Caroline „Lina“ Leopoldine Schöner, geb. Caroline Eder (* 9. Oktober 1882 in Wien; † 28. Dezember 1965 ebenda) war eine österreichische Gastronomin. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Andreas Carl Schöner (1876–1951) hat sie federführend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein „Wiener Gastronomie-Imperium“ errichtetEva-Marie Csáky: Zur Familie Schöner, in: Eva-Marie Csáky, Franz Matscher, Gerald Stourzh (Hrsg.): Josef Schöner – Wiener Tagebuch 1944/1945. Böhlau Verlag, Wien, S. 19–21 (Google-Books-Digitalisat). und zur Entwicklung der Wiener Kaffeehäuser und Restaurants beigetragen.
Leben mini|Ehemaliges Restaurant Schöner, Siebensterngasse 19 (2014) mini|Zur grünen Säule – Siebensterngasse 17
Lina Schöner wurde am 9. Oktober 1882 als Tochter der Gastwirten Aloisia und Josef Eder in Wien-Josefstadt geboren. In die Öffentlichkeit trat sie im Jahre 1903 als Fräulein Lina Eder an der Seite des Gastwirtsohnes Andreas Karl Schöner auf verschiedenen Bällen in Wien, so auf dem XV. Wohltätigkeitsball der Genossenschaft der Gastwirte oder der Carneval-Hotelierball. Am 14. Mai 1903 heirateten die beiden; am 18. Februar 1904 wurde ihr gemeinsamer Sohn Josef Schöner geboren, der später als Diplomat bekannt wurde.Josef Schöner, in: The international Who’s Who, 1974–1975, Europa Publications Limited, S. 1550 (ISBN 978-0-900362-72-9)Franz Matscher: Josef Schöner, 1904–1978. Lebensbild eines österreichischen Diplomaten, in: Eva-Marie Csáky, Franz Matscher, Gerald Stourzh (Hrsg.): Josef Schöner – Wiener Tagebuch 1944/1945. Böhlau Verlag, Wien, S. 9–14 (Google-Books-Digitalisat).
Restaurant Schöner Das ab 1903 in der Siebensterngasse 19 neueröffnete Restaurant Schöner erlangte als „Vorstadtsacher“ Berühmtheit; es bestand jedoch bereits seit 1632 eine Gastwirtschaft an der Adresse inmitten einer ehemaligen Wiener Weinbauregion.
Unter den ersten Gästen des Jahres 1903 war der britische König Eduard VII. auf Staatsbesuch in Wien. Die „kleine Chronik“ der Familie Schöner erwähnt außerdem 1907 den Besuch von Alfons XIII., König von Spanien, den Wiener Schauspieler Alexander Girardi, ferner Alexander Joseph Graf Kolowrat-Krakowsky, auch bekannt als Sascha Kolowrat-Krakowsky, Begründer der österreichischen Filmindustrie.
Während sich ihr Mann Andreas Carl ab 1914 im Kriegseinsatz befand, führte Lina Schöner den Stammsitz so gut wie alleine, und mit viel Erfolg. Nach 1918 baute das Paar auf der Basis des Erfolges des Restaurants Schöner als Stammhaus ein „wahres Gastronomie-Imperium“ auf. (Google-Digitalisat-Schnipsel).
Das Restaurant im Hotel Sacher galt mit seiner exquisiten Küche und den legendären Séparées als erste Adresse in Wien bis zum Ersten Weltkrieg, der mit den folgenden wirtschaftlich schwierigen Jahren nicht spurlos an dem Haus vorüberging. Bereits 1925 schrieb Die Bühne zu einem Vergleich Sacher-Schöner: „Natürlich gibt es noch immer Leute, die beim „Sacher“ essen. Der Sacher war früher einmal der stärkste Ausdruck der guten Küche. … Das Restaurant des Wien von heute ist eigentlich die Schöner in der Siebensterngasse. Dort trifft sich die Gesellschaft, die, die gern dazu gehören wollen, und jene, die der Beruf gleichsam zwingt ein öffentliches Leben zu führen. Schauspieler, Direktoren, Schriftsteller, Filmstars, Bankdirektoren, schöne Frauen von gestern und schöne Frau von morgen. Hermelinpelz ohne Inhalt und Inhalt noch ohne Hermelinpelz, sie alle sitzen in den kleinen, gemütlichen Räumen, die während des Krieges eine neue Gasthauskultur schufen, durcheinander und sprechen über alles, was gerade heute nicht passiert ist. Die Schöner ist die Nachrichtenzentrale des gesellschaftlichen Wien …“
Nacheinander wurden die folgend aufgeführten Kaffeehäuser übernommen, die alle in der Inneren Stadt liegen.
