Georg Heinrich Weippert (* 10. Februar 1899 in München; † 13. Juli 1965 in Erlangen) war ein deutscher Nationalökonom und Soziologe mit Hauptarbeitsgebieten in allgemeiner Soziologie, Agrarsoziologie, Genossenschaftswesen, Methodologie der Sozialwissenschaften und volkswirtschaftlicher Theorie. Ein Schwerpunkt von Weipperts Arbeit lag auch in der Untersuchung des Strukturwandels im ländlichen Lebensbereich. Weippert wird zu jenen Wissenschaftlern gezählt, die empirische Soziologie im Nationalsozialismus betrieben haben.
Studium, politische Orientierung und Berufsbeginn Nach seinem Studium war Weippert 1926 Assistent an einem technisch-wirtschaftlichen Institut an der Technischen Hochschule München geworden. Im Jahre 1930 promovierte er dort zum Dr. rer. techn. Ein Jahr später folgte die Habilitation in Gesellschaftswissenschaft, ebenfalls an der TH München.Wilhelm Bernsdorf: Lemma Weippert, Georg Heinrich. In: Ders. (Hrsg.) Internationales Soziologenlexikon. Stuttgart 1959, S. 628. Weippert war seit März 1933 (nach anderen Quellen: seit 1931)Otthein Rammstedt: Deutsche Soziologie 1933-1945. Die Normalität einer Anpassung. Frankfurt/M.: suhrkamp 1986, S. 103; Wilhelm Bernsdorf: Lemma Weippert, Georg Heinrich. In: Ders. (Hrsg.) Internationales Soziologenlexikon. Stuttgart 1959, S. 628. Privatdozent für volkswirtschaftliche Theorie und Gesellschaftslehre an der TH München. Im Wintersemester 1933/34 übernahm er dort zweistündige Lehrveranstaltungen zum Geld-, Bank- und Börsenwesen sowie dreistündige Lehraufträge zur Sozialökonomik in Weihenstephan.Personalakte Georg Weippert. In: Archiv der TU München.
Der zum Jungkonservatismus gezählte Weippert veröffentlichte in dieser Zeit Schriften, die die soziale Ordnung des nationalsozialistischen Staates thematisierten, u. a. durch den Titel Der soziologische Aufbau der Volksgemeinschaft (1934). Weippert gehörte damit zu einer Reihe weiterer Soziologen (u. a. Hans Freyer, Gunther Ipsen, Andreas Pfenning), die in den ersten Jahren der Diktatur noch glaubten als Wissenschaftler an den brennenden Fragen der Zeit „mitdefinieren“ zu können. Weipperts Schriften aus dieser Zeit erscheinen durch Anbiederung gekennzeichnet:„Die Bereicherung, die Soziologie und Volkstheorie ihrerseits durch Rassenkunde erfahren kann, ist erheblich. Erheblich schon deshalb, weil alle umfassende Menschenkenntnis und jede Vertiefung unserer Einsicht in das Wesen des Menschen das Gewicht einer soziologischen Aussage ganz wesentlich erhöht. Doch die Wichtigkeit der Rassenkunde für die Volks- und Gesellschaftslehre geht viel weiter; sie ist eine unmittelbarere.“Georg Weippert: Der soziologische Aufbau der Volksgemeinschaft. In: Volksspiegel. Zeitschrift für deutsche Soziologie und Volkswissenschaft. Stuttgart/Berlin 1934, S. 63. In diesen Schriften, die alle um das Jahr 1933 herum erschienen, sah Weippert allein in einer Führergestalt den Ausweg des Individuums zurück zur idealisierten „Ganzheit“. Einzig ein autoritärer Führer könne noch das Wohl der Gesamtheit bewirken, notfalls auch gegen den erklärten Willen der „Vielheit“. Ein wichtiger Bezugspunkt in Weipperts Denken sind nach Wilhelm Bernsdorf die Schriften von Werner Sombart gewesen. Eine ähnliche Bedeutung hatte für ihn der Ökonom Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld. Auch lässt sich eine Vorliebe für „ständisches“ Gedankengut erkennen, das von den Nationalsozialisten nur anfangs unterstützt worden war. Weippert pflegte eine Nähe zum Katholizismus, die sich für ihn auch nachteilig auswirkte.Carsten Klingemann: Soziologie im Dritten Reich. Baden-Baden: Nomos 1996, S. 187, 253.
Vom Wintersemester 1934/35 bis zum Sommersemester 1936 nahm Weippert eine stellvertretende Professur wahr. „Reine“ Soziologie und empirische Soziologie bildeten für Weippert eine Einheit. In seiner Münchener Zeit gab Weippert auch Anregungen für empirische Untersuchungen zur Erforschung der sozialen Strukturen in den städtischen Arbeitersiedlungen.Sepp Eichinger, Sozial- und Wirtschaftsstruktur der Reichskleinsiedlung Freimann im Stadtgebiet München. München 1940 (=Beiträge zur sozialen Siedlungskunde, hrsg. von der Arbeitsstelle München für Volksforschung und Heimaterziehung), S. 9.
Weippert war Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Agrarpolitik der Klasse IV der Akademie für Deutsches Recht.In: Bundesarchiv R61/100, Bl. 18.
