mini|hochkant| Sturm (russ. , Burja) ist ein Roman über den Westfeldzug und den Deutsch-Sowjetischen Krieg, den der russische Schriftsteller Ilja Ehrenburg vom Januar 1946 bis zum Juni 1947 schrieb und der vom April bis zum August 1947 monatlich in der Literaturzeitschrift Nowy Mir erschien.
Volk und Welt hielt die Rechte an der Übersetzung ins Deutsche seit 1948.siehe deutschsprachige Ausgabe von 1953, S. 4, 3. Z.v.u. Der Roman wurde aus dem Russischen ins Tschechische (Bouře, 1948), Englische (The Storm, 1948) und Türkische (Fırtına, 1969) übertragen.
Überblick Thema Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion: Es kommt in diesem subjektiv gefärbten Roman nicht ein deutscher Soldat vor, der keine andere Wahl hatte, als dem Einberufungsbefehl zu folgen und der bis zum Schluss des Krieges trotzdem moralisch integer bleibt. Während der Herrschaft Stalins geschrieben und herausgebracht, vermittelt der Text ein weitgehend einseitiges Bild vom prügelnden, mordenden deutschen Aggressor versus dem in jeder Lebenslage nachsichtig duldenden, unerschrocken mit viel zu wenig MunitionVerwendete Ausgabe, S. 226, 18. Z.v.o. kämpfenden und in den Tod gehenden Sowjetmenschen. Als die Besten unter den Russen werden die Kommunisten dargestellt, namentlich die Kommandeure und Kommissare der Roten Armee. Zur Schreibzeit, also kurz nach dem gewonnenen Krieg gegen die Deutschen und ihre europäischen Verbündeten, fällt Ilja Ehrenburg der Vortrag seiner romanglobalen Idee leicht: Die Russen – abgesehen von einigen Wankelmütigen – glauben an den Sieg ihrer Waffen und zwar trotz aller anfänglichen Rückschläge zu jeder Zeit. Stalin spricht aus dem Hintergrund sparsam als guter Vater zum Sowjetvolk. Sein Widerpart Hitler äugt aus seinem Reich janusgesichtig nach West und Ost.
Der aktuelle Handlungsort wechselt zwischen Paris, irgendeinem der schier unzähligen russischen und später osteuropäischen Kriegsschauplätze sowie schließlich dem untergehenden Deutschen Reich. Die außerordentliche Gestaltungskraft des Autors soll an ein paar Fraugestalten – um die zwei Romanhelden gelagert – skizziert werden. Diese beiden Protagonisten sind der junge Hauptmann der Pioniertruppen Brückenbauingenieur Sergej Wlachow und der junge Bataillonskommissar Ossip Alper aus Kiew. Letzterer vernachlässigt seine junge Frau Raissa Michailowna Alper – Raja gerufen; lässt sich ein Jahr vor dem Kriege widerspruchslos bis zum Kriegsausbruch an die Petschora schicken. Das Paar verliert natürlich während des Krieges den Kontakt ganz. Raja meldet sich zu Kriegsbeginn als Krankenschwester, hält durch und muss aber die geliebte einzige kleine Tochter Alja in Obhut der treusorgenden Schwiegermutter Chana schweren Herzens in Kiew zurücklassen. Nachdem im Kriege Chana und Alja von den deutschen Einsatzgruppen in Babyn Jar ermordet wurden, will die Krankenschwester Raja nur noch Deutsche töten. Wie stolz ist der Bataillonskommissar Ossip Alper, als er nach so langer Zeit aus dem Munde des Vorgesetzten erfährt, seine Raja – Sergeant Raissa Alper – wurde als Scharfschützin der Roten Armee mit dem Orden des Roten Sterns dekoriert!
Der andere der beiden Helden – Sergej Wlachow – hatte sich in Paris längere Zeit dienstlich bei seinem Freunde Maurice Lancier aufgehalten. Als Sergej Wlachow in die russische Heimat zurückging, musste er seine erste Liebe, Lanciers einzige Tochter, die Malerin Madeleine, Mado gerufen, zurücklassen. Er hatte ein Zusammenleben kategorisch ausgeschlossen. Während Sergej Wlachow – wieder daheim – im April 1941 eine Vernunftehe mit der feinfühligen, zarten Valja eingeht, heiratet Mado in Paris – ebenfalls aus Vernunftgründen – den Industriellen Joseph Berty. Das „Paar“ Mado-Berty hasst sich. Mado läuft dem Gatten davon und taucht unter; geht in die Résistance. Mitte 1942 wollen die Deutschen die kriegswichtige Motorenfabrik des Ingenieurs Joseph Berty der französischen Saboteure wegen ins Reich verlegen, falls der Fabrikinhaber das Problem Sabotage nicht in Bälde aus der Welt schafft. Joseph Berty verrät sechzehn verdächtige Mitarbeiter an die Deutschen. Alle sechzehn werden liquidiert. Darauf lockt Mado den ungeliebten Gatten in das Pariser Ausflugslokal Belle Hôtesse und erschießt den Verräter.
