Die Pflanzenheilkunde im Alten Ägypten befasst sich mit der Anwendung und Wirkung von Heilpflanzen als Arzneimittel im alten Ägypten. Die altägyptischen Arzneimittel enthielten jedoch nicht nur pflanzliche, sondern teilweise auch mineralischeumfangreich beschrieben in: John Richard Harris: Lexicographical Studies in Ancient Egyptian Minerals (= Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Institut für Orientforschg. Veröffentlichung, Nr. 54). Akademie-Verlag, Berlin 1961. und tierische Bestandteile.
Fundquellen für Anwendungen von Heilpflanzen Bis heute ist noch kein Grab eines Arztes mit einer Arzneimittelsammlung für das Jenseits gefunden worden, so dass die Forschung auf Überlieferungen angewiesen ist. Aus dem alten Ägypten sind heute etwa 2000 Rezepturen überliefert.Tanja Pommerening: Wege zur Identifikation altägyptischer Drogennamen – eine kritische Betrachtung. In: P. Dils, Lutz Popko (Hrsg.): Zwischen Philologie und Lexikographie des Ägyptisch-Koptischen. Akten der Leipziger Abschlusstagung des Akademienprojekts "Altägyptisches Wörterbuch" (= Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-historische Klasse. Band 84, Heft 3). Hirzel, Stuttgart / Leipzig 2016, S. 82. Von den in diesen Rezepturen verwendeten ca. 700im bis lang umfangreichsten Werk zu ägyptischen Drogen: Hildegard von Deines, Hermann Grapow: Wörterbuch der ägyptischen Drogennamen (= Grundriss der Medizin der Alten Ägypter. Band 6). Akademie-Verlag, Berlin 1959, sind 691 Drogen aufgeführt. altägyptischen Drogenbezeichnungen (Drogen im pharmazeutischen Sinne) sind bis heute nur ca. 180 identifiziert worden,in Wolfhart Westendorf: Handbuch der altägyptischen Medizin. 2 Bände (= Handbuch der Orientalistik. Band 36). Leiden, Boston / Köln 1998 findet sich eine Liste mit 176 identifizierten Drogennamen. davon 31 Heilpflanzen.Julia Budka: Heilkunst und Zauberei. Medizin im Alten Ägypten. In: Kemet. Band 9, Nr. 4, 2000, S. 17. Rezepturen finden sich beispielsweise in den Ramesseum-Papyri, Medizinischen Papyri aus Lahun oder im Papyrus Edwin Smith. Die umfangreichste Quelle für die altägyptische Pflanzenheilkunde befindet sich in Leipzig: der ca. 20 m lange Papyrus Ebers. Er enthält etwa 876Ian Shaw, Paul Nicholson (Hrsg.): Reclams Lexikon des alten Ägypten. Reclam, Stuttgart 1998, S. 265. verschiedene Arzneimittelrezepturen. Der Papyrus Hearst nennt 260 Rezepturen, von denen über 90 auch parallel im Papyrus Ebers vorkommen.Hans-Werner Fischer-Elfert: Heilkunde im Alten Ägypten. In: Harald Froschauer, Cornelia Römer (Hrsg.): Zwischen Magie und Wissenschaft. Ärzte und Heilkunst in den Papyri aus Ägypten (= Nilus. Studien zur Kultur Ägyptens und des Vorderen Orients. Band 13). 2. korrigierte Auflage, Phoibos, Wien 2009, ISBN 978-3-85161-011-6, S. 46. Weitere Rezepturen findet man auf Ostraka und auf Heilstatuen (hier aber erst gegen Ende des Neuen Reiches).Tanja Pommerening: Altägyptische Rezepte *Eine diachrone Betrachtung. In: Geschichte der Pharmazie. 2012, Band 64, Heft 3, S. 36f.
Liste von Heilpflanzen, die im alten Ägypten nachweisbar sind Im Folgenden sind nur die laut Renate Germer wichtigsten Heilpflanzen und deren Verwendung aufgelistet.entnommen aus: Renate Germer: Handbuch der altägyptischen Heilpflanzen. Wiesbaden 2008.
