Lekope (Sesotho, Plural makope) bezeichnet bei den Basotho von Lesotho und den Sotho in der südafrikanischen Region Transvaal, zu denen auch die Pedi gehören, zwei unterschiedliche Mundbögen: Einer der beiden Mundbogentypen mit einem fast geraden Bogenstab und einer ungeteilten Saite war im südlichen Afrika weit verbreitet und entspricht unter anderem dem umqangala der Zulu und dem lugube der Venda. Dieser vermutlich obsolete lekope-Typ wurde nur von Frauen gespielt.

Beim anderen Typ, der nur von Männern gespielt wird, besteht der Bogenstab aus einem dicken geraden Mittelstück, darin eingesteckten dünnen, biegsamen Bogenenden und einer durch eine Stimmschlinge geteilten Saite. Dieser Typ ist bei den Basotho auch als setolotolo und bei den Zulu als isitontolo bekannt.

Herkunft und Verbreitung Ein Mundbogen ist die besondere Bauweise eines Musikbogens, bei dem die Saitenschwingungen nicht durch einen mit dem Saitenträger in Kontakt gebrachten Resonanzkörper – häufig eine aufgeschnittene Kalebasse, sondern durch den Mundraum des Spielers verstärkt und moduliert werden. Der Saitenträger eines Musikbogens besteht aus einem mehr oder weniger stark gebogenen und biegsamen Stab, zwischen dessen Enden eine Saite gespannt ist. Im Unterschied hierzu ist bei einer einsaitigen Stabzither (Musikstab) oder einer ähnlich einfachen Röhrenzither die Saite über einen geraden und annähernd starren Saitenträger gespannt. Um die Saite auf einem parallelen Abstand vom Saitenträger zu halten, verläuft sie bei einer solchen Zither üblicherweise über an beiden Enden untergeschobene Stege (Holzstückchen). Der fast gerade lekope des ersten Typs unterscheidet sich nur durch den Verzicht auf Stege von einer Stabzither.

Beim zweiten lekope-Typ bewirkt das verdickte Mittelteil wie die Röhre einer Röhrenzither eine gewisse Resonanzverstärkung, die ansonsten in wesentlich stärkerem Maß von der mit dem Saitenträger verbundenen Kalebasse eines Musikbogens geleistet wird. Percival Kirby (1934) vertritt wie zuvor Henry Balfour (1899)Henry Balfour: The Natural History of the Musical Bow. A Chapter in the Developmental History of Stringed Instruments of Music. Clarendon Press, Oxford 1899 die Theorie der Entwicklung des Musikbogens von einem Jagdbogen über einen Bogen, der situativ zum Jagen und Musizieren verwendet wurde, hin zu einem eigenständigen Musikinstrument und sieht das verdickte Mittelteil des lekope als ein Zwischenstadium auf dem Weg vom Mundbogen zum mit einer Kalebasse verstärkten Musikbogen.Percival R. Kirby, 1965, S. 227f Beide Mundbögen stehen somit organologisch am Übergang zu anderen Instrumententypen.

Die tonalen Möglichkeiten der unterschiedlichen Musikbogentypen sind stets komplexer als es die relativ ähnlichen Formen erwarten lassen, weshalb Percival Kirby deren Klassifizierung nicht wie in der Hornbostel-Sachs-Systematik ausschließlich nach Details der Bauform, sondern in der obersten Gliederungsebene nach dem Klangergebnis vornimmt. Hierfür wurde er von Curt Sachs scharf kritisiert.Curt Sachs: Review: The Musical Instruments of the Native Races of South Africa by Percival R. Kirby. In: Africa: Journal of the International African Institute, Band 9, Nr. 1, Januar 1936, S. 132 Kirby unterteilt die einheimischen Saiteninstrumente in Südafrika in drei Gruppen: In Gruppe 1 klingen die Obertöne als Akkord zusammen, in Gruppe 2 werden die Obertöne zur Melodiebildung isoliert und in Gruppe 3 ergeben die Obertöne im Zusammenklang mit dem Grundton eine einfache Form der Mehrstimmigkeit.Percival R. Kirby, 1965, S. 196

Die erste Gruppe beinhaltet zum einen Kalebassen-Musikbögen mit ungeteilter Saite, darunter den segwana der Batswana, den dende oder tshitendje der Tsonga, den ligubu der Swazi, den ugubu der Zulu und den uhadi der Xhosa.Percival R. Kirby, 1965, S. 197 Zum anderen gehören hierzu Kalebassen-Musikbögen mit Stimmschlinge, etwa der dende oder tshikala der Venda, der sekgapa („Kalebasse“) der Pedi und der umakhweyana der Swazi und Zulu. Zur zweiten Gruppe gehören neben einigen Musikbögen wie dem gora, dessen Saite angeblasen wird, die Halbröhrenzithern tshidzholo (tsijolo) der Venda, segankuru und sekgobogobo der Pedi.Percival R. Kirby, 1965, S. 204–215

