Die Geschichte des verlorenen Kindes (Originaltitel: Storia della bambina perduta) ist der vierte und letzte Band des im deutschsprachigen Raum als Neapolitanische Saga bekannt gewordenen Romanzyklus von Elena Ferrante. Er erschien 2014 im italienischen Original und 2018 in der deutschen Übersetzung durch Karin Krieger. 2016 war er für den Man Booker International Prize nominiert.

Der abschließende Band der Tetralogie enthält neben der titelgebenden Erzählung auch „Die Geschichte vom bösen Blut“, vereint also – wie der erste Teil – zwei Lebensetappen in einem Buch: „Reife“ und „Alter“. Beginnend in den Endsiebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, erstrecken sie sich über mehr als drei Jahrzehnte; rund die Hälfte davon wohnen die beiden Protagonistinnen, Elena Greco und Raffaela (Lila) Cerullo, so nah beieinander wie nie zuvor und sind zudem verbunden durch die Geburt zweier Mädchen, die sie mit knapp 40 fast zeitgleich zur Welt bringen.

Inhalt mini|Die Via Tasso im relativ noblen Stadtteil Vomero: Hier wohnt Elena mit ihren Töchtern, als sie nach Neapel zurückkehrt. mini|Neapels Nationalbibliothek: Hier verbringt Lila ganze Tage beim Studium ihrer Heimatstadt. Nach der Montpellier-Reise mit Nino ist Elena fest entschlossen, Pietro für ihn zu verlassen. Zugleich versucht sie sich als Schriftstellerin zu etablieren. Ihr Leben wird dadurch spannender, aber auch unsteter; darunter leidet die Beziehung zu ihren Töchtern, die zeitweise bei ihren Schwiegereltern in Genua aufwachsen. Erst nach drei Jahren gelingt es Elena, sich von Pietro einvernehmlich zu trennen. Noch bevor sie nach Neapel zurückkehrt, um Nino näher zu sein, warnt Lila sie eindringlich vor seiner Unzuverlässigkeit: Trotz gegenteiliger Versprechungen habe er den gleichen Schritt wie sie, den Bruch mit seiner Familie, keineswegs vollzogen. Doch nicht einmal Ninos Geständnis, dass er dies auch nicht vorhabe und zudem bald wieder Vater werde, schreckt Elena ab. Resignierend beschließt sie, ihn zu akzeptieren, wie er ist. Gemeinsam mit ihren Töchtern bezieht sie eine von Nino finanzierte Wohnung in Vomero, einem der vornehmeren Viertel Neapels. Bald darauf wird sie schwanger, zeitgleich mit Lila, die ein Kind von Enzo erwartet. Anfang 1981 bringen beide ein Mädchen zur Welt und nennen sie nach ihren Müttern: Nunziatina (Tina) Cerullo und Immacolata (Imma) Greco.

Eines Tages ertappt Elena Nino in flagranti bei einem Seitensprung mit ihrer Haushälterin. Nun glaubt sie auch Lilas Anschuldigungen, er gehe notorisch fremd und habe sogar ihr wieder nachgestellt. Elena trennt sich von ihm. Der Druck, der sie als alleinerziehende Mutter dreier Kinder belastet, wird dadurch noch größer, logistisch wie finanziell. An die Realisierung eines dritten Buches, das sie ihrem Verleger versprochen hat, ist weniger denn je zu denken. Als er drängt, schickt sie ihm kurzerhand ein älteres Manuskript, in der festen Erwartung, es werde abgelehnt. Auch Lilas Angebot, eine freigewordene Wohnung direkt über ihr zu beziehen, nimmt sie, so willkommen es ist, nur zögernd an, bedeutet es doch die Rückkehr an den Ort, den sie für immer hatte verlassen wollen: ihren Rione.

Lila, die von dort nur kurzzeitig und notgedrungen weggegangen war, hat ihn allerdings spürbar verändert. Nach wie vor mit Enzo in der Computerbranche tätig, macht sie der Camorra, personifiziert durch die Solara-Brüder, ernsthaft Konkurrenz und gilt als Hoffnungsträgerin, sorgt sie doch für „saubere“ Jobs statt der Drogengeschäfte, die von den Solaras beherrscht werden und in die unter anderem auch Elenas Brüder verwickelt sind. Über ihre Arbeitszeit verfügt Lila jetzt nach Belieben, wodurch ihr mehr Raum bleibt, sich um die Kinder zu kümmern, nicht zuletzt die Elenas. Deren jüngstes Buch hat unerwartet Erfolg, führt aber auch zu einem Kräftemessen mit fatalen Langzeitfolgen: Zunächst nutzt ein Journalist die kaum verschleierten Informationen des Buches für eine Enthüllungsstory, die die illegalen Machenschaften der Solaras offenlegt, worauf diese mit einer Klage kontern, für die sie mittels Erpressung eine dritte Person vorschieben. Als Michele Solara auch noch Lila tätlich angreift, schlägt sie zurück, indem sie ihrerseits „auspackt“ und alles belastende Material in einem gemeinsam mit Elena verfassten Zeitungsartikel festhält. In der resignierenden Einsicht, damit nichts bewirken zu können, will Elena in letzter Sekunde dessen Veröffentlichung verhindern, doch Lila hat dies bereits veranlasst – unter ihrem, Elenas, renommierteren Namen.

