Der Moskwitsch-412 () ist ein sowjetischer Personenwagen der unteren Mittelklasse, der von 1967/69 bis 1976 gebaut wurde.
Der Hersteller war das Moskauer Kleinwagenwerk MZMA (russisch МЗМА, kurz für Московский завод малолитражных автомобилей, transkribiert Moskowski Sawod Malolitraschnych Awtomobilej, bekannt durch die Verwendung des Markennamens Moskwitsch, übersetzt: der Moskauer), das 1968 in Automobilwerk des Leninschen Komsomol, kurz AZLK (russisch АЗЛК, Автомобильный завод имени Ленинского комсомола, Awtomobilny sawod imeni Leninskowo komsomola) umbenannt wurde. Basierend auf dem Moskwitsch-412 entstanden außerdem eine Version als Kombi (als Moskwitsch-427 bezeichnet) und ein dreitüriger Lieferwagen (Moskwitsch-434). Die Produktion des Moskwitsch-412 und davon abgeleiteter Typen erfolgte auch im Zweigwerk Ischmasch. Das Fahrzeug war eine Weiterentwicklung des Moskwitsch-408 und kombinierte dessen robuste Bauweise mit einem neuen Leichtmetallmotor, der eine 50 % höhere Leistung erbrachte als der Motor des Vorgängers. Mit einem seriennahen Moskwitsch-412 wurde 1974 die internationale ADAC Rallye Tour de Europe gewonnen, die über 14.800 km durch Europa und Vorderasien führte.ADAC Echo Niedersachsen 1974: Sowjetischer Sieg bei Tour d'Europe.
Fahrzeuggeschichte Im Jahr 1964 hatte MZMA mit dem Moskwitsch-408 ein Fahrzeug vorgestellt, das mit seiner modernisierten Karosserie, seinem soliden Aufbau und seiner Wartungsfreundlichkeit ein ideales Fahrzeug für den russischen Inlandsmarkt wurde. Es wurde aber auch schon als Moskwitsch Scaldia, Moskwitsch Carat oder Moskvich Elite in viele Länder exportiert. 1966 brachte das britische Motor-Magazin unter der Überschrift „Ein russisches Paradoxon“ einen ausführlichen Test heraus, in dem der Wagen für sein robustes, komfortables Fahrwerk, seine Wartungsfreundlichkeit und seinen unermüdlichen Motor einiges Lob bekam. Man vermerkte aber auch, dass „der Mangel an Aufmerksamkeit für Themen wie Vibrationen und Getriebegeräusche, schwergängige Bremsen und die schlechte Beschleunigung viel von der Sahne aus dem Borschtsch genommen hat“.
Als 1967 der neue Moskwitsch-412 erschien, betrafen seine Verbesserungen jeden dieser Punkte. Der Hersteller übernahm zwar die bewährte Karosserie, das komfortable Fahrwerk und die Wartungsfreundlichkeit des Vorgängers. Er war mit dem Moskwitsch-408 aber dank seines neuen Motors nicht mehr vergleichbar, denn die Leistung des Fahrzeugs war um 50 % von 50 PS auf 75 PS (55 kW) gestiegen. Das Getriebe wurde verbessert und die Bremsleistungen wurden der neuen Motorleistung angepasst, indem der Moskwitsch-412 erstmals im sozialistischen Pkw-Bau für den Bevölkerungsbedarf einen Unterdruckbremskraftverstärker erhielt. Später war er auch der erste, der mit einer Sicherheitslenksäule ausgerüstet wurde, die sich bei einem Aufprall zusammenschiebt.
Der Beginn der Fertigung des Moskwitsch-412 datiert auf den Oktober 1967. Sowohl der Hersteller,Geschichte laut Website des Herstellers (russisch) als auch offizielle sowjetische StellenMinisterium für automobilen Transport der RSFSR; Fahrzeugbauinstitut NIIAT: Kurzes Automobil-Handbuch (краткий автомобильный справочник). Verlag Transport, 6. Auflage, Moskau 1971, S. 45. nennen als Produktionsbeginn das Jahr 1967; und zwar gleichermaßen für die Werke in MoskauAutorenkollektiv unter der Redaktion von AZLK: Автомобиль Москвич-412. Maschinostroenie, Moskau 1971, S. 3. wie in Ischewsk. Da die Stückzahlen anfänglich noch gering waren, finden sich aber teilweise auch Angaben für spätere Zeitpunkte. So sei nach L. M. Schugurow, dem damaligen Mitglied des Redaktionskollegiums der sowjetischen Automobilzeitschrift sa ruljem, mit dem Bau des Moskwitsch-412 im Moskauer Werk im Jahr 1968 begonnen worden.Neuentwicklung aus der Sowjetunion „Moskwitsch 412“ In: Kraftfahrzeugtechnik 9/1969, S. 276–277. In der zeitgenössischen Fachpresse der DDR wurde zwar auch bereits im Oktober 1967 vom bevorstehenden Serienanlauf des Moskwitsch-412 berichtet,Vgl. Kraftfahrzeugtechnik 10/1967 ausführliche Darstellungen erfolgten aber erst, als der Export in die DDR aufgenommen wurde.Vgl. Fahreindrücke und Meßwerte vom 75-PS-Moskwitsch, Kraftfahrzeugtechnik 1/1971, S. 24 ff. Hinter der sich bis heute in der deutschsprachigen Literatur haltenden falschen Jahreszahl 1969 für den Produktionsanlauf des Moskwitsch-412 könnte auch die Tatsache stehen, dass ab diesem Jahr der Vorderwagen des Moskwitsch so umgebaut worden war, dass von nun an beide Motorvarianten wahlweise in dieselbe Karosserie eingebaut werden konnten.
