mini|General Ludwig Kübler (nach 1941)
Ludwig Kübler (* 2. September 1889 in Unterdill, heute München; † 18. August 1947 in Ljubljana) war ein deutscher General der Gebirgstruppe im Zweiten Weltkrieg. Er gilt als Organisator der Gebirgstruppe und durchlief während der ersten Phase des Krieges eine überdurchschnittliche Laufbahn, bevor er Anfang 1942 bei Hitler in Ungnade fiel, weil er die in ihn gesetzten Erwartungen als Armeeführer nicht erfüllte. In der zweiten Hälfte des Krieges befehligte er Verbände in der Partisanenbekämpfung. Im Mai 1945 geriet er in jugoslawische Kriegsgefangenschaft und wurde schließlich wegen seiner drakonischen Maßnahmen während des Ostfeldzuges und seiner auf dem Balkan begangenen Kriegsverbrechen zum Tode durch den Strang verurteilt und hingerichtet. Eine 1995 verfasste Studie des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes bescheinigte Kübler eine „äußerst positive Einstellung zum Nationalsozialismus“ sowie „überzogene Härte und Brutalität“, was die Umbenennung einer nach ihm benannten Kaserne zur Folge hatte.
Person und Persönlichkeit miniatur|Unterschrift Küblers (1945)|alt=Unterschrift von Kübler „Kübler, General d. Geb.Tr.“
Über Küblers Privatleben ist nur wenig bekannt. Mit seiner Ehefrau Johanna hatte er zwei Töchter (Elisabeth und Marianne) und lebte mit seiner Familie in München. Ein enges Verhältnis schien ihn nur mit seinem Burschen Hans Dauerer zu verbinden, der ihn von 1939 bis 1945 auch im Privatleben begleitete.Roland Kaltenegger: Ludwig Kübler – General der Gebirgstruppe. Stuttgart 1998, S. 274 f. Kübler galt als eine „schwierige Persönlichkeit“. Einerseits beschäftigte er sich ausführlich mit Geschichte, war ein guter Cellist und beeindruckte seine Mitmenschen durch körperliche Kraft und Fitness. Andererseits reagierte er empfindlich auf Kritik und duldete keinen Widerspruch von Untergebenen. Dabei zeigte er sich eigensinnig, dogmatisch und hatte „heftige Umgangsformen“. Wegen einer Verwundung im Ersten Weltkrieg war sein Gesicht durch große Narben entstellt.Hermann Frank Meyer: Blutiges Edelweiß – Die 1. Gebirgs-Division im Zweiten Weltkrieg. Berlin 2008, S. 15; Charles B. Burdick: Hubert Lanz – General der Gebirgstruppe. Osnabrück 1988, S. 78.
Eine kurze Charakterisierung von Ludwig Kübler hinterließ auch dessen langjähriger Bekannter Wolfgang Bernklau. Dieser beschrieb ihn als „hagere Gestalt, mittlere Größe (175 cm)“, seine Sprache sei „bestimmt, schneidend, apodiktisch, unmelodisch“ gewesen. Kübler sei voll berufsbedingter Klischees und Vorurteile gewesen und habe scharfe Selbstkritik geübt. Er sei außerdem „verschlossen, nachtragend und nicht gesellig“ gewesen. Alles in allem ein distanzierter und autoritärer Offizier. „Spürbare menschliche Wärme, nachsichtiges, verzeihendes Vergessen waren ihm fremd. Als Vorgesetzter und auch als Gerichtsherr mit gnadenentscheidender Zuständigkeit zog er unnachsichtige Strenge vor.“ Deshalb sei er von seinen Untergebenen eher gefürchtet worden. Er war wenig auf ein kameradschaftliches Verhältnis bedacht und zog sich aus Gesprächen zurück, die nicht von Militär oder Krieg handelten.Roland Kaltenegger: Ludwig Kübler – General der Gebirgstruppe. Stuttgart 1998, S. 304 f.