Nicht minder zwiespältig ist Elenas Gefühlslage, wenn sie ihre Töchter in Lilas Obhut gibt. Teils ist sie dankbar und erleichtert, teils gekränkt durch den Autoritätsverlust. Besonders sorgt sie sich um die Entwicklung ihrer Jüngsten, Imma, die mit Lilas Tochter Tina fast schwesterlich aufwächst, aber in jeder Hinsicht „die Zweite“ ist und darunter ebenso zu leiden scheint wie sie selbst Jahrzehnte zuvor. Da die Kleine außerdem von ihren um einiges älteren Halbschwestern gemobbt wird – sie sei „keine Airota“ –, erhofft sich Elena Besserung dadurch, dass sie ihr den Vater zurückgibt, wenn auch nur als gelegentlichen Besucher. Nino willigt ein. Nach einem kurzen Auftritt in Elenas Wohnung, bei dem er seiner Tochter mehr Aufmerksamkeit schenkt als zuvor üblich, lädt er alle Kinder zu einem kleinen Ausflug ein. Als Elena zu ihnen stößt, sind auch Lila und Enzo zugegen, doch ein Kind fehlt – Tina.

Tinas rätselhaftes Verschwinden am 16. September 1984 bleibt unaufgeklärt. Mancher glaubt an das Gerücht von einem mysteriösen Unfall-LKW, Enzo an ein Kidnapping durch die Solara-Brüder (die zwei Jahre später bei einem Attentat sterben), Lila wiederum an eine Verwechslung – die Entführer hätten es eigentlich auf Elenas Kind abgesehen. Die nie ganz schwindende, aber auch nie sich einlösende Hoffnung auf Tinas Rückkehr lässt Lila in den Folgejahren verbittern und vorzeitig altern. Im Rione wird sie nun eher gemieden und gefürchtet. Ihre Beziehung mit Enzo zerbricht. Tagelang taucht sie ganz ab und entdeckt eine neue Leidenschaft, mit der sie zeitweise auch Imma ansteckt – die Erforschung ihrer Heimatstadt Neapel. Elena versucht den Kontakt mit ihr nicht abreißen zu lassen und ist ansonsten als Schriftstellerin und Mutter voll in Anspruch genommen. Ihre Töchter zieht es zu den Vätern: Imma verklärt Nino, der als Parlamentarier opportunistisch immer mehr nach rechts rückt, zu ihrem Idol; Dede und Elsa folgen mit Studienbeginn Pietro in die USA.

Im Sommer 1995 verlässt Elena Neapel endgültig, um in Turin die Leitung eines kleinen, angesehenen Verlags zu übernehmen. Ein Jahrzehnt später wird sie von dem Posten verdrängt, gerät als Schriftstellerin in eine Sinnkrise und befreit sich daraus mit der Erzählung Eine Freundschaft. Von Lila erwartet sie in all den Jahren ein noch viel originelleres Werk, worin sie Neapel mit ihrer verlorenen Tochter Tina verknüpft. Als Elena das vorliegende, nach Lilas Verschwinden begonnene Buch gerade beendet hat, trifft in der Tat ein Päckchen von ihrer lebenslangen Freundin ein: Es enthält die beiden verloren geglaubten Puppen aus ihren gemeinsamen Kindertagen.

