Gebhardt & Koenig, 1898 in Nordhausen als „Eismaschinen und Internationale Tiefbau-Gesellschaft GmbH“ gegründet, war – unter wechselnden Namen und mit mehrfachen Umfirmierungen – ein deutsches, vor allem im Bergbau tätiges Unternehmen, das auf das Abteufen von Schächten spezialisiert war, im Steinkohlenbergbau später auch auf das Auffahren von Richtstrecken und Querschlägen.
Geschichte Die Entwicklung des Gefrierverfahrens zum Abteufen von Schächten durch Hermann Poetsch und Louis Gebhardt Zur Gründung von Gebhardt & Koenig kam es im Zuge der Entwicklung eines neuen Verfahrens beim Abteufen von Schächten, dem Gefrierverfahren, das Hermann Poetsch (1842–1902), Markscheider am Bergamt Aschersleben, entwickelt hatte.Gunter Gach: In Schacht & Strecke. Die historische Entwicklung der Bergbau-Spezialgesellschaften in Deutschland. Verlag Glückauf, Essen 1986, ISBN 3-7739-0468-1, S. 75–85: Das Gefrierverfahren nach Poetsch. 1883 wurde ihm ein Patent für ein „Verfahren zur Abteufung von Schächten in schwimmendem Gebirge“ erteilt (Deutsches Reichspatent 25015). In der Braunkohlengrube Archibald bei Schneidlingen wurde im Juli / August 1883 erstmals ein Schacht nach diesem neuen Verfahren abgeteuft.Hugo Joosten: Die Entwicklung des Gefrierverfahrens seit seiner ersten Anwendung im Jahre 1883. In: Glückauf, Jg. 42 (1906), S. 703–724, hier S. 704–705. Es erfuhr große Aufmerksamkeit, im Inland wie im Ausland.Franz Bittner: Schachtbautechnik – Besonderheiten in Recklinghausen. In: Klaus Bresser, Christoph Thüer (Hrsg.): Recklinghausen im Industriezeitalter. Bitter, Recklinghausen 2000, ISBN 3-933480-09-4, S. 31–44, darin S. 39–44: Die Entwicklung des Gefrierverfahrens und seine Anwendung in Recklinghausen, hier S. 40.
Für die praktische Anwendung seines Gefrierverfahrens gründete Poetsch die Poetsch-Tiefbauten AG und stellte 1884 Louis Gebhardt (1861–1924) als Maschinenmeister an, einen Schlosser und Reisemonteur der Nordhäuser Kältemaschinenfabrik Kropff.Holger Lander und andere: Schachtbau Nordhausen. Firmenchronik 1898–2025. Schachtbau Nordhausen GmbH, Nordhausen 2025, S. 9. 1886 wurde der erste Schacht im Kalibergbau nach Poetschs Verfahren niedergebracht.Günter Pinzke: Das Abteufen des ersten Kalischachtes nach dem „Poetsch’en Gefrierschachtverfahren“. In: Stier und Greif. Blätter zur Kultur- und Landesgeschichte in Mecklenburg-Vorpommern, Jg. 20 (2010), S. 62–74, hier S. 64. Gebhardt wandte die neue Technik zunächst vor allem beim Abteufen von Schächten für den belgischen Steinkohlenbergbau an (Zeche Houssu in Haine-Saint-Paul, ab Dezember 1885), dann für den französischen Steinkohlenbergbau. Denn dort waren die wasserführenden Mergelschichten dünner und weniger salzhaltig als in Deutschland und die Anlaufschwierigkeiten somit geringer.Hans-Liudger Dienel: Ingenieure zwischen Hochschule und Industrie. Kältetechnik in Deutschland und Amerika, 1870–1930. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3-525-36047-9, S. 230.
Die Eismaschinen- und Internationale Tiefbau-Gesellschaft GmbH mini|Logo von Gebhardt & Koenig Gebhardt trennte sich nach einigen Jahren von Poetsch, schloss einen Lizenzvertrag mit der Gesellschaft für Linde’s Eismaschinen und entwickelte das Verfahren weiter.Hans-Liudger Dienel: Die Linde AG. Geschichte eines Technologiekonzerns 1879–2004. C.H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51484-7, S. 102. Zur Kälteerzeugung wechselte er von Absorptionsmaschinen auf Ammoniakbasis zu Kompressionskältemaschinen auf Kohlensäurebasis. Um den unerwünschten Effekt der Nachverdampfung der Kaltdämpfe während des Ansaugens durch den Kompressor zu verringern, konstruierte Gebhardt eine Kompressionsmaschine, bei der die Kompression der Kaltdämpfe in zwei einfach- oder doppeltwirkenden Pumpen mit stufenweiser Kompression und Zwischenkühlung durch die angesogenen Gase erfolgt.Georg Göttsche: Die Kältemaschinen. Gemeinverständlich bearbeitet für Besitzer von Kühlanlagen, Industrielle, Praktiker und angehende Techniker. Kriebel, Hamburg, 2. verbesserte und vermehrte Aufl. 1904, S. 116. Sie war das Herzstück der später als „System Gebhardt“ bezeichneten Anlagen beim Gefrierteufen.Holger Lander und andere: Schachtbau Nordhausen. Firmenchronik 1898–2025. Schachtbau Nordhausen GmbH, Nordhausen 2025, S. 11. Gebhardt gewann mehr und mehr Erfahrung und mehr und mehr Kunden. In den ersten fünf Jahren seiner Selbständigkeit konnte Gebhardt 26 Schächte im Gefrierverfahren niederbringen.Dietrich Hoffmann: Acht Jahrzehnte Gefrierverfahren nach Poetsch. Ein Beitrag zur Geschichte des Schachtabteufens in schwierigen Fällen. Verlag Glückauf, Essen 1962, S. IV.