Kübler war in seinen frühen Lebensjahren wohl eher dem konservativ-nationalen Lager zuzuordnen, bis er ab 1933 in näheren Kontakt zur SA und NSDAP kam.Klaus Schönherr: Wissenschaftliche Studie – General der Gebirgstruppe Ludwig Kübler. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam 1995, S. 20. Ab diesem Zeitpunkt begann er sich zunehmend mit Hitler und dessen Bewegung zu identifizieren und zählte schon bald zu den Nationalsozialisten im Offizierskorps der Wehrmacht.Hans-Erich Volkmann: Zur Verantwortlichkeit der Wehrmacht. In: R. D. Müller, H. E. Volkmann: Die Wehrmacht: Mythos und Realität. München 1999, S. 1199. So unterschrieb er seine Befehle während des ganzen Krieges mit „Heil Hitler“ oder „Heil dem Führer“, dem Angriffsbefehl seiner Division gegen Frankreich 1940 gab er den Decknamen „Der Führer“. Dies alles zu einer Zeit, in der die Masse der Offiziere ihre Grußformeln noch auf das militärisch Normale beschränkten. In seinem Feldlager befanden sich zudem stets die Fahne der Bewegung und ein Bild des „Führers“. Auch traf er Maßnahmen, um die Gebirgstruppe im nationalsozialistischen Sinn zu indoktrinieren.Roland Kaltenegger: Ludwig Kübler – General der Gebirgstruppe. Stuttgart 1998, S. 355 f. Diese positive Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus bewahrte Kübler auch in der Kriegsgefangenschaft. So berichtete Generalmajor Gerhard Henke später über ein Treffen zwischen Wehrmachtgeneralen und Vertretern der Antifa in der jugoslawischen Gefangenschaft, bei dem Generalleutnant Wolfgang Hauser feststellte, dass „der Nationalsozialismus für unser Vaterland und Volk ein großes Unglück gewesen sei“. Kübler verließ daraufhin demonstrativ die Besprechung.Zit. nach: Kurt W. Böhme: Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges – Die deutschen Kriegsgefangenen in Jugoslawien 1941–1949. Bd. 1/1, München 1962, S. 293.
Biografie Jugend und frühe Laufbahn Ludwig Kübler wurde 1889 in Unterdill bei München als Sohn des Arztes Wilhelm Kübler und dessen Ehefrau Rosa, geb. Braun geboren. Er hatte sechs Brüder, u. a. Josef Kübler, und zwei Schwestern. Im Jahre 1895 wurde Kübler in die Volksschule von Forstenried eingeschult, die er nach drei Jahren verließ, um in München seinen Abschluss zu machen. Von 1895 bis 1902 besuchte Kübler das Progymnasium des Klosters Schäftlarn und anschließend das Rosenheimer Gymnasium und das humanistische Münchener Ludwigsgymnasium. Seinen Abschluss machte er 1908 in allen Fächern mit der Note 1.Klaus Schönherr: Wissenschaftliche Studie – General der Gebirgstruppe Ludwig Kübler. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam 1995, S. 2.
Obwohl ihm nach seinem Schulabschluss der Eintritt in das renommierte Maximilianeum offenstand, entschied sich Kübler für eine Karriere im Militär und trat am 20. Juli 1908 als Fahnenjunker in das 15. Infanterie-Regiment ein. Nach seiner Beförderung zum Fähnrich besuchte er vom 1. Oktober 1909 bis zum 14. Oktober 1910 die Kriegsschule in München und schloss sie als Fünftbester von 166 Teilnehmern seines Jahrgangs ab. Mit Wirkung zum 23. Oktober 1910 erhielt er das Patent zum Leutnant. In den folgenden Jahren nahm Kübler an verschiedenen Lehrgängen mit Schwerpunkt im Maschinengewehr-Einsatz teil und wurde von seinem Vorgesetzten Oberst Ludwig Tutschek zur Organisation der Mobilmachungspläne seines Regiments herangezogen.Klaus Schönherr: Wissenschaftliche Studie – General der Gebirgstruppe Ludwig Kübler. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam 1995, S. 2 f.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde das 15. Infanterie-Regiment „König Friedrich August von Sachsen“ an die Westfront verlegt, wo es im August und September 1914 an den Kämpfen in Lothringen und um Saint-Quentin beteiligt war. Kübler, zu diesem Zeitpunkt Zugführer in der Maschinengewehr-Kompanie, erlitt am 24. September bei LassignyBayerisches Hauptstaatsarchiv IV, Kriegsrangliste 1458, Eintrag 103; digitalisierte Kopie bei ancestry.com, eingesehen am 1. Juni 2024 eine schwere Verletzung durch Granatsplitter, welche eine auffällige große Narbe in seinem Gesicht hinterließ. Obwohl die Verletzung noch nicht ganz ausgeheilt war, kehrte er bereits am 13. Januar 1915 zu seinem Regiment zurück, das zu dieser Zeit an der Somme kämpfte.Klaus Schönherr: Wissenschaftliche Studie – General der Gebirgstruppe Ludwig Kübler. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam 1995, S. 3. In diesen ersten Monaten an der Front erwarb Kübler das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse (16. September bzw. 17. November 1914).Klaus Schönherr: Wissenschaftliche Studie – General der Gebirgstruppe Ludwig Kübler. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam 1995, S. 4 und S. 23.