Interpretation Figuren mini|Mit Einführung des IBM-Computers 5120 machen sich Lila und Enzo selbstständig und gründen ihre eigene Firma Basic Sight. mini|Der Ponte Isabella in Turin, wo Elena mit Imma ab 1995 wohnt. Erwartungsgemäß stehen in den meisten Rezensionen zu Band 4 die abschließenden Urteile über beide Protagonistinnen, das Freundinnenpaar Elena und Lila, obenan. Als „komplementäre Beziehung“ wird ihr von Anziehung und Rivalität geprägtes Verhältnis mehrfach charakterisiert, als das eines Duos, bei dem man beide Figuren sehr wohl als eine auffassen kann, als „dialektische Facetten ein und derselben Person“. Textstellen aus dem Roman dienen als Beleg dafür, so Elenas Aussage: „Es geht immer nur um uns zwei, um sie, die will, dass ich das gebe, was zu geben ihre Natur und die Umstände ihr verwehrt haben, und um mich, der es nicht gelingt, das zu geben, was sie verlangt.“

Ähnlich beschreibt auch Ferrante in einem Interview das, was beide verbindet, ausgehend von dem, was sie, aus ihrer Sicht, wesenhaft unterscheidet: Während Elena ihre Willens- und Geisteskräfte mit Blick auf ihre Zukunft einsetze, sei Lila auf die Gegenwart fokussiert; sie versuche das, was ihr zustößt, mit ihrer natürlichen Genialität zu meistern, schöpfe aber ihr Potential nie ganz aus – ausgenommen vielleicht im Hinblick auf das „einzige langfristige Projekt“, dem Lila sich „wirklich begeistert“ widme: das Leben ihrer Freundin.

Dass von Elena – und damit auch vom Leser – nie ganz durchschaut werden kann, wo und in welchem Maße Lila Einfluss nimmt, ist eins der Spannungsmomente des Romans. Als diesbezügliches Dingsymbol fungiert in Band 3 und 4 der Computer. Lila kommt über Enzo mit der EDV-Technik in Berührung, als diese noch in den Kinderschuhen steckt, und mausert sich, in der für sie typischen Weise, schnell zur Spezialistin; als ein Jahrzehnt später der PC aufkommt, gibt sie Elena eins der ausgedienten Geräte, was diese als Autorin sofort begeistert nutzt – mit der Einschränkung, dass Lila droht, ihre Texte zu löschen, falls Elena über sie schreibt. Lila hat also, mittels Computer und kraft ihrer möglichen Fähigkeit, fremde Systeme zu hacken, einen Weg gefunden, die Texte (und wenn man so will, die Gedanken) ihrer Freundin zu kontrollieren oder gar zu manipulieren – ein Umstand, der Elenas Autorschaft von Band 3 und 4 ebenso unsicher macht wie die von Band 1 und 2.

Die Frage, ob Lila über solche Fähigkeiten verfügt und davon Gebrauch macht, lässt der Roman offen. Darüber, was Elena ihrerseits vermutet und erwartet, gibt er an der ein oder anderen Stelle Auskunft: „Was Lila wirklich über mein Verhalten als Mutter dachte, weiß ich nicht. Sie ist die Einzige, die das erzählen könnte, falls es ihr tatsächlich gelungen sein sollte, in diese lange Kette von Wörtern einzudringen, um meinen Text zu verändern, um fehlende Glieder geschickt einzufügen, um andere unauffällig herauszulösen, um mehr als mir lieb ist, von mir zu erzählen, mehr als ich erzählen kann. Ich sehne mich nach ihrer Einmischung, wünsche sie mir, seit ich angefangen habe, unsere Geschichte aufzuschreiben.“

Die Hauptfigur unter den Nebenfiguren, bezogen auf Band 4 wie auch auf den Roman insgesamt, ist Nino Sarratore: Er ist der Mann, um den beide, Elena und Lila, zeitweise konkurrieren und mit dem sie eine „Affäre“ haben, die Katalysator ist für die Auflösung ihrer Ehe – seiner eigenen hingegen nicht; er ist (wie sein Vater, den er in jungen Jahren dafür verachtete) ein notorischer Eroberer, aber auch ein notorisch jedwede Entscheidung und (väterliche) Verantwortung Flüchtender; ebenso notorisch verquickt er seine persönlichen Eroberungen mit Spekulationen auf soziale Vorteile (aus Elenas Sicht war seine Liebe zu Lila die einzige, bei der er nicht berechnend vorging); und schließlich geht es ihm auch als Schriftsteller und Politiker mehr um Geltung als um die Sache. Als „windiger Liebhaber und wendiger Intellektueller“ steht Nino, so ein Rezensent, „exemplarisch für das politische Schlingern Italiens“. Ferrante selbst klassifiziert ihn als einen „Typus“, den sie gut kenne: als einen „Mann von Klasse“, bei dem sich solide Bildung und eine gewisse Intelligenz mit Oberflächlichkeit paare – die Eigenschaft, die Lila als die schlimmste überhaupt verachtet.

Themen und Motive Neapel