mini|Nilakazie (Acacia nilotica)
Nilakazie oder auch Arabischer Gummibaum (Acacia nilotica), die Blätter äußerlich zur Wundbehandlung, das Akaziengummi als neutrale Arneimittelgrundlage. Küchenzwiebel (Allium cepa), zur Wundbehandlung und äußerlich bei Schlangenbissen. Porree (Allium porrum), zur Wundbehandlung. Dill (Anethum graveolens), überwiegend äußerlich verwendet. Wilder Sellerie (Apium graveolens), wassertreibende, Magen/Darm-beruhigende Wirkung. Weihrauchbaum (diverse Boswellia Arten), im alten Ägypten nur als Handelsprodukt bekannt und als Herz eines der am häufigsten verwendeten Heilmittel sowohl äußerlich als auch innerlich. Später im Neuen Reich wurde es zunehmend durch Therebintenharz der Terpentin-Pistazie und anderer Pistazienarten ersetzt. Um vom Import unabhängig zu sein, versuchten die Ägypter die Pistazienbäume zu Hause heimisch zu machen.mini|Terpentin-Pistazie mini|Beladen der Schiffe in Punt mit Antui-Bäumen (Pistazienbäumen), Darstellung im Totentempel der Königin Hatschepsut in Deir el-Bahari Johannisbrotbaum (Ceratonia siliqua), die Hülsen werden sehr oft äußerlich und innerlich verwendet. Myrrhebaum (diverse Commiphora Arten), als Myrrheharz sehr häufig benutzt. Koniferen (diverse Conifera-Arten), das Holz und das Harz wurde verwendet. Kreuzkümmel (Cuminum cyminum), oft zur Behandlung des Bauches. Die in den Früchten enthaltenen ätherischen Öle, Flavonoide, Salicylate, Cholin und Cumin wirken antibakteriell, schmerzlindernd und krampflösend. Erdmandel (Cyperus esculentus), das Öl als Arzneimittelgrundlage. Papyrus (Cyperus papyrus), als gekochtes Papyrusblatt zum Wundverschluss. Afrikanisches Ebenholz (Dalbergia melanoxylon), die Sägespäne bei Augenleiden. Feige (Ficus carica), die Frucht als leichtes Abführmittel. Sykomorenfeige (Ficus sycomorus), die Frucht als leichtes Abführmittel, die Blätter und der Milchsaft zur Wundversorgung. Zederwacholder (Juniperus oxycedrus), die Beerenzapfen bei Blasen- und Nierenerkrankungen, als Genitalzäpfchen zum „Lösen des Kindes aus dem Bauch“. Dattelpalme (Phoenix dactylifera), vielseitige Verwendung. Granatapfelbaum (Punica granatum), die Wurzelrinde als Wurmmittel. Rizinusbaum (Ricinus communis), die Samen als drastisches Abführmittel, das Öl zum Behandeln von Hauterkrankungen, das Blatt zum Wundverschluss. Ägyptische Weide (Salix mucronata), Kätzchen, Blätter und Holz äußerlich zur Behandlung von Entzündungen.mini|Salix mucronata „Ägyptische Weide“ Emmer (Triticum turgidum), äußerlich zur Behandlung von entzündeten Wunden und Geschwüren.mini|Wild-Emmer Weinrebe (Vitis vinifera), Wein diente als Lösungsmittel in medizinischen Rezepten.
Es gibt viele weitere Heilpflanzen, bei denen es sehr wahrscheinlich ist, dass die alten Ägypter sie kannten und verwendeten, deren altägyptische Namen in den Papyri aber noch nicht übersetzt werden können. Auch für in Gräbern gefundene oder z. B. in der Kräuterkammer des Karnak-Tempels abgebildete Pflanzen sind die altägyptischen Bezeichnungen meistens nicht bekannt.
Herstellung pflanzlicher Arzneimittel im alten Ägypten Die Rezepturvorschriften bestanden aus Indikationen, Bestandteilen samt Maßangabenhierzu klärend: Tanja Pommerening: Die altägyptischen Hohlmaße (= Studien zur Altägyptischen Kultur. Beihefte 10). Buske, Hamburg 2005, ISBN 3-87548-411-8. (Hohlmaßangaben in roter Schrift), Herstellungsvorschriften und Anwendungshinweisen. Man kann den Ägyptern bereits eine hochentwickelte Kunstfertigkeit bei der Herstellung von Arzneimitteln bescheinigen, beispielsweise das „Ruhenlassen einer Arzneimittelmischung über Nacht“, was man heute als Extraktion bezeichnen würde – Aufkochen, Quellenlassen oder Eindicken. Als Arzneimittelgrundlagen wurden Wein, Bier, Milch, Wasser sowie pflanzliche Öle, und für eine festere Konsistenz wurden Getreidebreie und tierische Fette verwendet.
