mini|Gedenkstein für die zerstörte Synagoge, davor vier Stolpersteine
Die Geschichte der Juden in Frankfurt (Oder) begann vermutlich schon mit der Stadtgründung 1253. Nach der fast vollständigen Vertreibung und Ermordung der jüdischen Einwohner Frankfurts in der Zeit der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 kam es 1998 durch die Zuzug von Juden aus den ehemaligen Gebieten der Sowjetunion zur Neugründung einer jüdischen Gemeinde.
Ersterwähnung Laut einer Urkunde vom 30. April 1294 schlichtete der Rat einen Streit zwischen dem Schlächtergewerk und den zehn Juden Mosko, seinem Schwager Jakob, Jakob ben Johannes von Hohenwalde, Samson, Glomeke, David, Jakob ben Hugo, Joseph, Samuel und Habram. Das Knochenhauergewerk wollte erwirken, dass die zehn jüdischen Schlächter unter den 52 Fleischscharren der Stadt nur noch 50 Stück Rindvieh pro Woche schlachten dürften. Es wurde eine Schlachtordnung festgelegt. Dieser Vorgang weist auf eine stabile jüdische Gemeinde hin. Darum wird davon ausgegangen, dass schon vor der Stadtgründung 1253 Juden in Frankfurt lebten.
Der jüdische Friedhof in Frankfurt (Oder) in den Judenbergen östlich der Oder wurde erstmals 1399 erwähnt. Am 20. Januar 1399 wurde der Stadt Frankfurt (Oder) der Kauf des Dorfes Cunrathsdorff (heute Kunowice) durch den Markgrafen Jobst genehmigt. Aus diesem Anlass bestätigte der Frankfurter Rat im Juli 1399 den Juden ihre Rechte und Pflichten an ihrem Friedhof. Die Urkunde ging verloren, wurde aber durch den Pfarrer und Heimatforscher Christian Wilhelm Spieker in der von ihm herausgegebenen Zeitung Frankfurter Patriotisches Wochenblatt vom 13. Juni 1835 dokumentiert. Demnach gab es bereits vor 1399 einen Judenfriedhof an einer Stelle mit der üblichen Bezeichnung „Judenberg“ hinter dem Wachturm „Kuhburg“ auf einem Grundstück, das von der Familie Hokemann an die Stadt Frankfurt (Oder) verkauft wurde. Da bereits 1294 Juden in Frankfurt nachgewiesen werden können, wird davon ausgegangen, dass der jüdische Friedhof in Frankfurt (Oder) bereits mindestens 100 Jahre vor seiner Ersterwähnung bestand. Damit gehört er zu den ältesten bekannten Begräbnisstätten Mitteleuropas.
Bei einem Pogrom 1491/1492 wurden alle Juden getötet, aber es zogen bald darauf wieder Juden in die Stadt. Auf Befehl des Kurfürsten Johann Cicero musste die Stadt Frankfurt einige Häuser von Juden wieder aufbauen.
1498 wurde ein jüdisches Wohnquartier mit Synagoge abgerissen, um dort bis 1506 das Collegienhaus der zukünftigen Brandenburgischen Universität Frankfurt zu errichten.
16. Jahrhundert + Jüdische FrankfurterJahr Anzahl Einwohneranteil ca. in %1567 11 jüdische Familien 0,5um 1600 keineum 1675 wenige1688 43 jüdische Familien 3um 1700 74 1um 1785 623 Juden 61801 592 5um 1807 ca. 300 31828 490 21840 591 21864 ca. 800 21871 767 21895 777 11910 625 11925 669 11933 ca. 600 0,71944 62 0,071945 keine1998 17 0,022015 ca. 240 0,4
Im Jahr 1510 wurden in Berlin 38 Juden aus verschiedenen märkischen Städten wegen angeblicher Hostienschändung und Kindsmord auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Alle jüdischen Einwohner flohen aus Brandenburg oder wurden vertrieben. Erst 1535 durften jüdische Händler die Märkte der Neumark und Frankfurts wieder besuchen. 1539 wurde die Unschuld der Juden anerkannt und Kurfürst Joachim II. öffnet die Mark wieder für durchziehende jüdische Händler.
Neuansiedlungen von Juden fanden in Frankfurt, mit einer Ausnahme des brandenburgischen Hofjuden Michael von Derenburg, erst wieder ab den 1550er Jahren statt. Der Rat der Stadt stellte sich offen gegen eine Ansiedlung von Juden. Ab spätestens 1552 kam es wiederholt zu Schikanen von jüdischen Einwohnern und Händlern in Frankfurt. Ab 1557 sind mehrere Gewalttaten gegen Juden in der Stadt belegt.
