Die Saarbrücker Schule ist eine Gruppe von Forschern um den Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig, die die Entstehung des Islams mit der historisch-kritischen Methode, dem wissenschaftlichen Standardverfahren zur Analyse historischer Texte, sowie den Methoden weiterer wissenschaftlicher Fachgebiete, zum Beispiel der Numismatik, ergründet.

Beschreibung Die Saarbrücker Schule wendet auf alle Sachverhalte der frühen Islamgeschichte und des Korans die historisch-kritische Methode an. Die in der sogenannten Traditionsliteratur überlieferte frühe Geschichte des Islams gilt ihr nicht als Geschichtsquelle, sondern als literarisches Erzeugnis der Zeit, in der sie aus bestimmten politischen, theologischen, literarischen oder anderen Beweggründen jeweils niedergeschrieben wurde. Die Entstehung der islamischen Religion stellt sich im Lichte dieser Forschungen als ein Prozess dar, der sich über mehr als zwei Jahrhunderte hingezogen hatte. Die Konzentration der Macht im arabischen Reich, der Beginn der arabischen Jahreszählung, der Umbau und die Errichtung sakraler Bauten wie die Johannesbasilika bzw. Umayyadenmoschee in Damaskus, der Felsendom in Jerusalem, die sogenannte Prophetenmoschee in Medina und die Kaaba in Mekka, die Abfassung und Verwendung des Korans, der islamische Kalender, die Abfassung einer Lebensgeschichte des arabischen Propheten, die Einrichtung eines Pilgerwesens in Mekka, die Entwicklung der Traditionsliteratur und des islamischen Rechts, sind Elemente der neuen Weltreligion, für die Forscher der Saarbrücker Schule jeweils andere Ursprünge ermittelt haben, als dies die Traditionsliteratur behauptet. Im Ergebnis stellt sich die frühe Geschichte des arabischen Reiches als Prozess der Schöpfung eines Reichsglaubens durch die Elite des arabischen Reiches dar, in dem synkretistische – vorwiegend christliche – Gegebenheiten in Auseinandersetzung mit Byzanz, dem rabbinischen Judentum und der Kultur des Sassanidenreichs unter Aufnahme buddhistischer Elemente zu einer neuen Weltreligion geformt wurden. Die traditionelle Vorstellung eines arabischen Propheten mit einer in den Jahren von 610 bis 632 in Mekka und Medina empfangenen Offenbarung steht nach den Erkenntnissen der Saarbrücker Schule nicht am Beginn dieses Prozesses, sondern stellt eine mittlere Entwicklungsstufe dar, die in das 8. christliche Jahrhundert datiert.

Vorläufer Bereits Ignaz Goldziher, Joseph Schacht, Günter Lüling, Suliman Bashear, Yehuda Nevo, John Wansbrough, Patricia Crone und Michael Cook waren der Ansicht gewesen, dass der traditionelle Bericht nicht dem tatsächlichen Gang der Geschichte entspricht. Mit Inârah hat sich erstmals eine interdisziplinär arbeitende Forschergruppe dieses Themas angenommen.

Geschichte Die Saarbrücker Schule geht auf den Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig zurück, der im Zuge seiner 2006 erfolgten Emeritierung an der Universität des Saarlandes eine multidisziplinäre Gruppe von Forschern um sich versammelt hatte, die im Jahre 2007 den gemeinnützigen Verein „Inârah e.V. – Institut zur Erforschung der frühen Islamgeschichte und des Korans“ gründeten. Diese Gruppe, zu der außer Ohlig u. a. der Orientalist Gerd-Rüdiger Puin, der Sprachwissenschaftler Markus Groß, der Philologe Christoph Luxenberg, der Semitist und Altorientalist Robert Kerr, sowie der Numismatiker Volker Popp gehören, führten 2008, 2010, 2012, 2014, 2018, 2019 und 2022 sieben Fachtagungen durch, in denen über 50 Forscher vortrugen.Symposion 2018Symposion 2019Symposion 2022 Ihre Arbeiten wurden in bis jetzt elf Sammelbänden (Inârah 1–11) veröffentlicht. Ferner gibt es zahlreiche kleinere Artikel in der Saarbrücker Zeitschrift „imprimatur“ sowie in den Sammelbänden von Ibn Warraq zum frühen Islam.

Rezeptionsgeschichte Die Arbeiten der Saarbrücker Schule stellen ein eigenes multidisziplinäres Korpus der Forschungsliteratur dar, dessen Wirkung auf die zahlreichen betroffenen Fachrichtungen noch nicht absehbar ist. Eine breitere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Thesen und Ergebnissen von Inârah steht noch aus.

