Kurt Dietrich Schmidt (* 25. Oktober 1896 in Uthlede; † 27. Juli 1964 in Hamburg) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Kirchenhistoriker und Mitglied der Bekennenden Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus.
Leben und Wirken Nach dem Notabitur an der Landesschule Pforta 1914 und der freiwilligen Teilnahme am Ersten Weltkrieg studierte Schmidt Evangelische Theologie in Göttingen und wirkte dort von 1921 bis 1925 als Inspektor am Theologischen Stift.
1923 wurde er bei dem Kirchenhistoriker Carl Mirbt mit einer Arbeit über Die Nachwirkungen der spätmittelalterlichen Reformideen während der ersten Periode des Konzils von Trient zum Lic. theol. promoviert. Ein Jahr später habilitierte er sich mit der an die Dissertation anschließenden Studie Schrift und Tradition (zusammen gedruckt unter dem Titel Studien zur Geschichte des Konzils von Trient, 1925).Alwast: Theologie in den zwanziger Jahren ..., 1998, S. 86.
Nach seiner Assistentenzeit in Göttingen folgte er 1929 einem Ruf als Ordinarius für Kirchengeschichte an die Universität Kiel. Ebenfalls seit 1929 arbeitete Schmidt bis zu dessen Auflösung 1933 beim protestantisch-konservativen „Christlich-Sozialen Volksdienst“ mit.
Wegen seiner Aktivitäten beim Aufbau einer Bekenntnisgemeinschaft in Schleswig-Holstein, in der er von Beginn an Leitungsfunktionen wahrnahm (Mitbegründer der „Not- und Arbeitsgemeinschaft schleswig-holsteinischer Pastoren“ (NAG) am 20. Oktober 1933 in RendsburgReumann: Der Kirchenkampf in Schleswig-Holstein ..., 1998, S. 167., Mitglied im LandesbruderratZunächst „Führerring“ bzw. „Führerrat“ der NAG, zu dem neben Schmidt Johannes Bielfeldt und Volkmar Herntrich gehörten; siehe Reumann: Der Kirchenkampf in Schleswig-Holstein ..., 1998, S. 170 u. 187., Verfasser der Misstrauenserklärung gegen den DC-Landesbischof Adalbert Paulsen am 6. Dezember 1933Online auf geschichte-bk-sh.de, Veranlassung eines Gutachtens der Theologischen Fakultät Kiel über das Pfarrbesetzungsgesetz vom 5. Oktober 1933Die Bekenntnisse des Jahres 1933, S. 191 ff.; entgegen den Darstellungen bei Prehn (S. 207) und Reller (S. 277) sowie dem Biogramm der Theol. Fakultät Kiel ohne Bezugnahme auf den Arierparagraphen!, Leitung des Rechtsausschusses der 1. Bekenntnissynode 1935Siehe die Beschlüsse der Synode vom 17. Juli 1935 in Kiel (online auf geschichte-bk-sh.de), S. 37 ff.)Braun/Grünzinger: Personenlexikon ..., 2006, S. 222., wegen seiner Teilnahme an einer reichsweiten Kundgebung theologischer Hochschullehrer für den Rücktritt des Reichsbischofs Ludwig Müller Ende 1934Oelke: Bekennende Kirchengeschichte ..., 2002, S. 352 f. und wegen seiner Beteiligung an den Examensprüfungen, die die „Vorläufige Kirchenleitung“ der Deutschen Evangelischen Kirche für den bekenntniskirchlich ausgerichteten Theologennachwuchs durchführteOelke: Bekennende Kirchengeschichte ..., 2002, S. 353 f., wurde Schmidt 1935 aus dem Hochschuldienst entlassen. Er protestierte aber auch weiterhin in seinen Veröffentlichungen gegen die nationalsozialistische Legende von der gewaltsamen Bekehrung der Germanen zum Christentum.Oelke: Bekennende Kirchengeschichte ..., 2002, S. 343 ff.