Im Jahr 1561 wurde eine neue Synagoge errichtet. Schon 1571 wurden alle Juden erneut aus Brandenburg vertrieben. In Frankfurt setzte man 25 jüdische Männer, darunter acht fremde, und 78 Frauen und Kinder fest. Juden durften sich in den folgenden 100 Jahren nicht in Brandenburg ansiedeln. Jüdische Händler spielten jedoch weiterhin eine bedeutende Rolle.
Ab den 1590er Jahren wurden an der Frankfurter Universität Bücher in hebräischen Lettern gedruckt, da an der Universität auch die hebräische Sprache unterrichtet wurde. Die Druckerei Andreas Eichorn kam diesem Bedürfnis nach und lieh sich die benötigten Drucktypen aus anderen Städten. 1594 erhielt die Familie Eichorn das Druckmonopol. Als an der Universität eine hebräische Bibel herausgegeben werden sollte, machte Eichhorn jedoch vermutlich ein zu teures Angebot. Deshalb erhielten Hans Hartmann und sein Sohn Friedrich eine Druckerlaubnis. Sie warben Fachkräfte aus Wittenberg an und konnten so 1596 die Biblia Hebraica Hartmannorum herausgeben, die insbesondere im nahen Polen einen Absatzmarkt fand.
17. Jahrhundert mini|Titelseite des Talmud von 1697 (Traktat Schabbat), herausgegeben von Johann Christoph Bekmann und Michael Gottschalck|alternativtext=Titelseite des Talmud von 1697 (Traktat Schabbat), herausgegeben von Johann Christoph Bekmann und Michael Gottschalck
1671 erlaubt Kurfürst Friedrich Wilhelm die Ansiedlung von 50 reichen jüdischen Familien vorwiegend aus Wien in Brandenburg. Zehn der Familien ließen sich in Frankfurt nieder. Am 1. Juni 1678 wurden als die ersten jüdische Studenten in Deutschland zwei junge Männer gegen den Widerstand vieler Professoren an der medizinischen Fakultät der Frankfurter Universität zugelassen. Hebräische Studien und Orientalistik gewannen an der Frankfurter Universität an Bedeutung.
Im Jahre 1673 erwarb der Frankfurter Professor Johann Christian Bekmann eine Druckerei. Er erhielt gegen den Protest der Stadt Frankfurt die Erlaubnis, zwei jüdische Buchdrucker zu beschäftigen, die unter dem direkten Schutz der Universität standen. Bekmann warb renommierter jüdischer Fachleute an, unter anderem aus Prag. Der Bedarf an hebräischen Schriften war enorm und die Druckerei prosperiert. Bekmann durfte weitere jüdischer Drucker anstellen und machte sich an sein Hauptwerk, die Neuauflage des zuletzt 1645 erschienenen Babylonischen Talmuds. Insbesondere im nahen Polen bestand eine große Nachfrage nach Talmud-Ausgaben, da als Folge der Kosakenaufstände selbst in größeren Gemeinden kaum hebräische Literatur vorhanden war. Der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm hoffte auf Impulse für den wichtigen Messestandort Frankfurt und gewährte der Beckmannschen Druckerei schließlich 1693 gegen einigen kirchlichen Widerstand das Privileg zum Neudruck des Talmud. Beckmann schloss sich mit dem Frankfurter Buchhändler Michael Gottschalck zusammen. Als es ihm nicht gelang, einen Finanzier für das ehrgeizige Vorhaben zu gewinnen, verkaufte Bekmann die Druckerei an Gottschalck und widmet sich wieder ganz der Wissenschaft.
Michael Gottschalck gelang es 1697 Issachar Berend Lehmann, den Hofbankier des Kurfürsten von Sachsen, als Finanzier zu gewinnen. Er konnte noch im selben Jahr die ersten Ausgaben des Talmud ausliefern, dessen zwölf Bände in einer Auflage von 2000 Exemplaren guten Absatz in ganz Europa fanden. Gottschalck wurde durch diesen Auftrag zu einem wohlhabenden Mann. Seine Druckerei prosperierte und druckte 1722 eine zweite Auflage des Talmuds. Das Werk erreichte elf Auflagen von meist mehreren tausend Stück.Babylonischer Talmud, Jüdische Druckerei, Frankfurt (Oder) 1734-39.
