Ingungu (isiZulu) ist eine Stab-Reibtrommel der Zulu in Südafrika, die aus einem mit Ziegenhaut bespannten Tontopf besteht und von Mädchen bei Pubertätsriten (ukuthomba) aus Anlass der ersten Menstruation zur Begleitung von häufig nachts in der Abgeschiedenheit gesungenen Liedern verwendet wird. Die Spielerin streicht mit feuchten Händen an einem lose auf der Membran aufgesetzten Stab entlang und produziert so ein brummendes Geräusch.
Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Mit Tierhaut bespannter Kampfschild des Zulu-Kriegers Utimuni, eines Neffen des Königs Shaka. Handkolorierte Lithografie von George French Angas, 1849. Die ursprünglichste Form einer Trommel, die noch Anfang des 20. Jahrhunderts bei den Xhosa von Frauen zur Begleitung von Zeremonialtänzen (abakweta) in den Beschneidungsschulen der Jungen geschlagen wurde, ist die ingqongqo. Hierfür wurde die Haut eines rituell geschlachteten Ochsen oder Büffels in der Sonne getrocknet und anschließend in etwa einem Meter Höhe über dem Boden leicht durchhängend zwischen Stöcken gespannt oder von den im Kreis stehenden Frauen mit einer Hand gehalten. Mit Stöcken in der anderen Hand schlugen die Frauen auf die Haut, die sie nach dem Tanz zum späteren zeremoniellen Gebrauch beiseitelegten.Percival R. Kirby, 1934, S. 20–22, Tafel 7 Die erste bekannte Schilderung dieser Ritualtrommel findet sich bei Cowper Rose (1829), einem britischen Offizier, der seinen vierjährigen Aufenthalt am Kap schildert.Cowper Rose: Four Years in Southern Africa. Henry Colburn and Richard Bentley, London 1829, S. 146.
Ein ebenso archaisches Ritualinstrument war ein einst als Kriegsgerät verwendeter Schild, dessen Membranbespannung mit Stöcken geschlagen wurde. Bei den Xhosa hieß der Kampfschild ikawu. Der nächste und wesentliche Entwicklungsschritt bei Membranophonen stellt die Einführung eines hohlen Resonanzkörpers dar. Eine temporär hergestellte Trommel war die intambula der Swazi, deren Namen wahrscheinlich von Portugiesisch tambor (vgl. tabor) abgeleitet ist. Bei Bedarf wurde über ein tönernes Biergefäß (imbiza) eine unbeschnittene Ziegenhaut in nassem Zustand gespannt. Der Musiker schlug mit einem Stock in der rechten Hand auf die Membran, die ein seitlich kauernder Assistent mit seinem beiden Händen gespannt hielt. Spielte der Musiker die Trommel allein, dann zog er die Tierhaut so über das Gefäß, dass zwei ihrer Fußenden auf dem Boden lagen und in seine Richtung zeigten. Hierauf drückte er seine Knie, während er die andere Seite der Haut mit der linken Hand gespannt hielt und sie mit einem Stock in der rechten Hand schlug. Die intambula wurde bei der Initiation eines traditionellen Heilers, bei Hochzeitstänzen und manchen anderen Tänzen eingesetzt.Percival R. Kirby, 1935, S. 23–26.