Motor mini|Der 1500-cm³-OHC-Aluminiummotor des Moskwitsch-412 mini|Schnittzeichnung des Motors
Der Leichtmetallmotor mit der Bezeichnung UZAM-412 war die wichtigste Neuerung am Moskwitsch-412. Erste Prototypen erschienen 1964, die Serienproduktion begann 1967. Die Produktion der Motoren erfolgte zumindest teilweise in einem Werk in der baschkirischen ASSR in Ufa.Kurzberichte aus dem Fachgebiet. In: Kraftfahrzeugtechnik 10/1975, S. 298. Der Motor hat einen Hubraum von 1478 cm³, leistet 75 PS (80 PS nach SAE) und der Wagen erreicht mit ihm eine Höchstgeschwindigkeit von mindestens 140 km/h laut Werk, zeitgenössische Fahrzeugtests maßen Geschwindigkeiten bis 150 km/h.
Der neue Motor brachte folgende Neuerungen mit sich:
Leichtmetallmotorblock mit austauschbaren Zylinderlaufbuchsen („nasse Zylinderlaufbuchsen“) Querstromzylinderkopf aus Aluminium mit halbkugelförmigen Brennräumen (Hemi-Bauweise) und V-förmig angeordneten Ventilen obenliegende Nockenwelle, angetrieben über eine Steuerkette (OHC)
Der in der Mitte der 1960er-Jahre entworfene neue OHC-Motor des Moskwitsch-412 orientierte sich in vielen Dingen an dem von BMW Anfang der 1960er-Jahre entwickelten M10-Motor für die „Neue Klasse“, der damals viele moderne Konstruktionsmerkmale des Automobilmotorenbaus in sich vereinte. Es gibt aber keine Teile, die bei den beiden Motoren untereinander austauschbar sind. Ein wesentlicher Unterschied besteht im Motorblock, der beim M10 aus Grauguss, beim 412-er aus Aluminium mit wechselbaren Zylinderlaufbuchsen besteht.Moskwitsch 412. In: Oldtimer Praxis. 11/2022, S. 92–96. Er wurde unverändert bis Ende der 1980er-Jahre noch in weitere zwei Fahrzeuggenerationen eingebaut (alle Moskwitsch-2140 und alle 1500 cm³-Modelle des Moskwitsch-2141).
Karosserie mini|Früher Moskwitsch-412 mit runden Scheinwerfern bei einem Oldtimertreffen (2011) mini|Tacho des Moskwitsch-412 von 1967 bis 1974 mini|Moskwitsch-412IE Baujahr 1975, Interieur mini|Moskwitsch-412IE Baujahr 1973, Heckansicht mini|Der zweimillionste Moskwitsch war ein Moskwitsch-412
Die ersten Werksbilder von 1967 zeigen den neuen Moskwitsch-412 zwar bereits mit den Rechteckscheinwerfern des Wartburg 353 und horizontalen Heckleuchten, so ging er aber zunächst doch nicht in Serie. Wahrscheinlich aus Kapazitätsgründen wurde das Modell 412 mit Beginn seiner Serienproduktion immer parallel zum Modell 408 gebaut, es unterschied sich in der äußerlichen Karosserieform zu keiner Zeit.
Moskwitsch-412 – 1967 bis 1968
Der Moskwitsch-412 übernahm die Karosserie des Moskwitsch-408 mit den einfachen oder doppelten Rundscheinwerfern und vertikalen Heckleuchten. Die äußerlich erkennbaren Unterschiede zwischen den beiden Typen waren sehr gering: Manche Modelle bekamen den Schriftzug Moskwitsch-412. Der Tacho des Typs 412 zeigte als Endgeschwindigkeit 160 statt 140 km/h. Diese frühen 412-er Modelle mit Rundscheinwerfern aus den Jahren 1967 bis 1969 findet man heute nur noch sehr selten. Der Hauptgrund hierfür war die anfangs noch geringe Stückzahl durch den parallelen Aufbau und Umzug von MZMA in die neuen Produktionsanlagen in Moskau. In Deutschland sind Fahrzeuge vom Typ 412 mit Rundscheinwerfern nicht bekannt, da der Import erst später begann.