Die beiden lekope-Typen ordnet Kirby in die dritte Kategorie, die aus vier Untergruppen besteht. Die erste Untergruppe enthält Mundbögen mit einem annähernd geraden Saitenträgern aus einem Pflanzenrohr, zu denen neben dem ersten, von Frauen gespielten lekope der lugube bei den Venda, der umqangala bei den Zulu und Swazi, der mtyangala bei den Tumbuka in Malawi, der nkangala bei den Chewa in Malawi und der inkinge bei den Xhosa gehören.Percival R. Kirby, 1965, S. 220

mini|hochkant|Arco de Cafri, „Bogen der Kaffern“. Der Kupferstich in Filippo Bonanni, Gabinetto armonico, 1723, zeigt einen Musikbogen mit Stimmschlinge, dessen Saite mit einem Rasselstab geschlagen wird. Der andere lekate-Typ der Männer gehört zur zweiten Untergruppe, bei welcher der Bogen aus einem einzigen massiven Stab, der an beiden Enden ausgedünnt wurde oder aus einem dicken Mittelteil mit von beiden Seiten eingesteckten dünnen Stäben besteht. Die geteilte Saite wird mit dem Mund verstärkt. Percival Kirby beschreibt diese Untergruppe mit zweigeteilter Saite als eine Weiterentwicklung der ungeteilten Mundbögen. Im instrumentenkundlichen Werk des Jesuitenpriesters und Naturforschers Filippo Bonanni aus dem Jahr 1723 ist ein Musikbogen mit Stimmschlinge abgebildet. Ein Resonator ist weder auf der Abbildung zu erkennen, noch wird ein solcher im Text erwähnt. Die dargestellte Spielhaltung ist für einen Musikbogen mit und ohne Resonator untypisch.Filippo Bonanni: Gabinetto armonico pieno d’instrumenti sonori. Placho, Rom 1723, S. 175;

Die Damara in Namibia sollen, Berichten aus dem 19. Jahrhundert zufolge, ihren zur Jagd verwendeten Bogen zeitweilig zum Musizieren mit einer Stimmschlinge ausgestattet haben. Den Bogenstab hielten sie beim Spiel waagrecht gegen den Mund und die Saite schlugen sie mit einem dünnen Stab. So beschreibt der britische Naturforscher Francis Galton, der Damaraland 1851 besuchte, das zur rhythmischen Gesangsbegleitung dienende und zu jener Zeit einzige Saiteninstrument der Damara.Francis Galton: Narrative of an Explorer in Tropical South Africa being an Account of a Visit to Damaraland in 1851. (PDF; 12 MB) 4. Auflage. Ward, Lock and Co., London 1891, S. 117 Sein Reisebegleiter, der schwedische Forschungsreisende Karl Johan Andersson, schreibt dagegen, der Damara-Spieler erzeuge mit dem Mundbogen „eine Art wilder Melodie“ und das Instrument diene dazu, die Laufgeräusche verschiedener Tiere nachzuahmen.Karl Johan Andersson: Lake Ngami; or, Explorations and Discoveries During Four Years Wanderings in the Wilds of Southwestern Africa. Harper & Brothers, New York 1861, S. 227; Der dünne, leicht gebogene Jagdbogen der Damara wurde wie bei den Herero outa genannt, auch bei seiner Verwendung als Musikinstrument. Als Bogenstab des outa (genauer outa otjihumba) wurde ein 90 bis 120 Zentimeter langer Zweig etwa von Ziziphus mucronata (Otjiherero omukara) verwendet.Percival R. Kirby, 1965, S. 227 Den gleichen Mundbogen mit Saitenteilung sah Leonhard Schultze um 1904 bei den Basarwa in der Kalahari von Botswana.Leonhard Schultze: Aus Namaland und Kalahari. Bericht an die Kgl. Preuss. Akademie der Wissenschaften zu Berlin über eine Forschungsreise im westlichen und zentralen Südafrika, ausgeführt in den Jahren 1903–1905. Gustav Fischer, Jena 1907;