Im Sommer 1942, also vor der Stalingrader Schlacht, spricht Oberst Gabler in Rshew mit einem seiner Untergebenen, dem Unteroffizier Richter. In Friedenszeiten war der Gefreite Kurt Richter daheim in Deutschland der Architekt des Obersts gewesen. Oberst Gabler äußert zum Problemfall Stalingrad: „Unsere Lage ist ungünstig … der Führer kann den Druck im Süden nicht abschwächen. Wir müssen uns wehren … Schade, daß wir die Blüte unserer Armee … hier preisgeben.“Verwendete Ausgabe, S. 356, 20. Z.v.o.
Der Jagdflieger Louis Lancier, Maurice Lanciers Sohn, hat bereits mehrere deutsche Gegner abgeschossen und wartet in London unter de Gaulle auf deutsche Gegner. Die sind anscheinend an der Ostfront eingesetzt. Also will Louis Lancier aufseiten der Russen weiterkämpfen. Sein englischer Gesprächspartner Major Davis rät zum Abwarten: „… soll Hitler noch einmal siegen, doch das wird ein Pyrrhussieg sein. Wir werden ihm den letzten Schlag versetzen … Wenn die Bolschewiken niedergeschlagen sind, werden wir den Russen helfen, einen Staat mit einem Regime zu schaffen, das uns mehr zusagt.“Verwendete Ausgabe, S. 362, 14. Z.v.o. Bei alledem bewundert der Engländer die Verteidiger „von Stalingrad … auch wenn sie Kommunisten in Reinkultur sind.“Verwendete Ausgabe, S. 362, 4. Z.v.u.
Höhere Offiziere erscheinen in der ersten Romanhälfte selten als handelnde Personen. Der erste handelnde General ist der sowjetische Generalmajor Petrjakow, der gegen Ende des vierten der sechs Bücher Hauptmann Sergej Wlachow in Stalingrad zum Major befördert und mit dem Rotbannerorden dekoriert.Verwendete Ausgabe, S. 437 unten bis S. 439 oben Sonst treten gewöhnlich untere Chargen im Bataillon oder in der Kompanie auf. Ilja Ehrenburg geht sogar so weit, dass er sowjetische Kommandeure, die am Stalingrader Häuserkampf beteiligt sind, die Einkesselung des Gegners als unfassliches Wunder erleben lässt.Verwendete Ausgabe, S. 424, 20. Kapitel Dazu passt ein über die erste Romanhälfte hinweg gültiges Erzählelement: Die sowjetischen Kämpfer agieren weitgehend als Eingekesselte oder Versprengte ohne Information. So fragt zum Beispiel ein sterbender russischer Soldat, was denn Stalin im Radio gesagt habe. Während Ilja Ehrenburg in den Pariser Kapiteln des Romans mehrfach französische Geschäftsleute und Intelligenzler ausführlich zu Wort kommen lässt, wenn sie unter sich eine Lagebewertung riskieren, meidet er in den in Russland spielenden Kapiteln die „Königsebene“ und bevorzugt gewöhnlich die Schilderung des Kriegsalltages in unmittelbarer Nähe der leidgeprüften Zivilbevölkerung.
Die Truppenführung der angreifenden Wehrmacht wird mehrfach angedeutet. Zum Beispiel wissen die im russischen sumpfigen Waldgebiet versteckten sowjetischen Partisanen, bei einsetzender Trockenheit haben sie gegen den motorisierten Feind schlechte Karten. Ansonsten ist der gegnerische Gefechtsablauf bekannt. Nach dem Aufklärer stürzen Stukas herab, darauf dröhnt die Artillerie und dann wird es brenzlig. Die anrückenden Panzer müssen zum Stehen gebracht werden.
Handlung Vorgeschichte Der Zuschneider Naum Alper lebt mit seiner Frau Chana und den beiden gemeinsamen Söhnen Leo und Ossip in Kiew. Gegen den Willen seiner Frau geht Naum vor dem Kriege mit Leo nach Paris. Chana bleibt mit dem jüngeren Sohn Ossip in Kiew. Leo ist fünf Jahre älter als Ossip. Naum flickt in Paris den Armen die Kleider und fällt als Kriegsfreiwilliger in der Champagne. Leo studiert Mathematik, heiratet die hübsche Modistin Leontine, profiliert sich als begabter Ingenieur und avanciert in Paris zum Teilhaber im Unternehmen des Franzosen Maurice Lancier aus Niort. Der Architekt Ossip lebt mit der Ehefrau Raja und der kleinen Tochter Alja in Kiew zusammen mit der Mutter Chana. Raja hat in Kiew zwei Freundinnen – die vier Jahre ältere Valja und Galotschka. Letztere ist die des Öfteren unvermittelt lachende Lachtaube. Valja freundet sich mit der 20-jährigen Natascha an. Nataschas Vater, der 50-jährige Oberstabsarzt Dmitri Alexejewitsch Krylow, ein Kommunist aus Lipezk, arbeitet im Krankenhaus als Hals-Nasen-Ohrenarzt.