Café Casa Piccola Im Mai 1918 wurde das große Wiener Kaffeehaus Café Casa Piccola an der Mariahilfer Straße 1b in Mariahilf an die Restaurateurin Schöner verkauft. Sie konnte dieses vom Inhaber Carl Obertimpfler erwerben. Obertimpfler, eine populäre Persönlichkeit der Wiener Kaffeesiedergenossenschaft, hatte den größten Teil seines Vermögens in Kriegsanleihen angelegt und verloren, weshalb er das Kaffeehaus nicht mehr fortführen konnte. Doch bis zu seinem Tode 1927 im Alter von 82 Jahren war er weiterhin in diesem Kaffeehaus aktiv. Die Familie Schöner sorgte für seine Verpflegung, Unterkunft und Betreuung. In ihrer Biografie zu Obertimpflers Tochter, der Schauspielerin Lina Loos, schreibt die Schriftstellerin Lisa Fischer: „Die neue Besitzerin, Lina Schöner, sorgte sich um das Original und versorgte es mit Essen.“ (S. 143) … „Der Vater hatte zudem Lina Schöner als Universalerbin eingesetzt, da sie in den letzten Jahren Ausgaben gehabt hatte, die den Wert seines Nachlasses bei weitem überschritten. Lina Schöner, die neue Besitzerin der Casa Piccola, die noch ein weiteres Restaurant in der Siebensterngasse besaß, übernahm die Kosten für das Begräbnis und erhielt damit die Benützungsrechte des Urnenplatzes am Zentralfriedhof.“ (S. 168)Lisa Fischer: Lina Loos, oder wenn die Muse sich selbst küßt – Eine Biographie, Böhlau-Verlag, Wien, 1994, ISBN 3-205-98214-2
Nach Obertimpflers Tod beauftragte Lina Schöner den berühmten Architekten Carl Witzmann mit einer Neugestaltung des Kaffeehauses. Die Neueröffnung erfolgte im Oktober 1928. Die Wiener Sonn- und Montagszeitung schrieb dazu: „Ein Interieur von Witzmann und dazu Speisen von Schöner, mehr kann der Verwöhnteste nicht verlangen.“
Café Carlton 1927 folgte das Café Carlton, Maysedergasse 2, das 1928 den vollen Restaurationsbetrieb aufnahm. In diesem Zusammenhang berichteten das Neue Wiener Journal und die Neue Freie Presse: „Frau Schöner ist in der Wiener Kochkunst ein Begriff geworden.“
Café Fenstergucker 1932 wurde das in der Offizierswelt beliebte Café Fenstergucker (Kärntner Straße 47) übernommen. Ursprünglich sollte der „Sohn von Frau Schöner“ die Geschäftsleitung übernehmen, doch dieser absolvierte 1932–1933 das Gerichtsjahr und trat am 1. Dezember 1933 in den österreichischen Auswärtigen Dienst ein.
Café Heinrichshof 1934/1935 wurde das Café Heinrichshof (Opernring 3) übernommen.
Weitere Restaurationen und Pachtbetriebe Die Familie Schöner hatte als Pachtbetriebe die Meierei Krieau sowie die Restaurantbetriebe im Wiener Stadion und im Stadionbad sowie das Buffet im Messepalast. Lina Schöner wurde ferner im Oktober 1928 zur Verwaltungsrätin der Hotel Krantz AG (Hotel Ambassador am Neuen Markt 5) bestellt.
Die Zentrale Verwaltung der Schöner-Betriebe Das Zentralbüro der Schöner-Betriebe befand sich im ersten Stock des Hotels Astoria. Das Hotel Astoria der Inhaber Anton und Maria Hanl und das Café Carlton befanden sich gleich hinter dem Hotel Sacher. Einige Räume im ersten Stock des damaligen Hotels Astoria gegenüber dem Hotel Sacher wurden von Frau Schöner und Frau Hanl gemeinsam genutzt. Josef Schöner nannte die Inhaberin, die Witwe Maria Hanl, in seinem Tagebuch Tante Mili.
1945 und die Nachkriegsjahre mini|hochkant|Grab der Familie Schöner Nach 1945 wurden in Folge von Bombenschäden nur das Cafe Casa Piccola bis 1962 sowie das Stammhaus Restaurant Schöner bis 1951 weitergeführt, in dem von 1946 bis 1949 ein Speiselokal für US-Militärangehörige untergebracht war.Historische Fotos zum Restaurant Schöner, in: Heinz Jankowsky: Neubau, Wiens 7. Bezirk, Sutton Verlag, Erfurt, 2002, ISBN 978-3-89702-472-4, S. 24
Nachdem sich 1949 die Austria Wochenschau im Haus der Familie Schöner angesiedelt hatte, wurde das Restaurant Schöner Treffpunkt für die Gesellschaft aus der internationalen Filmbranche. Zwecks Aufführung der im ersten Stock des Hauses produzierten Filme wurde der rund 200 Personen fassende Gartensaal als Kino verwendet.