Angesichts der delikaten Konkurrenz mit Hermann Poetsch als seinem einstigen Arbeitgeber und als dem Inhaber des Ausgangspatentes betrieb Louis Gebhardt die eigene Firma zunächst unter dem Namen seines Schwiegervaters Louis Koch und erhielt 1892 auch sein erstes Patent auf dessen Namen.Hans-Liudger Dienel: Ingenieure zwischen Hochschule und Industrie. Kältetechnik in Deutschland und Amerika, 1870–1930. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, S. 231. Erst 1898, nachdem die Poetsch-Tiefbauten AG in Zahlungsschwierigkeiten geraten war und wegen Nichtentrichtens der Gebühren ihre Patente erloschen waren, gründete Louis Gebhardt förmlich die Eismaschinen- und Internationale Tiefbau-Gesellschaft GmbH.Michael Braun: Vor 80 Jahren erfunden: Chemisches Bodenverfestigungsverfahren nach Joosten. In: Bautechnik, Jg. 83 (2006), Heft 5, S. 374–381. Der erste Großauftrag war 1898/1899 die Entwicklung und der Bau einer Großgefrieranlage nach dem „System Gebhardt“ für das Abteufen des Schachtes Hansa I des Kaliwerks Hansa bei Empelde als Gefrierschacht. Um die Erweiterung der Werkstätten in Nordhausen (Grimmelallee 44) finanzieren zu können, holte Gebhardt am 8. März 1900 den Kaufmann August König aus Benneckenstein als Teilhaber in die Firma.Rainer Hellberg: Nordhausen in alten Ansichten, Bd. 3. Europäische Bibliothek, Zaltbommel 2002, ISBN 978-90-288-6695-9, S. 24. Sie hieß fortan Eismaschinen und Internationale Tiefbaugesellschaft von Gebhardt & König mbH. Gebhardt hatte sein Verfahren bisher allein in der Praxis weiterentwickelt, erkannte jedoch, dass er ohne theoretische Kenntnisse nicht weiter kommen würde. Deshalb stellte er 1902 den an der RWTH promovierten, niederländischen Bergbauingenieur Hugo Joosten ein.
Die Tiefbau- und Kälteindustrie AG Bis 1905 war das Unternehmen in seiner Sparte konkurrenzlos. Es erhielt jährlich Aufträge für 15 bis 20 abzuteufende Gefrierschächte.Alfred Ries: 75 Jahre Gebhardt & Koenig – Deutsche Schachtbau GmbH. In: Deilmann-Haniel: Unser Betrieb, Heft 13 (Januar 1974), S. 3–4. Der erste im Ruhrrevier mit dem „System Gebhardt“ abgeteufte Schacht war im Jahre 1902 ein Wetterschacht der Zeche Prosper I. Es folgten 1902/1903 die Schächte 1 und 2 der Zeche Auguste Victoria in Marl-Hüls.Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund in Gemeinschaft mit der Westfälischen Berggewerkschaftskasse und dem Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat (Hg.): Die Entwickelung des Niederrheinisch-Westfälischen Steinkohlen-Bergbaues in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Bd. 3: Stollen, Schächte. Julius Springer, Berlin 1903, S. 514. 1907 wurde die „Gebhardtsche Lotuhr“ zur sicheren Einmessung von Bohrungen patentiert.Kaiserlichen Patentamt, Patentschrift Nr. 209778: Vorrichtung zum selbständigen Aufzeichnen der Abweichung eines Bohrloches von der Lotrechten, Patent erteilt am 17. April 1907.
Zur für die Expansion erforderlichen Kapitalaufstockung wurde die Eismaschinen und Internationale Tiefbaugesellschaft von Gebhardt & König mbH 1903 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt: die Tiefbau- und Kälteindustrie AG, vormals Gebhardt & Koenig. 1904 übernahm sie die Hannoversche Tiefbohrgesellschaft. Dadurch kam der Ingenieur Wilhelm Zaeringer in das Nordhäuser Unternehmen. Er wurde 1912 Vorstandsvorsitzender, als Nachfolger von Louis Gebhardt.Ullrich Mallis: Louis Binger (geboren am 11. Februar 1874 in Tilsit/Ostpreußen). In: Beiträge zur Geschichte aus Stadt und Landkreis Nordhausen, Jg. 26 (2001), S. 80–87, hier S. 85.