Einzelne Thesen und Forschungsergebnisse von Inârah Der Name Muhammad bezeichnete ursprünglich nicht eine Person, sondern ein christologisches Prädikat (Popp,Volker Popp: Bildliche Darstellungen aus der Frühzeit des Islam (IV). In: imprimatur. Hefte 5 und 6, 2004, S. 242–250. Luxenberg,Christoph Luxenberg: Neudeutung der arabischen Inschrift im Felsendom zu Jerusalem. In: Karl-Heinz Ohlig, Gerd-Rüdiger Puin (Hrsg.): Die dunklen Anfänge – Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam (= Inârah 1). Tübingen und Berlin 2005, S. 124–147. OhligKarl-Heinz Ohlig: Vom Muhammad Jesus zum Propheten der Araber – Die Historisierung eines christologischen Prädikats. In: Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Der frühe Islam – Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen (= Inârah 2). Tübingen und Berlin 2007, S. 327–376. ThomasJohannes Thomas: Noch einmal zur mḥmd-Fomel im Felsendom – Münzinschriften bestätigen die philologische Korrektheit der Interpretation von Christoph Luxenberg. In: Markus Groß, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Die Entstehung einer Weltreligion III – Die heilige Stadt Mekka – eine literarische Fiktion (= Inârah 7). Tübingen und Berlin 2014, S. 731–733.). Die jährliche Wallfahrt (Ḥaǧǧ) fand in umayyadischer Zeit an mehreren Orten statt, zentral in Jerusalem, und wurde erst unter den Abbasiden nach Mekka übertragen (DequinRaymond Dequin: Die Wallfahrt nach Mekka – Ein Missionswerk der abbasidischen Herrschaft in manichäischem Geiste. In: Markus Groß, Robert Kerr (Hrsg.), Die Entstehung einer Weltreligion VII – Abschied von der Heilsgeschichte (=Inârah 11), Berlin und Tübingen 2023, S. 139–78.). Der Yaḥyā des Korans ist im Unterschied zum taufenden Johannes des Evangeliums ein Levit, dem das Gesetz anvertraut ist. Der ʿĪsā bn Maryam des Korans ist im Unterschied zum Jesus des Evangeliums ein Begleiter der Gottheit, dem die Schrift anvertraut ist. Beide gehören zu einer erneuerten und bereinigten Schöpfung nach persischer Tradition. Das vorislamische Motto der koranischen Bewegung mḥmṭ/mḥmd wird philologisch näher bestimmt (PoppVolker Popp: Vom Logos zum Nomos 2 – Der ʿAbdallāh ʿAbd al-Malik, die Marwāniden und Marw in der Margiana. In: Markus Groß, Robert M. Kerr (Hrsg.): Die Entstehung einer Weltreligion VI – vom umayyadischen Christentum zum abbasidischen Islam (= Inârah 10). Berlin und Tübingen 2021, S. 588–634.). Vermeintliche Erwähnungen von Muhammad, Muslimen oder des Islam in Werken des orientalischen Mittelalters beziehen sich nicht auf einen arabischen Propheten, Anhänger einer neuen Religion oder einen neuen Glauben (OhligKarl-Heinz Ohlig: Hinweise auf eine neue Religion in der christlichen Literatur „unter islamischer Herrschaft“? In: Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Der frühe Islam – Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen (= Inârah 2). Tübingen und Berlin 2007, S. 223–326.). Die Genealogie des arabischen Propheten und seines Geschlechts, der Quraisch, ist unhistorisch; es lässt sich angeben, an welchem Punkt sie geschichtlich wird (DequinRaymond Dequin: Frühe ʿAlī-Verehrung und die Schöpfung des abbasidischen Weltbilds. In: Markus Groß, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Die Entstehung einer Weltreligion II – Von der koranischen Bewegung zum Frühislam (= Inârah 6). Tübingen und Berlin 2011, S. 164–310.). Die Lebensgeschichte des arabischen Propheten stammt zum großen Teil aus dem Leben des Abū Muslim (DequinRaymond Dequin: Das Leben des Abū Muslim und die Lebensbeschreibung des arabischen Propheten – Mit neuen Ansätzen für das Verständnis der islamischen Traditionsliteratur. In: Markus Groß, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Die Entstehung einer Weltreligion IV – Mohammed – Geschichte oder Mythos? (= Inârah 8). Tübingen und Berlin 2017, S. 207–295.). Mekka und Medina gehörten zum Raum südarabischer Schriftkultur, und es wurden dort andere nordarabische Sprachen