Im Jahre 1954 wurde Lina Schöner ehrenhalber der Titel Kommerzialrat verliehen. Lina Schöner starb am 28. Dezember 1965 und wurde am 7. Jänner 1966 im Familiengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 30B, Reihe 14, Nummer 19), wo auch bereits 1951 ihr Mann beerdigt worden war, beigesetzt.
Wirken und Porträt Lina Schöners Hinsichtlich ihres Wirkens bei der Entwicklung des Fremdenverkehrs in Wien hatte sich Lina Schöner in gut zwei Jahrzehnten einen Platz errungen, auf dem sie der mehr als 20 Jahre älteren Doyenne Anna Sacher folgte. Zur dritten im Bunde der Frauen als Wirtinnen, die ihresgleichen suchen, wurde 1927 Toni Ott gezählt. Zu Lina Schöner schrieb die Wiener Sonn- und Montagszeitung: „In der Siebensterngasse schaltet und waltet Frau Schöner. Sie hat es verstanden, täglich das Fremdenpublikum, die Wiener Gesellschaft und die Künstlerwelt in ihren Räumen zu vereinen. Eine hervorragend tüchtige Frau.“
Ein ausführliches Porträt erschien 1929 im Neuen Wiener Journal: „Man sieht: Die Frau Schöner, deren Renommee wie deren Popularität wesentlich jüngeren Ursprungs ist, hat nicht die schlechtesten Vorfahren. Ich weiß nicht genau wie sie es angefangen hat, ihr nicht eigentlich in einer richtig ‚noblen‘, sondern bloß gutbürgerlichen und allerdings sehr wienerischen Gegend gelegenes Haus zu einem Mittelpunkt der Wiener Theaterkreise und bald auch der besten Wiener Gesellschaft zu machen. Tatsache ist, daß ihr das sehr schnell gelungen zu sein scheint: Wien ißt kaum länger als neun oder zehn Jahre ‚bei der Schöner‘. Sie selbst ist ein eminent wienerischer Typus, allerdings mit zeitgemäßen Modifikationen. Eine schlanke Frau in mittleren Jahren, jung wirkend, bestimmt und rasch in ihrem Auftreten, dunkelhaarig, mit einer Art von reschem Humor. Ihr rassiges, fein gezeichnetes Gesicht mit den sehr scharf blickenden und alles sehenden Augen ist durchaus das einer Dame. Wer ‚die Schöner‘ nicht kennt – aber wer kennt sie nicht? – würde bei ihrem Eintreten eher auf eine wienerische Aristokratin als auf die Wirtin raten. Sie selbst gibt sich allerdings durchaus als Geschäftsfrau, das heißt: Frau des Hauses, die sich um jeden einzelnen ihrer Gäste kümmert. … viel echte Wiener Ursprünglichkeit, dazu Unbefangenheit, Witz, ein stark entwickeltes, aber immer charmant wirkendes Selbstbewußtsein … Selbstverständlich ist das Lokal der ‚Wirtin von Wien‘ auch längst der beliebteste Treffpunkt jener Fremden geworden, die genau wissen, wie man Wien und die Wiener Gesellschaft am besten kennenlernt: man trifft sich bei der Schöner…“
Die Historikerin Eva-Marie Csáky zeichnet 1992 folgendes Bild von Lina Schöner: „Ehrgeizig und ‚Prinzipalin‘ durch und durch, war Lina Schöner nicht nur die treibende Kraft beim Aufbau dieses Imperiums gewesen, sie führte es auch, ihrem Charakter und Temperament entsprechend, mit ebenso umsichtiger wie energischer, manchmal auch ‚eiserner‘ Hand. Trotz ihrer rauhen Schale hatte sie aber das Herz immer am rechten Fleck und versagte selbst in den schlechtesten Zeiten keinem in Not Geratenen ihre Hilfe.“
Nachfolger mini|Siebensternbräu Nachdem Lina Schöner ihren Stammsitz „Das Schöner“ ab dem Jahr 1951Eva-Marie Csáky: Zur Familie Schöner, in: Eva-Marie Csáky, Franz Matscher, Gerald Stourzh (Hrsg.): Josef Schöner – Wiener Tagebuch 1944/1945, Böhlau Verlag, Wien. verpachtet, aber bis 1962 das Café „Casa Piccola“ weitergeführt hatte, folgte als neuer Inhaber in der Siebensterngasse 19 Friedrich Sperka.
Die Familie Sperka führte das Restaurant im Filmhaus mit dem Namen „Schöner“ bis 1980. Damit blieb das Haus weiterhin Treffpunkt für Schauspieler und Künstler. Im Frühjahr 1980 folgte Herbert Hansy, Inhaber des ehemaligen „Landgasthauses Hansy“ in Gänserndorf. Die Familien Sperka und Hansy behielten den Namen „Schöner“ bei und nutzten auch das Emblem der Familie Schöner.