Gegenüber dem für ihn zuständigen Reichsminister Bernhard Rust hatte Schmidt im Frühjahr 1935 sein Mitwirken im Kirchenkampf als Hochschullehrer folgendermaßen begründet: „Erwächst über dem Bekenntnis aber ein Zwiespalt, so bin ich gerade als konfessioneller Theologe, der der Kirche den Dienst tun soll, durch theologische Besinnung die Reinheit ihrer Verkündigung sicher zu stellen, zur Arbeit aufgerufen. Ergibt diese Arbeit aber eine klare Stellung, so würde es einen Verrat an der besonderen Berufsehre des deutschen Professors sein, das profiteri, das Bekennen zu lassen und durch Schweigen zum Heuchler zu werden.“Zitiert nach Oelke: Bekennende Kirchengeschichte ..., 2002, S. 355.
Seit 1936 lehrte Schmidt als Dozent am lutherischen Missionsseminar Hermannsburg, seit 1947 war er am Kirchlichen Vorlesungswesen in Hamburg beteiligt. 1948 wurde er hauptamtlicher Dozent an der dort neu gegründeten Kirchlichen Hochschule, 1950 Professor und 1953 ordentlicher Professor an der neu gegründeten Ev.-Theol. Fakultät in Hamburg.
Carsten Nicolaisen urteilte über ihn: „Angesichts der antikirchlichen und antichristlichen Ideologien des 20. Jh. gewann das luth. Bekenntnis für S. identitätsstiftende Kraft und wurde zum Orientierungspunkt für seine kirchlichen und politischen Entscheidungen in der Spannung zwischen luth. Obrigkeitsloyalität und Widerspruch gegen eine politische Herrschaft, die gegen das christl. Ethos verstieß.“NDB-Artikel Schmidt, Kurt Dietrich.
Nach 1945 war Schmidt Begründer der „Kirchenkampfforschung“, fungierte von 1955 bis 1964 als Vorsitzender der „Kommission der Ev. Kirche in Deutschland für die Geschichte des Kirchenkampfes in der nationalsozialistischen Zeit“ und gab mit Heinz Brunotte seit 1958 die Reihe Arbeiten zur Geschichte des Kirchenkampfes heraus. 1961 begründete er mit Ernst Wolf die Handbuchreihe Die Kirche in ihrer Geschichte. Schmidts Grundriß der Kirchengeschichte (4 Bde. u. 1 Erg.-Bd., 1949, seit 1954 in einem Bd., 9. Auflage 1990) zählt zu den erfolgreichsten theologischen Lehrbüchern in Deutschland.
1930 wurde Schmidt von der Universität Göttingen mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.
Resümee seiner Kirchenkampfforschung
Schriften (Auswahl) Autor Germanischer Glaube und Christentum, in: Junge Kirche 5 (1937) 207–218 (online auf geschichte-bk-sh.de). Die Bekehrung der Germanen zum Christentum Bd. 1: Die Bekehrung der Ostgermanen zum Christentum. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1939. Bd. 2: Die katholische Mission unter den Westgermanen (unvollständig, nur 7. und 8. Lieferung: Seiten 1–192). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1941 f. Grundriß der Kirchengeschichte, zunächst Bde. 1–4 und Erg.-Bd., Göttingen 1949–1959; dasselbe in einem Band: 1. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1954; zuletzt: 6. Aufl., ebd. 1999. mit Gerhard Ruhbach: Chronologische Tabellen zur Kirchengeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1959; zuletzt: 9. Aufl., ebd. 1990. Gesammelte Aufsätze. Hrsg. von Manfred Jacobs, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1967 (Inhalt), darin u. a.: Fragen zur Struktur der Bekennenden Kirche (1962), S. 267–293 (online). Der kirchliche Widerstand (1964), S. 294–304 (online). Die katholische Reform und die Gegenreformation (= Die Kirche in ihrer Geschichte Lfg. L, Teil 1 : Bd. 3). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1975, ISBN 3-525-52348-3. Einführung in die Geschichte des Kirchenkampfes in der nationalsozialistischen Zeit. [Eine Vorlesungsreihe, maschinengeschr. 1960, mit handschriftlichen Korrekturen bis 1964; postum] herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Jobst Reller, Ludwig-Harms-Haus, Hermannsburg 2009; 2. Auflage 2010.
