegenwart des Schenkenden ausgepackt, um beiden Seiten einen Gesichtsverlust bei Überraschung und Enttäuschung zu ersparen. Ein Geschenk verlangt ein Gegengeschenk, das allerdings – aus logischen Gründen – von geringerem Wert sein sollte. Ausnahmen bilden Dankesgeschenke, hier ist die Gegenleistung ja schon erbracht worden.Siehe hierzu bspw.: Illustrated Japanese Family and Culture. (Hrsg.) Japan Travel Bureau. 1994, ISBN 4-533-02020-8, S. 118 (englisch).
Beim Schenken achten Japaner auf folgende Tabus. Nicht angebracht sind: Vier Gegenstände: die Ziffer „vier“ () ist gleichlautend mit dem Wort „Tod“ () Weiße Taschentücher weisen auf Trauer hin Weiße Blumen gibt es nur für Beerdigungen Scheren und Messer weisen auf Trennung der Bande hin Gegenstände, die das kaiserliche Wappen enthalten Abbildungen mit Füchsen, die für Hinterhältigkeit stehen Gelbe Taschentücher und ähnliches weisen auf Verrat hin
Bei Geschenken ist die Verpackung oft genau so wichtig wie der Inhalt. Aus diesem Grund haben die Japaner auch die Kunst des Verpackens auf einem hohen Niveau entwickelt. Ein schönes Beispiel hierfür sind japanische Tücher, Furoshiki.
Begrüßung Händeschütteln ist in Japan unüblich. Stattdessen verlangt die Etikette eine – dem Rang des Gegenüber angemessene – Verbeugung. Beim Verbeugen muss der Rücken gestreckt sein. Der Rangniedere muss der Waagerechten (dem rechten Winkel) näher kommen und länger in der Verbeugung verharren. Junge Japaner werden dem Europäer allerdings möglicherweise das Händeschütteln anbieten. Insbesondere westlichen Ausländern gegenüber gibt es auch die Kombination Verbeugen und gleichzeitig Händeschütteln. Grundregeln der Verbeugung: Jüngere vor dem Älteren Frauen vor den Männern Schüler vor Lehrern Gastgeber vor Gästen Verkäufer vor Käufern (Käufer verbeugen sich gar nicht, bestenfalls nicken sie) Schuldner vor Gläubigern
Eine 5°-Verbeugung ist für neutrale Handlungen; eine 15°-Verbeugung ist für die höflichere Handlung; eine 30°-Verbeugung ist für eine Bitte oder tiefste Entschuldigung.
Außerdem ist ein direkter Blickkontakt zu vermeiden, da dieser von Japanern als unhöfliches Starren empfunden wird.
Gefühle
Tiefere Gefühle zeigt man in Japan selten. Vor allem „negative“ wie Zorn, Trauer und Enttäuschung werden traditionell je nach Alter oft nur den Eltern, dem besten Freund/der besten Freundin oder dem Ehepartner offenbart. Für Europäer ungewohnt kann das Lachen eines Gesprächspartners sein, dem man z. B. erregt von widerfahrener Ungerechtigkeit erzählt.
Lächeln kaschiert oft Schmerz und will dem Gegenüber Mitleid und eine gewisse Verpflichtung zur Hilfestellung ersparen.
Hara ( / ) – davon leitet sich fälschlicherweise HarakiriDer Begriff bedient sich fälschlicherweise der kunyomi-Lesung anstelle der korrekten Onyomi-Lesung Seppuku. ab – ist der Männersprache zugeordnet und kann so viel wie Bauch, Geist oder Seele bedeuten. Frauen verwenden den Begriff Kokoro () oder o-naka ().
Tatemae () ist das Gegenstück zu Honne und bezeichnet die öffentliche Haltung, die gezeigt wird, um die Harmonie zu wahren. Dies bedeutet oft einen Widerspruch zur Wahrheit oder den tatsächlichen Verhältnissen und eine Diskrepanz zwischen Denken und Sprechen. Honne ist das Gegenstück zu Tatemae und bezieht sich auf die wahre Absicht, die man verschweigt, um die Harmonie zu wahren.
Verhalten bei Mahlzeiten Japanische Essstäbchen (Hashi ) unterscheiden sich von den chinesischen vor allem darin, dass sie spitz zulaufen und oft kürzer sind. Ein Fauxpas wäre es, die Stäbchen senkrecht in den Reis zu stecken, da eine solche Anordnung den Räucherstäbchen im Reis für Verstorbene vorbehalten ist. Nie reicht man in Japan Speise von Essstäbchen zu Essstäbchen (Von Stäbchen zu Stäbchen werden nach der üblichen Feuerbestattung die Knochen des/der Verstorbenen bewegt). In Japan wird das Essen oft auf Tellern serviert, von denen sich jeder selbst etwas nimmt. Sind keine zusätzlichen Stäbchen vorhanden, so sollte man seine eigenen umdrehen und die Kehrseite der Stäbchen verwenden (öffentliche Seite).
Ist das Essen beendet, werden die Stäbchen parallel zueinander auf den Teller gelegt oder werden im Restaurant bis auf 2–3 cm zurück in die Papierhülle, deren Ende man umfaltet, damit leicht erkennbar ist, dass die Stäbchen bereits benutzt wurden, gesteckt. Leere Gläser werden von Tischnachbarn schnell wieder nachgeschenkt. Möchte man nichts mehr, so lässt man einen Rest im Glas.
Männer dürfen am Tisch gemäßigt Suppe schlürfen. Niesen und in der Öffentlichkeit mit einem Taschentuch die Nase schnäuzen stößt in Japan gerade so unangenehm auf wie lautstarkes Nasehochziehen in Europa nicht salonfähig ist. Es gilt als mangelnde Körperbeherrschung und gehört zum Abort.
Liebe und Zuneigung in der Öffentlichkeit Von einigen Ausnahmen abgesehen, ist es unüblich, Händchen zu halten, Arm in Arm zu laufen oder ähnliches. Auf Körperkontakt wird im Alltag weitestgehend verzichtet. Jedoch sieht man inzwischen gelegentlich Jugendliche, die sich über diese Regel hinwegsetzen. Küssen in der Öffentlichkeit ist jedoch nach wie vor verpönt und findet nicht statt.
Ausbildung und Berufliches Japanische Kinder werden schon früh auf Disziplin getrimmt, damit sie eine erfolgreiche Schullaufbahn hinter sich bringen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Berufskarriere ist der Abschluss an einer guten Universität, deren Besuch wiederum eine gute Schulausbildung voraussetzt usw. bis hin zum Kindergarten. Hinter dieser Erziehung stehen meist die Mütter. Der Begriff ist Kyōiku Mama (). Es gibt aber auch das Wort Mamagon (), das sich zusammensetzt aus Mama und dragon (englisch: Drache).