Sommer 1936 bis 9. Mai 1945 Der russische Ingenieur Sergej Wlachow, dienstlich in Paris, verliebt sich in Mado, die Tochter des 54-jährigen Pétain-Verehrers Maurice Lancier und seiner Ehefrau Marceline. Die Liebe wird erwidert, ist aber unglücklich. Sergej Wlachow muss in die Heimat zurück und heiratet dort Valja.Schröder zitiert Ehrenburg in der verwendeten Ausgabe S. 759, 15. Z.v.o. Lanciers Kompagnon Leo, inzwischen Franzose geworden, wird 1939 einberufen und gegen die Deutschen an die belgische Grenze geschickt. Im Krieg gegen Deutschland erschießt Leo einen deutschen Späher. Leos Frau Leontine bringt einen Sohn zur Welt. Einer von Lanciers Mitarbeitern, der Kommunist Henri Lejean, sitzt im Gefängnis. Lanciers und Marcelines Sohn Louis lässt sich als Jagdflieger ausbilden.
Fast ganz Paris, auch Leontine mit ihrem Kleinstkind, flieht vor der anrückenden Wehrmacht. Das Kind stirbt auf dem Weg zur Loire an der Brust der Mutter. Lancier gelingt mit Marceline, Mado und Louis die Flucht nach Bordeaux. Marceline stirbt. Mado und Louis – letzterer inzwischen Leutnant – nennen Pétain, der demobilisiert, einen Verräter. Louis verlässt den verwitweten Vater. Der Jude Leo Alper zieht sich vor dem deutschfreundlichen Maurice Lancier zurück.
1940 wird der junge Berliner Architekt Kurt Richter von seiner Firma nach Moskau geschickt. Richter kennt einen seiner russischen Gesprächspartner aus einer Begegnung im Juli 1932 in Kusnezk. Im Auftrage seines Vorgesetzten fragt Richter den parteilosen russischen Partner vergeblich aus. Richter, bei Kriegsausbruch u.k. gestellt, reist unverrichteter Dinge zu seiner Frau Hilde nach Berlin zurück.
Valja, die inzwischen 26 Jahre alt ist und in Moskau ohne Erfolg Schauspiel studiert, verbringt den Sommer in Kiew bei ihrer Freundin Raja. Deren Ehemann Ossip – schreibfaul – hält sich immer noch dienstlich an der Petschora auf. Valja kehrt nach Moskau zurück und verliebt sich in Sergej Wlachow. Natascha heiratet Sergej Wlachows Bruder, den in Moskau geborenen Wassili, Wassja gerufen, in Minsk, als die Wehrmacht in Weißrussland einmarschiert. Nataschas Vater Dr. Krylow will die Tochter zu Verwandten ins Hinterland nach Atkarsk schicken, doch die junge Frau fährt an die Front. Dr. Krylow nennt die Tochter ein Prachtmädel.
Wassja dient in einem Pionierbataillon. Er erschießt kurzerhand einen Panikmacher. Die Wehrmacht nähert sich der Beresina. Das Regiment, in dem Wassja dient, wird eingekesselt. Raja arbeitet in einem Lazarett. Das wurde im Wald bei Poltawa eröffnet. Auch Dr. Krylow operiert in einem solchen Waldlazarett. Unter sein Messer kommt auch ein junger deutscher Panzersoldat. Krylow fragt ihn, warum er zittere. Der Verwundete erwidert: „Man hat uns gesagt, die Roten kastrieren die Gefangenen. Töten Sie mich lieber.“Verwendete Ausgabe, S. 209, 5. Z.v.u.
Obwohl die Rote Armee sogar manchmal zum Gegenangriff übergeht, obwohl Ordnung geschaffen wird – ein paar Wankelmütige werden erschossen – muss sie Tschernigow, Romny und Kiew aufgeben. In Kiew verliert Valjas Vater Alexej Nikolajewitsch Steschenko im September 1941 die Fassung; gibt den Kommunisten und Juden die Schuld am deutschen Einmarsch.
Am 12. Oktober 1941, als der Bataillonskommandeur fällt, führt Kommissar Ossip Alper das Bataillon. Die Deutschen haben Odessa, Charkow, das Donezbecken und die Krim besetzt, als Sergej Wlachow in ein Pionierbataillon eintritt, das an der Wolga aufgestellt wird. Nach den ersten Einsätzen lobt Sergejs Oberst den „zivilistisch“ erscheinenden Pionier.
mini|Ilja Ehrenburg (rechts im Bild) 1942 im Gespräch mit Panzersoldaten der Roten Armee