Moskwitsch-412IE – 1969 bis 1976
Das Jahr 1969 brachte für den Moskwitsch-412 (wie auch für den Typ 408) das Facelift mit Rechteckscheinwerfern und horizontalen Rückleuchten. Die Scheinwerfer wurden von Ruhla Elektrik in Brotterode hergestellt.Moskwitsch-Scheinwerfer aus Brotterode. In: Kraftfahrzeugtechnik 11/1971, S. 331. Mit der überarbeiteten Karosserie kamen einberechnete Knautschzonen und ein Innenraum ohne verletzungsgefährdende Bedienelemente, um die neuen internationalen Richtlinien zur Fahrzeugsicherheit der UNECE zu erfüllen und exportfähig zu bleiben. Die Bezeichnung IE (russisch ИЭ) steht für „исполнение экспортное“, wörtlich übersetzt „Export-Ausführung“. Später erhielten die Export-Modelle zusätzlich eine Sicherheitslenksäule. Seinerzeit waren Moskwitsch-408 und -412 äußerlich nicht zu unterscheiden, lediglich ein heruntergezogenes Auspuffendstück verriet den stärkeren Motor.KFT fuhr Moskwitsch 412. In: Kraftfahrzeugtechnik 12/1972, S. 380. Technische Unterschiede zum Typ 408 waren neben dem Motor der Mittelschalthebel und der Bremskraftverstärker.
Die Modelle wurden bis 1975/76 gebaut und dann zu den Typen 2140 und 2138 weiterentwickelt. Auch hier blieb es bei dem Grundsatz, für beide Modelle die gleiche Karosserie zu nutzen. Möglicherweise war es ursprünglich vorgesehen, dass der Moskwitsch-408 gänzlich vom Typ 412 abgelöst wird. Tatsächlich wurde er aber für den inländischen Markt in der Sowjetunion und geringe Exportzahlen immer noch weiter parallel und als Moskwitsch-2138 bis in die 1980er-Jahre hinein gebaut. Ein Grund hierfür war, dass der Motor des Moskwitsch-408 im Gegensatz zu dem des Moskwitsch-412 und der neuen Lada-Modelle auch mit dem in der Sowjetunion weit verbreitetem Niedrigoktanbenzin auskam.
1976 wurde der Moskwitsch-412 vom Moskwitsch-2140 abgelöst. Gemessen an seinen technischen Leistungen (s. u., internationaler Motorsport) und an den Exporten (1975 exportierte AZLK in 70 Länder der Welt) ist davon auszugehen, dass der Moskwitsch-412 der erfolgreichste Moskwitsch war. Keiner seiner Vorgänger und keiner seiner Nachfolger konnten sich im internationalen Vergleich ähnlich behaupten.
Obwohl es an erfolgversprechenden Prototypen (Moskwitsch Serie 3-5 von 1970, Moskwitsch Serie S von 1975) nicht mangelte, gab es bei seinem Nachfolger, dem Moskwitsch-2140, nur äußerliche Verbesserungen, ohne Modernisierung von Fahrwerk, Getriebe, Karosseriekörper und Motor.
Erfolge im internationalen Motorsport mini|Москвич-412 Rallye Im Jahr 1968 nahmen erstmals vier Moskwitsch-412 an der 15.000 km langen Rallye London–Sydney (London-Sydney-Marathon) teil. Äußerlich hatten die Fahrzeuge noch die „alte“ 408er Karosserie, innen arbeitete schon der neue 1500er Leichtmetallmotor. Sie waren die einzigen Teilnehmer aus sozialistischer Produktion und sie waren nahezu unbekannte Exoten. Die Rallye war mörderisch und etwa die Hälfte aller gestarteten internationalen Fahrzeuge blieben unterwegs liegen. Aber alle vier Moskwitsch kamen zur Überraschung der internationalen Presse am Ziel an. Nach diesem Erfolg stiegen die Exportzahlen deutlich.
Später wiederholten sich diese Langstreckenrallye-Erfolge bei der World Cup Rallye 1970, bei der nach sagenhaften 25.000 km von über 100 gestarteten Fahrzeugen nur noch 23 in Mexiko-Stadt ankamen. Drei davon waren Moskwitsch-412.
Den bedeutendsten Sieg errang Stasis Brundsa noch 1974 mit einem Moskwitsch-412 bei der ADAC Rallye Tour d’Europe. Er gewann hier den Gesamtsieg bei einer internationalen Langstrecken-Rallye, die sonst mit Fahrzeugen wie dem Opel Ascona 16 (1973) oder dem Porsche Carrera RS (1975) gewonnen wurde.ADAC Echo Niedersachsen 1973: Waldner gewann zum 4. mal die Tour d'Europe.ADAC Echo Niedersachsen 1975: Tour d'Europe 1975: Diesmal zwei deutsche Porsche Teams vorn.