Der „verbesserte“ Mundbogen des lekope- oder setolotolo-Typs (englisch braced thick-handled bow) mit in der Mitte verdicktem Bogenstab und zweigeteilter Saite heißt bei den Venda tshigwana (tshivhana), bei den Tsonga sekgapa, bei den Swazi isitontolo, bei den Kwebo kedondolo, bei den Lobedu kashane (beide Nord-Sotho-Sprecher), bei den Zulu isitontolo oder isiqomqomana, bei den Tsopi penda und hiermit sprachlich verbunden chipendani (tshipendani)Chipendani. Grinnell College Musical Instrument Collection bei den Karanga in Simbabwe, die einen Shona-Dialekt sprechen.Thomas F. Johnston: Tsonga Musical Performance in Cultural Perspective (South Africa). In: Anthropos, Band 70, Nr. 5./6, 1975, S. 761–799, hier S. 768 Ein solcher Mundbogen jedoch ohne Stimmschlinge ist bei Bernhard Ankermann (1901) in einer Abbildung mit „Musikbogen der Kaffern“ untertitelt.Bernhard Ankermann: Die afrikanischen Musikinstrumente. (Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Facultät der Universität Leipzig) Haack, Berlin 1901, S. 3 () Ob diese Mundbögen einen gemeinsamen Ursprung haben oder unabhängig entstanden sind, lässt sich aus ihrer Verbreitung nicht ableiten. Eine Bauform mit einem sehr kurzen verdickten Mittelstück, bei dem die Stimmschlinge nicht am Mittelstück, sondern daneben am dünnen Bogenstab befestigt ist – chipendani der Karanga und isitontolo der Tsonga, scheint von Norden nach Südafrika gekommen zu sein.Percival R. Kirby, 1965, S. 228; Tafel 64

Die dritte Untergruppe besteht aus stark gebogenen Mundbögen ohne Saitenteilung, deren Saitenträger in der Mitte geriffelt ist und der mit einem Reibestab, an dem eine Rassel befestigt ist, gerieben wird. Zu diesen Schrapbögen oder Reibebögen gehört der xizambi der Tsonga und der nxonxoro der . Die vierte Untergruppe ist eine Variante der zweiten, jedoch mit einer ungeteilten Saite und einem dicken geraden Pflanzenrohr, in das nur an einer Seite ein dünner gebogener Stab gesteckt ist. Üblicherweise wird die Saite mit einem Stab gestrichen. Beispiele für diese Gruppe sind die heute nicht mehr gebräuchliche zweigeteilte Form des umrhubhe der Zulu und Xhosa, der umqunge der Mpondo in der Provinz Ostkap und der utiyane der Swazi.

Bauform und Spielweise Lekope mit einteiligem, geradem Saitenträger mini|hochkant|Zulu-Musiker um 1900. Der gerade Mundbogen links (umqangala) entspricht in Form und Spielhaltung dem lekope der Pedi-Frauen. Rechts ein Kalebassen-Musikbogen (umakhweyana). Mitte oben eine Mundharmonika (imfiliji), darunter eine Konzertina (inkositini). Der zur ersten Untergruppe gehörende lekope in der Region Transvaal, die vier Provinzen im Nordosten der Republik Südafrika umfasst, wird aus einem beispielsweise fünf Internodien langen Schilfrohrabschnitt angefertigt. Das bevorzugte Material ist ein etwa 60 Zentimeter langes Bambusrohr, dessen Durchmesser ein bis zwei Zentimeter beträgt.Yvonne Huskisson, 1958, S. 21 Falls der Stab völlig gerade ist, wird in seltenen Fällen an einem Ende ein Abschnitt eines Zweiges unter der Saite platziert, um diese auf einen minimalen Abstand vom Saitenträger zu bringen. Die beim lekope traditionell aus einer Tiersehne (beim lugube aus Pflanzenfaser oder Tiersehne) bestehende Saite wird auf einer Seite durch einen Knoten verstärkt, mit diesem in einen Riss an der Stabspitze geklemmt und, im Unterschied zu den übrigen Mundbögen dieser Gruppe, nicht unmittelbar am anderen Stabende, sondern in einiger Entfernung vom Stabende festgewickelt. Die mehrfach unter der Saite durchgezogene Wicklung sorgt wie ein sehr niedriger Sattel für etwas Abstand vom Stab. Die Saite wird mit einem Plektrum (aus einer Art der Hundszahngräser, Sesotho mohloa) angerissen. Bei den Sotho und den meisten anderen Ethnien spielten diesen Mundbogentyp ausschließlich Frauen und Mädchen.Percival R. Kirby, 1965, S. 225; Tafel 62, 4 Heute verwenden vielleicht noch ältere Frauen den lekope zur eigenen Unterhaltung.Laurie Levine: The Drumcafé’s Traditional Music of South Africa. Jacana Media, Johannesburg 2005, S. 123