18. Jahrhundert 1704 wurde der jüdische Friedhof erweitert, 1720 eine Synagoge errichtet. Rabbiner von 1714 bis 1721 war Aaron Benjamin Wolf, der Schwiegersohn und Neffe von Jost Liebmann. Eine wichtige Familie waren die Beer Hertz.
An der Frankfurter Universität promovierte 1721 der erste Jude in Deutschland: Moses Salomon Gumpertz wurde Doktor der Medizin. Bis 1794 folgten 28 weitere Promotionen jüdischer Studenten in Frankfurt. Zwischen 1739 und 1810 studierten über 130 Juden in Frankfurt.
1764 erfolgte eine Erweiterung des jüdischen Friedhofs.
1770 bestand in Frankfurt nach Berlin die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Brandenburg mit einem geschätzten Bevölkerungsanteil von 10 % der etwa 10.000 Einwohner. Von 1768 bis 1780 ist Saul Berlin Rabbiner in Frankfurt, der mit mehreren Werken gegen das rabbinische Judentum Skandale verursachte. Ihm folgt von 1781 bis 1782 Josef Theomim, einer der fortschrittlichsten Rabbiner seiner Zeit, der tiefe Kenntnisse der Rabbinischen Literatur besaß und sich gut in den Theologischen Wissenschaften auskannte.
19. Jahrhundert mini|Inneres der Orgelsynagoge in der Tuchmacherstraße. Blick nach Nordosten.
Seit ca. 1820/1830 existierte eine jüdische Elementarschule.
Am 4. September 1823 wurde eine neue Synagoge in der Tuchmacherstraße 60 eingeweiht.
1836 kam es zum Bruch der Gemeinde. Die Anhänger des orthodoxen Judentums verließen die liberale Synagoge und treffen sich fortan an unterschiedlichen Orten.
Rabbiner Samuel Holdheim eröffnete am 13. Mai 1838 in der Rosenstraße 36 ein kleines jüdisches Krankenhaus.
Die Synagogengemeinde Frankfurt (Oder) konstituierte sich am 19. Oktober 1853 als öffentlich-rechtliche Vereinigung und beschloss ihr Statut. Darin wird unter anderem das Recht jedes Gemeindemitglieds auf eine Grabstelle auf dem jüdischen Friedhof festgeschrieben – unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten der Hinterbliebenen. Bereits 1805 hatte die jüdische Gemeinde von Frankfurt (Oder) von Bauer Martin Hanschke aus Cunersdorff (Kunersdorf, heute Kunowice) für den erheblichen Betrag von 300 Reichstalern neben dem bestehenden Friedhof gelegenes Ackerland erworben. 1865 wurde der neue Abschnitt für 230 Taler und 5 Silbergroschen eingeebnet. 1867 wurde der erste Friedhofsabschnitt geschlossen und der neue Abschnitt eröffnet. Der jüdische Friedhof erhielt nach 1868 eine neoromanische Trauerhalle mit sechseckigem Grundriss, kupfergedeckter Kuppel und vergoldetem Davidstern auf der Spitze.
Die liberale Gemeinde ließ 1892 von der Firma Sauer eine Orgel einbauen. Seitdem sprach man auch von der „Orgelsynagoge“.
Vom 1. April 1909 bis ins Jahr 1925 wirkte Dr. Martin Salomonski als Rabbiner in der Frankfurter Gemeinde. Salomonski war an der Einweihung der Kriegsgräberstätte Gronenfelde am 25. Juli 1915 im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes beteiligt.
1920 erwarb die Gemeinde Gartenland neben dem jüdischen Friedhof, um ihn später erweitern zu können.
Zeit des Nationalsozialismus 1933 lebten 568 Juden in Frankfurt; das entsprach einem Bevölkerungsanteil von 0,75 % bei insgesamt 75.733 Einwohnern. Darunter waren sieben Ärzte, zwei Zahnärzte, fünf Apotheker, acht Juristen, neun Handwerker, 77 Kaufleute, vier Fabrikbesitzer und vier Bankiers. Die große reformierte Gemeinde saß in der sogenannten Orgel-Synagoge in der Tuchmacherstraße. Der Betsaal der kleineren orthodoxen Gemeinde befand sich in der Spornmachergasse. Der Großteil der Frankfurter Juden war nach dem Ersten Weltkrieg aus Posen und Westpreußen zugewandert, da sie sich als Deutsche fühlten und nicht in Polen leben wollten.
1934 wurde die Teilung in liberale und orthodoxe Gemeinde beendet.