Herausgeber Die Bekenntnisse und grundsätzlichen Äußerungen zur Kirchenfrage, Bände 1–3: 1933–1935, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1934–1936. Arbeiten zur Geschichte des Kirchenkampfes, i.A. der Kommission der Evangelischen Kirche in Deutschland für die Geschichte des Kirchenkampfes, 21 Bde., Göttingen 1958–68 (in Verbindung mit Heinz Brunotte und Ernst Wolf). Die Kirche in ihrer Geschichte. Ein Handbuch, Göttingen 1961 ff. (Hrsg. zusammen mit Ernst Wolf)
Literatur Johann Bielfeldt: Der Kirchenkampf in Schleswig-Holstein 1933–1945, Göttingen 1964. Wolfgang Prehn: Kurt-Dietrich Schmidt, in: ders.: Zeit, den schmalen Weg zu gehen. Zeugen berichten vom Kirchenkampf in Schleswig-Holstein, Kiel 1985, S. 207 f. Jendris Alwast: Geschichte der Theologischen Fakultät. Von Beginn der preußischen Zeit bis zur Gegenwart (Geschichte der Christian-Albrechts-Universität 1665–1965, Bd. 2, Teil 2). Kiel 1988. Ralph Uhlig: Vertriebene Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nach 1933. Zur Geschichte der CAU im Nationalsozialismus. Eine Dokumentation (Kieler Werkstücke. Reihe A: Beiträge zur schleswig-holsteinischen und skandinavischen Geschichte, 2) . Frankfurt am Main u. a. 1991. Jendris Alwast: Theologie in den zwanziger Jahren in wissenschafts- und problemgeschichtlichem Zusammenhang, in: Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte. Bd. 6/1: Kirche zwischen Selbstbehauptung und Fremdbestimmung, Neumünster 1998, S. 79–109. Klauspeter Reumann: Der Kirchenkampf in Schleswig-Holstein von 1933 bis 1945, in: Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte. Bd. 6/1: Kirche zwischen Selbstbehauptung und Fremdbestimmung, Neumünster 1998, S. 111–451. Harry Oelke: Bekennende Kirchengeschichte. Der Kirchenhistoriker Kurt Dietrich Schmidt im Nationalsozialismus; nebst Anhang: Zwei Schreiben K. D. Schmidts an Reichswissenschaftsminister Rust aus dem Jahre 1935, in: Thomas Kaufmann, Harry Oelke (Hrsg.): Evangelische Kirchenhistoriker im „Dritten Reich“, Gütersloh: Chr. Kaiser 2002, S. 330–366. Gunther Schendel: Kirchenhistoriker im „Zwangsruhestand“. Kurt Dietrich Schmidt: Die Hermannsburger Jahre bis zum Ende der NS-Zeit, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte, 101/2003, S. 215–255 Hannelore Braun, Gertraud Grünzinger (Hrsg.): Personenlexikon zum deutschen Protestantismus 1919–1949, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006.
Jobst Reller: Kurt Dietrich Schmidts Leben und Werk, in: ders. (Hrsg.): Kurt Dietrich Schmidt: Einführung in die Geschichte des Kirchenkampfes in der nationalsozialistischen Zeit, Hermannsburg: Ludwig-Harms-Haus 2009, S. 264–306. Karl Ludwig Kohlwage, Manfred Kamper, Jens-Hinrich Pörksen (Hrsg.): „Was vor Gott recht ist“. Kirchenkampf und theologische Grundlegung für den Neuanfang der Kirche in Schleswig-Holstein nach 1945. Dokumentation einer Tagung in Breklum 2015. Zusammengestellt und bearbeitet von Rudolf Hinz und Simeon Schildt in Zusammenarbeit mit Peter Godzik, Johannes Jürgensen und Kurt Triebel, Husum: Matthiesen Verlag 2015, ISBN 978-3-7868-5306-0.
Weblinks
Schmidt im Kieler Gelehrtenverzeichnis
Einzelnachweise
Kategorie:Kirchenhistoriker (Theologe) Kategorie:Lutherischer Theologe (20. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Hamburg) Kategorie:Person der Bekennenden Kirche Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1896 Kategorie:Gestorben 1964 Kategorie:Mann Kategorie:CSVD-Mitglied Kategorie:Ehrendoktor der Georg-August-Universität Göttingen