gesprochen, die nicht Vorläufer des klassischen Arabischen waren. Dieser Raum kann deshalb nicht als Emergenzterritorium des Korans gelten. Denkbar hingegen, hierfür die in den Osten des Sassanidenreichs deportierten Einwohner von Hatra oder anderen Orten Nordarabiens anzunehmen. (KerrRobert M. Kerr: Von der aramäischen Lesekultur zur arabischen Schreibkultur – Kann die semitische Epigraphik etwas über die Entstehung des Korans erzählen? In: Markus Groß, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Die Entstehung einer Weltreligion I – Von der koranischen Bewegung zum Frühislam (= Inârah 5). Berlin und Tübingen 2010, S. 354–376.). Das Arabisch des Korans macht nicht den Eindruck einer auf natürlichem Wege entstandenen Sprache, da viele seiner grammatischen Besonderheiten weder in älteren semitischen Sprachen, noch in den frühesten arabischen Inschriften, und auch nicht in späteren arabischen Dialekten vorhanden sind. Es erscheint somit eher als das Ergebnis gezielter Sprachpolitik durch archaisierende Vereinheitlichung. Die übernommenen archaischen Elemente (zum Beispiel Endungen in der Nominalflexion) könnten in einem Umfeld entstanden sein, wo Sprachen gesprochen wurden, die ähnliche Elemente aufwiesen, was in iranischsprachigen (sogdisch) Gebieten Zentralasiens der Fall ist (GroßMarkus Groß: Die erfundenen arabischen Relativpronomen – Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Klassisch-Arabischen. In: Markus Groß, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Die Entstehung einer Weltreligion II – Von der koranischen Bewegung zum Frühislam (= Inârah 6). Tübingen und Berlin 2011, S. 441–552.). Der Koran enthält sprachliche Merkmale, die auf eine syro-aramäische Vorlage schließen lassen (LuxenbergChristoph Luxenberg: Die syro-aramäische Lesart des Koran – Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache. Berlin und Tübingen 2000.). Namen und Begriffe aus dem Koran, die für das islamische Selbstverständnis grundlegend sind wie Mekka, Badr, Huris (Paradiesjungfrauen) erweisen sich als Fehllesungen oder haltlose Interpretationen (LuxenbergChristoph Luxenberg: Kein „Mekka“ (Makka) und kein „Bakka“ im Koran – Zu Sure 48:24 und 3:96. Eine philologische Analyse. In: imprimatur. Heft 7, 2012. Derselbe: Keine Schlacht von Badr – Zu syrischen Buchstaben in frühen Koranmanuskripten. In: Markus Groß, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Vom Koran zum Islam – Schriften zur frühen Islamgeschichte und zum Koran (= Inârah 4). Tübingen und Berlin 2009, S. 642–676. Derselbe: Die syro-aramäische Lesart des Koran – Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache. Berlin und Tübingen 2000.). Der Koran wurde um 700 unter dem Herrscher ʿAbd al-Malik unter Leitung von dessen Berater al-Ḥağğāğ ibn Yūsuf redigiert (de PrémareAlfred-Louis de Prémare: ʿAbd al-Malik ibn Marwān et le Processus de Constitution du Coran. In: Karl-Heinz Ohlig, Gerd-Rüdiger Puin (Hrsg.): Die dunklen Anfänge – Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam (= Inârah 1). Tübingen und Berlin 2005, S. 179–210.). Der Koran wurde in den Jahren um 750 bis mindestens 820 verfasst. Mit einem literaturkritischen Ansatz wird gezeigt, wie unter abbasidischer Herrschaft ein anfänglicher Grundtext nach und nach ausgebaut wurde, auch unter Herstellung von Querbezügen. Ältere Textelemente fanden dabei Aufnahme (DequinRaymond Dequin: Der frühe abbasidische Koran. In: Markus Groß, Robert M. Kerr (Hrsg.): Die Entstehung einer Weltreligion VI – vom umayyadischen Christentum zum abbasidischen Islam (= Inârah 10). Berlin und Tübingen 2021, S. 146–233.). Die Untersuchung des koranischen Texts ist noch weit von einer kritischen Edition entfernt (Gerd-Rüdiger PuinGerd-Rüdiger Puin: Die Utopie einer kritischen Koranedition: Ein Arbeitsbericht. In: Markus Groß, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Schlaglichter – Die beiden ersten islamischen Jahrhunderte (= Inârah 3). Tübingen und Berlin 2008, S. 516–571.).