Ab dem 21. September 1915 diente er als Adjutant seines Regimentes und blieb es den größten Teil des Krieges über. Das Regiment wurde 1916 unter anderem in der Schlacht um Verdun sowie in der Schlacht an der Somme eingesetzt. Da Kübler inzwischen hauptsächlich mit Stabsarbeit beschäftigt war, erhielt er im Oktober 1917 im Stab der 2. Infanterie-Division eine improvisierte Generalstabsausbildung unter Kriegsbedingungen. Danach führte er vom 25. Januar bis zum 31. März 1918 die 1. Maschinengewehr-Kompanie seines Stammregimentes. Anschließend übernahm Kübler bis zum 11. April die Maschinengewehr-Scharfschützenabteilung 2. Nach einer kurzzeitigen Versetzung zum II. Bataillon des 12. bayerischen Infanterieregiments wurde ihm am 26. Juni 1918 erneut die Führung der 1. Maschinengewehr-Kompanie im 15. Infanterie-Regiment übertragen. Schon im Juli stieg er zum stellvertretenden Kommandeur des II. Bataillons auf. Die 1914 erlittene Wunde brach jedoch erneut auf, so dass sich Kübler wieder ins Lazarett begeben musste. Er beendete den Krieg als stellvertretender Kommandeur des II. Bataillons im Rang eines Hauptmanns und wurde sowohl mit dem Bayerischen Militärverdienstorden IV. Klasse mit Schwertern und Krone als auch mit dem Ritterkreuz II. Klasse des Sächsischen Albrechts-Ordens mit Schwertern ausgezeichnet.Klaus Schönherr: Wissenschaftliche Studie – General der Gebirgstruppe Ludwig Kübler. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam 1995, S. 4. Während des Krieges waren drei seiner Brüder gefallen.Roland Kaltenegger: Ludwig Kübler – General der Gebirgstruppe. Stuttgart 1998, S. 15–18.
Karriere in Reichswehr und Wehrmacht BeförderungenDermot Bradley (Hrsg.): Die Generale des Heeres 1921–1945. Bd. 7, Bissendorf 2004, S. 267 f. 16. Oktober 1908 Fahnenjunker 20. Februar 1909 Fähnrich 23. Oktober 1910 Leutnant 9. Juli 1915 Oberleutnant 18. August 1918 Hauptmann 1. August 1928 Major 1. April 1932 Oberstleutnant 1. Juli 1934 Oberst 1. Januar 1938 Generalmajor 1. Dezember 1939 Generalleutnant 1. August 1940 General der Infanterie 24. November 1941 General der Gebirgstruppen(lediglich Umbenennung des vorherigen Dienstgrads)
Zum Zeitpunkt des Waffenstillstandes von Compiègne (11. November 1918) lag Kübler im Reservelazarett in Erlangen. Nach seiner Entlassung übernahm er am 16. Februar 1919 die Heimatschutz-Kompanie des 15. bayerischen Infanterie-Regimentes. Mit dieser beteiligte er sich neben dem Freikorps Epp und anderen Truppen an der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterepublik. Dabei nahm er an den Kämpfen in Augsburg vom 20. bis 23. April und der Besetzung des Allgäus teil. In einer Beurteilung seines Vorgesetzten wurde Kübler im August 1919 erstmals als „kaltblütig und unerschrocken“ charakterisiert.Klaus Schönherr: Wissenschaftliche Studie – General der Gebirgstruppe Ludwig Kübler. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam 1995, S. 4 f.
Nach weiteren kurzfristigen Verwendungen als Adjutant und Ordonnanzoffizier verschiedener Einheiten (Infanterie-Führer 21 und 22) erhielt Kübler am 15. Oktober 1919 eine Planstelle als Chef der 10. (Gebirgsjäger-)Kompanie des III. (Gebirgsjäger-)Bataillons im Reichswehr-Schützen-Regiment 42 in Kempten (Allgäu). Da seine Vorgesetzten sich für seinen Verbleib in den Streitkräften einsetzten, wurde er auch bei deren Verkleinerung in die neue Reichswehr übernommen.Klaus Schönherr: Wissenschaftliche Studie – General der Gebirgstruppe Ludwig Kübler. Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam 1995, S. 5. Während der Zeit als Kompaniechef erhielt er den Spitznamen „Latschen-Nurmi“. Dies war eine Anspielung auf den finnischen Langstreckenläufer Paavo Nurmi (1897–1973) und sollte verdeutlichen, dass Kübler selbst bei Übungen im Gelände stets ausdauernd zu marschieren pflegte.Reinhold Klebe: General Ludwig Kübler. In: Die Gebirgstruppe. 1985, Heft 2, S. 8 f.