Schlagtrommeln aus Tontöpfen gehören zum Instrumentarium der Khoikhoi (früher „Hottentotten“), die seit der Zeitenwende im südlichen Afrika leben. Sie verwenden seit alter Zeit am Boden geschlossene Kesseltrommeln aus mit einer Membran bespannten Gefäßen, die den früher halbsesshaften Viehzüchtern zur Aufbewahrung von Milch dienten. Die traditionelle Trommel der Khoikhoi war ein umfunktioniertes Milchgefäß aus einem Bambusrohrabschnitt, einem ausgehöhlten Holzstück oder einem Tontopf. Die älteste Beschreibung einer solchen Trommel der Khoikhoi überliefert der niederländische Arzt und Schriftsteller Olfert Dapper (1668), der selbst nie in Südafrika war und sich auf einen Augenzeugen beruft, dessen Name nicht bekannt ist.Olfert Dapper: Naukeurige Beschrijvingen der Afrikaensche gewesten. Jacob van Meurs, Amsterdam 1668, S. 653b Dapper bezeichnet als erster diese mit den Händen geschlagene Trommel als „rommel-potten“ und setzt damit ihre Bauform mit dem niederländischen Rommelpot gleich, der aber zu den völlig anders gespielten Reibtrommeln gehört. In europäischen Reiseberichten aus dem 18. Jahrhundert werden ähnliche Trommeln erwähnt. Eine ausführliche Beschreibung über Form und Spielweise der Schlagtrommel gibt der Afrikaforscher Peter Kolben (1719),M. Peter Kolben: Caput bonae spei hodiernum. Das ist: Vollständige Beschreibung des africanischen Vorgebürges der Guten Hofnung... Peter Conrad Monath, Nürnberg 1719, S. 528. der jedoch hinzufügt, dass die Khoikhoi die Trommel bei festlichen Gelegenheiten ebenso wie in einigen europäischen Regionen verwenden: „...eben gleich in Braband, ingleichen auch in Thüringen und Sachsen auf den Rommel-Töpffen gespielet wird; wie sie ihnen denn auch bey ihren Lustigkeiten und Tänzen anstatt einer Trommel dienen, oder die Stelle einer Heer-Paucke vertretten müssen...“ Peter Kolben unterscheidet zwischen Schlagtrommeln und Reibtrommeln, wenn er letztere als Ersatz für quasi echte Trommeln ansieht, dennoch verwendet er offenbar von Dapper den Namen „Rommel-Topff“ für die Khoikhoi-Schlagtrommeln. Diese sprachliche Verwechslung, die in späteren Reiseberichten übernommen wurde, ist in die Amtssprache Afrikaans eingegangen.Percival R. Kirby, 1934, S. 16. Percival Kirby fand 1932 in Bloemhof bei einer Frau der Koranna eine nach alter Tradition aus einem zur Aufbewahrung von Milch verwendeten Weichholzgefäß hergestellte Trommel. Bei dieser /khais war eine nasse Ziegenhaut, die nach Trocknung geschlagen werden konnte, über die Öffnung gespannt.Percival R. Kirby, 1965, S. 18. Die Form der /khais entspricht dem in den Niederlanden als rommelpot bezeichneten Trommeltyp.Laurie Levine: The Drumcafé's Traditional Music of South Africa. Jacana Media, Johannesburg 2005, S. 229.
mini|hochkant|Hölzerne Gefäße (iThunga, Plural amaThunga) mit Handgriffen, die von Zulu zum Melken verwendet wurden. Mit einer Membran bespannt wird daraus die Trommel moropa. Weitere aus der südafrikanischen Tradition stammende Gefäßtrommeln sind die aus einem Holzstamm konisch mit einem Henkel in der Form eines übergroßen Bierkrugs hergestellte murumbu der Venda.Moropa. University of Cape Town Libraries Digital Collection (Abbildung einer Holztrommel moropa mit Henkel aus Botswana) Die Form entspricht fast genau dem hölzernen Milchgefäß khamelo, das einen Henkel besitzt, weil es beim Melken der Kuh schräg zwischen den Beinen gehalten wird. Ebenso hält die Spielerin die Trommel zwischen den Beinen und schlägt sie mit beiden Händen. Bei den Pedi heißt dieser Trommeltyp moropa. Der Name moropa stand im 19. Jahrhundert bei den Basotho von Basutoland für eine runde Kesseltrommel aus Ton, die Mädchen am Beginn ihrer Initiationszeremonie mit den Händen schlugen.Percival R. Kirby, 1934, S. 30, 32. Bis heute spielen die Venda die große „magische“ Kesseltrommel ngoma, deren hölzerner Korpus im Querformat aus einem Holzstamm geschnitzt wird. Die Membran der ngoma ist an Pflöcken befestigt, während die seitlichen Handgriffe als die gestalterische Übernahme einer Schnurverspannung erscheinen. Der bei heiligen Ritualen geschlagenen ngoma wird ein Einfluss auf den Zusammenhalt der Gemeinschaft zugesprochen. Eine gänzlich andere Herkunft und Bedeutung als die Gefäßtrommeln hat die Röhrentrommel ghoema, die im 17./18. Jahrhundert von Kapmalaien aus Asien eingeführt wurde.