Weipperts Einbindung in die Raumforschung / Ostforschung In den Jahren 1937 und 1938 wurde Weippert zur Wahrnehmung einer Professur in Königsberg beurlaubt. Seit 1938 und bis zum Kriegsende war er dort außerordentlicher Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften. Weippert wurde Direktor des Staatswissenschaftlichen Seminars am Staatswissenschaftlichen Institut. In Königsberg kam Weippert auch mit den Soziologen und Historikern Gunther Ipsen, Carl Jantke und Werner Conze zusammen. In diesem Umstand und in dem Fakt, dass sie als Politikberater sozialwissenschaftliches Wissen anwenden konnten, sieht der Osnabrücker Soziologe und Soziologiehistoriker Carsten Klingemann einen Faktor für die sehr viel später erfolgte Bildung des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte. (s. u.)Carsten Klingemann: Symbiotische Verschmelzung. Volksgeschichte – Soziologie – Sozialgeschichte und ihre empirische Wende zum Sozialen unter politischen Vorzeichen. In: Comparativ. Leipziger Beiträge zur Universalgeschichte und vergleichenden Gesellschaftsforschung. 12, 2002, (1), S. 34–62 (hier: S. 53). Der Historiker Thomas Etzemüller hat erkannt, dass diese gemeinsame Zeit in Königsberg einen wichtigen Bezugspunkt für die Sozialforschungsstelle an der Universität Münster e.V. bildete.Thomas Etzemüller: Sozialgeschichte als politische Geschichte: Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945. München: Oldenbourg 2001, S. 200–203. Georg Weippert wurde allerdings nie Mitarbeiter der Sozialforschungsstelle.
Ähnlich wie die Historiker Werner Conze und Theodor Schieder kam Weippert mehr oder weniger eng in Berührung mit der NS-Siedlungspolitik: Auf einer Tagung der Hochschularbeitsgemeinschaft für Raumforschung an der Universität Königsberg erklärte Weippert im November 1939 seine Bereitschaft, dem von der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG) aufgelegten Kriegsforschungsprogramm 'Der Osten' zuzuarbeiten.Bericht über die Sitzung der Hochschularbeitsgemeinschaften für Raumforschung – Königsberg – 6. November 1939 im Staatswissenschaftlichen Institut der Albertus-Universität. In Bundesarchiv R113/1152. (zit. nach Gutberger 2017:367). Weippert fertigte im Rahmen des RAG-Arbeitskreises „Möglichkeiten der Stärkung und Festigung des deutschen Volkstums und der Bildung neuen deutschen Volksbodens im deutschen Osten“ mehrere Gutachten an. 1940 erschienen in limitierter Auflage die zusammen mit dem Geographen Erwin Scheu erstellten Gutachten zur Aufnahmefähigkeit und Bevölkerungsstruktur im agrarischen Raum der neuen Ostgebiete, Bodenbewertung (mit zwei Karten) und Bestehende lebensfähige volksdeutsche Höfe im neuen Ostgebiet. Im gleichen Band erschien von Weippert alleine verfasst: Die Volkstumsgrundlagen in den neuen Ostgebieten und Eindeutschungspolitik und Landarbeiterfrage. An diesen gutachterlichen Äußerungen waren auch die Agrarwissenschaftler Emil Lang, Georg Blohm und der Siedlungspraktiker Klaaßen (Ostpreußische Landgesellschaft) beteiligt.Erwin Scheu (Hrsg.), Vorschläge für die ländliche Besiedlung des neuen deutschen Ostraumes. Gutachterliche Äußerungen von G. Blohm, H. Klaaßen, E. Lang, E. Scheu, G. Weippert herausgegeben von Prof. Dr. E. Scheu. Nicht im Buchhandel. Königsberg (Pr): Königsberger Verlagsanstalt 1940 (Wirtschaftsgeographische Arbeiten. Sonderheft).
Die vom 18. September 1940 datierten „Gemeinsamen Vorschläge“ aus diesen Gutachten (S. 107f.) enthielten u. a. Empfehlungen zur Agrarstruktur und zur sozialen und ethnopolitischen Zusammensetzung neuer Dörfer (Landarbeiter als Aufstiegsbauern; vollständige 'Eindeutschung' durch Leitbild bäuerliche Familienwirtschaft à 15–25 ha; jedoch auch Elite großbäuerlicher Betriebe bis 200 ha; Verdrängung ansässiger Bauern aus polnischen Dörfern und von guten Böden zugunsten deutscher Siedler; vorläufige Beibehaltung von ehemals polnischen Großgütern u. a.).
Im Jahr 1940 war der Geograph Erwin Scheu Direktor des Wirtschaftsgeographischen Institutes an der Handelshochschule Königsberg und gleichzeitig deren Rektor; der Agrarökonom Georg Blohm war Direktor der Abteilung Wirtschaftslehre am Landwirtschaftlichen Institut der TU Danzig und Emil Lang leitete das Institut für Wirtschaftslehre des Landbaus an der Albertus-Universität Königsberg als Direktor.
Weippert im Kontext historisch-soziologischer Wirtschaftslehre