Beispiele altägyptischer Arzneimittel Rizinussamen als Abführmittel:alle folgenden Beispiele aus: Renate Germer: Die Heilpflanzen der Ägypter. Düsseldorf u. a. 2002. „ein anderes Heilmittel für das Entleeren des Bauches und das Beseitigen von Krankheitserscheinungen im Bauch des Mannes: Samen der Rizinuspflanze; werde gekaut, werde heruntergespült mit Bier, bis das alles herauskommt, das in seinem Bauch ist.“Papyrus Ebers § 25 Kreuzkümmel zur Behandlung des Bauches: „ein anderes (Heilmittel) für den Bauch, wenn der krank ist: Kreuzkümmel 1/64 ro, Gänsefett 1/8 ro, Milch 20 ro, werde gekocht, werde durchpresst, werde getrunken.“Papyrus Ebers § 5 Wurzel des Granatapfelbaumes als Wurmmittel: „Töten des Hefat-Wurmes. Wurzel des Granatapfelbaumes 5 ro, Wasser 10 ro werde nachts dem Tau ausgesetzt, werde durchpresst, werde getrunken einen Tag lang.“Papyrus Ebers § 50 Tatsächlich enthält die Wurzelrinde des Granatapfelbaumes hochwirksame Pyridin-Alkaloide gegen Bandwürmer. Wacholderbeeren als harntreibendes Mittel: „ein anderes (Heilmittel für das Beseitigen von Harn, wenn er zu viel ist): Wurzel der ķ3d.t-Pflanze 1/4, Weintrauben 1/8, Honig 1/4, Wacholderbeeren 1/32, süßes Bier 7 1/2 ro, werde gekocht, werde durchpresst, werde getrunken an einem Tage.“Papyrus Ebers § 278 entspricht Papyrus Hearst § 64 Wacholderbeeren in uteruskontrahierenden Zäpfchen: „Ein anderes (Heilmittel zum Lösen eines Kindes aus dem Bauch der Frau): Wacholderbeeren 1, ní3í3-Pflanze 1, Koniferenharz 1, werde zu Zäpfchen gemacht, werde in die Scheide gegeben.“Papyrus Ebers § 806 Heilmittel für das Beseitigen von vielem Kindergeschrei: špnn (Frucht/Körner) der špn-Pflanze. Ob damit möglicherweise Mohn gemeint sein könnte, ist ungeklärt. „Kot von Fliegen, der an der Mauer ist; werde zu einer Masse gemacht, werde durchgepresst, werde getrunken vier Tage lang. (Es) hört schnell auf.“Papyrus Ebers § 782
Im Mainzer Institut für Ägyptologie und Altorientalistik der Universität Mainz wurden von der Ägyptologin Tanja Pommerening, die außerdem auch approbierte Apothekerin ist, einige Arzneimittel nach alten ägyptischen Originalrezepten aus dem Papyrus Ebers hergestellt und publiziert.Johannes Gutenberg-Universität Mainz; Institut für Ägyptologie und Altorientalistik, Fachbereich 07, Geschichts- und Kulturwissenschaften: Altägyptische Heilmittel nach Originalrezepten hergestellt. (Volltext als PDF-Datei).
Arzneimittelanwendung und Magie Die altägyptischen Texte haben einen standardisierten Aufbau bestehend aus Rezept (Herstellungsvorschrift), Prognose, Lehrtext und Zauberspruch. Über die Ausgangsmaterialien wurden Beschwörungen gesprochen, und die Anwendung der Arzneimittel war mit heilkundlichen Zaubersprüchenhierzu: Hans-Werner Fischer-Elfert, Tonio Sebastian Richter: Altägyptische Zaubersprüche (= Universal-Bibliothek. Band 18375). Reclam, Stuttgart 2005, ISBN 3-15-018375-8. und Ritualen eng verwoben. Der Gebrauch eines Heilmittels oder einer Beschwörung wurde immer auf die Welt der Götter zurückgeführt, um die Wirksamkeit zu verstärken.
Beispiele: „Anfang von den Heilmitteln, die Re gemacht hat für sich selbst“,Papyrus Ebers § 242. „ein zweites Heilmittel, das Schu gemacht hat für sich selbst“Papyrus Ebers § 243 oder „ein drittes Heilmittel, das Schu gemacht hat für Re selbst“.Papyrus Ebers § 244 Die Arzneimittel wurden oral, vaginal, anal, über Salbungen, Verbände, Umschläge, Trank- und Räuchermittel verabreicht.Hans-Werner Fischer-Elfert: Heilkunde im Alten Ägypten. In: Harald Froschauer, Cornelia Römer (Hrsg.): Zwischen Magie und Wissenschaft. Ärzte und Heilkunst in den Papyri aus Ägypten. Wien 2009.
Bedeutung der altägyptischen Pflanzenheilkunde für nachfolgende Kulturen Die altägyptische Medizin hatte bei den Griechen einen ausgesprochen guten Ruf.Homer: Odyssee IV, 229–232, in der Übersetzung von Hampe R. Stuttgart: Reclam; 1979. Vergleiche auch die Passage über die ägyptischen Ärzte in Herodot II, 84. Man kann die Bedeutung der altägyptischen Pflanzenheilkunde für nachfolgende Kulturen nur sehr schwierig erfassen, da viele Heilpflanzen bis jetzt noch nicht eindeutig identifiziert werden konnten. Andererseits ist es jedoch sehr unwahrscheinlich, dass der Erfahrungsschatz der alten Ägypter mit dem Ende der Pharaonenzeit abrupt verloren ging.