Die meisten altüberlieferten Schlagtrommeln in Südafrika wurden von Frauen bei Zeremonien gespielt. Die moshupiane der Pedi ist eine der moropa ähnliche Reibtrommel mit einem kesselförmigen Holzkorpus, die von einer älteren Frau bei Initiationszeremonien der Mädchen gespielt wird. Das in den 1930er Jahren selten gewordene Instrument wird von den Frauen im Geheimen hergestellt und darf von den Mädchen auch beim Spieleinsatz nicht gesehen werden. Der Holzkorpus ist mit Ziegenhaut bezogen, die am Rand mit einer Wicklung von Hautstreifen befestigt ist. Bei einem noch selteneren Typus, den Percival Kirby erwähnt, ohne ihn gesehen zu haben, besteht der Korpus aus einer fassförmigen Konstruktion von Holzstäben, die bis auf die Membranoberseite vollständig mit Rindshaut überzogen ist. Die ältere Frau hält die moshupiane unter ihrem linken Arm und streicht mit einem getrockneten und für die Verwendung angefeuchteten Bündel Sorghumhirse gegen den Uhrzeigersinn über die Membran und erzeugt so ein unheimliches, schreiendes Geräusch. Damit werden die Mädchen, die ein bestimmtes Stadium der Initiation abgeschlossen haben, nachts auf dem Weg in ihre Siedlung (Kraal) begleitet. Die Mädchen sollen in dem Geräusch einen sie bewachenden Naturgeist in Gestalt einer Eule erkennen. Nachdem die Gruppe den Wohnort erreicht hat, wird die Trommel verbrannt. Als Reibtrommel steht die moshupiane der ingungu am nächsten.Percival R. Kirby, 1934, S. 33f.
Die laut Henry Balfour (1907)Henry Balfour: The Friction-Drum. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland. Band 37, Januar–Juni 1907, S. 67–92, hier S. 73. älteste Funktionsbeschreibung einer Reibtrommel in Afrika stammt von Emil Holub, der in den 1870er Jahren im südlichen Afrika reiste. Er fand im Barotseland im heutigen Sambia die Trommel morupa:
In einem anderen WerkEmil Holub: Eine Culturskizze des Marutse-Mambunda-Reiches in Süd-Central-Afrika. (Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in Wien) Gerold, Wien 1879, S. 158. beschreibt er die morupa als 50 Zentimeter lange Röhre mit 20 Zentimeter Durchmesser, die sich an einem Ende etwas verjüngt. Eine ähnliche, „sehr laute“ Reibtrommel fand Joachim John Monteiro (1875) in Angola.Friction drum with fixed stick. University of Cape Town Libraries Digital Collection (Abbildung einer entsprechenden Reibtrommel mit im Innern fixiertem Stab aus Sambia) Nach seiner Beschreibung war die Holzröhre einseitig mit Haut bespannt. Ein durch ein Loch in der Mitte gesteckter Stab wurde mittels eines Knotens am Durchfallen gehindert. Der Spieler strich mit einer nassen Hand von der offenen Unterseite in der Röhre am Stab entlang.Joachim John Monteiro: Angola and the River Congo. Band 2. Macmillan & Co, London 1875, S. 140.
Eine von den Subia (Subiya, Eigenbezeichnung Ikwahani), einer bantusprachigen Gruppe in Namibia bekannte Reibtrommel besteht aus einem an der Unterseite offenen Gefäß mit einem Durchmesser von etwa 50 Zentimetern. Der Spieler greift mit einer Hand in die Öffnung der am Boden liegenden Trommel und reibt die Membran mit einem an seiner Hand festgebundenen nassen Faserbündel bei rituellen Anlässen.Matt Dean: The Drum: A History. Scarecrow Press, Lanham 2012, S. 52.
Bauform und Spielweise mini|Eine Khoikhoi-Frau schlägt die Kesseltrommel /khais, welche der ingungu ähnelt. Schwarzweißreproduktion eines Aquarells von Charles Davidson Bell, 1834. Die Reibtrommel ingungu wird als bis heute existierende Tradition der Zulu erwähnt.Zulu. Kruger National Park Percival Kirby fand in den 1930er Jahren die ingungu nur selten, weil die zu ihr gehörenden Zeremonien kaum noch durchgeführt wurden. In Reiseberichten aus dem 19. Jahrhundert kommt die ingungu nicht vor, sie wird lediglich in einigen Wörterbüchern beschrieben, wobei über ihre Form keine Einigkeit besteht. Der deutsche Missionar Jacob Ludwig Döhne (1857) erwähnt unter dem Eintrag in-gungu eine Art Trommel aus einem großen Korb, der mit einer dünnen Haut überzogen ist, wie eine Trommel geschlagen wird und dabei ein Geräusch wie „ngu! ngu!“ produziert. Ukwenza ingungu bedeutet demnach, „ein Geräusch wie ngu machen“, „trommeln“.Jacob Ludwig Döhne: Zulu-Kafir Dictionary. Kapstadt 1857, S. 111. Entsprechend wird das Wort ingungu lautmalerisch auf das Schnauben eines Gnus zurückgeführt.Marlene Burger: Indexing traditional African musical instruments. In: The Indexer. Band 21 Nr. 4, Oktober 1999, S. 169–172, hier S. 170.