Die von Gebhardt entwickelte Technik des Gefrierschachtbaus war seit der Jahrhundertwende weltweit führend. Die Tiefbau- und Kälteindustrie AG gründete mehrere Tochtergesellschaften im Ausland: 1906 in Belgien die Entreprise de Forage et Fonçage Raky (Foraky),Schachtbau Nordhausen GmbH (Hrsg.): Chronik Schachtbau Nordhausen, Band 1: Firmengeschichte im Zeitraffer. Schachtbau Nordhausen GmbH (SBG), Nordhausen 2003, ISBN 3-00-011895-0, S. 14. die auch das von Antoine Raky entwickelte „Système Raky“ einsetzte 1908 in England die Shaft Freezing Ltd. 1912 übernahm das belgische Tochterunternehmen Foraky die Entreprise Générale de Fonçage de Puits, Études et Travaux de Mines, das führende französische Schachtbauunternehmen. Auf der Weltausstellung 1910 in Brüssel wurde die Tiefbau- und Kälteindustrie AG für ihre Leistungen zur Entwicklung des Gefrierverfahrens mit dem „Grand Prix“ ausgezeichnet. Sie begann, über den Gefrierschachtbau hinaus auch mit anderen, „klassischen“ Teufverfahren zu arbeiten. Die Zahl der Mitarbeiter war am Vorabend des Ersten Weltkrieges auf mehr als 3500 gestiegen.
Im Ersten Weltkrieg gingen alle ausländischen Tochtergesellschaften der Tiefbau- und Kälteindustrie AG und deren Vermögen verloren.
In den 1920er Jahren entwickelte Hugo Joosten ein Verfahren, um durch die Zugabe chemischer Mittel auch wasserdurchlässige quarzhaltige Böden dauerhaft verfestigen zu können. Es wurde ab 1926 in mehreren Schritten patentiert.Ullrich Mallis: Die Nordhäuser JOOSTEN- und JÄHDE-Verfahren. Die patentierten Verfestigungs- und Abdichtungsmethoden kamen weltweit zur Anwendung und belebten einen neuen Zweig der Ingenieurwissenschaften. In: Beiträge zur Geschichte aus Stadt und Landkreis Nordhausen, Jg. 33 (2008), S. 146–159. Zur industriellen Nutzung dieser Technik – auch über den Bergbau hinaus – gründete die Tiefbau- und Kälteindustrie AG 1934 die Gesellschaft zur Chemischen Verfestigung und Abdichtung mbH (Cheverab).
Die Gebhardt & Koenig – Deutsche Schachtbau AG mini|Logo der Deutschen Schachtbau AG Nordhausen Seit 1922 hielt die Deutsche Erdöl AG (DEA) die Aktienmehrheit an der Tiefbau- und Kälteindustrie AG, ebenso wie an einem zweiten in Nordhausen beheimateten Unternehmen, der 1899 gegründeten Deutschen Schachtbau AG. Denn die DEA war – vor allem für ihre Explorationsbohrungen – am Know-how beider Nordhäuser Aktiengesellschaften interessiert. 1939 bewirkte die DEA als Hauptaktionär, dass sich beide Unternehmen zur Gebhardt & Koenig – Deutsche Schachtbau AG Nordhausen zusammenschlossen.Dietrich Hoffmann: Acht Jahrzehnte Gefrierverfahren nach Poetsch. Ein Beitrag zur Geschichte des Schachtabteufens in schwierigen Fällen. Verlag Glückauf, Essen 1962, S. V. Ihre Zusammenarbeit hatte schon 1923 begonnen, als beide ihre Maschinenbaubetriebe in die damals gegründete, gemeinsame Tochtergesellschaft Maschinen- und Apparatebau AG Nordhausen (Mabag) eingebracht hatten. Dass „Gebhardt & Koenig“ im neuen Firmennamen an die erste Stelle gesetzt wurde, geschah aus der Erwägung, dass es beim Gefrierschachtbau und zumal im Ausland das bekanntere der beiden Unternehmen war.Walter Resow: Chronik der Deutschen Schachtbau AG Nordhausen (Leben und Werk Ernst Middendorfs), 1959 (maschinenschriftliches Manuskript im Bergbau-Archiv Bochum, Bestand 89: Altherrenverband des Berg- und Hüttenmännischen Vereins zu Aachen-Berlin-Clausthal e. V., Nr. 505), S. 189.
Im Zweiten Weltkrieg wurden bei den Luftangriffen auf Nordhausen etwa 30 % der Nordhäuser Betriebsanlagen der Gebhardt & Koenig – Deutsche Schachtbau AG zerstört.Rainer Hellberg: Nordhausen in alten Ansichten, Bd. 3. Europäische Bibliothek, Zaltbommel 2002, ISBN 978-90-288-6695-9, S. 25.
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